2017

Dämon Mike Lane in DEMON KEEPER

Okkultist Remy Grilland schiebt eine ruhige Kugel: Mit schönen Spukshows zockt er die Reichen und Schönen dieser Welt ab und gaukelt ihnen dafür Kontakte zum Jenseits vor. Zu seinem nächsten Gig hat seine Kundschaft leider noch einen anderen Gruselprofi eingeladen: Alexander Harris, der als Experte in übersinnlichen Angelegenheiten sofort merken würde, dass Grillands Seancen nicht mehr als heiße Luft bieten. Um nicht aufzufliegen, buddelt unser vermeintlicher Geisterflüsterer ein obskures Ritual der schwarzen Magie aus: Harris ist damit nicht vertraut und würde also nicht merken, daß alles nur gestellt ist. Man sollte meinen, daß der Profi das Ritual vielleicht am Resultat bewerten könnte, aber in dieser Angelegenheit hat Grilland Glück: Der Zauber ist echt, und prompt zieht ein Dämon durch die spiritistische Gesellschaft.

Besagter Dämon heißt Asmodeus und ist vor allem ungehalten darüber, daß er nach einigen hundert Jahren Schlaf – genaugenommen seit den Hexenverbrennungen, die im Vorspann zu sehen sind – so unsanft geweckt wurde. Man kann diesen Unmut gut nachvollziehen, möchte den Herrn Dämon aber gleichzeitig darauf hinweisen, daß es mit dem Schlaf erst recht nichts mehr wird, wenn er sich jetzt allzu sehr aufregt.

Die ersten Opfer des Dämons: Zwei hübsche junge Damen
Dämonische Rituale vor dem Kamin!

Aber zu spät: Asmodeus ergreift nach und nach von den Menschen im Haus Besitz, indem er ihre Schwächen ausnutzt, und lässt sie sich gegenseitig umbringen. Sein erstes Opfer ist eine hübsche Blonde, die gerade eine nackte Schwarzhaarige vor dem wohlig knisternden Kamin massiert. Ich kann verstehen, warum der Dämon solch liebreizende Gesellschaft sucht.

Überhaupt scheint der garstige Dämon eine Schwäche für leichtbekleidete Damen zu haben. Schon im Hexen-Prolog hat er sich in einer hübschen Lady eingenistet, später im Film wird er sich ausführlich um ein nettes Fräulein kümmern, der er zärtlich die höllische Hand auf die Brust legt. Sie zerquetscht wenig später ihren Liebhaber zwischen ihren Schenkeln – selbst ein müder Dämon will sich beim Morden eben nicht nur langweilen.

Der Dämon und eines seiner leichtbekleideten Opfer
"Shall I compare thee to a summer's day? Thou art more lovely and more temperate ..."

Das überläßt er dann doch lieber dem Zuseher, der verzweifelt versucht, diese Ansammlung von Pappkameraden und –kameradinnen soweit auseinanderzuhalten, daß man halbwegs Überblick bewahren könnte, wieviele Mitglieder der Spiritistengruppe denn überhaupt noch am Leben sind. Es hilft freilich nicht, daß sich die Leutchen, obwohl im Spukhaus das große Massensterben einsetzt, stets zurückziehen, um in sich zu gehen oder sich auf die eine oder andere Weise aneinander zu reiben. Kleinliche Geister könnten auch anmerken, daß die Figuren, damit Asmodeus ihre charakterlichen Schwächen ausnützen kann, überhaupt erst mal mit Charaktereigenschaften ausgestattet sein müßten – aber wenigstens kümmert sich der Dämon dienstbeflissen um seine Arbeit, wenn es der Drehbuchautor schon nicht macht.

Okkultismusexperte Alexander Harris wird übrigens von KAMPFSTERN-GALACTICA-Star Dirk Benedict gespielt, der zu jedem Satz die Augen so weit aufreißt, als wäre er gerade mit der Gabel in die Steckdose gekommen. Produziert wurde die in Zimbabwe gedrehte Sause von Maurice Smith (der sich dank SCREWBALLS mit verlockenden Kurven auskennt) und Roger Corman (der, räusper, diesmal offenbar nicht ganz so viel Geld springen ließ wie sonst immer). Nach 71 Minuten – inklusive Abspann! – ist der Spuk aber auch schon wieder vorbei. Gute Nacht, lieber Dämon.



