Aktuelle Filmtexte


Jahrzehntelang wollte Stanley Kubrick die TRAUMNOVELLE des Wiener Autors Arthur Schnitzler verfilmen, in den Neunzigern adaptierte er das Buch mit Autor Frederic Raphael (DAISY MILLER) in gewohnt akribischer Detailarbeit zu dem Film, der sein letzter werden sollte: EYES WIDE SHUT. Im aktuellen Lichtspielplatz sprechen wir über diese Geschichte um Treue, Eifersucht und Obsessionen, über ihre Ideen zur Sexualität, ihre Spiele mit Träumen und Wirklichkeit, und über die Übertragung eines Textes, der im Wien des frühen 20. Jahrhunderts angesiedelt ist, ins New York des ausklingenden Jahrtausends.

Viel Spaß!



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Musik: Dominik Nießl (Theaterkonsole)

Weiterführendes Lesematerial:
Frederic Raphael, EYES WIDE OPEN: A MEMOIR OF STANLEY KUBRICK AND EYES WIDE SHUT. (Hier bei Amazon kaufen.)

Shall we play a game? 1983 schaffte es John Badhams Computerthriller WARGAMES, die erschreckende Bedrohung des nukleraren Kriegs in einen leichtfüßigen, aber hochspannenden Thriller zu verpacken - der nebenbei auch die Faszination der aufblühenden Heimcomputerära einfängt. In der aktuellen Lichtspielplatz-Folge sprechen wir über das Kriegsszenario des Films, die damals noch junge Computerkultur und die sehr liebevoll gezeichneten Charaktere.

Viel Spaß!



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Musik: Clark Kent

Die verlängerte Sommer- und Herbstpause ist zu Ende, der Lichtspielplatz ist zurück! In der aktuellen Folge kümmert sich Salzburgs hellster Film-Podcast um eine der berühmteste Persönlichkeiten der eigenen Stadt: Wolfgang Amadeus Mozart. Genauer gesagt: Milos Formans Epos AMADEUS, das von der Rivalität zwischen Mozart und seinem Zeitgenossen Salieri erzählt. Unter anderem sprechen wir darüber, wie der Film mit dem Genie-Gedanken umgeht und welche Strategien er wählt, sich den historischen Begebenheiten zu nähern. Und natürlich sprechen wir über Milos Forman, der auch in anderen Filmen von Rebellen erzählt hat. Viel Spaß!



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Musik: Clark Kent
 

Ein alter Chevy Malibu kurvt in Schlangenlinien durch die amerikanische Mojave-Wüste. Der Fahrer wirkt nicht nur deshalb leicht derangiert, weil seine Sonnenbrille nur noch auf einer Seite ein Glas im Rahmen trägt. Als er von einem Highway-Polizisten angehalten wird, der den Kofferraum überprüfen will, warnt er den diensteifrigen Cop noch: "You don't wanna look in there". Zu spät: Der Polizist öffnet den Kofferraum – und verbrennt in einem strahlenden Licht, das nur mehr seine rauchenden Stiefel übriglässt.

Derweil zieht der junge Punk Otto durch die Straßen von Los Angeles. Sein Job im Supermarkt ist öde, eine richtige Verbindung zu Freunden oder Familie hat er nicht. So gerät er durch Zufall in den Kreis der "Repo Men": eine Gruppe von Asphaltcowboys, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, die Autos von Leuten zu entwenden, die ihre monatlichen Raten nicht mehr zahlen können. Otto fühlt sich bei den Repos gut aufgehoben und lernt vor allem von seinem Mentor Bud viel über das Geschäft. Als dann eine Suchmeldung nach einem Chevy Malibu herausgegeben wird, der $20.000 Prämie bringen soll, interessieren sich plötzlich die unterschiedlichsten Gruppen für den alten Wagen …

"A lot of people don't realize what's really going on": Miller (Tracey Walter, l.) hat den Durchblick.

REPO MAN, der Debütfilm des Engländers Alex Cox, ist ein Film, der ganz und gar den Geist der Punk-Ära atmet. Mit zynischem Blick, eigenwilligem Humor und lakonischem Schulterzucken entwirft er ein Bild einer Welt, der alle Bedeutungen abhandengekommen sind. Das trifft vor allem unseren jugendlichen Protagonisten Otto: Die Jobperspektiven sind trist bis aussichtslos, die Begeisterung seines angepassten Kollegen Kevin zu den Chancen auf dem Arbeitsmarkt kann er nicht teilen ("There's fuckin' room to move as a fry cook", jubelt der. "I could be manager in two years. King! God!"). Seiner Freundin Debbi ist es egal, ob sie mit ihm oder mit seinem Freund Duke schläft. Seine Eltern sitzen wie die Zombies vor der Flimmerkiste und erklären ihm, dass sie ihr gesamtes Geld einem Fernsehprediger gespendet haben (der seinen Spendenaufruf ganz einleuchtend erklärt: "I DO want your money, because god wants your money"). Es ist die Tristesse amerikanischer Betonwüsten, aus deren Pespektivlosigkeit später Bands wie Korn hervorgehen sollten. "I was a teenage dinosaur / Stoned and obsolete", krakeelt Iggy Pop auf dem Titelsong.

