Zeit für einen Buch-Geheimtip: IM TURM DES PANOPTICONS von der Berliner Autorin Daniela Rohr. Daniela brachte 2013 die originelle Kurzgeschichtensammlung DER ZEIT-ZWIRBEL-EFFEKT UND SEINE KNÖPFCHENDRÜCKER heraus, die eine Reihe von schrägen, augenzwinkernden Science-Fiction-Stories zu einem großen Universum verband, indem die einzelnen abgeschlossenen Geschichten immer wieder aufeinander Bezug nahmen. Das PANOPTICON erschien noch im selben Jahr und ist eine knapp hundertseitige Novelle – wieder Science Fiction, diesmal allerdings ernsterer Natur. (Zur vollen Transparenz sei hinzugefügt: Ja, ich kenne Daniela und habe auch schon mit ihr an einem Filmprojekt gearbeitet.)

Das Panopticon des Titels ist eine Art gläsernes Gefängnis – eine Raumstation, in der Dissidenten und Systemkritiker ihre Strafe absitzen müssen und dabei rund um die Uhr in jeder Regung beobachtet werden können. Die Aufsicht über diese Station obliegt einer einzigen Person, Linea Wermut, die dort eine sechsmonatige Schicht ableistet und sich schon auf die Rückkehr nach Hause freut. Gesellschaft leistet ihr nur der Computer Alexa, über den die gesamte Station gesteuert wird; gelegentlich kann sie mit ihrem Freund Anthes per Videochat kommunizieren.

Aber Linea leidet unter Albträumen – und die Station scheint ein Eigenleben zu entwickeln: Gefangene verschwinden plötzlich und tauchen wieder auf, ohne daß der Computer es registriert. Sie antworten auf Lineas Selbstgespräche, obwohl sie sie unmöglich hören können. Und manchmal starren sie in die Überwachungskameras, als könnten sie Linea sehen. Verliert Linea den Verstand? Versagt die Technik? Oder hat der Computer Alexa noch andere Aufgaben, als nur Linea bei der Führung des Gefängnisses zu assistieren?

Es ist ein spannender Mix aus verschiedenen, klassischen Science-Fiction-Motiven, den Daniela hier zusammenbraut – darunter die künstliche Intelligenz, die vielleicht etwas gegen den Menschen im Schilde führt, und die Überwachungstechnik, die Tür und Tor zu Paranoia und Verschwörungstheorien öffnet; auch die Auflösung atmet Ideen verschiedenster Vorreiter – darunter, ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen, ein großartiger Tom-Cruise-Film (nein, nicht RAIN MAN). Das Amalgam dieser bekannten Topoi funktioniert, weil sie auf eine Weise zusammengeführt werden, bei der man nicht automatisch weiß, was alles wie und warum geschehen wird – und weil der Schluss auch sitzt, gar nicht mal so sehr in Form der Überraschung, sondern durch seine Konsequenz.

Daß IM TURM DES PANOPTICONS der Science-Fiction zuzurechnen ist, ist dabei fast Nebensache: Vieles in der Handlung könnte mit ein paar Anpassungen auch in ein anderes Setting übertragen werden können und funktioniert gerade wegen dieser Zeitlosigkeit. Die Geschichte ist eigentlich eher ein Mystery-Plot: Merkwürdige Dinge geschehen, die auch die Neugier des Lesers hervorrufen, und die Suche nach der Wahrheit ist gleichzeitig auch die Suche nach der eigenen Identität. Daniela weiß, wie sie den Leser durch die Erkundung eines solchen Geheimnisses führt: Mit knackiger Schreibe nimmt sie ihn gleich zu Beginn an der Hand und rast volle Kraft voraus. Man läßt sich gerne von ihr durch diese zwei, drei Stunden Lesevergnügen führen.

Einzig die Figurenzeichnungen sind nicht so aufregend wie die Story selbst: Wo schon im ansonsten clever geschriebenen und hochvergnüglichen ZEIT-ZWIRBEL-EFFEKT viele Charaktere sehr ähnlich waren und redeten, bleiben auch die Figuren im PANOPTICON mit nur wenigen Merkmalen ausgestattet. Hauptfigur Linea fungiert mehr als Platzhalter, über den wir die Welt und ihr Geheimnis erkunden – funktionieren würde die Story auch mit jeder anderen Person. Auch Computer Alexa ist so, wie schlaue Computer in der Zukunft eben so sind: Sanfte Stimme, auf Aufmerksamkeit programmiert und in den Antworten dann doch gerne mal etwas schnippisch ("Wenn ich dich daran erinnern darf …"). Gerade das Zusammenspiel zweier ausgefleischterer, kantigerer Figuren – Mensch und Maschine – hätte der Novelle noch etwas Tiefgang gegeben.

Tragisch ist das aber nicht: Es geht im PANOPTICON um die Welt, um die Idee dahinter, und um den Prozess der Aufdeckung eines Geheimnisses. Das alles trägt einen mühelos zum Schluss und bleibt in seinen letzten Bildern auch nachhaltig im Kopf. Gerade letzteres hat Daniela jetzt schon zweimal bei mir geschafft. Ich bin gespannt, was noch von ihr kommen wird.





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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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