Im folgenden Gastbeitrag entpuppt sich der tapfere Don Arrigone als versierter Abenteurer, der sich den großen unerfüllten Aufgaben seiner Kindheit stellt: Wo ihm seinerzeit das Dark-Fantasy-Adventure SHADOWGATE verwehrt blieb, kann er sich heute dem 2014 erschienenen Remake stellen. Lieber Don, was hast du uns von Burg Shadowgate zu berichten?


Als Kind habe ich das 1987 erschienene SHADOWGATE leider nicht gespielt – ich erinnere mich allerdings an die Rezensionen, die das Spiel für seine düstere, unheimliche Atmosphäre lobten. Und die betonten, auf wie viele Arten und Weisen man in diesem Spiel sterben konnte. Selbst in der NES-Version gab es noch detaillierte, sardonische Beschreibungen grausamer Tode – sehr ungewöhnlich für eine klassische Familienkonsole. Verständlicherweise wollte ich das Teil unbedingt, ebenso verständlicherweise habe ich es damals altersbedingt nicht bekommen. Nachdem 2014, Kickstarter sei Dank, die ursprünglichen Entwickler David Marsh und Karl Roelofs ein Remake veröffentlichten, war es nun auch endlich für mich Zeit, mich in die Burg Shadowgate zu wagen – und dort unzählige Male dem Sensenmann ins Auge zu blicken.

Man wäre nicht der Erste, der in Burg Shadowgate ein unrühmliches Ende findet.
Die eigentliche Aufgabe ist recht einfach: tief in der Burg Shadowgate versteckt sich der böse Magier Talimar und versucht dort eine Bestie jenseits des menschlichen Verständnisses, den Behemoth, von seinen Fesseln zu befreien. Der Hauptcharakter, Jair, soll dies verhindern, unterstützt wird er dabei von dem Magier Lakmir. Innovationspreise gewinnt ein solcher Plot freilich nicht, aber er funktioniert und verbleibt die meiste Zeit über angenehm im Hintergrund. Einzig die Zwischensequenzen, in denen dieses Standardnarrativ noch näher ausgeführt wird, langweilen bald.

Um nun Talimar einen Strich durch die Rechnung zu machen, muß man sich nun aber nicht, wie man sich vielleicht ob der Fantasyhandlung erwarten könnte, durch unzählige Höhlen und Verliese kämpfen. Vielmehr muß man sich durch unzählige Höhlen und Verliese rätseln. Von Bild zu Bild arbeitet man sich vor, sammelt wichtige Gegenstände auf und nutzt diese in den verschiedensten Kombinationen. Viele Rätsel sind verständlich geraten, oft lassen sich die Lösungen aus kryptischen Hinweisen, die über die gesamte Burg verteilt sind, ableiten. Manchmal allerdings ergibt ein Rätsel fast gar keinen Sinn, oder die entsprechenden Objekte sind einfach zu leicht zu übersehen.

Der obligatorische Retro-Modus für Nostalgiker.
So weit scheint es sich also um ein grundsolides, aber nicht um ein herausragendes Spiel zu handeln – wäre da nicht die Atmosphäre. Das Grafik-Team hat Großartiges geleistet und die furchteinflößende Festung in düsterem Comicstil wiederauferstehen lassen (Retro-Aficionados können auch den alten Grafikstil wählen). Einsamkeit und Verzweiflung verfolgen den Spieler auf Schritt und Tritt, ob man sich nun gerade den Weg durch einsame Höhlen, verhexte Orte oder die Türme Shadowgates bahnt. Zudem ist das Spiel ein einziges Labyrinth, in dem man sich trotz Automap nur allzu leicht verlaufen kann. Gerade da man zu Beginn verflucht wird und dann innerhalb einer gewissen Anzahl von Runden Heilung finden muss, besteht auch ein Gefühl von Dringlichkeit – später wird dies über die Mechanik langsam verlöschender Fackeln aufrechterhalten, die aber zumindest in den niedrigeren Schwierigkeitsgraden im Überfluß zur Verfügung stehen.

Dem hinzu kommt ein unaufdringlicher, aber atmosphärischer Soundtrack, der weiter zum Gefühl von Einsamkeit und Verlassenheit beiträgt. Und vergessen wir nicht die Tode – in beinahe jedem zweiten Bildschirm verbirgt sich eine tödliche Gefahr, die es zu überwinden gilt. Beeindruckend sind Herausforderungen wie ein feuerspeiender Drache, eine Werwölfin oder die zahlreichen Goblins, die in der Festung ihr Unwesen treiben. Fast noch unterhaltsamer sind allerdings die vollkommen irrsinnigen Tode – natürlich läßt einen das Spiel aus dem Fenster springen oder in einen alten Brunnen stürzen, aber nie hat jemand behauptet, Jair würde dies überleben. Egal wie episch oder lächerlich der Tod, stets wird er von dem Spiel kurz kommentiert, bevor man in einer letzten Sequenz dem Sensenmann gegenübersteht. SHADOWGATE auf Anhieb zu überleben ist wohl so gut wie unmöglich; als spezielle Herausforderung können sich erfahrene Spieler aber an den sogenannten "Ironman"-Modus wagen, in dem man das Spiel mit nur einem Leben bestehen muß.

In diesem Drachenhort findet man eher den Tod als einen Schatz.
Komplettiert wird die Atmosphäre von diversen Schriftstücken, die sich in der Burg finden. Diese sind gelegentlich als Hinweise für Rätsel gedacht, zumeist lassen sie einen aber nur tiefer in die Hintergrundgeschichte der Feste eindringen. Durch die Hauptgeschichte wird leider nur allzu klar, was passierte – hätte man auf diese verzichtet und das Narrativ lediglich über die Artefakte innerhalb der Mauern von Shadowgate weitergesponnen, wäre wohl letztlich ein spannenderes Spiel entstanden, weil doch mehr der Fantasie des Spielers überlassen geblieben wäre, die nunmehr leeren Hallen mit Leben (und Tod) zu füllen.

Und so habe ich beinahe 30 Jahre später doch noch die Geheimnisse von SHADOWGATE gelüftet, zumindest auf zwei der drei Schwierigkeitsgrade. Spielerisch merkt man dem Spiel sein Alter an, und die Handlung war wohl schon in den späten Achtziger Jahren Klischee – aber die Stimmung kann nach wie vor überzeugen, und so werden wohl nicht nur Spieler der ersten Stunde auf das im Abspann angekündigte Remake der Fortsetzung BEYOND SHADOWGATE warten. Noch schöner wäre nur ein gänzlich neues Spiel.


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Don Arrigone

Als Kind ausgesetzt und im Kloster zum Heiligen Massacesi aufgezogen. Zeigte schon in jungen Jahren Interesse an jeglicher Art von Film, insbesondere aber an den Genres Horror und Thriller. Studium der Theologie, Magisterarbeit zur Darstellung der Nonne im italienischen Film des 20. Jahrhunderts. Priesterweihe, und Beitritt zum Geheimorden der Fratri Rossi. Tod während einer nächtlichen Orgie, aufgrund seines sündigen Lebenswandels hinabgefahren in die Hölle. Gefangen im 9. Zirkel der Unterwelt und somit gezwungen, bis zum jüngsten Tag Videothekenfutter zu rezensieren.

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