2015

Ich weiß nicht, wie oft ich Roman Polanskis CHINATOWN schon gesehen habe - einmal sogar auf der großen Leinwand, Ende 2002. Aber das ist das Spannende an den großen Werken: Man entdeckt immer wieder etwas. Diesmal ist mir unter anderem ein kleines Detail aufgefallen, das nähere Betrachtung verdient: Wie Polanski Geräusche verwendet, um die Normalität mit kleinen Irritationen zu brechen. Schauen wir uns drei Szenen an:

Exzentriker, Chaoten und Außenseiter fallen über eine altehrwürdige Institution her? Ganz klar, das muß ein ACADEMY-Film sein! Wie so oft wurde im Falle von NACHTAKADEMIE aber das Etikett nur bei uns verliehen: Im Original entstand der Streifen unter dem Arbeitstitel NIGHT SCHOOL und wurde dann als THE UNDERACHIEVERS veröffentlicht. Was freilich nicht heißen soll, daß die POLICE ACADEMY nicht doch als Comedy-Vorbild fungierte: Nicht nur das Humorprinzip, sondern auch das gezeichnete Video-Cover und der Titel-Schriftzug sind stark an der Mutter aller ACADEMY-Filme orientiert.

Als Konsument muß man mitunter schwer auf der Hut sein, von den Verlockungen mancher Filmtitel nicht in die Irre geführt zu werden. Da wird ein Jim-Carrey-Drama mal eben als MAN ON THE MOON verkauft, obwohl nachweislich nicht ein einziger Astronaut zu sehen ist! Ganz anders ist das zum Glück bei dem Epos NUDE BOWLING PARTY, der seinen Kunden entwaffnend ehrlich gegenübertritt: Jawohl, hier wird nackt gebowlt.

Ende der Siebziger trat ein Komiker in der Talentshow THE GONG SHOW auf, der sein Gesicht unter einer braunen Papiertüte verbarg: "The Unknown Comic". Tatsächlich steckte unter der primitiven Verkleidung der Komiker Murray Langston, der schon durch reguläre Auftritte in der SONNY & CHER COMEDY HOUR und diverse Gastauftritte bei Programmen wie THE HUDSON BROTHERS RAZZLE DAZZLE SHOW bekannt geworden war. Langston war die GONG SHOW eigentlich zu albern und krawallig. Weil er aber durch Investitionen in ein Nachtlokal namens "Show-Biz" in finanzielle Schwierigkeiten geraten war, sagte er zu – unter der Bedingung, quasi anonym auftreten zu können. Mit seinen im Maschinengewehrtempo vorgetragenen Wortwitzblödeleien und albernen Derbheiten wurde Langston als "Unknown Comic" ironischerweise viel populärer als zuvor. Einige Jahre hielt er das Mysterium um seine Person aufrecht, bis er sich dann in mehreren Shows "outete".

URBAN LEGENDS –ganz klar, das ist dieser Retro-Slasher mit Robert Englund, bei dem eine Gruppe von Studenten nach den Vorbildern urbaner Legenden stirbt. Oder? Von wegen: URBAN LEGENDS (manchmal auch URBAN LEGEND) ist ein Frankensteinsches Schnodderfilmchen von Bill Osco und Carl Crew, die zuvor schon den Stinkefilm GROSS OUT auf die "Midnight Movie"-Zirkulation losgelassen haben. Das war eine derb geschmacklose, notdürftig zusammengeschraubte Ansammlung von Fäkalwitzen, die für jene Zuseher gedacht war, die gezielt nach wüstem Antikino suchen. URBAN LEGENDS ist das, was passiert, wenn man dabei die Fäkalwitze weglässt.

Trotz der Vermarktung im Sinne von DÜSTERE LEGENDEN ist URBAN LEGENDS kein Horrorfilm, aber immerhin ist er in vielerlei Hinsicht absolut grauenerregend: Niveau, Qualität, Humor und Inhalt rufen eine Vielzahl intensiver Emotionen hervor. Zum Beispiel Ärger – vielleicht, weil man Geld für dieses Flickwerk ausgegeben hat, vielleicht aber auch, weil man sich von vorne bis hinten veralbert fühlt. Dann tun einem die Beteiligten plötzlich kurz leid: Was ist, wenn die das ernst meinen? Auch hochgradige Verwunderung macht sich breit: Was zur Hölle ist das überhaupt, was da über den Schirm flimmert? Wer hat das durchgewunken, was soll der Käse? Und dann schämt man sich auch ein wenig – entweder für die, die da mitmachen, oder für sich selbst, weil man nicht wollen würde, daß jemand dabei zusieht.

Eigentlich sollte es ein entspannter Deal werden: Einen Koffer mit Drogen abholen und über die Grenze schmuggeln, Geld dafür in Empfang nehmen, das schöne Leben genießen. Aber gleich nach der Übergabe geht alles schief: Die Polizei will die beiden Gauner Ray und Alex einkassieren, aus Panik entsteht eine Schießerei, und schon haben die beiden vier Polizisten auf dem Gewissen. Es ist nur der Auftakt für eine lange, gewalttätige Reise durch das Land …

Als sich die Fertigstellung ihrer Science-Fiction-Parodie FLESH GORDON in die Länge zog und dank der ausufernden Spezialeffekte mehr und mehr Kosten verursachte – ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten mit dem Gesetz, weil sie pornographische Filme produzierten – beschlossen die beiden Produzenten Howard Ziehm und Bill Osco, für ein geringes Budget schnell einen kleinen Reißer zu drehen, der wieder Geld in die Kassen spülen sollte.

Der Name Howard Ziehm dürfte nur den interessiertesten Filmliebhabern ein Begriff sein – und das hauptsächlich für seine Science-Fiction-Sexparodie FLESH GORDON, der später noch das verwegene Sequel FLESH GORDON – SCHANDE DER GALAXIS folgte. Dabei ist Ziehm eigentlich ein Pionier – nur halt auf einem Gebiet, das öfter für pikierte Blicke als für filmhistorisches Interesse sorgt: Mit MONA drehte er 1970 den ersten Porno-Langfilm, der es ins Kino schaffte, und zusammen mit seinem Partner Bill Osco gehörte er in diesen jungen Jahren der Erwachsenenunterhaltung zu den umtriebigsten Filmemachern des neuen "Porno Chic". Eigentlich sollte um ihn genauso viel Wirbel gemacht werden wie um Gerard Damiano und dessen DEEP THROAT, der immerhin erst zwei Jahre nach MONA gedreht wurde.

Stellen wir uns mal den Film BODYGUARD ohne Geld und ohne Stars vor. Dann stellen wir uns vor, daß Drogendealer und Mafiosi mitspielen. Stellen wir uns weiters vor, dass Whitney Houstons steinerweichende Ballade durch ein möglichst anonymes Synth-Pop-Epos ausgetauscht wird. Und dann stellen wir uns noch vor, dass alles, was jemandem am Resultat abgehen könnte, durch Blei und in Zeitlupe niedergemähte Rabauken ausgeglichen wird. Et voilà, das ergibt L.A. WARS, der bei uns den dezent neudeutsch anmutenden Titel PROTECT AND KILL verpaßt bekam.

Sexstrahlen, ein Planet namens Porno, ein Raumschiff in Penisform: Herzlich willkommen bei FLESH GORDON, einer Softsex-Parodie der alten FLASH-GORDON-Weltraumabenteuer. Mit bizarren Ideen, schlüpfrigem Witz, schnodderiger Machart und erstaunlich liebevoll gemachten Effekten wurde der kleine Independent-Film 1974 zu einem veritablen Hit, der im Zuge der frühen Pornowelle als billige Parodie begann und sich bald zum Kultfilm mauserte.

Journalistin Andie Anderson schreibt für das Cosmopolitan-hafte Frauenmagazin Composure sensationell beliebte Ratgeber-Artikel: "Wie kriege ich einen schöneren Körper in 5 Tagen?", "Wie richte ich mein Apartment nach Feng Shui aus?" und "Wie schreibe ich eine völlig unglaubwürdige Romantic Comedy mit strunzdummen Figuren und plattem Plot?" Ah, Moment – ich glaube, ich bilde mir nur ein, daß der letzte Artikel tatsächlich gezeigt wurde.