Kein Wunder, dass sich Otto zu den Repo Men hingezogen fühlt: Die verdienen nicht nur gutes Geld, sondern grenzen sich vom Rest der spießigen Bevölkerung ab. "Look at those assholes", deutet Bud vom Auto aus auf eine Gruppe ganz unauffälliger Stadtbewohner. "Ordinary fucking people. I hate 'em." Während der Normalbürger bedrohliche Situationen vermeidet, sucht der Repo Man danach, erklärt er. Worauf Otto wohl am meisten anspringt, ist die Tatsache, dass die Repos klare Werte vertreten, auch wenn die passend zu dieser Welt eher absurd anmuten: Bud lässt nicht zu, dass ein Auto in seiner Obhut beschädigt wird (seine Erklärung ist wie eine Parodie des Asimovschen Robotergesetztes), und nimmt keine Kommunisten in seinem Wagen mit. Repo-Kollege Lite fährt nicht, wenn jemand nicht angeschnallt ist. Und Miller fährt überhaupt nicht selber: "The more you drive, the less intelligent you are", erklärt er und nimmt lieber den Bus, um darüber nachzudenken, dass die Menschheit von verschwundenen Südamerikanern abstammt, die mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit gereist sind.

Repo Men unter sich: Lite (Sy Richardson, links) und Bud (Harry Dean Stanton).

Der Punk-Geist zieht sich durch den ganzen Film. Auf dem Soundtrack rumpeln Kultbands wie die Suicidal Tendencies, Black Flag oder die Circle Jerks – letztere tauchen sogar in einer Szene in einem Club auf, wo sie wie eine desinteressierte Lounge-Band "When the Shit Hits the Fan" vortragen. Die Rebellionsgesten sind Punk: Wenn Otto seinen Supermarktjob hinschmeißt (weil er es nicht aushält, dass Kollege Kevin einen 7up-Werbesong vor sich hinträllert), reißt er sich die schwarze Fliege vom Hals. Der Humor passt dazu: der weggestrahlte Polizist; ein angeschossener Punk, dessen letzte Worte wie eine Parodie ähnlicher Szenen wirken ("The lights are growing dim, Otto", keucht er. "I know a life of crime has led me to this sorry fate, and yet, I blame society"); die Hippie-haften esoterischen Gedankenflüge von Miller, der über einen "lattice of coincidence" redet, der über allem liegt (weshalb die Filmemacher mit ständigen Zufällen spielen können); ein Held, der dem einfach so um die Kurve biegenden Chevy Malibu hinterherlaufen will und sich nach nur wenigen Sekunden des Rennens prompt übergeben muss. Ganz und gar Punk ist auch die Ausstattung: Auf ganzer Linie wurden die Markenartikel gegen banale Beschriftungen ausgetauscht, weshalb die Figuren weiße Bierdosen mit der Aufschrift "beer" trinken, aus weißen Dosen mit der Aufschrift "food" essen, und die Supermärkte mit weißen Boxen für "cornflakes" und "dry gin" bestückt sind.

Ottos Brille ist aus Wim Wenders' Film IM LAUF DER ZEIT entliehen -
eine ganz andere Roadtrip-Sinnsuche, die ebenso wie REPO MEN von Robby Müller photographiert wurde.

Was ist nun eigentlich im Kofferraum des Chevy Malibu? Wir wissen es nicht. Leila, ein junges Mädchen, das Otto unterwegs aufgabelt, erklärt, dass sich Außerirdische in dem Kofferraum befinden, deren tote Körper langsam verwesen – weshalb auch zahlreiche Regierungsbeamte, wahre "Men in Black", hinter dem Auto her sind, um das Geheimnis zu schützen. J. Frank Parnell, der verrückte Fahrer des Autos, redet dagegen davon, wie gut doch Strahlung für jeden sei – und erzählt dann von "einem Freund", der die Neutronenbombe erfunden hat, bei der die Personen zerschmelzen, aber die Gebäude stehenbleiben. "So immoral, working on the thing can drive you mad", plaudert er. "That's what happened to this friend of mine. So he had a lobotomy. Now he's well again."

Und wohin ist Parnell eigentlich mit seinem Auto unterwegs? Vielleicht nirgendwohin, wie die meisten der Figuren dieses Films, die durch die tristen Straßen von L.A. fahren und allesamt auf einer Suche nach etwas sind, das sie ohnehin nicht finden werden. Möglicherweise hat ja ausgerechnet der Spinner Miller Recht damit, nicht auch fahren zu wollen: Wohin denn auch? Immerhin wird er am Ende des Films dafür ja auch belohnt. "Where we're going, we don't need roads", würde dazu ein verrückter Wissenschaftler aus einem ganz anderen Film sagen.







Repo Man (USA 1984)
Regie & Buch: Alex Cox
Kamera: Robby Müller
Musik: Steven Hufsteter, Humberto Larriva
Darsteller: Emilio Estevez, Harry Dean Stanton, Tracey Walter, Olivia Barash, Sy Richardson, Susan Barnes, Fox Harris, Del Zamora, Zander Schloss, Dick Rude, Vonetta McGee

In unserer Podcast-Folge "Sequels, Prequels, Requels" haben wir mit ganz aufrichtigem Augenzwinkern versucht, Begriffe für verschiedene Fortsetzungsarten zu finden, und haben dafür unter anderem die Bezeichnung "Selectquel" eingeführt: eine Fortsetzung, die sich aussucht, welche Teile der Reihe überhaupt fortgesetzt werden. Die 2018 erschienene HALLOWEEN-Fortsetzung ist ein Parade-Selectquel: Die sieben bisherigen Sequels werden ebenso ignoriert wie das Rob-Zombie-Remake und dessen Fortsetzung – stattdessen soll einfach nur direkt an den 40 Jahre alten Originalfilm angeknüpft werden. Das bedeutet, daß sämtliche Handlungsstränge der anderen Filme entfallen – die Tatsache, daß Killer Michael Myers der Bruder der Protagonistin Laurie Strode sein soll, der okkulte Zirkel, der Myers beschwört und steuert, und nicht zuletzt das ohnehin unwürdige Ende von Strode im letzten regulären Teil. Das Selektive paßt zur momentanen Buffet-Haltung der Kinogänger: Es darf ja nichts angeboten werden, wo der Fan beim Essen vielleicht weinen muss. Wenn die Broccoli-Beilage nicht nur Freunde findet, gibt's halt nur noch Fritten.

