Im folgenden Gastbeitrag kümmert sich Dr. Wily (vom Nachbarsblog Fabulous Yellow Roman Candles) um das hier schon vor kurzem besprochene Saurierspektakel 100 MILLION BC. Danke an Christoph für den folgenden Bericht!



Der Film heißt 100 MILLION BC. Der Laie und Käufer wird sich nun denken: "Ja, das ist, weil der Film wohl in dieser Zeit spielt." Tut er aber nicht. Er spielt in zwei Zeiten!

Jetzt ist man schon richtig gespannt, oder?

Denn nach dieser Information denkt sich der nun schon etwas gebildetere Laie und Käufer: "Ja, dann werden sie wohl eine Zeitreise machen ins Jahr 100 Millionen vor Christus." Auch falsch. Also fast. Sie zeitreisen wohl aus der Gegenwart zu den Sauriern, aber diese Saurier sind – und das ist jetzt wichtig, denn es wird etliche Male genau erwähnt – 70 Millionen Jahre alt. Die Zeit aus dem Titel kommt also im Film nicht vor.

Nun wird der zum Experten auf dem Filmmarkt gereifte Laie und Käufer erkennen: "Ja, die haben eine Billigvariante zu Emmerichs 10.000 BC gedreht und wollen mitcashen." Stimmt auch nur zur Hälfte. Nämlich zu der mit dem Geld. 100 MILLION BC kommt inhaltlich nämlich eher als miselsüchtiges LOST-WORLD-Rip-Off daher.


Ergo gehen Menschen im Saurierland verloren. Eine Rettungsmission wird geschickt, um sie in unsere Welt zurückzuholen. Am Ende landet ein Riesensaurier in der großen Stadt und ißt Menschen. Auffälligerweise macht er hier relativ wenig kaputt. Was eventuell am deutlich reduzierten Budget der Macher liegen könnte.

Aber ihr wollt doch alle etwas über die Zeitreise hören, oder? Also. Da ist ein Team von geheimen Elitesoldaten, die machen zu Beginn des Films einen Flashmob (also, nicht ganz zu Beginn, denn da fällt eine Bergsteigerin rund drei Zentimeter in die Tiefe und entdeckt Höhlenmalereien, aber eigentlich ist das nicht so wichtig. Das habe ich nur der Vollständigkeit halber erwähnt an dieser Stelle. Das ist jetzt ein bißchen so, wie sich diesen Film anzusehen, denn da hat man auch beständig das Gefühl, es wird durch Unwichtigkeiten versucht, die Laufzeit auf Spielfilmlänge zu strecken. Ich habe hier zwar keinen Spielfilm, sondern einen Text, und der soll ja auch ... naja. Egal. Ihr wißt, was ich meine).


Also, das Team macht einen Flashmob. Sie treffen sich um Punkt 1:59 in verschiedenen Autos auf einer Straße an einem Gehsteig, parken hintereinander und sehen zusammen und doch unabhängig voneinander und vor allem geheim auf ihre Uhren. Dann, um Punkt 2:00, steigen sie alle geheim aus und gehen unauffällig und geheim gemeinsam in ein Gebäude, wo sie sich am Gang aufstellen, um von ihrem uniformierten Vorgesetzten wieder weggeschickt zu werden. Wahrscheinlich ging es bei dem Flashmob darum, geheim und trotzdem pünktlich zu sein.

Geschickt werden sie zu Professor Frank Irgendwie – und jetzt kommen wir zur Zeitreise – der sich bei seinem Optiker schnellstenst die Brillenfassung nachstellen lassen sollte. Dieser Professor Frank hat ein Zeitreiseportal erfunden und da vor ungefähr 60 Jahren seinen Bruder und andere random scientists zu Testzwecken durchgeschickt. "Um auf Nummer sicher zu gehen", wie er uns erklärt, hat er sie ins Jahr des Herrn 70 Millionen vor Christus geschickt (Moment ... sind die Jahre vor Christi Geburt überhaupt schon Jahre des Herrn?).


Hier zeigt sich, daß Professor Frank mit der Historie der Zeitreisen ausgezeichnet vertraut ist. Seit den Arbeiten von Doc Brown, die sich bekanntlich in der jüngeren Vergangenheit abgespielt haben, wissen wir ja, dass es furchtbaren Raum-Zeit-Kontinuums-Paradoxa erzeugen kann, wenn man seinen eigenen Großvater trifft oder gar – Gott behüte – umbringt. Sowas passiert unsereins ja regelmäßig. Doch seit Homer Simpsons berühmter Reise in die Saurierzeit ist bekannt, daß es kaum Probleme gibt, wenn man sich 70 Millionen BC auf eine Blume setzt. Dann kann es höchstens sein, daß es Doughnuts statt Wasser regnet, aber sonst schon nichts.

Daher – wer klug ist, baut vor, und sicher ist ohnehin sicher – ab ins Jahr 70 Millionen BC mitsamt der pünktlichsten Eliteeinheit der Filmgeschichte (es zeigt sich übrigens anhand einer mit nur einem kleinen Schreibtisch möblierten alten, versifften Fabrikshalle, in der das Zeitportal steht, daß Zeitreisen offenbar nicht nur geheim, sondern auch sehr schlecht budgetiert sind).