Demon Keeper (USA 1993)
Regie: Joe Tornatore
Buch: Mikel Angel
Kamera: Tom Denove
Musik: Keith Farquharson
Darsteller: Dirk Benedict, Edward Albert, Katrina Maltby, Jennifer Steyn, Claire Marshall, Diane Nuttall, Elsa Martin, Mike Lane

Die Screenshots stammen von der US-DVD (C) 2004 Concorde New Horizons Corp.
Gal Gadot als WONDER WOMAN

Im folgenden Gastbeitrag berichtet Podcast-Kollege Dr. Wily von der Comicverfilmung WONDER WOMAN: Die Geschichte eines Kindes, das erwachsen wird.



Auf Themyscira, der Insel, auf der das Kriegervolk der Amazonen lebt und die im Ozean unserer Welt hinter einer Nebelwand verborgen liegt, gibt es einen Mythos: Die Amazonen seien von Göttervater Zeus geschaffen worden, um die Welt vor dem Kriegsgott Ares zu schützen. Sollte Ares wiederkehren, ist es Aufgabe der Amazonen, ihn zu töten und damit seine Macht und Herrschaft zu beenden. Dieser Mythos ist identitätsstiftend für die Amazonen, vor allem aber für Diana (Gal Gadot), die Tochter der Königin. Daß Diana aufgrund ihrer Herkunft etwas Besonderes ist, erfahren wir als Zuschauer sehr bald. Diana selbst weiß nichts davon und wird erst am Ende des Films mit dieser Wahrheit konfrontiert. Ihre Mutter will sie aber deshalb von allen Gefahren fernhalten und verweigert ihr zunächst sogar die bei den Amazonen obligatorische Kampfausbildung - nur um dann doch unter der Bedingung einzuwilligen, daß Diana härter trainiert wird als jede Amazone zuvor.

Der Ruf der Heldin erfolgt durch den Absturz des Piloten Steve (Chris Pine) auf Themyscira. Wir und die Amazonen erfahren, daß wir uns im Jahre 1917 befinden und außerhalb des Inselparadieses der erste Weltkrieg tobt. Steve, ein britischer Pilot, konnte den Deutschen geheime Pläne über deren neue Gaswunderwaffe abluchsen. Diana erkennt, daß dieser Krieg, von dem die Amazonen nichts mitbekommen haben, die vom Mythos prophezeihte Rückkehr von Ares ist, und daß die Zeit gekommen ist, die Aufgabe der Amazonen zu erfüllen. Sie beschließt, mit Steve mitzugehen und sich dem Kriegsgott zu stellen.

Gal Gadot als "Wonder Woman" Diana
Im Kampf gegen Kriegsgott Ares: "Wonder Woman" Diana (Gal Gadot).

WONDER WOMAN ist im Kern die Geschichte eines Kindes, das erwachsen wird. Wir erzählen Kindern Märchen und Geschichten vom bösen Wolf oder der Hexe, in denen das Böse in einer Figur lokalisiert ist und durch das Ausschalten dieser Person das Böse aus der Welt geschafft werden kann. Meistens leben dann alle "glücklich bis an ihr Lebensende". Je älter wir werden, desto mehr lernen wir, daß es so einfach nicht ist.

Dianas Entwicklung ist dieselbe. Sie zieht mit der Weltsicht eines Kindes aus und muß am Ende der Geschichte feststellen, daß die Welt nicht so einfach zu fassen und das Böse nicht so einfach zu besiegen ist, wie es der Mythos ihr glauben machte. Der Ares, den sie bekämpfen muss, ist in WONDER WOMAN eine diabolische Figur, der die Menschen verführt und manipuliert, mit dem Ziel, deren wahren, zutiefst menschlichen Kern herauszuschälen und sie sich selbst vernichten zu lassen.