Nun haben sich die übrigen HALLOWEEN-Teile eigentlich ohnehin noch nie streng an ihren Vorgängern orientiert. HALLOWEEN 4 ignorierte gekonnt, daß sich Myers' Verfolger Dr. Loomis selber geopfert hatte, und ließ den Mann, der eigentlich in HALLOWEEN II einer Explosion umgekommen ist, mit Narbe und Hinkebein weiterjagen. HALLOWEEN 5 ignorierte das Ende des Vorgängers, in dem das Böse von Myers auf seine kleine Nichte übergeht. HALLOWEEN H20, noch so ein Parade-Selectquel, ignorierte die Geschehnisse von Teil 4 bis 6 vollständig und strich die Nichte ebenso aus der Chronologie wie die Tatsache, daß Strode laut dem vierten Teil bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. Der Unterschied zu früher ist beim neuen HALLOWEEN nur der, daß das Revidieren früherer Handlungsstränge diesmal als Alleinstellungsmerkmal beworben wird, anstatt es unter den Teppich zu kehren.

Da ist es ganz klar, daß Michael Myers auch diesmal wieder nach Haddonfield zurückkehren muß, um sein Mordwerk fortzusetzen. 1978, also im Originalfilm, brachte der psychopathische Killer, der schon als Kind seine Schwester ermordete, zur Halloweennacht mehrere Teenager um, bis er von der wehrhaften Laurie Strode zur Strecke gebracht werden konnte. 40 Jahre verbrachte er seitdem in einer Anstalt, ohne ein Wort zu sprechen. Sein damaliger Arzt Loomis ist längst verstorben, mittlerweile ist Myers in der Obhut von Loomis' ehemaligem Schüler Sartain. Als Michael in eine andere Anstalt überführt werden soll, kann er ausbrechen ("Er ist jetzt nicht mehr apathisch", stellt der psychoanalytische Fachmann hilfreich fest). Bei seiner Rückkehr nach Haddonfield wird er wieder auf Laurie Strode treffen, die sich in den letzten Jahrzehnten so verbissen auf das kommende Böse vorbereitet hat, daß darüber die Beziehung mit ihrer eigenen Tochter zerbrach.

Laurie Strodes Enkelin Allyson (Andi Matichak).

HALLOWEEN ist ein Film, der nur in einem ständigen Bezug zur Vergangenheit existiert – und das nicht nur, weil beständig von den Geschehnissen von vor 40 Jahren gesprochen wird und der Streifen als Rückbesinnung auf eine Geschichte von 1978 konzipiert ist. Von vorne bis hinten ist der Film von einem Nachhall des Originals durchzogen – angefangen bei der Schrift des Vorspanns über die vertraute Musik hin zur Übernahme des vertrauten Slasher-Musters. Wir sehen die alte Jamie Lee Curtis wieder (vielleicht die größte Bank dieses Film, dieser lässigen Lady wieder einmal die Leinwand zu überlassen), wir erinnern uns an Loomis, in einem Gastauftritt taucht Schauspielerin P.J. Soles auf, einst Opfer im Originalfilm. Die Verbeugung vor dem Urfilm geht so weit, daß manche Einstellungen als direkte Zitate oder Umkehrungen eingesetzt werden – wenn beispielsweise Strodes Enkelin in der Schule aus dem Fenster schaut und ihre Großmutter sieht (im ersten HALLOWEEN war es Strode, die draußen Myers sah), oder wenn der Schluß des ersten Films quasi auf den Kopf gestellt wird. Da können noch so modern die Podcaster anreisen, um die Myers-Story als True-Crime-Reißer aufzuziehen: Dieser HALLOWEEN ist eine absolute Nostalgieveranstaltung, die nichts mit dem Jahr 2018 zu tun hat.

In diesem rückwärtsgerichteten Blick ergibt sich ein kurioser Effekt: Obwohl der Film so dezidiert alle anderen HALLOWEEN-Filme aus dem Gedächtnis streichen will, bedient er sich dann doch recht unbekümmert bei allem, was sie so zu bieten hatten. Das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Strode und Myers, das in HALLOWEEN II erzählt wurde, wird in einem Gespräch aufgegriffen und als Legende abgetan - aber im Finale kämpfen drei Strode-Generationen gegen den Killer, dessen sonst so willkürlichen Angriffe nur hier eine persönliche Komponente haben. Als Gag sind einmal die Horrormasken aus HALLOWEEN III zu sehen, der nicht einmal etwas mit Michael Myers zu tun hatte. Die Geschichte um die von den Ereignissen traumatisierte Laurie Strode wurde in HALLOWEEN H20 bereits erzählt. Die Schlußeinstellung weckt Erinnerungen an HALLOWEEN 4, ebenso wie eine Mordsequenz an einer Tankstelle. Und die Podcaster, die mit der Faszination des Bösen ihr Geld machen, wirken wie entfernte Verwandte der Loomis-Interpretation von Rob Zombie, der den Arzt als Selbstdarsteller inszenierte, der als True-Crime-Autor von der Myers-Story profitiert. Eigentlich macht HALLOWEEN im Jahr 2018 also nichts anderes als all die Jahre davor: Es wird eben entliehen und gestrichen, was gerade paßt oder stört.

