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RESIDENT EVIL: RETRIBUTION – Der Kampf durch die Erlebniswelt

Milla Jovovich in RESIDENT EVIL: RETRIBUTION

Als Videospielverfilmung hatte die RESIDENT-EVIL-Reihe von Anfang an, auch wenn sie eigene Stories und Figuren entwickelte, das Spielprinzip fest im narrativen Aufbau verankert: Ein Areal nach dem nächsten wird abgeschritten, im nächsten Level warten brutalere Gegner und ein neuer Endboss, und hinter jeder Kurve wartet die nächste Überraschung. Auch wenn Hauptfigur Alice nie Teil der Spieleserie war, ist es doch nur recht und billig, daß sie sich in RESIDENT EVIL: RETRIBUTION, dem fünften Teil der Filmreihe, tatsächlich durch eine Art Computerspiel kämpfen muß.

Für sie ist es freilich kein Spiel: Alice (Milla Jovovich) erwacht, einmal mehr in die Fänge der omnipotenten Umbrella Corporation geraten, in einer gigantischen Unterwasser-Einrichtung. Hier läßt Umbrella hochrealistische Computersimulationen laufen, die in verschiedenen Szenarien die Verbreitung des T-Virus simulieren: Zombieapokalypse in der beschaulichen Vorstadt, auf dem Times Square in New York, auf dem Roten Platz in Moskau. Bei der Flucht aus diesen tödlichen Katastrophenspielen hilft ihr nicht nur eine Kämpferin namens Ada Wong (Li Bingbing), sondern ausgerechnet der ehemalige Umbrella-Chef Albert Wesker, noch im Vorgängerfilm ihr Erzfeind – er wurde nämlich von seinem Supercomputer, der Roten Königin, übertrumpft und braucht Alice nun im Kampf gegen die mörderische künstliche Intelligenz.

Milla Jovovich und Li Bingbing kämpfen sich durch Computersimulationen
Alice (Milla Jovovich, links) und Ada Wong (Li Bingbing) kämpfen sich durch Computersimulationen.

Ebenso einmal mehr erwacht auch eine andere Alice: eine Hausfrau und Mutter in eben jener beschaulichen Vorstadt – über die besagter Zombieangriff einbricht. Diese Alice ist ein Klon unter vielen, die die Umbrella Corporation herstellt, um ihre Simulationen zu bevölkern. In den Hallen dieser Computerwelten werden wir also immer wieder auf bekannte Figuren in neuen Konstellationen treffen – darunter Versionen der Soldatin Rain aus dem ersten RESIDENT EVIL (Michelle Rodriguez) und Versionen des Kämpfers Carlos aus APOCALYPSE und EXTINCTION (Oded Fehr).

Regisseur Paul W.S. Anderson verwendet die künstlichen Umgebungen, um die schon in den Vorfilmen angelegten Identitätsspiele der Hauptfigur auf die Spitze zu treiben – und bezieht diesmal auch die anderen Figuren ein. Der erwähnte Alice-Klon ist als Mutter weit entfernt von der Alice, die wir bislang begleitet haben, unsere Original-Alice wird dagegen erneut zum Umbrella-Projekt, das schlußendlich auch wieder mit besonderen Fähigkeiten ausgerüstet wird. Rain tritt als Soldatin für die Schurkenfirma auf, als friedliche Normalsterbliche und als mutierte Überkämpferin. Carlos darf braver Ehemann und kalter Soldat sein. Selbst die Figuren, die nicht Teil der Simulation sind, zeigen sich als ständige Identitätswandler: Wesker wird vom Gegner zum Helfer, die aus APOCALYPSE bekannte Polizistin Jill Valentine dagegen tritt plötzlich, wie schon im Ende von AFTERLIFE angedeutet, als Umbrella-Söldnerin auf.

Milla Jovovich kämpft gegen Zombies
Wieder im Kampf gegen Zombies: Alice (Milla Jovovich).

So wandelbar wie die Figuren zeigte sich stets auch die Filmreihe selber: Vom ALIENS-inspirierten Kampf durch die von den Zombies befallenen Umbrella-Labore des ersten Teils über die KLAPPERSCHLANGE-hafte Flucht aus der abgeschotteten Stadt, dem MAD-MAX-artigen Trip durch die postapokalyptische Wüste und das ASSAULT-angelehnte Belagerungsszenario der Fortsetzungen zitierte sich Anderson eifrig durch seine Lieblingsfilme, verband seine Inspirationen aber jedes Mal zu einer eigenständigen Melange mit jeweils eigenem Look.