Die Rache an der Bande, die seinen Freund Ho verraten hat, sucht der Gangster Mark im Alleingang. Er überrascht die Bandenmitglieder in einem Restaurant, wo sie ausgiebig feiern, und richtet sie mit nicht endenden Salven von Pistolenschüssen. Von links, von rechts, von hinten kommt Verstärkung angelaufen, aber Mark hat die Lage im Griff. Vor dem Massaker hat er zusätzliche Waffen in den Blumentöpfen des Lokals versteckt, und so kann er beidhändig immer weitere Gegner niederstrecken, ohne sich um die Munition Gedanken machen zu müssen. Aber er übersieht einen der verwundeten Männer, der am Boden entlangkriecht und ihm von hinten eine Kugel durch das Knie jagen kann. Mit tiefroter Blutspur zieht Mark sein kaputtes Bein hinter sich her, um dem Verräter direkt in den Kopf zu schießen.

Manchmal reicht eine einzelne Szene aus, um zu zeigen, wie die beteiligten Personen die Filmgeschichte nachhaltig verändert haben. Das brutale und doch so sorgfältig choreographierte Schußwaffenballett der oben beschriebenen Sequenz ist eine davon: Die Gewalt ist hart und dreckig und doch mit perfektem Timing und einer Dynamik aus Zeitlupen und ganz schnellen Aktionen virtuos stilisiert; das Bild des in den beiden Händen bewaffneten Mark wirkt wie eine Ikone tödlicher Coolness; und mit ihrer thematischen Einbindung in ein Drama um Freundschaft, Rache und Verrat ist die Szene noch dazu emotional packend. Vor dem 1986 erschienenen A BETTER TOMORROW war John Woo ein wenig beachteter Regisseur von Kung-Fu-Streifen und Komödien, sein Star Chow Yun-Fat ein belächelter Seifenoper-Schönling. Nur wenig später war Woo Hongkongs wohl bekanntester Regisseur und die große Actionhoffnung der Kinowelt, Chow ein vielbeschäftigter asiatischer Megastar, und der Film ein Startschuß für ein Genre, das später "Heroic Bloodshed" getauft wurde, und Wegbereiter für die zweite große Hong-Kong-Welle im Rest der Welt.
Billy Wilders Tragikomödie DAS APPARTEMENT (mittlerweile als DAS APARTMENT geschrieben) ist einer der bittersten heiteren Filme der Filmgeschichte. Es ist brillant, wie Wilder und sein Co-Autor I.A.L. Diamond mit sanftem Witz und viel Menschlichkeit eine ganz traurige Geschichte über die Einsamkeit erzählen. Wer die Story nicht kennt: Der Büroangestellte C.C. Baxter verleiht stundenweise sein Apartment an Vorgesetzte, die einen ruhigen Platz für ihre außerehelichen Affären suchen. Das bringt ihm bald eine Beförderung ein - aber dann unternimmt eine Gespielin seines Chefs, an der er selber interessiert ist, in seiner Wohnung einen Selbstmordversuch mit Schlaftabletten.

Beim erneuten Ansehen fiel mir auf, wie Regisseur Wilder und Kameramann Joseph LaShelle immer wieder mit ähnlichen Einstellungen arbeiten, die Hauptfigur Baxter in eine Menge setzen und ihn dann isolieren. Die Bilder treten quasi in Paaren auf, von denen eins als Echo des anderen fungiert.


Im folgenden Gastbeitrag entpuppt sich der tapfere Don Arrigone als versierter Abenteurer, der sich den großen unerfüllten Aufgaben seiner Kindheit stellt: Wo ihm seinerzeit das Dark-Fantasy-Adventure SHADOWGATE verwehrt blieb, kann er sich heute dem 2014 erschienenen Remake stellen. Lieber Don, was hast du uns von Burg Shadowgate zu berichten?


Als Kind habe ich das 1987 erschienene SHADOWGATE leider nicht gespielt – ich erinnere mich allerdings an die Rezensionen, die das Spiel für seine düstere, unheimliche Atmosphäre lobten. Und die betonten, auf wie viele Arten und Weisen man in diesem Spiel sterben konnte. Selbst in der NES-Version gab es noch detaillierte, sardonische Beschreibungen grausamer Tode – sehr ungewöhnlich für eine klassische Familienkonsole. Verständlicherweise wollte ich das Teil unbedingt, ebenso verständlicherweise habe ich es damals altersbedingt nicht bekommen. Nachdem 2014, Kickstarter sei Dank, die ursprünglichen Entwickler David Marsh und Karl Roelofs ein Remake veröffentlichten, war es nun auch endlich für mich Zeit, mich in die Burg Shadowgate zu wagen – und dort unzählige Male dem Sensenmann ins Auge zu blicken.

Das Ehepaar Khalid und Salama leidet unter dem Verlust des Kindes, das im Alter von nur wenigen Monaten starb. Auf Anraten einer Therapeutin ziehen die beiden aus New York zurück in ihre Heimat Abu Dabhi, wo Khalid ein aussichtsreiches Arbeitsangebot annehmen kann. Salama findet dort aber keine Ruhe: In dem Hochhaus, in das sie einziehen, gehen merkwürdige Dinge vor sich – unter anderem hört Salama wiederholt Kindergeschrei aus den Lüftungsschächten. Vielleicht haben die Vorgänge etwas mit der Legende zu tun, die Salamas Mutter ihr immer erzählte: In dem Dorf, wo jetzt das Hochhaus steht, zog einst der Djinn Um Al Duwais, eine Art Dämon der islamischen Mythologie, auf der Suche nach ihrem Kind umher. Das war halb Mensch, halb Djinn, und wurde in ein fernes Land geschickt, wo es elternlos aufwuchs, ohne etwas von seiner dämonischen Seite zu wissen …

Es ist lange her, daß man von Tobe Hooper einen neuen Spielfilm sah: Sein letzter Kinofilm MORTUARY liegt mittlerweile zehn Jahre zurück, danach kamen nur noch zwei Episoden für die TV-Anthologie MASTERS OF HORROR in den Jahren 2005 und 2006. Hooper verfolgte Projekte, die nicht zustande kamen, darunter die King-Verfilmung FROM A BUICK 8, und schrieb einen Roman namens MIDNIGHT MOVIE, der 2011 herauskam. Im selben Jahr drehte er auch einen neuen Film: DJINN – DES TEUFELS BRUT, den ersten Horrorfilm, der von und in den Vereinigten Arabischen Emiraten gedreht wurde. Aber die Veröffentlichung des Films verzögerte sich, Gerüchte über Probleme wurden laut, und jetzt wurde der Film ganz unzeremoniell bei uns auf einer notdürftigst ausgestatteten BluRay veröffentlicht, während er in Amerika noch gar nicht zu sehen war.

Der kleine Horrorfilm UNKNOWN USER (im Original UNFRIENDED oder auch - recht austauschbar - CYBERNATURAL) schafft es momentan, sich langfristiger im Kino festzuhaken als viele Blockbuster. Mein internetgestählter Gastautor Dr. Wily hat sich einige Gedanken zur Geschichte und Machart dieser Online-Gruselgeschichte gemacht.




Wenn in UNKNOWN USER die Hölle losbricht und der Racheengel beginnt, unter unseren jugendlichen Protagonisten aufzuräumen, haben wir den wahren Horror schon längst hinter uns. Er liegt hier in einer Technik, die uns nicht mehr gehorcht und die wir nicht mehr im Griff haben. Er liegt hier im Internet, das nichts vergisst. Der wahre Horror ist letzten Endes das, was Menschen einander antun.