Weil HALLOWEEN so sehr in seiner eigenen Vergangenheit steckt, ist der Film leider auch durch die Bank ambitionslos: Es soll das Gefühl von früher wiederhergestellt werden, weshalb sämtliche interessanten Ansätze im Keim erstickt werden. Natürlich bewegten sich auch die früheren Sequels durch vertrautes Terrain, aber sie waren mit einigen Ansätzen verknüpft, mit der Myers-Geschichte irgendwohin zu kommen, sie auszuweiten, andere Protagonisten dafür zu finden oder sie ganz aus ihrem gewohnten Trott zu reißen (siehe HALLOWEEN III und Rob Zombies HALLOWEEN II). Im vorliegenden Update hat man wahrlich schon alles gesehen. Sicher, Regisseur David Gordon Green erzählt eine funktionierende Geschichte und formt einige schöne Sequenzen – aber ihm fehlt die inszenatorische Präzision von John Carpenter ebenso wie der Wille, sich die Story irgendwie zu eigen zu machen. Sein HALLOWEEN ist eine Coverversion der Offensichtlichkeiten: Das Trauma von Strode ist hier so deutlich ausbuchstabiert, daß sie eine Waldhütte mit Waffenarsenal baut und wie Sarah Connor ihr Kind auf die Apokalypse vorbereitet – aber so keine interessanten Einblicke in ein tatsächliches Trauma bietet. Auch eine Horror-Fortsetzung darf seine Figuren differenzierter zeichnen.

Laurie Strode (Jamie Lee Curtis) bereitet sich und ihre Familie wie Sarah Connor auf das kommende Böse vor.

Ich darf das Wort an meinen Podcast-Partner Dr. Wily übergeben, der noch ein paar Gedanken zur Haltung des Films festhalten will:

Was diesen neuen HALLOWEEN durchzieht, ist in erster Linie Traditionalismus. Die Menschen wollen dasselbe wie früher, also orientiert sich der Film an Carpenters Original. Wer definiert und entscheidet, daß die Leute das wollen, bleibt ungeklärt – die Filmemacher, die das vom Publikum annehmen, oder das Publikum, das immerhin in acht Fortsetzungen gelaufen ist, um den neuen Film erst zu ermöglichen. Aktuell hat das Traditionelle auch automatisch den Nimbus der Qualität. Erprobter Qualität. Weil es eben schon einmal funktionert hat. Neues ist zu unsicher. Zu verunsichernd. Aber das ist eigentlich genau das, was Horrorkino tun soll. Verunsichern.

Ich habe das Gefühl, daß es da auch um ein gesellschaftliches Element geht. Auch dort erleben wir eine Bewegung hin zum Bewährten, zum Konservativen, zum Traditionellen. Das soll Sicherheit vermitteln und geben. Es wird etwas gesucht, auf das man sich verlassen kann, während die Welt um uns herum in immer kleinere und virtuellere Subkulturen und ausdiffenzierte Filterblasen zersplittert.
Ein Monster wie Michael Myers bietet dagegen ein sichtbares Feindbild, das man attackieren und besiegen kann – anders als potentiell gefährliche Ideologien oder Gewaltphantasien in Köpfen von Menschen, die noch dazu aussehen wie wir alle und wie wir sie in aktuellen Horrorgeschichten wie etwa der PURGE-Reihe sehen.

Vielleicht ist also auch der gute alte Michael Myers von 1978 ein Monster, das mittlerweile der Sehnsucht entspringt. Nach einer Welt, in der die Dinge noch überschaubarer und kontrollierbarer waren. Die Monster aus THE PURGE kann man nicht besiegen. Man entkommt ihnen bestenfalls. Und das auch nur bis zum nächsten Jahr.


Mehr HALLOWEEN auf Wilsons Dachboden:
HALLOWEEN - RESURRECTION: Kein Nerv für echten Horror
Das Böse lebt im Remake fort: Rob Zombies HALLOWEEN
Der Soundtrack zu HALLOWEEN: Nervenaufreibender Minimalismus
HALLOWEEN II - Der bekannte Soundtrack im kälteren Sounddesign
Lichtspielplatz #1 - John Carpenter (Podcast)
Lichtspielplatz #3 - Die HALLOWEEN-Sequels (Podcast)




Halloween (USA 2018)
Regie: David Gordon Green
Buch:David Gordon Green, Danny McBride, Jeff Fradley
Musik: John Carpenter, Cody Carpenter, Daniel Davies
Kamera: Michael Simmonds
Darsteller: Jamie Lee Curtis, Judy Greer, Andi Matichak, Nick Castle, James Jude Courtney, Haluk Bilginer, Will Patton, Virginia Gardner, Rhian Rees, Jefferson Hall

Alle Photos: Ryan Green - (C) Universal Pictures

Mit Faye Resnicks Buch begann die schier endlose Serie an Büchern über den Fall O.J. Simpson. Dessen Ex-Frau Nicole Brown Simpson wurde am 12. Juni 1994 zusammen mit einem Bekannten, Ron Goldman, ermordet aufgefunden, und der Hauptverdächtige war Simpson selber. Ein wahnwitziger Medienrummel begann, der Prozeß um den beliebten Ex-Football-Star wurde zum Fernsehereignis. Die Gerichtsverhandlung endete 1995 nach neun Monaten mit einem Freispruch, aber der ungeklärte Fall hielt die Öffentlichkeit dennoch in Atem. Über die Monate und Jahre hinweg erschienen immer mehr Bücher – von den meisten Beteiligten, von Journalisten, von Detektiven und Experten, von so ziemlich jedem, der irgendwie mit den Geschehnissen in Verbindung gebracht werden konnte, und von einigen anderen, bei denen das ganz und gar nicht der Fall war. Als enge Freundin von Nicole Simpson hatte Faye Resnick die Nase vorn: Ihre Enthüllungsschwarte NICOLE BROWN SIMPSON: THE PRIVATE DIARY OF A LIFE INTERRUPTED erschien im September 1994, ganze drei Monate nach den Morden und über drei Monate vor dem eigentlichen Beginn des Prozesses.

