Von der Story hat so ziemlich jeder schon mal gehört: Da hat eine Frau in Amerika McDonald's verklagt, weil der Kaffee heiß war und sie sich daran verbrüht hat - und dafür hat sie $2,9 Mio. an Schadenersatz bekommen. Die Geschichte wurde zu einem großen Witz - wie können die es wagen, heißen Kaffee zu servieren? - und außerdem zu einem Zeichen, daß das Zivilrecht in den Staaten absurde Ausmaße angenommen hat: Offenbar kann man dort für die bescheuertsten und offensichtlichsten Tatsachen eine Firma verklagen und wird damit reich.

Die Doku HOT COFFEE der ehemaligen Anwältin Susan Saladoff nimmt diesen Fall aus den Neunzigern als Sprungbrett für einen hochspannenden Blick auf das Zivilrechtssystem - und rückt dazu zunächst mal die Fakten dieser kolportierten Geschichte vehement zurecht. Die alte Frau, die sich den Kaffee versehentlich über die Oberschenkel gekippt hat, saß im Auto - aber sie saß auf dem Beifahrersitz, und das Fahrzeug stand auf einem Parkplatz. Wie sich herausstellte, hatte der Kaffee eine Temperatur von 180-190° Fahrenheit - das entspricht umgerechneten 82-87° Celsius. Sprich: Kein Mensch hätte diese fast kochende Flüssigkeit trinken können. Und wie sich weiterhin herausstellte, wurde McDonald's durch das Management angewiesen, das Getränk derartig heiß bereitzustellen, obwohl firmenintern schon über 700 (!) Beschwerden wegen größeren und kleineren Verbrennungen notiert wurden.


Der Film zeigt recht bald drastische Photos, die im Krankenhaus von diesen Verbrennungen aufgenommen wurden - und alleine diese Bilder stellen die Story schon in ein ganz anderes Licht. Und wenn man dazu erfährt, daß der Geschäftsführung das Problem bewußt war und es aber seit Jahren stillschweigend unter den Teppich gekehrt wurde, dann erscheint einem eine Klage plötzlich gar nicht mehr so absurd - und eine empfindlich hohe Strafzahlung ebensowenig, da dieser Schadensersatz, wie eine Anwältin in der Doku erläutert, auch verhindern soll, daß solche Fälle wieder passieren.

Das Zivilrecht, so argumentiert der Film, ist die einzige legale Instanz, bei der sich ein Individuum gegen große Unternehmen wehren kann, weil auf anderen Ebenen große Lobbies und somit viel Geld darüber entscheidet, wer das Recht für sich gewinnen kann. Und um diese Möglichkeit zu minimieren, wurde vor allem der Kaffee-Fall von den Medien dazu genutzt, das Zivilrecht in Verruf zu bringen - quasi als Aushängeschild für die Behauptung, daß habgierige Individuen nach Schlupflöchern im System suchen, um sich auf Kosten des Steuerzahlers zu bereichern. In der Tat zeigt der Film diverse Medienberichte und auch Politikerreden - oh ja, auch von Bodensatzpräsident George W. - in denen "frivolous lawsuits" (im Deutschen nennt man das offenbar eine "querulatorische Klage") angeprangert werden und damit eine Reform durchgeboxt wird, die die Höhe der Schadenszahlungen empfindlich einschränkt.

Um die Auswirkungen dieser Maßnahmen zu zeigen, greift Saladoff noch andere Fälle in ihrer Doku auf - darunter ein Ehepaar, deren Sohn aufgrund einer Fehldiagnose einer Ärztin geistig schwerstbehindert zur Welt kam. Weil die Medizinerin (gegen die schon früher Klagen wegen Fehlverhalten eingereicht wurden) gewisse Warnsignale mißachtete, bekam das Kind im Mutterleib zu wenig Sauerstoff ab. Somit benötigt der Junge lebenslange Betreuung und Therapie, um überhaupt gehen oder essen zu können. Und da rechnet der Film dann eben einfach mal vor: Bei der zunächst zugestandenen Schadensersatzsumme wäre der Junge für sein Leben lang versorgt gewesen. Dank der genannten Einschränkungen steht dafür wesentlich weniger Geld zur Verfügung, weshalb den Rest der Steuerzahler aufwenden muß - sprich: Die gesetzlichen Änderungen, die vermeintlich den Bürger vor zusätzlichen Zahlungen schützen sollen, sorgen in Wahrheit dafür, daß die großen Einrichtungen verschont bleiben und stattdessen exakt dieser Bürger beispielsweise für höheres Ausgaben im Gesundheitssystem aufkommen muß.


HOT COFFEE ist filmisch recht nüchtern gehalten und verknüpft Interviews mit Betroffenen, Anwälten und Kommentatoren (darunter John Grisham!) mit Photos, Videos und Dokumenten - sowie ein paar Gesprächen auf der Straße, die zeigen, daß Otto Normalverbraucher offenbar keinerlei Ahnung von Zivilrecht oder von dem angesprochenen Kaffee-Fall hat. Inhaltlich ist der Streifen aber um so aufrüttelnder: Saladoff ist an Aufklärung interessiert und will gegen jahrelange Medienverzerrung vorgehen - entsprechend gezielt arbeitet der Film auch auf seine Aussagen hin und verknüpft dabei emotionale Momente (die Eltern des Jungen, denen beim Interview an einer Stelle die Tränen kommen) mit faktischen Darlegungen, die aufhorchen lassen.

Auch hierzulande macht man oft genug Witze über die absurdesten US-Klagen, von denen man schon gehört hat. Nach dem Ansehen von HOT COFFEE wird man kaum mehr so abfällig über diese Geschichten lachen - und alleine für diesen Impuls, solchen Berichten zu mißtrauen und nachzudenken, wer welchen Nutzen davon haben könnte, lohnt es sich, den Film anzusehen.



Hot Coffee (USA 2011)
Regie: Susan Saladoff
Musik: Michael Mollura
Kamera: Martina Radwan
Darsteller: Joan Claybrook, Oliver Diaz, Al Franken, John Grisham, Jamie Leigh Jones

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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