Zeit für einen Buch-Geheimtip: IM TURM DES PANOPTICONS von der Berliner Autorin Daniela Rohr. Daniela brachte 2013 die originelle Kurzgeschichtensammlung DER ZEIT-ZWIRBEL-EFFEKT UND SEINE KNÖPFCHENDRÜCKER heraus, die eine Reihe von schrägen, augenzwinkernden Science-Fiction-Stories zu einem großen Universum verband, indem die einzelnen abgeschlossenen Geschichten immer wieder aufeinander Bezug nahmen. Das PANOPTICON erschien noch im selben Jahr und ist eine knapp hundertseitige Novelle – wieder Science Fiction, diesmal allerdings ernsterer Natur. (Zur vollen Transparenz sei hinzugefügt: Ja, ich kenne Daniela und habe auch schon mit ihr an einem Filmprojekt gearbeitet.)

Das Panopticon des Titels ist eine Art gläsernes Gefängnis – eine Raumstation, in der Dissidenten und Systemkritiker ihre Strafe absitzen müssen und dabei rund um die Uhr in jeder Regung beobachtet werden können. Die Aufsicht über diese Station obliegt einer einzigen Person, Linea Wermut, die dort eine sechsmonatige Schicht ableistet und sich schon auf die Rückkehr nach Hause freut. Gesellschaft leistet ihr nur der Computer Alexa, über den die gesamte Station gesteuert wird; gelegentlich kann sie mit ihrem Freund Anthes per Videochat kommunizieren.

Aber Linea leidet unter Albträumen – und die Station scheint ein Eigenleben zu entwickeln: Gefangene verschwinden plötzlich und tauchen wieder auf, ohne daß der Computer es registriert. Sie antworten auf Lineas Selbstgespräche, obwohl sie sie unmöglich hören können. Und manchmal starren sie in die Überwachungskameras, als könnten sie Linea sehen. Verliert Linea den Verstand? Versagt die Technik? Oder hat der Computer Alexa noch andere Aufgaben, als nur Linea bei der Führung des Gefängnisses zu assistieren?

Es ist ein spannender Mix aus verschiedenen, klassischen Science-Fiction-Motiven, den Daniela hier zusammenbraut – darunter die künstliche Intelligenz, die vielleicht etwas gegen den Menschen im Schilde führt, und die Überwachungstechnik, die Tür und Tor zu Paranoia und Verschwörungstheorien öffnet; auch die Auflösung atmet Ideen verschiedenster Vorreiter – darunter, ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen, ein großartiger Tom-Cruise-Film (nein, nicht RAIN MAN). Das Amalgam dieser bekannten Topoi funktioniert, weil sie auf eine Weise zusammengeführt werden, bei der man nicht automatisch weiß, was alles wie und warum geschehen wird – und weil der Schluss auch sitzt, gar nicht mal so sehr in Form der Überraschung, sondern durch seine Konsequenz.

Daß IM TURM DES PANOPTICONS der Science-Fiction zuzurechnen ist, ist dabei fast Nebensache: Vieles in der Handlung könnte mit ein paar Anpassungen auch in ein anderes Setting übertragen werden können und funktioniert gerade wegen dieser Zeitlosigkeit. Die Geschichte ist eigentlich eher ein Mystery-Plot: Merkwürdige Dinge geschehen, die auch die Neugier des Lesers hervorrufen, und die Suche nach der Wahrheit ist gleichzeitig auch die Suche nach der eigenen Identität. Daniela weiß, wie sie den Leser durch die Erkundung eines solchen Geheimnisses führt: Mit knackiger Schreibe nimmt sie ihn gleich zu Beginn an der Hand und rast volle Kraft voraus. Man läßt sich gerne von ihr durch diese zwei, drei Stunden Lesevergnügen führen.

Einzig die Figurenzeichnungen sind nicht so aufregend wie die Story selbst: Wo schon im ansonsten clever geschriebenen und hochvergnüglichen ZEIT-ZWIRBEL-EFFEKT viele Charaktere sehr ähnlich waren und redeten, bleiben auch die Figuren im PANOPTICON mit nur wenigen Merkmalen ausgestattet. Hauptfigur Linea fungiert mehr als Platzhalter, über den wir die Welt und ihr Geheimnis erkunden – funktionieren würde die Story auch mit jeder anderen Person. Auch Computer Alexa ist so, wie schlaue Computer in der Zukunft eben so sind: Sanfte Stimme, auf Aufmerksamkeit programmiert und in den Antworten dann doch gerne mal etwas schnippisch ("Wenn ich dich daran erinnern darf …"). Gerade das Zusammenspiel zweier ausgefleischterer, kantigerer Figuren – Mensch und Maschine – hätte der Novelle noch etwas Tiefgang gegeben.

Tragisch ist das aber nicht: Es geht im PANOPTICON um die Welt, um die Idee dahinter, und um den Prozess der Aufdeckung eines Geheimnisses. Das alles trägt einen mühelos zum Schluss und bleibt in seinen letzten Bildern auch nachhaltig im Kopf. Gerade letzteres hat Daniela jetzt schon zweimal bei mir geschafft. Ich bin gespannt, was noch von ihr kommen wird.






Zugegeben: Die erste Einstellung ist ein großartiger Schabernack. Wir sehen London, bis sich ein Kopf ins Bild schiebt und der Fokus verlagert – eigentlich sehen wir aus dem Fenster eines Krankenhauszimmers, auf dem Krankenbett liegt der etwas angekokelte Bösewicht aus FAST & FURIOUS 6 im Koma. Sein Bruder Jason Statham spricht hochpathetische Worte und drückt ihm als Mitbringsel ein dickes Maschinengewehr in die Hand. "Rest now, little brother, while I settle your one last score", brummt Statham.

Dann marschiert er aus dem Zimmer, im Hintergrund zittern die Krankenschwestern. Wir sehen auf seinem Weg zum Lift, dass das Krankenhaus attackiert wurde: Überall liegen tote Wachposten herum, Teile der Einrichtung wurden zerstört. Statham geht seelenruhig in den Lift, putzt sich auf dem Weg nach unten gemütlich die Sonnenbrille und drückt unten in der teilweise brennenden Lobby einem noch lebenden Wachmann eine Granate in die Hand. Auf seinem Weg nach draußen geht hinten eine Explosion los, draußen setzt er sich die Sonnenbrille auf, während ein Teil der Eingangsüberdachung zusammenkracht. Unbeeindruckt setzt er sich in seinen weißen Sportwagen und fährt los. Die komplette Sequenz ist in einer Einstellung erzählt.

Mit dem Science-Fiction-Actionstreifen THE TERMINATOR hat James Cameron 1984 nicht nur Arnold Schwarzeneggers und seiner eigenen Karriere den entscheidenden Anstoß gegeben, sondern auch das Genrekino für viele Jahre nachhaltig beeinflußt: Nach der düsteren Dystopie über intelligente Maschinen, die den Menschen in der Zukunft den Krieg erklären und einen Killerroboter in die Vergangenheit schicken, hatte plötzlich jede kleine Videothekenproduktion ihren eigenen Cyborg. Nach wie vor ist Camerons Film eine Meisterleistung in erzählerischer Intensität und inszenatorischem Geschick, die nicht umsonst so viele Nachahmer und Fortsetzungen fand.

Beim erneuten Ansehen fiel mir auf, die präzise Cameron in den ersten Momenten des Films seine Zukunftswelt zeigt - mit nur neun Einstellungen setzt er die perfekte Stimmung für den Rest des Films und schafft es, sogar diesen kleinen Prolog (der nur knapp eine Minute dauert!) an einem geschickten erzählerischen Faden aufzuziehen.

Eingemauerte Katzen, unwirkliche Wesen und düstere Herrenhäuser voller Geheimnisse: Das Retro-Adventure THE LAST DOOR schnappt sich die Motive von Poe und Lovecraft und bastelt daraus ein Point-and-Click-Abenteuer, das über mehrere kleine Episoden erzählt wird. Unser verspielter Gastautor Don Arrigone berichtet über die Meriten der ersten Staffel des crowdfinanzierten Spiels.