Angesichts des Veröffentlichungszeitpunkts ist auch von vornherein klar, was von dem Buch zu erwarten ist: Klatsch und Tratsch, Fakten lagen ja zwangsläufig noch keine vor. Resnick selber wird in ihrer Autorenbiographie als "Beverly Hills socialite" vorgestellt, ihr Co-Autor Mike Walker, Kolumnist für das Regenbogenblatt National Enquirer, als "media expert on the O.J. Simpson murder trial". "It's more than sensational!", frohlockt der Klappentext, der für Resnicks Erzählungen unter anderem in Aussicht stellt, daß der geneigte Leser erfährt, wie Nicole "the one sexual 'taboo' O.J. had forbidden" beging. Kein Wunder, daß das Buch zum sofortigen Bestseller wurde – und Richter Lance Ito die Geschworenenauswahl pausierte, weil er erst abwägen wollte, ob Resnicks Geschichte potentielle Jurymitglieder zu sehr beeinflussen könnte.

Für Resnick steht völlig außer Frage, daß O.J. der Täter war. Sollten darüber Zweifel herrschen, zeichnet schon ein Absatz auf Seite 9 über einen Streit den Mann als Jeckyll-und-Hyde-Monster, der es schlicht gewesen sein muß: "O.J.'s face twitched uncontrollably. His body language was extremely aggressive. Horrified, I watched as sweat poured down his face. The veins in his neck bulged. His cheekbones bunched up, twitching beneath his skin. He ground his teeth in rage and hissed at me, 'Goddamned bitch! Why the fuck does she do this?"

An schmackhaftem Material herrscht auf den 235 übrigen Seiten wahrlich kein Mangel. Resnick berichtet, wie sie und Nicole nach deren Scheidung durch die Clubs auf Männerfang gingen und hat dazu natürlich auch die eine oder andere beiläufige Sexgeschichte parat. Sie erzählt von ihrer eigenen Kokainabhängigkeit, die sie kurz vor Nicoles Tod zum dritten Mal zum Entzug zwang. Sogar eine einmalige lesbische Liaison zwischen ihr und Nicole steht auf dem Programm. Und natürlich hat sie stets noch eine Anekdote auf Lager, in der O.J. sich als kontrollsüchtiger Ehemann aus der Hölle entpuppte. (Es soll die traurige Tatsache nicht heruntergespielt werden, daß O.J. wohl tatsächlich seine Frau mißhandelte – aber das Ausmaß ist fraglich, ebenso wie der Zusammenhang mit den Morden, und im reißerischen Tonfall der Resnick-Schwarte liegt sicherlich keine Erkenntnis darüber.)

Gleich zwei Rechtfertigungen hat Resnick für die Zurschaustellung des Privaten. Im Nachwort richtet sie sich an Opfer häuslicher Gewalt, die sie zum Handeln auffordert und dazu auch diverse Adressen und Telefonnummern anbietet, damit Nicoles tragisches Ende gewissermaßen nicht umsonst bliebe: "Nicole didn't get out. You can." Und von Beginn an stellt sie sich als Sprachrohr für die Frau hin, die ihre Geschichte nie würde erzählen können. Ob diese Frau so begeistert gewesen wäre, daß intimste Details aus ihrem Privatleben zu Geld gemacht werden, darf natürlich bezweifelt werden. "Nicole and I had many conversations and discussed many events that were meant to be private forever", erklärt Resnick noch im Vorwort, um ihr "Insiderwissen" zu unterstreichen – aber über die Bedeutung dieser Worte hat sie offenbar nie nachgedacht.


Mehr über O.J. Simpson auf Wilsons Dachboden:
I WANT TO TELL YOU: Wie O.J. Simpson während seines Prozesses an die Öffentlichkeit ging
IF I DID IT: Das Pseudo-Geständnis von O.J. Simpson
O.J. SIMPSON: THE LOST CONFESSION? - Das Interview zum Pseudo-Geständnis



Roberto Benigni als Clouseau-Sohn Jacques Gambrelli

"The real curse of the Pink Panther series", schrieb Roger Ebert 1983 in seiner Kritik zu DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS, "seems to be Blake Edwards's compulsion to continue the series long after any real occasion for it." Nachdem Peter Sellers 1980 gestorben war, ließ Edwards gleich zwei Fortsetzungen folgen, DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT und besagter FLUCH – und beide wurden sowohl von der Kritik als auch vom Publikum abgelehnt. Das ließ Edwards' Interesse an der Filmreihe aber keinesfalls abflauen: Er verklagte das Studio, die Veröffentlichung von DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS falsch gehandhabt zu haben, die antworteten mit einer Gegenklage wegen Budgetüberziehungen bei beiden Filmen. Edwards wiederum klagte wegen übler Nachrede.