Robin Wright als Amazone Antiope
Eine Amazone auf dem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs: Antiope (Robin Wright).

Der Kontext des Ersten Weltkrieges paßt hier sehr gut. Während zum Beispiel das Dritte Reich ein sehr gut faßbares Feindbild ist, ist es beim Ersten Weltkrieg bis heute schwer, das Geschehene in bekannte Kategorien wie Gut, Böse, Richtig, Falsch, Gerecht, Gerechtfertigt, Schuldig oder Unschuldig zu fassen. Ein gemeinsames Narrativ darüber zu entwickeln scheint fast unmöglich. Selbst Sigmund Freud hat damals seine Libidotheorie um den Todestrieb erweitert, weil er sich diesen ganzen sinn- und zwecklosen Wahnsinn beim besten Willen nicht anders erklären konnte als mit einem der Psyche innewohnenden Trieb.

Diana ist da optimistischer als Freud, und Ares und der Film über sie damit auch optimistischer als ihre nächsten Verwandten aus dem DC Cinematic Universe. Sie lernt, auch in der Beziehung und Auseinandersetzung mit ihrem Partner Steve, daß die Menschen beides in sich tragen und daß sie sich sowohl für das Gute als auch für das Schlechte entscheiden können. Es ist zum Schluß auch ihre eigene, ganz persönliche Entscheidung, als sie erfährt, daß Ares und sie den gleichen Vater haben.

Auch in diesem Glauben und der Hoffnung in die Menschen unterscheidet sie sich von anderen aktuellen zynischen und ironischen Superheldenkollegen. Sie kommt im letzten Satz zu dem Schluß, daß nur die Hinwendung zum Anderen Kriege verhindern kann.




Wonder Woman (USA/China/Hong Kong 2017)
Regie: Patty Jenkins
Buch: Allan Heinberg
Musik: Rupert Gregson-Williams
Kamera: Matthew Jensen
Darsteller: Gal Gadot, Chris Pine, Connie Nielsen, Robin Wright, Danny Huston, David Thewlis, Ewen Bremner

Alle Bilder: © 2017 Warner Bros. Entertainment Inc. and Ratpac Entertainment, LLC
Hans Moser in DIE STADT OHNE JUDEN

Erstmals führt uns der Lichtspielplatz aus dem Cineastischen Salon heraus und hinein in das Filmarchiv Austria in Wien. Dort haben wir mit Dr. Nikolaus Wostry gesprochen, der für die Restauration der wiederentdeckten Langfassung des österreichischen Stummfilms DIE STADT OHNE JUDEN aus dem Jahr 1924 zuständig ist. Dr. Wostry erzählt uns von den Schwierigkeiten der Filmrestauration im Allgemeinen, aber auch von den spannenden Seiten dieser Arbeit, wenn ein Flohmarktfund schon beim Öffnen der Filmdose größte Neugier entfacht. Er taucht mit uns in die Geschichte dieses einzigartigen Filmdokuments ein und erläutert, warum der Film nach fast 100 Jahren heute noch Relevanz besitzt - und er spricht über die Erfahrungen, die das Filmarchiv mit dem Crowdfunding für diese Restauration gemacht hat.

Wir bedanken uns bei Dr. Wostry für diese Einblicke in seine Arbeit!



Das mp3 kann HIER heruntergeladen werden.

HIER kann der Lichtspielplatz-Podcast auf iTunes abonniert werden.

Musik: Clark Kent
Der Screenshot aus DIE STADT OHNE JUDEN stammt von der DVD aus der Reihe Edition Der Standard (C) Hoanzl.

The Second Guest

Wir treten zur Verteidigung eines ungeliebten Spiels an: THE SECOND GUEST, ein hübsch altmodisches Point-and-Click-Adventure, das 2012 recht garstige Kritiken und Kommentare erntete – unter anderem aufgrund der Tatsache, daß der Spieler schon während der Installation mit verschiedenen Bugs zu kämpfen hat und das Game sich auch danach gerne mal zickig zeigt. Die Tatsache, dass man mit dem Spiel nur die ersten zwei von geplanten fünf Episoden erhält und die Geschichte daher nach einigen Spielstunden mittendrin endet, hat freilich nicht geholfen. Und doch: THE SECOND GUEST kann Adventure-Liebhabern Spaß bereiten.