Retro ist in, und das nicht erst seit gestern. Insofern konnten die Macher von THE LAST DOOR wohl davon ausgehen, daß tatsächlich ein Markt für 8-Bit-Point-and-Click-Adventures besteht, als sie das Projekt 2012 auf Kickstarter vorstellten. Ein paar Monate später, im März 2013, erschien dann die erste der insgesamt vier Episoden der ersten Staffel (zusätzlich wurden mehrere Mini-Episoden und ein Interludium zur zweiten Season veröffentlicht). Aber ist das traditionsbewußte Design nun reine Anbiederung an den Hipster-Markt oder harmoniert es mit den anderen Spielelementen und trägt somit maßgeblich zum Spielerlebnis bei? Wir werden sehen.

Fangen wir aber erst einmal mit der Handlung an: In der ersten Episode erhält unser Hauptcharakter, Jeremiah Devitt, einen geheimnisvollen Brief von einem ehemaligen Schulkameraden, woraufhin er sich sogleich in dessen viktorianisches Landhaus aufmacht, um dem mysteriösen Verschwinden seines alten Freundes auf den Grund zu gehen. Wer auch nur einen Funken Ahnung von Gothic-Erzählungen hat, kann sich denken, daß sich die Lösung solcher Rätsel schwieriger gestaltet als erwartet. Und so ist es mit einem Besuch im Herrenhaus natürlich nicht getan, Devitts Reisen führen ihn unter anderem noch in die Gossen von London, ein Siechhaus und eine surreale Traumwelt – Klischee wird hier vollkommen bewußt keines ausgespart.

Quoth the raven ...
Mit den Örtlichkeiten sind Genrefans also wohl weitgehend vertraut; dem Spielspaß tut das allerdings keinen Abbruch, sind die Schauplätze doch spannend inszeniert. So sind die Straßen von London beispielsweise ein herrlich verwirrendes Labyrinth, und das von Nonnen betriebene Lazarett ist eine gelungene Mischung mehrerer Klischees: der alten Schule, dem Krankenhaus und dem Kloster. Zudem sind die einzelnen Locations trotz der minimalistischen Grafik stets liebevoll und mit einem Blick fürs Detail inszeniert und lassen so gekonnt Stimmung aufkommen.

Der geniale Soundtrack von Carlos Viola, der herrlich düstere Atmosphäre heraufbeschwört, tut sein Übriges – zum Reinhören sei an dieser Stelle "Crows over the City" empfohlen. Die meisten Stücke sind eher ruhig gehalten und passen so zum eher gemächlichen Genre der Adventures. Nur an Schlüsselstellen gewinnt der Soundtrack an Dramatik, um den Wahnsinn und den Horror zentraler Stellen zusätzlich zu betonen.

Paradies: Glaube.
Solche Höhepunkte gibt es immer wieder, und gezielt treibt uns die Handlung von einem zum nächsten – Zeit für Langeweile bleibt da keine. Die Geschichte ist mitreißend: Stets will man wissen, wie es weitergeht, stets will man das nächste dunkle Geheimnis lüften. Einzig die Charaktere sind eher flach geraten, selbst über unseren Protagonisten erfahren wir wenig. Dies könnte eine bewußte Designentscheidung sein, derzufolge der Hauptcharakter nur Projektionsfläche ist, um in die Welt eintauchen zu können; gut geschriebene Charaktere haben aber allerdings noch keiner Erzählung geschadet und hätten auch hier die Qualität noch anheben können.

Ein wenig Spielraum nach oben besteht auch bei den Rätseln. Diese sind größtenteils gelungen, aber gerade in der ersten Episode zu leicht und später wenig innovativ. Fortgeschrittene Spielmechaniken, wie wir sie beispielsweise aus COGNITION kennen, gibt es hier keine, man hat sich fast vollkommen auf klassische Rätsel verlassen. Schade, denn gerade wenn THE LAST DOOR aus diesem Muster ausbricht, läuft es zu Glanzleistungen auf, beispielsweise wenn in einem Puzzle der dritten Episode der Hintergrundmusik eine zentrale Rolle zukommt.

Guybrush? Guybrush, wo bist du?
Und damit bleibt nun nur noch die Frage der Grafik zu erörtern: Macht der 8-Bit-Stil nun wirklich Sinn? Kurz gesagt: Ja. Der Horror des Spiels, der sich bewußt an die Werke von H.P. Lovecraft anlehnt, kann sich gerade entfalten, da wir nicht alles erkennen. Die minimalistische Grafik läßt unserer Fantasie freien Spielraum, sich den Schrecken selbst auszumalen; gerade in surrealen Sequenzen, in denen man sich ansonsten mit allerlei grafischen Spielereien behelfen müsste, ist diese Schlichtheit Trumpf. Zudem passt die antiquierte Präsentation zum Genre, ist Gothic doch seit jeher rückwärtsgewandt. Und da, wie beschrieben, THE LAST DOOR hier auch sonst in keinerlei Hinsicht eine Ausnahme darstellt, tragen Spielprinzip und Grafikstil maßgeblich zum Gefühl einer Reise in eine düstere Vergangenheit bei.

Insofern fügen sich die einzelnen Aspekte von THE LAST DOOR harmonisch zu einem großen Ganzen zusammen, das mit gehörig Spielspaß und Spannung aufwartet. Die erste Staffel endet, wie zu erwarten war, in einem Cliffhanger, der geschickt mehrere Interpretationen der Geschehnisse zuläßt. Die große Frage bleibt schließlich, ob es den Machern gelingt, die Geschichte zu einem stimmigen Ende zu führen … man darf zumindest auf die nächste Staffel gespannt sein.



Zur offiziellen Seite des Spiels geht es hier: www.thelastdoor.com.
Alle Screenshots stammen aus dem Spiel, (C) 2015 The Game Kitchen.


140 Minuten in einer einzigen Einstellung – ohne Schnitt, ohne digitale Tricks begibt sich die Kamera mit den Protagonisten auf einen Trip ins Berliner Nachtleben, bewegt sich ruhelos durch Clubs, Straßen, Parkhäuser und Hotelzimmer. Als Dokumentation eines filmischen Experiments ist Sebastian Schippers VICTORIA ein faszinierendes Artefakt eines inszenatorischen Kraftakts. Als Geschichte ist es eine banale, bodenlose Enttäuschung, die mich in ihrer Diskrepanz zwischen Aufwand und Inhalt beinahe wütend macht und absolut leer zurücklässt.

"Ich war tierisch gut drauf. Wir hatten Ferien, und ich überlegte mir, wen ich zotteln könnte", führt uns der sympathische Protagonist Matt im Voice-Over in seine Welt ein, nachdem wir im Vorspann schon surfende Gestalten im Wasser und sich sonnende Körper am Strand bewundern durften – selbstverfreilich zu glückselig schepperndem Achtziger-Pop und mit eigenen Nahaufnahmen knappst bekleideter weiblicher Kurven. Man ahnt es schon: HOT SPLASH – EINE JUNGFRAU GEHT BADEN wird großartig. Und das vor allem wegen der deutschen Synchro, die aus einem hemmungslos beknackten und faden Billigstreifen einen hemmungslos beknackten und faden Billigstreifen mit hirnverbiegenden Sprüchen bastelt.

Matt hat gerade einen wunderschönen Traum, bei dem er im Mondschein einer verführerischen Schönheit am Strand begegnet. "Um die Sache richtig in den Griff zu kriegen, stecke ich mir cool eine ins Gesicht und warte", erklärt er seine Taktik. Die geht voll auf: Die Traumfrau entledigt sich ihrer Klamotten und sinkt mit Matt zu Boden. "Naja, zum Knutschen hätten wir auch stehenbleiben können, wo der Sand doch so piekt", kommentiert er. Nebenbei erfahren wir in seiner Erzählung aber auch, daß an diesem schönen Fleckchen Erde bald ein großer Surfwettbewerb stattfinden wird. Der ist wichtig, weil er und seine Kumpels da "'ne Menge frischer Torten zuckern" können.