Kein Wunder eigentlich, daß das Studio MGM zunächst nichts von seinem geplanten Projekt DER SOHN DES ROSAROTEN PANTHERS wissen wollte – sie gaben lieber einen TV-Film in Auftrag, THE NEW PINK PANTHER, in dem ein TV-Journalist im Stil von ROGER RABBIT zusammen mit dem aus den Filmvorspännen bekannten Cartoon-Panther ermitteln sollte, aber der von Gary Nelson inszenierte Streifen mit Charlie Schlatter in der Hauptrolle wurde nie ausgestrahlt. Edwards hielt derweil an seinem SON OF THE PINK PANTHER fest, zunächst mit Kevin Kline als Protagonist – der aber dann nach Studium des Drehbuchs befand, daß die Sache einfach nicht funktionieren würde (diese weise Voraussicht verließ ihn leider 2006, als er als Inspektor Dreyfus im Remake von DER ROSAROTE PANTHER auftauchte). Dann wurde Rowan Atkinson gefragt, den Edwards schon für den FLUCH haben wollte – damals war der Brite zu unbekannt, diesmal urteilte er (ebenso korrekt), daß niemand Peter Sellers ersetzen könne. Nachdem eine Zeitlang noch Gérard Depardieu im Gespräch war, erhielt letztlich der Italiener Roberto Benigni die Hauptrolle, der 1991 in Italien mit ZAHNSTOCHER JOHNNY einen Hit gelandet hatte.1993 kam also DER SOHN DES ROSAROTEN PANTHERS - 30 Jahre nach dem ersten Film.

Der Titel läßt auch schon ahnen, in welche Richtung die Geschichte weitergehen wird: Statt des verschwundenen Inspektors Clouseau steht nun sein Sohn im Mittelpunkt. Der entstand aus einer kurzen Liaison zwischen Clouseau und der Tatverdächtigen Maria Gambrelli (siehe EIN SCHUSS IM DUNKELN) – aber der Sohnemann Jacques weiß gar nicht, wer sein Vater ist, weil seine Mutter es vor ihm geheim hält. Jacques arbeitet als einfacher Streifenpolizist in einer kleinen französischen Stadt – und wird in die Entführung der Prinzessin Yasmin aus Lugash hineingezogen, die von Söldnern geschnappt wurde, damit ihr Vater abdankt. In den Ermittlungen ist auch der alte Chefinspektor Dreyfus tätig, der von der Ungeschicktheit von Jacques Gambrelli nervlich fast ebenso in Mitleidenschaft gezogen wird wie seinerzeit von der von Clouseau …

Burt Kwouk als Cato
Burt Kwouk noch einmal als Cato - eine Rolle, die er 29 Jahre vorher
in EIN SCHUSS IM DUNKELN zum ersten Mal gespielt hat.

Ich habe eine gewisse Faszination für solch späte Fortsetzungen, bei denen eigentlich jeglicher narrativer Impuls schon längst abhandengekommen ist: Man sieht den liebgewonnenen Schauspielern in ihren Rollen beim Altern zu, was sie sehr menschlich macht, und kann gleichzeitig den Bemühungen folgen, wie wider jeder Vernunft einfach weitergemacht wird – im marktorientierten Filmschaffen sind es dann ausgerechnet diese dem Erfolg der früheren Werke geschuldeten Fortführungen, die sich irgendwie querstellen.

Man merkt es schon an der Zusammenfassung, daß der Geist von Peter Sellers wie schon bei den vorigen beiden Filmen auch schwer über DER SOHN DES ROSAROTEN PANTHERS hängt. Nach Clifton Sleigh aus DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS ist Jacques Gambrelli der nächste Clouseau-Klon: ein tolpatschiger Polizist, der seine Mission nur durch Zufall und Glück schafft. Auch er darf durch die altbekannten Stationen des Pink-Panther-Kosmos stapfen: Die Auseinandersetzungen mit Chefinspektor Dreyfus, der von Jacques' Unglück immer wieder in Mitleidenschaft gezogen wird; die Begegnung mit Clouseaus altem Diener Cato, der noch einmal als Gehilfe mitreisen darf; der Besuch bei Verkleidungskünstler Auguste Balls, der wieder absolut haarsträubende Kostüme beisteuert (und ein tatsächliches Clouseau-Outfit!). Maria Gambrelli wird nicht wie in EIN SCHUSS IM DUNKELN von Elke Sommer, sondern von Claudia Cardinale gespielt, die im allerersten Panther-Film als Prinzessin von Lugash dabei war – die Kombination aus Figur und Schauspielerin verweist also gleich auf zwei alte Filme.

Clouseau-Sohn Jacques Gambrelli als Frauenschwarm
Wie Papa Clouseau ist auch Jacques Gambrelli (Roberto Benigni) ein Frauenschwarm -
zumindest für Prinzessin Yasmin (Debrah Farentino).

Es wäre halb so tragisch, wenn der Film wenigstens Vergnügen bereiten würde. Aber Edwards' Einfälle sind mittlerweile verbraucht, seine Slapstick-Szenen haben – von zwei, drei kurzen Sequenzen abgesehen – wenig Inspiration und keinen Biß mehr. Der Plot um die Palastrevolte zieht meilenweit am Zuseher vorüber, die Verstrickungen bleiben uninteressant. Und auch das wäre noch zu verkraften, wenn nicht Benigni in der Hauptrolle völlig fehlbesetzt wäre: Er ist ein Clown, der wenig Ähnlichkeit mit einem tatsächlichen Menschen hat. Benigni hampelt wie ein Alien durch die Szenerie und bittet förmlich um jeden Lacher, und er hält den Zuseher damit auf allerhöchster Distanz. Sellers' Witz entstand unter anderem dadurch, daß er so unscheinbar wirkte – so solide und bodenständig, wenn man ihn nur ansah, und auf gewisse Weise vertrauenswürdig; dazu kam die Gelassenheit, die er selbst angesichts größter (und meist von ihm selbst ausgelöster) Katastrophen an den Tag legte. Benigni ist ein Nervenbündel mit aufgesetzten Ticks und Manierismen, und seine Figur ist nicht mehr als eine Idee.

