Deckung!

Lichtgranaten? Leichte Granaten? Schwerer Stoff? Vom Versuch, etwas Wertvolles über das neue Incubus-Album zu sagen.

Ich bin völlig leergeschrieben. Ehrlich. Da kommt nichts mehr raus. Ein paar Worte zwängen sich durch die ausgepowerten Hirnwindungen, finden ihren Weg über die Finger auf die Tastatur, aber Sinnvolles kommt dabei nicht mehr heraus. Ofen und aus. Dabei gäbe es gerade das neue Incubus-Album zu rezensieren, das da den schönen Titel LIGHT GRENADES trägt und mit rot-weißem Cover strahlt. Aber ich fürchte, da kommt heute nichts mehr. Die Batterien sind leer.

Am Album kann's ja eigentlich nicht liegen. Das ist gut. So, und was haben wir sonst noch darüber zu sagen? Ein kurzer Blick in die Bemühungen der Konkurr Kollegen zeigt, daß die offenbar auch total leergeschrieben sind. Komisch. Keiner hat was Schlaues über die Musik zu sagen? Kommt schon! Stellt euch nicht so an! Selbst die in ihrer Banalität selten zu unterbietenden Amazon-Userkritiken greifen irgendwie ins Leere: Die wohlmeinende Fan-Fraktion wähnt ein "Meisterwerk", einen "Geniestreich", das "größte Album aller Zeiten" und "das schmackhafteste Hundefutter mit noch mehr Speck" -- ach halt, da hab' ich wohl den falschen Link angeklickt -- aber das tun die ja immer. Ein paar Skeptiker mögen die CD gar nicht, weil Kommerz gewittert wird und überhaupt früher alles viel besser war, als rüpelhafte Musiker mit schwerer Chili-Peppers-Verklärung noch richtige rüpelhafte Musiker mit schwerer Chili-Peppers-Verklärung waren. Maus und Faden sind sich einig: Keiner hat was Profundes zu sagen über das neue Incubus-Album.

Och! Kinder! Laßt mich doch nicht so hängen! Immer muß ich ran. Also: Das Spannende an Incubus ist ja, daß sie völlig ruhelos sind. Von ihren Frühtagen als rüpelhafte etc. etc. über die aufregende Stilfusion MAKE YOURSELF zur entspannten, auf das Einfache reduzierte Sommerbrise MORNING VIEW und dann zum finsteren Prog-Experimental-Rock A CROW LEFT OF THE MURDER - die Band strebt immer weiter, erfindet sich stetig selbst neu und bleibt dabei doch - nicht zuletzt dank Brandon Boyds heller Stimme - immer erkennbar sie selbst. Das experimentelle Klanggewitter auf CROW haben die Burschen jetzt in ein etwas griffigeres Korsett gesteckt, aber das Unberechenbare und der große stilistische Mischtopf bleiben auch auf LIGHT GRENADES erhalten.

Jetzt kommt die Lücke. Da sind keine Wörter. Da bilden sich keine Sätze. Probieren wir's mal im Fußgängertempo: Die zappeligen Attacken "Light Grenades" und "Pendulous Threads" explodieren einem geradeweg ins Gesicht. Der erste Part von "Earth to Bella" ist eine vermeintliche Akustikballade, die aber immer mehr ins Dissonante auszubrechen versucht. "Dig" und "Love Hurts" schwelgen im Wohlklang und in schönen Melodien, und dazwischen ist "Anna Molly", die erste Single, sehr exaltiert und hippelig. Dauernd passiert was auf dem Album: Akustikgitarren, dann harte Riffs, psychedelische Soundscapes, surreale Bilder. Daß der Spaß dabei auch noch über weite Teile eingängig ist, zeugt von der Klasse der Musiker.

Was denn? Nicht profund? Na gut. Dafür, daß ich leergeschrieben bin, kam ja doch ein bißchen was zu Papier bzw. Monitor. Jetzt kann ich wieder beruhigt schlafen und mir das Album anhören und es ganz wortlos und unformuliert gut finden. Ofen und aus.





Dieser Text erschien zuerst am 7.1.2007 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Christian Genzel

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