Hoffnungsfrohe Playboys aufgepaßt: So sieht man aus, wenn man sich cool eine Gesicht steckt, um Torten zu zuckern.

Besagte Kumpels reißen Matt denn auch aus seinen Träumen, indem sie seine Fenster mit Wasserbomben bewerfen. Matt, der eine aufblasbare Puppe im Bett hat, begrüßt den dahergelaufenen Haufen und macht sich mit ihnen auf eine Autofahrt entlang der Strandpromenade, bei der die Jungs mit beinahe soziodokumentarischem Blick die jungen Damen kommentieren, die sie erspähen. Einige Mädels werden kritisch als "Sperrmüllliesen" bezeichnet, aber zum Glück finden manche Frauen auch den Zuspruch der Jungs: "Oh, du irisches Milchgestüt", wird da schon mal poetisch geschwärmt. Wenig später erläutert Matts Freund Woody seine Philosophie, nach der er Anhalterinnen mitnimmt: "Nur für Mädchen lieb und fein tret ich auf das Bremsgebein".

Dritter im Bunde ist der blonde Jimbo, der gemeinhin als der beste Surfer dieses Films gilt und sich beständig mit den verschiedensten Frauen vergnügt, obwohl er mit der ansehnlichen Jennifer zusammen ist. Die singt gerade im Studio, als sie von Jimbo besucht wird. "Was läuft?", will der Studiochef wissen. "Nur der Wasserhahn", antwortet Jimbo.

"Hallo, Herr Kostümmeister! Sind unsere Sachen aus der Reinigung zurück?"

Unterdessen laufen Matt und Woody durch ein Klamottengeschäft, in dem Matt von einer offenbar nymphoman veranlagten Frau in die Umkleidekabine gezogen wird. Er flüchtet, empfiehlt aber dann Woody, einen Blick zu riskieren. "Kann man sie zerren?", will Woody wissen. "Natürlich kann man das, sie ist eine richtige Zerrmeisterin! Die hat den roten Zerrgürtel", spricht Matt. Aber Woody erschrickt beim Anblick der Dame: "Vor so großen T's hab' ich Angst, laß uns abhauen." "Das sieht nur so aus, in Wirklichkeit ist das ihr Zerrspiegel", erläutert Matt.

Weil sich Regisseur James Ingrassia keinerlei Streß macht, den heiteren Tagesablauf seiner Helden durch das unvermittelte Auftauchen einer Handlung zu unterbrechen, haben unsere Protagonisten nun erstmal Zeit, ein paar Burger zu futtern. Den Bestellvorgang müssen wir im deutschen O-Ton wiedergeben:

VERKÄUFERIN: Na, alles noch frisch? Was darf's sein?
MATT: Tja, gute Frage ... viel Kohldampf hab' ich nicht, aber ich schlabber' 'ne Cola runter und schling einen Roastbeef-Burger mit Krempelsoße dazu. Und einen dreifachen Buster-Burger mit nicht zuviel Dipkin, wenn's geht. Und einen großen Shake mit Magnesiumgeschmack, der schön blitzt, wenn ich furze.
VERKÄUFERIN: Ist das dann alles?
MATT: Und zum Schlechtwerden brauch' ich 'ne fette Schokoladentasche mit Zwiebelringen.
WOODY: Aber daß du mir nachher nicht wieder in die Blumenvase reiherst, hörst du!
MATT: Na gut, dann bring mir nur die fette Schokoladentasche und behalt deine Zwiebelringe unterm Arm.
VERKÄUFERIN: Ist geritzt. Ist das dann alles?
WOODY: Ich mach' Diät. Ein leeres Colaglas mit Strohhalm. Ohne Eis.

Zufrieden setzt sich Matt zu seinen Freunden und kündigt an, sie hätten "was zu bekaspern". Als ihm die Kumpels das Essen wegnehmen, wird er aber ungehalten: "Erst den großen Eskimo machen und mir dann die Butter vom Brot klauen, ihr Affen!"

Auf geht's in eine Kneipe, wo Jennifer mit einer Band auftritt. Sie wird als neue Sängerin angekündigt und hüpft dann minutenlang über die Bühne, ohne auch nur die geringste Silbe zu singen. Dafür steckt sie sich das Mikrofon ins Höschen, bevor sie dann doch noch zweimal die Background-Zeile "Gimme Some Lovin'" hauchen darf. Die Band spielt nämlich eine Version des Steve-Winwood-Songs, die mit brutaler Synthproduktion sozusagen haarscharf am Knüller vorbeirast.

Ist das jetzt Zerren oder Zuckern? Auftragen, Polieren? Mehlieren? Den Rührfix putzen?

Jimbo wirft sich derweil an andere Frauen heran und schüttet sich Bier übers Haupt, und obwohl Jennifer nach ihrem Auftritt einer Freundin noch erklärt, daß sie ihn so mag, wie er ist, mißfällt ihr die untreue Tendenz ihres Joschis doch etwas. Der sensible Woody spürt das und erkundigt sich deswegen einfühlsam nach ihrem Befinden: "Was bist'n du so angemault?"

Auf dem Parkplatz streiten sich Jimbo und Jennifer dann. Sie schreit ihn an, daß sie genau Bescheid weiß über seine ganzen anderen Bräute. Er zieht sich mit einem beinahe genialen Kniff aus der Affäre, den sich lockere Männer unbedingt notieren sollten: Er fragt, "Welche Bräute?" Das überzeugt sie, weshalb sie sich auch gleich auf einer Motorhaube von Jimbo ausziehen läßt. Nach kurzem Wechsel zu privateren Örtlichkeiten folgt eine ausführliche Montage zu romantischem Synthetikpop, in der Jimbo und Jennifer im und mit dem Jacuzzi herumblubbern.

"Schatz, der Whirlpool blubbert noch viel mehr, wenn er erstmal eingeschaltet ist."

Kaum zu glauben, aber am nächsten Tag steht für unsere drei Freunde und Jennifer sogar Maloche auf dem Programm: Sie bewerben sich als Kellner bei einer Privatparty. Auch von ihrem Vorstellungsgespräch kann man nur lernen: Jennifer gewährt dem Küchenchef tiefe Einblicke in ihren Ausschnitt, während sich Matt als "Matt Wurst" vorstellt und flapsig fragt, "Kann ich hier irgendwo meinen Königstiger auswringen?"

Die Party wird übrigens vom örtlichen Mafiosi-Glatzkopf T.J. Caruso organisiert, der in der Strandgegend unlautere Geschäfte verfolgt. Schon zuvor haben wir gesehen, wie er seine zwei tollpatschigen Gesellen zu einer Übergabe schickt und ihnen dazu erläutert, sie hätten "den wichtigsten Job seit Erfindung der Taschenlampe". Weil Matt und Woody ganz zufällig auf der Party einen gegnerischen Gangster ausschalten können, werden sie prompt von Caruso als persönliche Handlanger angeheuert und auf eine Koksübergabe geschickt, bei der ihnen aber leider die Tasche geklaut wird. Vielleicht waren die Jungs verblüfft, wo auf einmal soviel Plot herkommt.

Sonst ist der finstere Gangster T.J. Caruso nicht so gut gelaunt wie hier.

Die Verbindung zu Caruso hat aber auch einen Vorteil für Matt: Er lernt dessen süße Nichte Kim kennen, die unter der strengen Obhut ihres Onkels sehr leidet und den bisherigen Film damit verbracht hat, mit ihrem roten Sportwagen durch die Gegend zu fahren. Kim zeigt Matt auch alles andere, was ihrem Onkel gehört – Haus und Boot und überhaupt. "Du hast aber 'n großen Onkel", staunt Matt. In romantischer Zweisamkeit marschieren sie am Strand herum und finden sich gegenseitig ganz schnafte. Als sie einmal ganz nah auf die Kamera zumarschieren, sagt Matt: "Wenn wir nicht bald nach rechts rübergehen, gibt's 'n Zusammenstoß".