Die Traurigkeit, die über dem Sellers-Tribut DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT hing, ist hier wieder allzu greifbar: Jede Sekunde des Films macht klar, warum einem Peter Sellers fehlt. DER SOHN DES ROSAROTEN PANTHERS mag als "Reboot" intendiert gewesen sein, als dieser Begriff noch nicht in Mode war, aber stattdessen sieht man zu, wie der alte Blake Edwards die Erfolge seiner früheren Tage nochmal zu fassen versucht und kläglich scheitert. Es war sein letzter Kinofilm – und ebenso der letzte Kinofilm von Panther-Stammkomponist Henry Mancini, der 1994 starb.

Dreyfus verliebt sich in Maria Gambrelli
Für seine ganzen Qualen darf sich Chefinspektor Dreyfus (Herbert Lom)
im achten und letzten Panther-Film in Claudia Cardinale verlieben.

Eine Prise Herz bringt ausgerechnet Herbert Lom in den Film, dessen Dreyfus hier gewissermaßen altersmilde geworden ist. Er wird von Clouseau Junior nicht mehr in den Irrsinn getrieben, sondern muß nur noch diverse Unfälle über sich ergehen lassen, für die er einem irgendwie leidtut. Dann verliebt er sich in Maria Gambrelli und muss damit klarkommen, vielleicht der Stiefvater dieses Clouseau-Nachwuchses zu werden. Der 75-jährige Lom hat sichtliche Freude daran, einmal eine herzliche Seite ausspielen zu können. Vielleicht muß man es also so sehen: Wenn DER SOHN DES ROSAROTEN PANTHERS sonst schon nichts war, dann wenigstens ein kleines Geschenk an Lom. Es ist wohl der Gedanke, der zählt.


Mehr aus der DER-ROSAROTE-PANTHER-Reihe auf Wilsons Dachboden:
DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT: Ein Flickwerk-Tribut an Peter Sellers
DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS: Ein neuer Inspektor auf alten Pfaden

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Der Sohn des rosaroten Panthers (USA/Italien 1993)
Originaltitel: Son of the Pink Panther
Regie: Blake Edwards
Buch: Blake Edwards, Madeline Sunshine, Steven Sunshine
Kamera: Dick Bush
Musik: Henry Mancini
Darsteller: Roberto Benigni, Herbert Lom, Claudia Cardinale, Burt Kwouk, Debrah Farantino, Jennifer Edwards, Robert Davi, Graham Stark
Ted Wass als Clouseau-Ersatz Clifton Sleigh

Nach Peter Sellers' Tod wollte Blake Edwards die Figur von Inspektor Clouseau nicht neu besetzen, obwohl eine kurze Zeitlang Dudley Moore im Gespräch für den geplanten ROMANCE OF THE PINK PANTHER war. Stattdessen wollte Edwards eine neue Figur einführen, um die PINK-PANTHER-Reihe fortzuführen. Mit DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT sollte ein Übergangsfilm als Abschied von Peter Sellers geschaffen werden, der den Clouseau in fünf vorigen Filmen spielte. Der zeitgleich gedrehte und ein Jahr später veröffentlichte DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS stellte dann die neue Hauptfigur vor: einen New Yorker Polizisten namens Clifton Sleigh, gespielt von Ted Wass, der zuvor in vier Staffeln der Sitcom SOAP – TRAUTES HEIM zu sehen war. (Tatsächlich wurde Dudley Moore auch für die Rolle angefragt – aber der hatte mittlerweile mit ARTHUR – KEIN KIND VON TRAURIGKEIT einen immensen Hit landen können und wollte sich für keine Filmreihe verpflichten.)

Die Handlung von DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS (im Original entsprechend CURSE OF THE PINK PANTHER) knüpft direkt an den "Übergangsfilm" DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT an: Chefinspektor Clouseau bleibt verschwunden, der titelgebende gestohlene Diamant ebenso. Per Computer soll ein brillanter Detektiv ermittelt werden, der Clouseau aufspüren soll – und weil Chefinspektor Dreyfus (Herbert Lom) sehr glücklich über Clouseaus Abwesenheit ist, manipuliert er den Computer, so daß der den ungeeignetsten Polzisten der Welt ausspuckt: besagten Sgt. Sleigh.

Clifton Sleigh sucht Familie Litton auf
Zwanzig Jahre nach DER ROSAROTE PANTHER schlüpfen Robert Wagner (links),
Capucine und David Niven (rechts) noch einmal in ihre bekannten Rollen.

Und so begibt sich der Film wie schon sein Vorgänger auf eine Tour durch Clouseaus Vergangenheit (und die der Filmreihe). Sleigh besucht Clouseaus Apartment, das mittlerweile von dessen Diener Kato (Burt Kwouk) zu einem Wachsfigurenkabinett umgewandelt wurde. Er sucht den Verkleidungskünstler Prof. Balls (Harvey Korman) auf, bei dem sich Clouseau seine absurden Kostüme beschafft hat. Und er besucht den Juwelendieb Sir Charles Litton (David Niven) und dessen Frau Simone (Capucine), die ja einst mit Clouseau verheiratet war – und trifft dort auch Littons Neffen George (Robert Wagner), der ebenfalls im allerersten PINK-PANTHER-Film eine Rolle spielte. Und Dreyfus? Der leidet unter Sleighs Ungeschicktheit ebenso wie seinerzeit unter der von Clouseau, weswegen sein Nervenkostüm ihn auch diesmal wieder in mörderische Rage bringt.