Die Handlung ist im Jahr 1923 angesiedelt. Unser Protagonist Jack Ice erhält die Einladung zur Testamentseröffnung des verstorbenen Lord Averton, den er überhaupt nicht kannte – aber aus einem unerfindlichen Grund ist Jack als Haupterbe vorgesehen. Das scheint jemandem zu mißfallen: Auf der abgeschiedenen Insel, auf der Avertons Schloß steht, wird schon bald ein Mordanschlag auf Jack verübt. Außerdem segnet der Notar überraschend das Zeitliche – und so muß Jack versuchen, das Geheimnis von Averton Island zu lüften.

The Second Guest
Jack Ice geht beim Erkunden der Insel in sich.

Das Spielprinzip funktioniert ganz nach klassischem Adventure-Prinzip: Man spaziert durch die verschiedenen Örtlichkeiten, die die Insel zu bieten hat, und kann einzelne Objekte mit Icons wie "Sehen" oder "Nehmen/Benutzen" anklicken. Die mitgenommenen Gegenstände landen in einer Tragetasche und können in der Umgebung eingesetzt oder miteinander kombiniert werden. Bei gelegentlichen Gesprächen mit anderen Figuren, darunter die restliche Verwandtschaft von Lord Averton und ein ermittelnder Inspektor, können Dialogzeilen ausgewählt werden – obwohl die Selektion meist beschränkt ist und man ohnehin alle Fragestellungen durchklickt.

In Sachen Stimmung ist THE SECOND GUEST vollauf gelungen: Die Grafik wirkt, als hätte Tim Burton die Zwanziger als Gothic-Comic gestaltet, die düstere Atmosphäre wird von Luigi-Maria Rapisardas dichtem Score (der übrigens auch in CD-Form beiliegt) perfekt untermalt. Die Animationen sind teils ein wenig dürftig, aber das paßt zum Retro-Charme eines Spiels, das so klassische Vorbilder hat. Zur Präsentation passen auch die professionellen Sprecher: Jack wird schwermütig von Johnny-Depp-Synchronsprecher David Nathan gesprochen, der Kommissar von "Justus Jonas" Oliver Rohrbeck, und hinter dem Erzähler verbirgt sich "Jan Tenner" Lutz Riedel.

The Second Guest
Der Inspektor wird sehr lange in der Bibliothek bleiben und nicht einen einzigen Beweis finden.

Aber ja, es stimmt leider: Jack hat nicht nur mit den Rätseln der Insel, sondern vor allem auch mit einigen Programmfehlern und anderen Holprigkeiten zu kämpfen. Da ertönt an ganz unpassender Stelle plötzlich eine Stimme, die einen wichtigen Brief vorliest, ohne daß es zum Bild passen würde. Anderswo löst sich plötzlich eine Figur in Luft auf, nachdem man mit ihr geredet hat, und mehr als einmal wird von Personen gesprochen, die man eigentlich noch gar nicht getroffen hat. Manchmal hakt die Steuerung auch und nimmt einen Klick nicht an, weshalb etwas Beharrlichkeit gefragt ist. Es wirkt ganz so, als wäre das Spiel vorschnell veröffentlicht worden – ein kurz nach Erscheinen hinterhergeschobener Patch bringt auch prompt einen anderen kuriosen Bug mit sich.

The Second Guest
Jack erkundet eine geheimnisvolle Gruft.

So wäre es sicherlich geschickt gewesen, dem Team von David Frentzel und seinem Studio Twice Effect (das in den Neunzigern noch C64-Spiele für Diskmagazine wie Game On programmiert hat) mehr Zeit und Mittel zu geben, um THE SECOND GUEST abzurunden. Dann würde auch die Geschichte nicht so ganz in der Schwebe aufhören: Die angerissenen Rätsel bleiben ganz offen, einige Handlungsorte bleiben unzugänglich (zum Beispiel die eingestürzten Katakomben unter dem Schloß, die hinter einer verschossenen Eisentür verborgen bleiben). Weil das Spiel bei Kritik und Publikum durchfiel, wurden die weiteren drei Episoden nie entwickelt – und so werden wir wohl nie erfahren, wer Jack nach dem Leben trachtet und wer der ominöse zweite Gast nun sein soll.