Was machen eigentlich die anderen derweil? Ganz klar, die feiern: Jennifer lenkt mit ihren weiblichen Reizen den Aufpasser bei der Tankstelle ab, während die Burschen hinten das Bier klauen. "Ich steh' auf intelligente Männer", säuselt sie. "Hach, ich auch", sagt der. Am nächsten Tag hockt unsere Gang auch schon wieder am Strand, wo die Handlanger von Caruso mit dem Surfbrett vorbeikommen. "Surfen? Wir waren heut' morgen schon 'ne Suppe schlürfen. Die war aber gar nicht gut, da war 'ne miese Muschel drin", plappert einer von den beiden.

"Möchtest du Teil der Handlung werden? Ehrlich, da kommt noch eine!"
Matt und Woody verstecken sich nun in einem Bordell vor Carusos Männern: Das Etablissement gehört nämlich Matts Cousin "Huba aus Kuba". "Ich eß 'n Bier", gibt Woody dort noch seine Bestellung auf und ist dann höchst verblüfft, als er Jennifer als Kellnerin erspäht. Die erklärt, daß sie Geld verdienen will, um aus dem Kaff zu verschwinden. "Hier läuft doch sowieso nichts mehr", begründet sie. "Doch, meine Nase", antwortet Woody.

Weil Carusos Leute umsonst nach Matt und Woody fahnden, wird Caruso langsam ungehalten: "Ich geb' euch jetzt die aller-aller-aller-vorletzte Chance", wettert er. Sein Plan funktioniert ungefähr so: Seine Burschen entführen Jimbo, damit der den Surfwettbewerb nicht gewinnen kann, und Caruso schickt stattdessen einen eigenen Mann ins Rennen, über den er dann den Koksschmuggel während des Wettbewerbs ablaufen lassen kann. Oder so.

Der Surfprofi empfiehlt Brett und Wasser.

Prompt poltert also wieder Handlung ins beschauliche Geschehen: Jimbo wird entführt und in einer Geisterbahn festgehalten, während draußen endliche Mengen an aufregenden Surfeinlagen gezeigt werden. Die Freunde tun sich zusammen, um Jimbo zu befreien, und der kann in einem Showdown doch noch gegen Carusos Surfer antreten und den Wettbewerb für sich entscheiden. Caruso versucht, in Frauenkleidern zu fliehen, und wird aber von Matt und Kim überrumpelt, die dann mit einem Heißluftballon wegfliegen.

Wenn ich mir das alles so durchlese, wirkt das wie im Delirium zusammengefaselt. Was natürlich Film und Synchronisation formvollendet einfängt! Aber irgendwie habe ich verabsäumt, zu erwähnen, daß in der ersten Filmhälfte am Strand einige Frauen in eine Synth-Pop-Aerobic-Tanznummer ausbrechen - ein Proto-Flashmob? Wie kriege ich die Information jetzt so unter, daß ihre Verbindung zur Handlung klar wird? Ach, schon geschehen.





Hot Splash - Eine Jungfrau geht baden (USA 1987)
Originaltitel: Hot Splash
Regie: James Ingrassia
Kamera: Thomas Murphy
Musik: Lenny Macaluso, Michael Hirsch
Darsteller: Richard Steinmetz, A. Rebecca Thompson, Jeremy Whelan, Richard Steele, James Michael Hall, Paul Parducci, Kerin Lobat

Die Screenshots wurden von einer privaten VHS-Aufnahme der RTL2-Ausstrahlung vom 3. Oktober 1997 genommen.


Ich habe schon vor einigen Jahren die bislang einzige Regiearbeit von SCREAM-Autor Kevin Williamson hier betextet: TÖTET MRS. TINGLE. Nun hat sich der tapfere Gastautor Dr. Wily nochmal an den Film gewagt, den er seit anderthalb Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat - und stellt einige Überlegungen dazu an, warum Williamson ihn nicht mehr so begeistert wie früher.



Was hab' ich damals auf diesen Film gewartet! Das sagenumwobene erste Drehbuch von Kevin Williamson, von dem er in Reportagen und Interviews so viel und so spannend erzählt hatte. Als TÖTET MRS. TINGLE 1999 erschien, war ich von seinen Geschichten noch begeistert. Zwei SCREAMs, ICH WEISS, WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST und DAWSON'S CREEK (die erste Staffel verteidige ich bis heute) hatten mich völlig für sich eingenommen. Und dann gab es da ja auch noch THE FACULTY, den ich ebenso super fand (und seit damals nicht mehr gesehen habe). Nach erneutem Filmgenuss von TÖTET MRS. TINGLE steht allerdings zu befürchten, daß auch THE FACULTY den Test des Erwachsenwerdens vielleicht nicht ganz bestehen wird.

TÖTET MRS. TINGLE hatte ich kaum in Erinnerung. Ein, zwei Szenen vielleicht, aber zum Beispiel die Armbrust oder die Tatsache, daß Helen Mirren ans Bett gefesselt wird, sind meiner Erinnerung entschwunden. Nur so ein Gefühl von Enttäuschung ist dem Film immer nachgehangen.

Die Cast zeigt sich von der Story sichtlich verwirrt.

Bei neuerlichem Sehen wird die Sache schnell sehr klar. TÖTET MRS. TINGLE (der ursprünglich KILLING MRS. TINGLE hieß, dann aber wegen den Columbine-Morden in TEACHING MRS. TINGLE umbenannt wurde – was den deutschen Übersetzer aber offenbar nicht gestört hat) funktioniert einfach nicht.

Drei Schüler kidnappen ihr fiese, niederträchtige Lehrerin, damit sie der Musterschülerin bessere Noten gibt: Die absurde Prämisse könnte vielleicht als überdrehte Komödie funktionieren – was nur Marisa Coughlan für zumindest zwei Drittel des Films verstanden hat. Katie Holmes läuft als Hauptfigur Leigh Ann dagegen durch eine Teeniesoap. Barry Watson ist einfach als Judd-Nelson-Verschnitt gecastet und dafür zu fesch und zu ungefährlich. Helen Mirren spielt einen Psychothriller. Nun kann man kann ihr nicht absprechen, daß sie die böse, verbitterte Lehrerin Mrs. Tingle nicht mit sichtlichem Spaß spielt. Es ist ja auch eine coole Rolle, darum wird sie sie auch angenommen haben. Daß mit Williamson ein damals erfolgreicher und gefragter Name involviert war, könnte ihr die Entscheidung erleichtet haben.

Das Drama an dem Film ist, daß Williamson weder weiß, welche Geschichte er erzählen will, noch wie er sie erzählen will. TÖTET MRS. TINGLE findet nie einen roten Faden. Wie gesagt, als Komödie könnte die Idee funktionieren, aber Kevin Williamson ist kein Komödiant, sondern hatte schon immer einen starken Hang zu Sentimentalität, Kitsch, Drama und Pathos.

Why suddenly so serious, Ms. Coughlan?

Darüber hinaus ist es einfach ein erstes Drehbuch mit all seinen Schwächen. Sein Hauptthema – die Spiegelcharaktere Leigh Ann und Mrs. Tingle – ist schlecht ausgearbeitet und plump erzählt. Mrs. Tingle begreift die Auseinandersetzung mit Leigh Ann als Spiel. "Your move", sagt sie immer, wenn sie ihre drei Entführer wieder in psychologische Bedrängnis gebracht hat. Sie tut das, weil das Drehbuch es cool findet. Das Drehbuch hat aber übersehen, Leigh Ann als jemand zu zeichnen, der auch taktiert. Katie Holmes spielt ihre Figur nie als das ebenbürtige Gegenüber, als das Mrs. Tingle sie aber anspricht. Vielmehr erwähnt das Buch immer wieder, wieviel Angst Leigh Ann hat.

Darüber hinaus hapert es am Grundsätzlichen: Wenn sich unsere Identifikationsfigur im Laufe der Geschichte genauso kalt, berechnend und fies verhält wie ihr Erzfeind, warum soll ich dann um sie bangen? Und warum soll ich mich am daraus resultierenden fragwürdigen und verlogenen Ende über ihren Erfolg freuen?