Edwards' Wunsch, eine neue Figur zu etablieren, mutet angesichts des abgeschrittenen Terrains fast bizarr an. Sleigh ist wahrlich ein Clouseau-Klon: ein ungeschickter und inkompetenter Ermittler, bei dem jedes Mißgeschick zur heillosen Katastrophe heranwächst und der seinen Vorgesetzten in den Wahnsinn treibt. Nur die hoffnungslose Selbstüberschätzung Clouseaus und seine sprachlichen Verunstaltungen wurden nicht übernommen. Hauptdarsteller Ted Wass stürzt sich mit Hingabe in die Slapstick-Szenen und hat auch das Talent für Comedy-Timing – aber er gibt seiner Figur keinen Zentimeter Persönlichkeit. Wie könnte er auch, wenn der Figur schon im Skript nichts Eigenes mitgegeben wurde?

Herbert Lom als Chefinspektor Dreyfus
Und wieder wird er wahnsinnig: Chefinspektor Dreyfus (Herbert Lom).

Auch sonst hängt der Geist von Peter Sellers über dem Film wie der titelgebende Fluch – beziehungsweise: Die Abwesenheit von Sellers ist ständig spürbar. Sleigh darf ja gar kein eigenes Abenteuer erleben, sondern muß auf den Spuren von Clouseau wandeln, und als wäre das Abgrasen der bekannten Orte und Personen noch nicht genug, dreht sich auch die Handlung selber immer noch um den verschwundenen Clouseau. Zum Schluß taucht Clouseau sogar nochmal auf – jetzt, nach einer Operation, in Gestalt von Roger Moore, der bei allem Bemühen zeigt, dass man Peter Sellers schlichtweg nicht imitieren kann. Blake Edwards beweist hier gewissermaßen, warum er sich an seine eigene Weigerung, die Figur neu zu besetzen, hätte halten sollen. (Moore, der seine Szenen während einer OCTUPUSSY-Drehpause spielte, taucht übrigens nur unter dem Pseudonym "Turk Thrust II" auf – in Anlehnung an Moores Freund Bryan Forbes, der in EIN SCHUSS IM DUNKELN als "Turk Thrust" auftauchte.)

Allem Unverständnis über das Konzept zum Trotz muß aber doch festgehalten werden, daß DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS seinen schlechten Ruf nicht vollständig verdient hat: Von allen PINK-PANTHER-Filmen nach Sellers' Tod ist er bei weitem der witzigste. Es gibt eine ganze Reihe von Szenen, die wirklich vergnüglich sind – zum Beispiel der ausgedehnte Kampf, den Sleigh mit einer aufblasbaren Gummipuppe vollzieht, die er als Pseudo-Begleiterin mit sich zerrt, oder die Kraftdemonstration des Ninjas Mr. Chong (der schon in DER IRRE FLIC MIT HEISSEM BLICK auftauchte und wieder von Karatemeister Ed Parker gespielt wird), oder eine Auseinandersetzung mit Wind, Regenschirm und Gepäck am Flughafen. Aller Vertrautheit des Schemas zum Trotz: DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS ist amüsant.

Sgt. Sleigh und seine "Instant-Begleitung"
Clifton Sleigh (Ted Wass, l.) und seine "Instant-Begleitung" - der leider die Luft ausgeht ...

Ted Wass wurde seinerzeit für sechs PINK-PANTHER-Filme unter Vertrag genommen. In den nächsten Filmen wäre die Handlung dann nach New York verlagert worden, die Clouseau-Entourage mit Kato, Dreyfus und allen anderen wäre nicht weiter aufgetaucht. Terry Marcel (HAWK – HÜTER DES MAGISCHEN SCHWERTES) wäre als Regisseur des nächsten Films geplant gewesen, der von Edwards' Sohn Geoffrey und Sam Bernard geschrieben worden wäre. Die Verrisse von DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS und sein schlechtes Abschneiden an den Kinokassen machten jedoch alle diese Pläne zunichte, und Edwards verbrachte mehrere Jahre damit, im Rechtsstreit gegen das Studio vorzugehen, das seiner Ansicht nach die Veröffentlichung des Films vergeigt hatte. Auch die Kinokarriere von Ted Wass ging zu Ende, bevor sie überhaupt angefangen hatte – aber immerhin konnte er sich ab den Neunzigern als gefragter Sitcom-Regisseur etablieren, der bei zahlreichen Folgen von Serien wie BLOSSOM, CHAOS CITY, RULES OF ENGAGEMENT und 2 BROKE GIRLS die Spielleitung übernahm.

Rückblickend betrachtet ist eigentlich klar, warum das Konzept nicht aufging: Gleich zwei Übergangsfilme zur Verabschiedung eines Schauspielers, ohne den sich niemand die Reihe weiter vorstellen konnte, und zur Einführung einer Figur, die einfach zu sehr an die vorige erinnerte, vermitteln selbst den größten Fans nicht gerade Zuversicht, dass der Serie eine große Zukunft bevorsteht. Bei aller Zuneigung, die ich diesem ungeliebten Film gegenüber habe: Es ist wohl doch besser, dass Edwards seine Talente danach wieder in eigenständige Geschichten steckte.


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Der Fluch des rosaroten Panthers (England 1983)
Originaltitel: Curse of the Pink Panther
Regie: Blake Edwards
Buch: Blake Edwards, Geoffrey Edwards
Kamera: Dick Bush
Musik: Henry Mancini
Darsteller: Ted Wass, David Niven, Robert Wagner, Capucine, Herbert Lom, Joanna Lumley, Robert Loggia, Harvey Korman, Burt Kwouk, Roger Moore, Graham Stark, André Maranne, William Hootkins, Joe Morton, Bill Nighy