THE AMAZING COLOSSAL WORLDS BY MR. B.I.G.: Regisseur Bert I. Gordon erinnert sich an seine Monsterfilme

Aktuell / Buch / 23. August 2021

Es ist eine schöne Fügung des Schicksals, dass die Initialen von Bert Ira Gordon das Wort BIG ergeben: Als Filmemacher hat sich Mr. B.I.G. hauptsächlich und mit Wonne mit allem beschäftigt, was irgendwie groß werden kann. Menschen wurden bei ihm zu Giganten; Spinnen, Grashüpfer, Katzen und Enten wuchsen zu Monstern heran. Seine Filme waren kleine B-Movies mit geringem Budget, die von den Kritikern gerne belächelt wurden – die Kinospott-Serie MYSTERY SCIENCE THEATER 3000 nahm mehr Filme von ihm aufs Korn als von jedem anderen Filmemacher. Aber in Wirklichkeit gehört der handgemachte Charme von Bert Gordons Filmen zu ihren Stärken: Sie haben etwas Unbekümmertes und Enthusiastisches, wie sie ihre Do-It-Yourself-Effekte auf die Leinwand werfen, und der Humor, mit dem Gordon seines Stories erzählt, tut sein Übriges – ebenso wie der staunende Blick, den er sich über all die Jahre behalten hat.

2009, im Alter von 87 Jahren, veröffentlichte Bert I. Gordon seine Autobiographie THE AMAZING COLOSSAL WORLDS OF MR. B.I.G. – und so, wie er seine Filme selbst auf die Beine stellte (und dabei neben Regie und Produktion gerne auch Drehbuch, Effekte und manchmal auch Kamera oder Schnitt übernahm), ist auch das Buch ein selbstgemachtes Independent-Projekt, das er als Print-on-Demand über Amazon anbietet. (Vier Jahre nach Erscheinen des Buchs drehte Bert Gordon übrigens im Alter von 91 Jahren nochmal einen Film: den wunderbar schwarzen Psycho-Horror SECRETS OF A PSYCHOPATH mit Kari Wuhrer.)

In einem lockeren Plauderton, aber ohne große Umschweife, erzählt Gordon hier, wie ihm von klein auf der Filmfloh im Ohr saß. Er berichtet, wie er mit acht Jahren eine Kamera bekam und bald schon mit einfachen Tricks wie Doppelbelichtung oder Split-Screen experimentierte. Er erzählt auch davon, wie er sich Zauberkünstler und andere Bühnenshows auf dem Karneval ansah, von der zersägten Jungfrau hin zum Mensch aus dem Eis, und backstage oft lernen konnte, wie gewisse Effekte funktionierten – es ist eine Welt, die sicherlich ihre Spuren in Gordons Filmen hinterlassen hat, mit ihren sensationellen Ankündigungen und den Taschenspielertricks. Und er erzählt, wie er zunächst Werbefilme und Dokumentarfilme drehte, bevor er sich nach Hollywood aufmachte – obwohl ihm jeder davon abriet. Selbst in Hollywood gab ihm ein Produzent bei Universal, wo er acht Monate lang vergeblich versucht hatte, auf das Gelände zu kommen, den gutgemeinten Ratschlag, doch lieber seine Sachen zusammenzupacken und Los Angeles zu verlassen. Aber Gordon fühlte sich durch solche Entmutigungen immer nur mehr angespornt.

Dann geht Gordon der Reihe nach seine Filme durch – zu manchen hat er mehr, zu anderen weniger zu erzählen. Hinsichtlich der Qualitäten seiner ersten beiden Streifen SERPENT ISLAND (Gordon kümmerte sich um Produktion, Kamera und Schnitt, als Regisseur und Autor fungierte Tom Gries) und KING DINOSAUR (Gordons Regiedebüt) zeigt er sich dabei ganz bodenständig: „Of course, these first two films of my career weren’t what one would consider works of art or superior productions, and they were made for practically non-existent budgets. Sure, they’ve been fair game for movie critics, and anyone who thinks he’s one. But, taken in the context in which they were produced, these two movies were courageous upstarts of young careers. Something to be proud of.“