Dennoch bin ich, vielleicht aus Sentimentalität oder Nostalgie, bereit, dem Film ein paar Dinge zuzugestehen. Es ist nicht der erste Film, der den immensen Leistungsdruck der Schüler und deren extreme Abhängigkeit von guten Noten zum Thema hat, aber ich kenne wenige Geschichten, in denen Schüler aus Verzweiflung und Angst um ihre Zukunft zu solch drastischen Mitteln greifen – obwohl die Idee, es den gemeinen Lehrern heimzuzahlen, denen man schutzlos ausgeliefert ist, vielen durch den Kopf geht. Damit ist TÖTET MRS. TINGLE die Bebilderung einer Phantasie, die besser funktionieren würde, wenn sich der Film auf einen emotionalen Tonfall einigen könnte.
Darüber hinaus ist der in Mrs. Tingle personifizierte Neid, die Verbitterung über die eigene Biographie und die daraus entstehende Mißgunst der älteren Generation den Jungen gegenüber wahrscheinlich näher an der Wirklichkeit dran, als uns lieb ist.

Stilvoll ans Bett gefesselt - versteckt sich hier gar ein 50-SHADES-OF-GREY-Vorläufer?

Nach MRS. TINGLE ging es für mich mit Kevin Williamson jedenfalls bergab. Ich habe mich jetzt beim Wiedersehen mit MRS.TINGLE gefragt, warum mich seine Geschichten in dieser Zeit, als ich zwischen 17 und 20 Jahre alt war, so beeindruckt haben. Wenn man Williamsons Werk als Ganzes betrachtet, erkennt man, daß er sich zunächst bei Teenagergeschichten zuhause fühlt und dann weiter bei Horror und Mystery. Vielleicht hat er mir ein bißchen was über mich und mein Leben erzählt. Die Angst vor dem, wie das Leben nach dieser Umbruchzeit weitergeht, die Angst vor der Welt da draußen konnte ich mit seinen Figuren auf der Leinwand durchstehen. Dazu gibt es sogar tiefenpsychologische Theorien.

Ich gehe bis heute ins Kino, um Leute kennenzulernen. Nicht die an der Kassa oder im Sitz neben mir (zweitere kenne ich nämlich meistens ohnehin schon), sondern die Leute auf der Leinwand. Für mich ist das immer so, als würde ich sie eine Zeitlang in ihrem Leben begleiten, und ich stelle mir immer automatisch vor, woher sie kommen, was rund um den Plot sonst so passiert in dieser Welt und wie es nach dem Abspann mit ihnen weitergeht. So konnte ich damals ins Kino gehen und mir von einem alten Freund neue Geschichten erzählen lassen, in denen auch immer wieder mal alte Bekannte mitspielten, die man so auch in ihrem Leben begleiten konnte.

Die 50-SHADES-OF-GREY-Theorie wird immer stichhaltiger.

Gegruselt hab' ich mich auch schon immer gern. Williamsons Filme haben wohl dort angeknüpft, wo ich mit Stephen Kings Romanen ein paar Jahre zuvor aufgehört hatte. Diese Filme waren mein Eintritt in die Welt des Horrorfilms. Davor hatte ich nur wenige davon gesehen. Zwar genug, um die meisten Anspielungen in SCREAM zu verstehen, doch die große weite Gruselwelt hat sich für mich erst mit Williamsons Geschichten eröffnet. Wahrscheinlich konnten mich auch deshalb viele Stereotype darin einfach nicht stören.

Außerdem hatte es etwas mit Exklusivität zu tun. Ich war schon der Einzige in meiner Klasse, der begeistert die Brit-Pop-Welle ritt, aber auf Oasis konnten sich die anderen dann doch irgendwann einigen. Da konnte ich gerade noch den Anspruch für mich erheben, der Erste gewesen zu sein. Bei der Horrorwelle, die mit SCREAM begann, war ich aber allein auf weiter Flur. Sowas nur für sich allein zu entdecken und zu haben, tut dem Ego in diesem Alter schon gut.

Aber irgendwas ist dann passiert (Christian stellt in seinem Text zu TÖTET MRS. TINGLE ja sogar die These auf, Kevin Williamson hätte sein Pulver schon mit dem Drehbuch zu SCREAM verschossen gehabt). DAWSON'S CREEK begann sich tatsächlich ernst zu nehmen und wurde unerträglich. VERFLUCHT, Williamsons neuerliche Zusammenarbeit mit Wes Craven, soll ich sogar gesehen haben – behaupten Freunde, die dabei waren. So sehr hat er mich beeindruckt. Vermutlich bin ich dann erwachsen geworden – und Kevin Williamson nicht.





Tötet Mrs. Tingle (USA 1999)
Originaltitel: Teaching Mrs. Tingle
Regie: Kevin Williamson
Drehbuch: Kevin Williamson
Kamera: Jerzy Zielinski
Musik: John Frizzell
Darsteller: Katie Holmes, Helen Mirren, Jeffrey Tambor, Barry Watson, Marisa Coughlan, Michael McKean, Molly Ringwald
FSK: 12

Die Screenshots wurden der DVD (C) 2004 Kinowelt Home Entertainment GmbH entnommen.


Hoppla, fehlt da nicht ein "i"? Keinesfalls: Wo sich im ersten Spiel GOBLIIINS drei wackere Abenteurer auf den Weg machten, um König Angoulafre von seinem Wahnsinn zu befreien, sind in der Fortsetzung GOBLIINS 2: THE PRINCE BUFFOON nur zwei der kleinen Gestalten unterwegs. Die müssen sich wieder um den leidgeplagten Monarchen kümmern – beziehungsweise um seinen kleinen Sohnemann, der von einem finsteren Dämon namens Amoniak entführt wurde. Also ziehen der clevere Fingus und der draufgängerische Winkle los, um den Prinz zurückzuholen.

Wie im Erstling steuert man seine Figuren durch die einzelnen Bildschirme und kann die Goblins mit der Umgebung interagieren lassen. Wenn man mit dem Mauszeiger über den Bildschirm fährt, zeigt das Interface diesmal Gegenstände und Bildelemente an, mit denen man etwas machen kann – auch wenn es einige besondere Plätze gibt, auf die man sich auch ohne eine solche Anzeige stellen kann bzw. muß, um voranzukommen (z.B. gleich im ersten Bildschirm eine Plattform). Beim ersten Teil waren die Aufgaben der Goblins noch streng getrennt – einer konnte Gegenstände nehmen, ein anderer zaubern und der dritte seine Stärke einsetzen. Hier können beide Goblins so ziemlich alles, und man kann auch mehrere Gegenstände herumtragen – aber es ist unterschiedlich, wie die beiden Goblins mit den Dingen und Personen umgehen. Fingus ist höflich und zurückhaltend, dafür aber geschickter, während Winkle rotzfrech ist und im Zweifelsfall auch gerne mal Unfug anstellt. Wo Fingus mit einem Knopf umzugehen weiß, kratzt sich Winkle nur am Kopf.

Vor goblingroßen Bienen sollte man Respekt haben.

Wer glaubt, daß das Spiel durch die Reduktion auf nur zwei Goblins leichter geworden ist, täuscht sich gewaltig: GOBLIINS 2 ist um einiges komplexer als sein Vorgänger. Man klappert die Bildschirme nicht mehr strikt der Reihe nach ab, sondern befindet sich meistens in einem Areal von zwei bis vier Orten, zwischen denen man hin- und herwechseln kann. Manchmal ist zum Beispiel ein Gegenstand, den man an einem Ort braucht, an einem anderen verborgen, aber der kann nur erreicht werden, wenn an einem dritten Ort eine andere Aufgabe gelöst wurde.