So auch diesmal: ALIENS ist einmal mehr allgegenwärtig, vom bewaffneten Kampf durch das feindliche Territorium hin zu einem Newt-angelehnten Mädchen, das sogar von einem Monster geschnappt und in einen Konkon gesponnen wird. Erstmals ist Zombie-Urvater George Romero mit seinen Filmen kein Anknüpfungspunkt – dafür sind es die künstlich geschaffenen Umgebungen von WESTWORLD und die entfesselten, fast ballettartigen Kampfchoreographien des Asienkinos.

Fetisch-Amazonen vor dem Kampf: Sienna Guillory, Li Bingbing, Michelle Rodriguez
Fetischamazonen vor dem Kampf: Jill Valentine (Sienna Guillory),
Ada Wong (Li Bingbing) und Rain (Michelle Rodriguez).

Überhaupt ist „entfesselt“ das richtige Wort, um RETRIBUTION zu beschreiben: Dank der Künstlichkeit der Umgebung und der Entkopplung von räumlichen Zusammenhängen kann Anderson seinem filmischen Spieltrieb freien Lauf lassen. Mehr noch als in AFTERLIFE ist hier jedes Bild hochstilisiert und durchkomponiert, zu wummerndem Elektro-Industrial-Score mit wunderschönem Streichermotiv inszeniert er jede Actionsequenz als perfekt arrangierte Tänze aus Bewegungen und Farben, kostet die bizarre Schönheit jedes Moments unter massivem Einsatz von Zeitlupe aus.

Da werden die niedergemähten Zombies in einem strahlend weißen Gang mit strengem Gittermuster drapiert, als wären es Einrichtungsgegenstände einer exzentrischen Modeschau, anderswo flitzen die Helden im Rolls-Royce über den simulierten Roten Platz vor einem Monster fort. Die eröffnende Actionsequenz läuft rückwärts in Slow Motion ab, als wäre neben der Physik auch die Chronologie überwindbar. Wenn zum Schluß die Kampfamazonen in ihren hautengen Fetischkostümen ihren letzten Kampf im sanft rieselnden Schnee austragen, ist das Szenario makellos in den Farben Weiß, Schwarz und Blau durchdesignt. Auf dem Audiokommentar gibt Anderson sogar an, für ein Bild, in dem Unterwasserzombies ein Opfer nach unten ziehen wie die gequälten Seelen einen Verdammten in die Hölle, Gemälde von Brueghel, Bosch und William Blake aufgegriffen zu haben.

Es ist egal, wieviel Sinn das alles macht, wie konstruiert der doch so simple Plot funktioniert oder wie wenig die Figuren tatsächlich als solche hergeben: RETRIBUTION ist ein ästhetisches Erlebnis – und Paul Anderson hat mit der RESIDENT-EVIL-Reihe die perfekte Spielwiese für seine Fähigkeiten.

Die RESIDENT-EVIL-Retrospektive auf Wilsons Dachboden:
RESIDENT EVIL: Zombie-Zitate mit Spielelogik
RESIDENT EVIL: APOCALYPSE – Alles anders im nächsten Level
RESIDENT EVIL: EXTINCTION – MAD-MAX-Zombies und Genderklischees
RESIDENT EVIL: AFTERLIFE – Neue Levels, neue Identitäten
RESIDENT EVIL: THE FINAL CHAPTER – Die letzte Reise ins Labyrinth der Identitäten



Resident Evil: Retribution (Deutschland/Kanada/USA/Frankreich/England 2012)
Regie: Paul W.S. Anderson
Buch: Paul W.S. Anderson
Kamera: Glen MacPherson
Musik: tomandandy
Darsteller: Milla Jovovich, Sienna Guillory, Michelle Rodriguez, Li Bingbing, Aryana Engineer, Boris Kodjoe, Johann Urb, Kevin Durand, Oded Fehr, Colin Salmon, Shawn Roberts

Die Screenshots stammen von der BluRay (C) Constantin Film Verleih GmbH.

Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, erschien 2011. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm und produziert Bonusmaterial für Film-Neuveröffentlichungen. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, u.a. für die Salzburger Nachrichten, Film & TV Kamera, Ray, Celluloid, GMX, Neon Zombie und den All-Music Guide. Er leitet die Film-Podcasts Lichtspielplatz, Talking Pictures und Pixelkino und hält Vorträge zu verschiedenen Filmthemen.

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