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Hurt: Vol. 1 (2006)

Schmerz, die Erste

Ein anspruchsvolles Stilgebräu: Hurt zeigen sich auf ihrem Debütalbum VOL. 1 hochdramatisch.

HURT, VOL. 1: Das erste Album einer Gruppe namens Hurt. Nachdem nun schon zwei Anläufe im Sand verlaufen sind, einen schwungvollen und doch schwer aussagekräftigen Einstieg in diese Rezension zu finden, konsultiere ich das TinMaschinchen, wo der gute Rat ein steter Gast ist. „Ich kenn die Band ja gar nicht. Hört sich aber nach einer Subform von Metal an,“ mutmaßt sie. „Naja, es ist so eine Prog-Grunge-Hardrock-NuMetal-Akustik-Orchester-alles-drin-alles-dran-Band,“ erläutere ich. „Siehste! Läßt sich doch total leicht abgrenzen,“ spricht das TinMaschinchen. Potzblitz! Recht hat sie! Da steht sich der Kritiker einmal wieder selber im Weg.

Hurt, eine aufstrebende junge Band aus den Staaten, machen also sehr viel und sehr viel auf einmal. Auf ihrem keck betitelten Debüt – was denn, da soll noch ein Album kommen? – mischen sie munter die obengenannten Genres und loten ein großes Spektrum an Dynamik und Dichte aus. Das ist mitunter bombastisch arrangiert, mit großem Orchester (tatsächlich Samples!), großen Gitarrenwänden und viel Theatralik, und dann wieder ganz ruhig, leise, mit Akustikgitarre und feinen Melodien. Es passiert viel, aber es ist immer dramatisch.

Am gelungensten funktioniert das auf der ersten Single, „Rapture“, in der die ganze Ästhetik der Band in knapp sechs Minuten gepackt wird. Die Geschichte, in der es sich um religiösen Wahn dreht, ist bitter: „So she walked in the baby’s room / Knowing what she should do leaves me in absolute horror / She put her hand on its lips, she gave it one last kiss“, heißt es da in der Mitte des Songs, der einer richtigen Dramaturgie folgt und sich nur langsam öffnet. „She swore she heard the voice of Jesus / Telling her it was wrong to keep it,“ erfahren wir zum Schluß.

Ganz klar: Hurt erzählen diese Geschichten ernst, ohne Ironie. Sänger J. Loren schreit, flüstert, singt, und der Name der Gruppe ist Programm: Es geht immer um den Schmerz, um das Dramatische, um das Düstere. „Morpheus! How could you leave me when I had need of your love?“, heißt es in „Overdose“, einem Song, der immer gewaltiger und dissonanter wird, und es ist erstaunlich, daß nicht einmal mit diesen Worten zu viel Pathos aufkommt. Oft singt Loren über die Untreue, über das Betrogenwerden: „You gave your body to all who were willing / And took these pleasures that I wasn’t filling“, heißt es in „Unkind“, aber in der Verzweiflung liegt hier auch immer die Zerrissenheit: „Damn it all I love you / but you’re unkind to me“.

Ein wenig verliert das Album nach ein paar Songs die Griffigkeit. Es ist nicht so, daß die Stücke zu komplex werden, sie werden einfach nur weniger bemerkenswert. Keiner der Songs ist schlecht, und auch hinten finden sich noch Schätze – die fragile Akustikballade „Cold Inside“ beispielsweise – aber nicht jeder erreicht die Meßlatte, die sich die Band mit „Rapture“ und „Overdose“ zu Anfang gleich selber legt.

Egal: Hurt zeigen sich auf ihrem Debütalbum vielversprechend und ganz eigen, und sofern man Theatralik und Drama in der Musik schätzt, wird man hier ein Zuhause finden. Wir sehen: Es läßt sich total leicht abgrenzen. Besten Dank, TinMaschinchen.

Dieser Text erschien zuerst am 16.1.2007 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, erschien 2011. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm und produziert Bonusmaterial für Film-Neuveröffentlichungen. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, u.a. für die Salzburger Nachrichten, Film & TV Kamera, Ray, Celluloid, GMX, Neon Zombie und den All-Music Guide. Er leitet die Film-Podcasts Lichtspielplatz, Talking Pictures und Pixelkino und hält Vorträge zu verschiedenen Filmthemen.

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