Richtig ausgefeilt werden die Puzzles aber vor allem dadurch, daß diesmal viel öfter auf die Zusammenarbeit der Goblins gesetzt wird: Sehr viele Puzzles lassen sich nur dadurch lösen, daß ein Goblin etwas macht und der andere zum richtigen Zeitpunkt einspringt. Im ersten Teil mußte diese Kette an Tätigkeiten nur ganz selten unter Zeitdruck erfolgen – hier geht es fast immer um den richtigen Moment, und das manchmal mit einer ganzen Reihe von Aktionen hintereinander. Schon am Anfang kann Fingus beispielsweise nur zwei alten Dorfbewohnern eine Flasche klauen, wenn die abgelenkt sind – und das passiert, wenn Winkle von einem anderen Bewohner eins auf die Mütze kriegt und die Senioren darüber ein paar Momente lang Tränen lachen.

Einen hübschen Teppich hat der Zauberer Tazaar da ... und so lebendig!

Fast mehr noch als das Original lebt GOBLIINS 2 von den vielen Mißgeschicken, die Fingus und Winkle auf ihren Abenteuern passieren. Fingus wird von einem Teppich gebissen, in einem Spielzeugland wird sein Kopf von den Becken eines Äffchens plattgedrückt. Winkle kriegt für seine Frechheiten nicht nur von den Wächtern von Amoniak oft genug eins auf die Mütze, sondern muß auch oft genug die Konsequenzen tragen, weil er im Zweifelsfall die Dinge einfach mal futtert. Alles ist in liebevollem Comic-Stil gehalten, und es ist ein Vergnügen, den beiden bei ihren Versuchen und Reaktionen zu beobachtet – zumal diesmal kein Energiebalken existiert und man somit so oft ins Unglück laufen darf, wie man will, ohne irgendetwas zu verlieren.

Nicht alle Puzzles sind wirklich logisch – vor allem nicht die in den späteren Traum- und Phantasielandschaften, die mitunter sehr abgefahrene Szenarien bieten (unter anderem das besagte Spielzeugland, in dem der Prinz in einem Behälter mit Seifenblasenflüssigkeit gefangen ist). Dennoch kann mit einigem Probieren eigentlich immer eine Lösung gefunden werden – es hilft eben, daß man nach Herzenslust agieren kann, und daß die wichtigen Stellen im Bild angezeigt werden. Wer doch festhängt, kann bis zu drei Joker verwenden, die in knapper Form Lösungswege verraten.

Hmm ... was könnte der Mann unter dem Basketballkorb wohl wollen?

Auch bei der Diskettenversion ist diesmal Musik dabei (GOBLIIINS hatte nur in der CD-ROM-Variante Musik) – und die fügt dem wunderschön gezeichneten Game mit seinem ganz eigenen Stil noch eine zusätzliche vergnügliche Komponente hinzu, weil manche der pfiffigen Ohrwürmer stundenlang laufen könnten. (Tatsächlich ist die Musik der Diskettenversion von GOBLIINS 2 schöner als die der CD-Fassung - außerdem ist das niedliche Kauderwelsch der Figuren viel witziger als die bei der CD-Variante hinzugefügte Sprachausgabe.)

Kurzum: GOBLIINS 2: THE PRINCE BUFFOON ist ein wundervolles Adventure, das auch heute noch uneingeschränkt Spaß macht.





Alle Screenshots aus dem Spiel genommen, (C) 1992 Coktel Vision.

Es ist praktisch, treue Gastautoren zu haben: Die können sich nämlich auch mal billige Anime-Realverfilmungen ansehen, damit ich das nicht selber tun muß. Im folgenden Text berichtet der unerschütterliche Don Arrigone kurz und schmerzhaft von seiner Begegnung mit der Kinoversion von FIST OF THE NORTH STAR ...



Zu sagen, FIST OF THE NORTH STAR von 1995 wäre ein weiterer Endzeitschinken, der mit niedrigem Budget verbrochen wurde, und dessen Produzenten hofften, vom Kultstatus des 16 Jahre zuvor erschienenen MAD MAX zu profitieren, wäre treffend, greift aber zu kurz. Präziser ist es zu sagen, daß FIST OF THE NORTH STAR ein weiteres Endzeitdesaster ist, das mit niedrigem Budget in die Welt gespien wurde, und dessen Produzenten verzweifelt hofften, vom Kultstatus des 12 Jahre zuvor erschienen Manga bzw. des 11 Jahre zuvor erschienenen Anime zu profitieren – wobei diese wiederum von MAD MAX und Bruce Lee inspiriert wurden. Gemein ist den Ahnen, daß sie allesamt gute Unterhaltung für ihr Geld boten – ein Urteil, das nicht einmal ein geschenktes Exemplar des Realfilms für sich beanspruchen kann.

Goblinkönig Angoulafre ist verrückt geworden! Er schreit unter Phantomschmerzen, bricht plötzlich in irres Gelächter aus und fürchtet sich im nächsten Moment zu Tode - obwohl überhaupt nichts im Raum zu sehen ist. Was seine besorgte Hofgesellschaft nicht weiß: Ein Zauberer piesackt den armen König per Voodoopuppe, sticht ihn mit Nadeln, hält ihm Spinnen vor den Kopf und kitzelt ihn mit einer Feder. Um herauszufinden, was den König plagt, werden drei tapfere Goblins zum Zauberer Niak entsandt - der leider nicht gerne Besuch empfängt und sich für seine Dienste am liebsten mit wertvollen Diamanten bezahlen läßt ...

Ein echtes Elefantengedächtnis hat dieser Killer: Er weiß noch immer, was Julie letzten Sommer getan hat. Sein Zeitgefühl funktioniert nicht ganz so gut: Er meint eigentlich den vorletzten Sommer, als Julie ihn zusammen mit ihren Freunden versehentlich mit dem Auto überfahren hatte und im Meer entsorgen wollte, um die Sache zu vertuschen. Letzten Sommer schickte er ihnen Nachrichten, daß er wisse, was sie letzten Sommer getan hätten, und brachte dann ein paar von ihnen um - umgekehrt wäre ja auch blöd! Zum Glück konnte er von Julie und ihrem Freund Ray gestoppt werden. Und zum Glück für die Produzenten lebt er noch und erinnert sich nach wie vor.

Vor ein paar Tagen habe ich hier über den Retro-Slasher ICH WEISS, WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST geschrieben - ein Rückblick auf einen Film, der ich einst als armseligsten Vertreter seiner Gattung eingestuft habe. Als Ergänzung dazu erinnert sich im folgenden Gastbeitrag Dr. Wily mit liebevollen Worten an den Streifen, den er zu seinen Lieblingsfilmen zählt.



Ein Teenieslasher von der Stange mit den typischen Klischees, billigen Schockern und Logiklöchern. Ein Horrorfilm, wie sie ihn in den 80ern wohl schon genug gedreht hatten. I KNOW WHAT YOU DID LAST SUMMER ist einer meiner Lieblingsfilme.

Das Slasher-Genre ist an müden, uninspirierten Vertretern seiner Art nicht gerade arm - aber für mich war immer ICH WEISS, WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST die wohl armseligste Ausgabe seiner Gattung. Ganz klar, diverse andere Filme waren haarsträubend inkompetent zusammengeschustert - aber die kann ich irgendwo zwischen "miese Produktionsbedingungen", "Fanfilm" und "die lernen halt noch" seufzend durchwinken. ICH WEISS dagegen hatte das nötige Budget, um richtig geleckt auszusehen, diverse populäre Mimen und einen Autor, der nur ein Jahr zuvor mit SCREAM die jahrelangen Slasher-Klischees liebevoll gebrochen und neu zusammengefügt hat.

Und doch klapperte ICH WEISS in hanebüchener Konstruktion jede abgestandene Situation ab, die schon zehn Jahre davor das große Gähnen hervorgerufen hat - ganz so, als hätte man sich bewußt dagegen entschieden, irgendwie originell zu werden. Solch fast aggressive Mittelmäßigkeit machte mich dann eben auch aggressiv. Ob sich ungefähr anderthalb Jahrzehnte nach der letzten Sichtung an dieser Reaktion etwas geändert hat?