Ein wenig ähnelt THE SECOND GUEST damit einer Serie, die trotz Potential abgesetzt wurde und den Zuseher mit allen in der Luft hängenden Handlungsfäden zurückläßt. Wer sich davon nicht abschrecken läßt und mit einigen Bugs leben kann, darf aber trotzdem mal einen Ausflug nach Averton Island wagen.




Die Screenshots wurden mit freundlicher Genehmigung von Headup Games GmbH & Co. KG verwendet.
Marc Singer in L.A.P.D.

Im Land der Videothekenware kann man sich nie ganz sicher sein, ob der Star, der da so vertrauenserweckend vom Cover schaut, auch wirklich den ganzen Film über zu sehen sein wird. Wie zum Beispiel Dennis Hopper, der den potentiellen Kunden des Cop-Thrillers L.A.P.D.: TO PROTECT AND TO SERVE lockt: Er wird in ungefähr fünf Szenen, die sich wohl auf ebensoviele Minuten Laufzeit summieren, als Polizeichef scharfe Worte an sein Team richten und dann wieder das Bild für preiswertere Akteure freimachen.

Der Oberinspektor hat tatsächlich auch allen Grund für das eine oder andere ernste Wörtchen, auch wenn er das selber gar nicht ahnt: Viele seiner Polizisten haben sich nämlich zu einer Gang zusammengeschlossen, die ihren müden Verdienst mit einem nicht ganz legal beschafften dreizehnten, vierzehnten, fünfundvierzigsten Monatsgehalt aufbessern. Als Ordnungshüter kann man eben recht einfach Ware beiseiteschaffen und dann zu Protokoll geben, dass die Täter eines Einbruchs nicht eine einzige brauchbare Spur hinterlassen haben.

Dennis Hopper in L.A.P.D.
Captain Elsworth (Dennis Hopper) schiebt eine ruhige Kugel: Er muß nur wenige Szenen im Monat arbeiten.

Der wackere Cop Steele, der aufgrund seiner erhöhten Einsatzbereitschaft von den Kollegen liebevoll "Cowboy" genannt wird, kann sich mit derlei schmutzigen Geschäften nicht so recht arrangieren. Aus Loyalität deckt er die Bande zwar und nimmt dafür mit missbilligendem Blick einen monetären Anteil entgegen – aber weil sein Papa seinerzeit als aufrechter Cop Korruption im Polizeiapparat aufgedeckt hat, nagt das schlechte Gewissen an Steele immer mehr. Es sei dabei nicht verschwiegen, dass einer der Drahtzieher der Rabaukencops, Lt. Alexander, der Sohnemann jenes Polizeischurkens ist, der einst von Steeles Vater der Gerechtigkeit übergeben wurde.

Wenn schon Hopper als Captain nur gelegentlich in der Handlung vorbeischaut, so hat der Videothekenfreund dafür viel von den anderen beiden B-Namen, die sich hier ein moralisches Duell allerzweiter Kajüte liefern: Der finstere Lt. Alexander wird vom verlässlich schurkischen Michael Madsen gespielt, Cowboy Steele dagegen von "Beastmaster" Marc Singer. Der wirkt hier wie Johnny Drama aus der Serie ENTOURAGE: ein herber Kerl, der wohl trotz augenscheinlicher Bemühungen immer zweite Wahl bleiben wird – und deswegen bei allem Männlichkeitsgehabe nur umso herziger wirkt. Wenn Singer aber nicht gerade mit ernstem Blick brütet, kann er für eine schöne Frau wie Kiara Hunter auch schon mal den etwas unbedarften Jungen geben und damit umso mehr punkten.

Steele bandelt mit Kimberly an
Immerhin: Auch böse Cops laden nette Frauen zu ihren Parties ein.