So. Jetzt aber sind wir in der Vergangenheit. Die sieht aus wie der Laubwald am Hügel hinterm Haus, in dem die Kinder mal wieder ihre bunten Sandspielzeuge haben liegen lassen. So taumelt die Spezialeinheit durchs Ed-Wood-Land; der eine scheint die ganze Zeit an Regenbogen zu denken, die anderen ballern hochmotivert und inkompetent in der Botanik herum, und Professor Frank wirkt ohnehin immer, als wäre er gerade hastig in den 6. Stock gelaufen und müßte mal kurz verschnaufen (Sollte sich jetzt herausstellen, daß der Schauspieler Michael Gross tatsächlich ein Lungenleiden hat, entschuldige ich mich. Auch interessant an dieser Stelle: Michael Gross hat in der Serie FAMILIENBANDE lange Zeit den Vater von Michael J. Fox gespielt - was uns wieder zu Zeitreisen bringt).

Im Laufe der Zeit wird die wahrscheinlich schlechteste Eliteeinheit der Welt immer mehr dezimiert, trifft aber dafür auf die verschwundenen random scientists inklusive Professor Franks Bruder, die alle hier seit 6 Jahren ein Auskommen finden und immer noch gut aussehen. Professor Franks Bruders Frau lächelt immer so fröhlich, daß man meinen könnte, so schön wie 70 Millionen BC kann's im Himmel gar nicht sein.


So, das geht jetzt eh weiter so dahin. Irgendwann hat aber alles ein Ende, meistens dann, wenn es am schönsten ist, und es heißt: Zurück in die Gegenwart. Man begibt sich zum Portaldurchgangspunkt, doch dabei wird höchst unachtsam Big Red aufgestöbert. Das ist ein großer roter Saurier. Beim Portal angekommen – das mit Hilfe eines Geräts geöffnet wrid, das so aussieht wie diese elektrischen Gartenlampen aus dem Baumarkt, die man in die Erde stecken kann. Kennt ihr die? Diese Elektrofackeln – jedenfalls, sie gehen durchs Portal und im nächsten Anfall von grober Unachtsamkeit – man möchte fast von Fahrlässigkeit sprechen – schlüpft ihnen der Riesensaurier auch noch mit durch. Doch zuvor ereignet sich ein veritables Drama: Professor Frank muß zurückbleiben, denn eine Person muß das Protal bedienen oder schließen oder so. Oje. Aber seid unbesorgt, sie kommen alle wieder: Professor Frank, Big Red, der uniformierte Vorgesetzte und auch der einsame Schreibtisch.
WERBEPAUSE.
Hat ihnen diese Rezension gefallen? Dann werden sie sich sicher auch für diese Texte begeistern können!

MONSTER – Mistys spannende Betrachtung eines Filmjuwels aus der Asylum-Schatzkiste. Hier.
100 MILLION BC – Christian Genzels detaillierte Auseinandersetzung mit dem Filmphänomen. Hier.
MONSTER – Wieder seziert Christian Genzel in gewohnt präziser Art einen Film bis auf die Knochen. Hier.

WERBEPAUSE ENDE.

Und zack. Alle wieder in der Fabrikshalle, random Urzeit-scientists, die Überreste der Elitetruppe, der Schreibtisch und Big Red. Der uniformierte Vorgesetzte schlägt vor, den Saurier erstmal in der Fabrikshalle zu belassen, doch Big Red will wohl das Hollywood-Sign sehen und marschiert durch die Tür. So geht ihnen der Saurier erstmal verloren. Das passiert ihnen dann noch ein paar mal, bis am Ende alles ...

Nein. Das dürft ihr euch selbst ansehen. Freut euch auf Panzer, Hubschrauber, Explosionen, kurze Röcke und schlechte Entscheidungen. Und wer aufgepasst hat, wird immer noch der Rückkehr von Professor Frank entgegenfiebern. Es ist zu unglaublich, um es zu beschreiben, und zu hirnrissig, um es zu glauben.

Schauen Sie sich das an, meine Herrschaften!





100 Million BC (USA 2008)
Alternativtitel: 100.000.000 BC
Regie: "Louie Myman" (= Griff Furst)
Buch: Paul Bales
Darsteller: Michael Gross, Christopher Atkins, Greg Evigan, Marie Westbrook, Wendy Carter
FSK: 16

------------------
4 8 15 16 23 42
Share To:

Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

Post A Comment:

2 comments so far,Add yours

  1. Ich bin entzückt :D
    Sehr schöner Text, der mich zum Lachen anregte und wenn ich nicht selbst schon die schmerzliche Misserfahrung gemacht hätte - sogar zum Anschauen dieses Saurierklassikers.

    Post Skriptum: Die Flashmobtheorie bekommt 100 Credits

    AntwortenLöschen
  2. Das kann ich nur unterschreiben: Die Flashmobtheorie ist grandios.

    AntwortenLöschen