Ebenso pragmatisch orientiert sind auch Gordons Effekte, von denen er manche erklärt – zum Beispiel die gigantischen Grashüpfer, die in BEGINNING OF THE END an einem Wolkenkratzer hochklettern. Tatsächlich nahm Gordon einfach ein großes Photo eines Hochhauses, auf dem er die Tiere (mit Motivation durch einen Fön) entlanglaufen ließ – und wenn sie in der Handlung von einem Schuss getroffen werden und herabfallen, klopfte Gordon einfach von hinten gegen das Bild. Seine Geschichten, wie er zugibt, richtete er auch stets danach aus, was für ihn machbar war: „[W]hen I’m writing a scene with a visual effect in a screenplay, I figure how I will get the spider, or whatever, in the scene, or to perform a particular action… and if I don’t have the answer, I change it to an action, or whatever, that I will be able to create.“ Schönsten Low-Budget-Geist zeigt auch seine Erwähnung eines Briefes, den er zu BEGINNING OF THE END erhalten hat: „The letter called to my attention the fact that a mountain could be seen in the distance in some of the exterior scenes in the outskirts of the Chicago… and, the writer of the letter pointed out, mountains don’t exist around Chicago. He was right. But since mountains do exist in the San Fernando Valley where those scenes were shot, I couldn’t make them go away.“

Leider sind die Erinnerungen an die Filme wirklich nur anekdotenhaft – und viele Filme werden in kürzester Zeit abgehakt.  „With offices at MGM Studio, I started preparing for the shoot. The casting went well… we hired a good crew… and began filming… bringing the movie in on schedule… on budget“ – das ist schon das ganze Ausmaß, was Gordon zu seiner Sexkomödie SEXPLOSIV zu erzählen hat. Um die Kapitel zu füllen, werden (nicht systematisch) Zusammenfassungen der Handlung, Cast-Listen und ausgewählte Reviews in den Text geworfen – was die Enttäuschung bei manchen Streifen nur steigert, weil man hoffen würde, Bert Gordon hätte selber auch etwas zur Entstehung zu sagen. Beim Horrorfilm MALEDICTION – FLUCH DES DÄMON füllt er eine Seite mit diversen Alternativtiteln seiner Filme, um zu zeigen, dass sich Namen ändern können; bei der Erinnerung an eine Retrospektive, die das International Film Festival in Catalonia 1998 zu seinen Filmen veranstaltet hat, füllt er zwei Seiten mit dem Programm, inklusive der Kurzzusammenfassungen seiner Filme und der Startzeiten beim Festival.

Knapp 100 Seiten im zweiten Teil des Buchs sind mit Schwarz-Weiß-Photos gefüllt – darunter viele Photos von Gordon am Set seiner Filme, Poster und Stills. Auch hier merkt man, wie das Werk künstlich ein wenig in die Länge gezogen wird: Hedy Lamarr kriegt ein Archivbild, weil sie in seinem Film DAS KABINETT DER BLUTIGEN HÄNDE hätte spielen sollen (die Rolle ging aber letztlich an Zsa Zsa Gabor), ein DVD-Cover zeigt das Double-Feature aus ATTACK OF THE PUPPET PEOPLE und VILLAGE OF THE GIANTS, und zwei vorne zu BEGINNING OF THE END vollständig zitierte Reviews werden nochmal als Originalbild gezeigt. Es wäre wohl auch sinnvoller gewesen, die Bilder durch das Buch zu verteilen, um die einzelnen Filme zu illustrieren – aber wenigstens kriegt man in der Kollektion noch einmal ein Gefühl für die Bilderwelt, die Bert Gordon ins Kino brachte.

Man darf sich von THE AMAZING COLOSSAL WORLDS OF MR. B.I.G. also keine umfassende Erzählung über Bert Gordons Leben erwarten – es ist ein Streifzug durch sein Schaffen, der gerade genug witzige und interessante Erinnerungen bietet, dass man als Freund seiner Filme einen Mehrwert daraus ziehen kann. Es ist möglich, dass Gordons Gedächtnis nicht mehr zu manchen Filmen hergegeben hat – und trotzdem kriegt man in der Erzählweise einen Eindruck, wie der Mann arbeitet: Geradlinig, unprätentiös, auf geht’s. So wie sein Kino davon geprägt ist, im Augenblick zu existieren, neigt Gordon (wie z.B. auch sein Audiokommentar zu IN DER GEWALT DER RIESENAMEISEN bestätigt) ohnehin nicht zum ausschweifenden Erzählen. Beziehungsweise: Was er erzählen will, packt er in 70 Minuten Film. Und in denen ist Mr. B.I.G. dann immer wieder ganz groß.

 

Mein Interview mit dem 98-jährigen Bert I. Gordon findet sich in Episode #14 der Talking Pictures. In Folge #47 unseres Lichtspielplatz-Podcasts reden wir über mehrere Filme von ihm, darunter VILLAGE OF THE GIANTS, ATTACK OF THE PUPPET PEOPLE und DER KOLOSS, und spielen dazu auch einige Clips aus dem Talking-Pictures-Interview.

 







Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für Film & TV Kamera, Celluloid, GMX, den All-Music Guide, 35 Millimeter, Neon Zombie und Salzburger Nachrichten. Er hält Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".





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