L.A.P.D. wirkt mitunter wie die B-Version von COLORS – FARBEN DER GEWALT. So wie das filmische Vorbild ist der Streifen aber auch von der Realität der Stadt Los Angeles inspiriert: Die Gangaktivitäten, die dort in den Achtzigern und Neunzigern wüteten, finden hier in zynisch brutalen Shoot-Outs ihr Echo, während der nicht zuletzt wegen des Rodney-King-Vorfalls schwer angeschlagene Ruf der Polizeikräfte hier dafür sorgt, daß die Polizisten gleich selber zu Verbrechern werden. Nicht umsonst suggerieren Anfangs- und Endtitel, daß es sich bei L.A.P.D. um eine reelle Geschichte handelt – obwohl die Geschehnisse natürlich frei erfunden sind.

Trotz preisbewußter Machart ist der von Stuntmann Ed Anders inszenierte Streifen tatsächlich besser, als man meinen könnte. Das Skript nimmt sich Zeit für Steeles moralischen Zwiespalt und entwickelt seinen Plot mit Ruhe, die Beziehung zwischen Steele und seinem Vater (Charles Durning!) hat ebenso eine gewisse Resonanz wie seine Freundschaft mit dem idealistischen jungen Partner Wade. Freilich wird der Billigthriller damit kein Charakterdrama, und freilich läuft die Story auf einen Action-Showdown hinaus – aber die Entwicklungen zum Schluß arbeiten konsequent mit der desillusionierten Grundstimmung. Die am Ende im Sinn von DIRTY HARRY hingeworfene Dienstmarke ist hier kein Befreiungsschlag, sondern eine Resignation.

Steele kümmert sich um seinen Vater
Steele (Marc Singer, Mitte) und sein Partner Wade (Steve Bacic) kümmern sich um Steeles Papa (Charles Durning).

Übrigens: Ein Einsatz führt Steele und Wade ins Kino. An der Wand der Lobby prangt das Plakat zur Chaoskomödie SCREWBALL HOTEL, im Saal selber ist der Schnodderklassiker FLESH GORDON – SCHANDE DER GALAXIS zu sehen – beides Filme, die wie dieser hier von Produzent Maurice Smith stammen. Dieses Kino müßte man finden, das solche Spektakel präsentiert! Ach ja, und Flesh-Gordon-Darsteller Vince Murdocco, der auf der Leinwand von den drei "cosmic cheerleaders" umtanzt wird, taucht später im Film auch noch kurz als Polizist auf. Die Rolle umfaßt zwei Einstellungen und drei Worte – da ist Dennis Hopper im Vergleich dann eigentlich doch gar nicht so wenig im Film zu sehen.




L.A.P.D.: To Protect and To Serve (USA 2000)
Alternativtitel: Die Todesengel von L.A.
Regie: Ed Anders
Buch: Rob Neighbors
Kamera: Michael Balfry
Musik: Ian Putz
Darsteller: Marc Singer, Michael Madsen, Dennis Hopper, Wayne Crawford, Charles Durning, Steve Bacic, Kiara Hunter

Die Screenshots stammen von der englischen DVD (C) ILC Prime 2005.
Antonio Sabàto Jr. in KARATE ROCK

Rauf, runter, auftragen, polieren. Wobei: Im Falle der Filmographie des Italieners Fabrizio De Angelis geht es im Zweifelsfall auch ohne Politur. Der Billigfilmer verliebte sich Ende der Achtziger unsterblich in die KARATE-KID-Reihe und begab sich auf die Mission, den schwarzen Flohmarktgürtel in der Rip-Off-Meisterschaft zu erringen: Er drehte gleich sechs Teile seiner ganz originell KARATE WARRIOR getauften Klopperreihe, kümmerte sich sozusagen liebevoll um eine Frauenvariante namens THE IRON GIRL und filmte zwischendurch den vorliegenden Streifen KARATE ROCK. Der unterscheidet sich von den anderen Filmen hauptsächlich dadurch, daß der Held hier erst 18 Minuten vor Schluß überhaupt erst mal mit dem Kampfsporttraining anfängt.

