Die vierte Auflage von Gurus Hip-Hop-Jazz-Projekt: Geschmeidig und angenehm, aber wenig aufregend.

Alleine der Titel ist ein Knüller. GURU'S JAZZMATAZZ, VOL. 4 - THE HIP HOP JAZZ MESSENGER: 'BACK TO THE FUTURE' heißt das Werk in wortgewaltiger Länge, und eigentlich sollte man im Laden Rabatt kriegen, wenn man das auswendig und ohne Luftholen aufsagen kann. Guru, einst Reimwerker beim Hip-Hop-Duo Gang Starr, startete ja in der ersten Hälfte der Neunziger pünktlich zur Acid-Jazz-Explosion sein Jazzmatazz-Projekt, wo Hip-Hop-Beats und Rap auf Jazzlicks und Improvisationen trafen. GJ4THHJMBTTF (um den Spaß einmal als griffige Abkürzung zu betiteln) ist die vierte Auflage der Idee, und nimmt man das ganze bombastische Getue auf dem Cover einmal weg, bleibt eine nette Hip-Hop-CD mit ein wenig Jazzflair im Stil der 90's. Nix Zukunft.

Nun war der Jazzgehalt ja ohnehin schon seit Beginn an zweitrangig, obwohl seinerzeit mit Donald Byrd, Roy Ayers, Branford Marsalis und Lonnie Smith erstklassige und ernsthafte Jazzmusiker der Musik gute Substanz gaben. Teil drei der Reihe widmete sich weniger dem Jazz als vielmehr dem Soul & Funk, und obwohl damals alle wohlwollend auf die Melange blickten, schreibt heute jeder, daß das sehr enttäuschend war. Guru selber ist auch nicht mehr so richtig überzeugt von Part 3, weil für seinen Geschmack zuviele verschiedene Produzenten die Kontinuität des Albums vermissen ließen - und so holte er sich für Nummero Vier einen einzelnen Produzenten namens Solar, der sich selber recht ungeniert auf einer Stufe mit Scott Storch und den Neptunes sieht und per Albumartwork und diversen selbstreferentiellen Raps hier stets als "Superproducer" bezeichnet wird. Was versteht man eigentlich unter "Ego"?

Musikalisch ist JAZZMATAZZ 4 ETC. (ihr wißt schon) eine durchweg geschmeidige Angelegenheit. Der Groove rollt sanft, die Beats gleiten über den Boden, prächtig funkige Samples geben dem ganzen Wärme, und Guru rappt ein wenig monoton, aber dafür tight. "State of Clarity" fängt den sonnigen Westcoast-Jazz mitsamt Gaststar Bob James am E-Piano wundervoll ein, "Look to the Sun" hat schönen 70's-Flair. "Fine and Free" ist sozusagen Neo-Retro-Soul mit Isaac-Hayes-Feeling, und auf "Living Legend" bläst der Los-Angeles-Autostaujazz-Veteran David Sanborn ins Horn. Eine durchweg entspannte Angelegenheit.

Das Problem dabei ist - da mußte ja jetzt ein Haken kommen! - daß der Spaß auf 16 Tracks schon ab der fünften Nummer in den Hintergrund tritt. Irgendwann wird alles zur Background-Musik, und nachdem man dann eine Zeitlang gar nicht mehr zugehört hat, fragt man sich eine halbe Stunde später, warum das denn immer noch läuft. Das liegt weniger an der mangelnden Qualität der einzelnen Stücke, sondern schlichtweg an der Tatsache, daß nichts wirklich Aufregendes passiert und Überraschungen konsequent vermieden werden. Zumal der schon per Titel doppelt verbriefte Jazzgehalt minimal ist: Bis auf James, Sanborn und Ronnie Laws, die allesamt ohnehin aus unaufgeregten Smooth-Jazz-Gewässern herübersegeln, ist JAZZMATAZZ 4 ungefähr so jazzig wie Linkin Park. Spannung generiert das Aufeinandertreffen von gemütlichem Hip-Hop und sanftem Pop-Jazz natürlich auch nicht gerade, weil nirgendwo Ecken und Kanten ins Spiel kommen.

Aber seien wir mal nicht so: - jetzt nehmen wir nochmal kräftig Anlauf: - GURU'S JAZZMATAZZ 4: THE HIP HOP JAZZ MESSENGER: 'BACK TO THE FUTURE', PRODUCED BY SOLAR ist ein feines Stück Musik. Elegant, angenehm, gut gemacht. Teil 5 darf dann aber gerne wieder ein wenig aufregender geraten.
 




Dieser Text erschien zuerst am 18.7.07 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele, und dreht eine Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX, den All-Music Guide, das 35-Millimeter-Filmmagazin und Film & TV Kameramann. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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