Besagter Held heißt Kevin und wurde von seinem Vater gerade an eine neue Schule gebracht, weil der aufmümpfige Knabe in der alten Umgebung auf die schiefe Bahn zu geraten drohte und kürzlich erst ein Auto demoliert hat. Der Herr Papa ist ein aufrechter Cop aus Oakland und wird vom ebenso aufrechten David Warbeck gespielt, der hier seine Stirn ebenso formschön runzelt wie noch beim Untotenangriff in Fulcis GEISTERSTADT DER ZOMBIES.

Leider scheint die schiefe Bahn dem Jungen zu folgen: Kaum angekommen, legt er sich auch schon mit dem örtlichen Halbstarken Jeff an, der tagsüber im nahegelegenen Dojo trainiert und abends seine Fähigkeiten an Zivilisten verfeinert. Zu denen gehört auch Jeffs Freundin Kim, die seine nächtlichen Avancen am Parkplatz abwehrt. "Halt die Klappe, natürlich willst du", erklärt Jeff ihr sehr einfühlsam, und weil sie immer noch zickt, fängt sie sich von ihm eine Ohrfeige ein. Verstimmt schnappt sie sich Kevin in der Disco und gewinnt mit ihm flugs einen örtlichen Tanzwettbewerb – und weil Jeff das Verlieren eher nicht so gewohnt ist, erklärt er Kevin den Krieg. Womöglich war er aber auch schlicht mit der Juryentscheidung nicht einverstanden: Immerhin hat jede gedrängte Supermarktschlange mehr Groove als das steife Wackeln der Tanzpaare.

Andrew J. Parker als Schurke Jeff
Schurke Jeff droht, seine Ausgeglichenheit zu verlieren.

Kevin wird also von Jeff zusammengeschlagen, bevor man sich auf eine Entscheidung per Autorennen einigt. Weil das unentschieden ausgeht, folgt originellerweise gleich noch ein Rennen: Die beiden Kontrahenten sollen es durch den "Tunnel des Todes" schaffen. Der entpuppt sich als alte Scheune, deren Ausgangstor nur Platz für ein Automobil bietet. Womöglich lauern in dem finsteren Schuppen sogar hochgradig hinterhältige Heuballen auf unsere lebensmüden Fahrer!

Machen wir es kurz: Kevin gewinnt, weshalb Jeff Kevins Freund Mortimer zusammenschlägt – was nicht nur der als einigermaßen ungerecht empfindet. Weil Jeff als Zweitplatzierter im Scheune-of-Death-Duell die Wand durchfahren hat und die Schuld auf Kevin schiebt, kommt außerdem der alte Farmer ins Polizeirevier gestapft (wo er sofort mit den Worten "Kommen Sie später wieder!" begrüßt wird – aber die Exekutive war in De-Angelis-Filmen ja noch nie sehr hilfreich). Er präsentiert Kevins Papa die Rechnung, woraufhin die Leinwand wieder für ein paar Momente von den tiefen Furchen auf David Warbecks Stirn erhellt wird.

Billy und Kevin beim Karate-Training
Modernes Kampfsporttraining: Wo ist der Gartenzaun, wieso werden hier keine Autos poliert?

Zum Glück wohnt Kevin ja aber bei einem alten Freund seines Papas, der mit seinem asiatischen Aussehen schon den ganzen Film über den Verdacht angeregt hat, womöglich ein weiser Karateprofi zu sein. In der Tat: Nach anfänglichen Bedenken trainiert der Mann mit dem fernöstlichen Namen Billy unseren Helden in einer schönen Montage, die hauptsächlich aus Joggen besteht. Billy Miyagi trägt manchmal zum Training eine Horrormaske, wenn er nicht gerade ob der Fähigkeiten seines neuen Schülers traurig den Kopf schüttelt. Am Ende der Montage landet Kevin einen Treffer im Magen seines Mentors, was bedeutet, daß er jetzt bereit ist, Karatechampion Jeff als ebenbürtigem Gegner entgegenzutreten.

Die schöne Kim, die sich den ganzen Film über nicht so recht zwischen Kevin und Jeff entscheiden konnte – sicherlich hat Jeff auch verborgene Qualitäten, die zugunsten der rasanten Erzählung der Schere zum Opfer gefallen sind – ist nach Kevins Karate-Sieg endlich bereit für eine tiefergehende Liaison. Der entscheidet sich aber spontan dafür, doch lieber mit dem Nachbarsmädchen Conny anzubandeln. Die haben wir bislang unerwähnt gelassen, weil sie mit Brille und Zöpfen auftrat – und jeder filmerfahrene Zuseher weiß, daß sie damit als romantische Option untragbar wäre. Die gute Nachricht: Es gibt Wege und Mittel, solche Defizite zu beheben. "Hey, hast du deine Brille abgenommen?", fragt der scharfsinnige Beobachter Kevin also zum Schluß in der Disco.

Conny (Dorian D. Field) mit Brille und Zöpfen
Zöpfe und Brille: Conny muß noch viel lernen.

KARATE ROCK schafft es beinahe spektakulär, noch belangloser und unaufregender zu sein als der komplette Rest der De-Angelis-Filmographie – die ja nun die Meßlatte nicht gewaltig hoch legt. Jede einzelne Sequenz ist dermaßen – Achtung, Wortneuschöpfung: – uninszeniert, daß der gesamte Film wie ein schläfriger Traum wirkt, in dem man einen Zug, beladen mit zigfach Gesehenen, meilenweit an einem vorbeifahren sieht. Zig Szenen zeigen ausführlichst, wie Autos ankommen oder wegfahren. De Angelis stellt die Kamera in jeder Sequenz irgendwohin, manchmal weit vom Geschehen entfernt, dann wieder viel zu nah an den Gesichtern, seitlich neben den Protagonisten, ohne das geringste Gespür für Raum und Zusammenhänge. Diese kurze Sequenz, bevor das Scheunenrennen startet, soll als Veranschaulichung dienen: Wer ist hier wo, wer sieht wohin?























Der Bursche mit dem grünen Käppi gibt hier das Startsignal. Bei den folgenden frontalen Einstellungen auf Jeff und Kevin bewegen sich beide jeweils auf die Kamera zu, in der Totalen sieht man einen Wagen von rechts Richtung Scheune fahren.







Alles klar soweit?

Auch sonstwo ergeben die Kameraeinstellungen wenig Sinn. An einer Stelle wird in Fluchtperspektive an einer Bar entlanggefilmt, hinten bewegen sich die Tänzer - aber vorne bleibt der Schuppen völlig leer. Beim Showdown gibt es eine Einstellung, bei der der Kameramann so hinter dem Publikum steht, daß man den Kampf auf der Matte kaum mehr sieht - wenn das mit moderner Shaky-Cam gemacht wäre, könnte das fast dokumentarisch funktionieren, aber mit dem müden Stativ-Look wirkt es hier nur so, als sollte man gar nicht so viel vom Kampf sehen, um die notdürftige Choreographie nicht zu bemerken. Das obige Spiel mit den nichtssagenden Einstellungen kann durch den ganzen Film durchgezogen werden: Selten gab es so viele Totalen, die so wenig Überblick verschaffen.

Der dickliche Junge, der neben Conny steht, wird übrigens den ganzen Film dabei gezeigt, wie er Eis lutscht. Er ist offensichtlich an Conny interessiert, die ja aber auf Kevin steht und nur das Geheimnis der Kontaktlinsen noch nicht enteckt hat. Am Schluß verfüttert der einsame Dicke dann sein Eis an einen Hund. Angesichts eines Films wie KARATE ROCK wissen wir, wie es ihm geht.




Karate Rock (Italien 1990)
Originaltitel: Il ragazzo delle mani d'acciaio
Regie: "Larry Ludman" (= Fabrizio De Angelis)
Buch: Olga Pehar
Musik: Donald Brent
Kamera: "Frederick Hail" (= Federico Del Zoppo)
Darsteller: Antonio Sabàto Jr., Natalie J. Hendrix, Dorian D. Field, Robert Chan, Andrew J. Parker, David Warbeck