SEEDS OF LUST: Die Provinzfamilie und die freie Liebe

Aktuell / Film / Kuschelkino / 25. Mai 2022

Wenn Provinzler von der Sexwelle mitgerissen werden: In SEEDS OF LUST macht eine Familie aus Nebraska Urlaub in Los Angeles. Am letzten Tag erkundet jedes der fünf Familienmitglieder auf eigene Faust die Stadt, um noch etwas zu erleben – und so kriegt jeder sein eigenes kleines Sexabenteuer, obwohl die Landeier ja eigentlich von, Pardon, Tuten und Blasen keine Ahnung haben.

Tochter Deb (Hilary Newman) will ja beispielsweise eigentlich ins Museum gehen, aber lernt auf dem Weg dorthin ein nettes schwarzes Fräulein von der „Gay Lib“-Schwulenbewegung kennen. Die nimmt Deb prompt zu sich nach Hause und versorgt sie dort gleich mit dem kompletten Wohlfühlpaket. „That feels so good!“, ist Deb über die Fertigkeiten der Lady erstaunt. „That’s what you call fingerfucking“, klärt die Partnerin ihre unerfahrene Schülerin auf. Die kriegt gleich Lust auf mehr: „Don’t you have anything bigger?“ – und schon findet ein praktischerweise griffbereit liegender Maiskolben eine Verwendung, die in Ernährungsratgebern sonst unterschlagen wird.

Der fan-nahe Schauspieler Lionel Atwater kümmert sich persönlich um seine Bewunderer (Ruth Knox).

Mutter Grace (Ruth Knox, davor in Softsex-Streifen wie COLLEGE CORRUPTION oder CAGED WOMEN zu sehen) dagegen flaniert den Walk of Fame entlang und trifft an der Ecke Hollywood & Vine einen netten Herrn, der ihr für nur zehn Dollar die Adresse des Filmstars Lionel Atwater verkauft. Der ist auch daheim und kümmert sich netterweise umfassend um die Dame. Ein wenig Smalltalk gibt es freilich vorher mit der etwas biederen Hausfrau: „Do you believe in reincarnation?“, fragt Atwater. „Yes, especially on Saturday night, when the spookshow is on TV“, meint sie. Dann beginnt der Star sie zu verführen, worauf sie sogleich wonnige Laute von sich gibt. „It hasn’t started yet“, klärt der Mentor die Lady auf, aber nur wenige Momente später turnen die beiden schon in den verschiedensten Stellungen über Atwaters Couch.

Die junge blonde Tochter Christy (René Martin) wird derweil von einem Burschen namens Jed (Bill Pruner, auch in Howard Ziehms HARLOT zu sehen) aufgelesen, der Kürbisse verkauft. Er nimmt sie mit nach Hause und überredet sie dort flugs, sich auszuziehen – und legt, damit sie sich wohlfühlt, auch gleich selbst die Kleidung ab. „Just think of me as your brother“, meint er lapidar, aber als sie sein bestes Stück erspäht, ist sie höchst erstaunt: „Wow, you sure don’t look like my brother!“ Er schneidet einen Halloween-Kürbis oben und unten aus, damit sie quasi in ihn hineinsteigen kann, und erklärt ihr dann: „I know something that’s a lot more fun than that.“

Sohnemann Danny (Joseph Porter) wird dagegen am Farmer’s Market von einem Herrn angesprochen, der ihm ein tolles Keksrezept geben möchte. Daheim wartet schon die hübsche Frau des Herrn, und das Pärchen erklärt dem Provinzburschen, dass sie Swinger sind: „We have a different moral code here“. Danny darf sich also mit der offenherzigen Lady vergnügen, während der Mann daneben sitzt und zusieht (und nur anfangs ein wenig seine Frau mit der Zunge in Stimmung bringt).

Danny (Joseph Porter, l.) hat Spaß mit dem netten Swinger-Paar.

Bleibt noch der konservative Patriarch Sam („Gene Pierce“ alias Howard Alexander, der beispielsweise auch in den Ziehm-Streifen TIJUANA BLUE, HOT COOKIES und FLESH GORDON mitwirkte), der durch die Stadt fährt und sich über die „long-haired freaks“ und „hippies“ aufregt: „Whatever happened to God and country?“ An einer Kreuzung steigen zwei Anhalterinnen ein, die er zunächst für Diebe hält, aber die ihm schnell verklickern können, dass sie für eine Mitfahrgelegenheit gerne ein paar Gefälligkeiten austauschen. „I thought this free love stuff was something for the birds?“, fragt Sam skeptisch. „We don’t call it free love. It’s a kind of sharing“, erläutert eine der Frauen.

Da macht der gute Sam doch gerne einen Abstecher zum Zuhause der Damen, wo sie sich ein wenig zu dritt vergnügen – allerdings nicht, bevor geklärt wurde, wo denn dieses zurückgebliebene Nebraska überhaupt liegt. „Is it south of Canada?“ – „Yes.“ – „Is it north of Mexico?“ – „Yes. You know where it is!“ Der ausgiebige Reigen mit den Mädels hat für Sam schließlich auch eine versöhnliche Wirkung, was die Gegenkultur angeht: „You know something? I think I changed my mind about you hippies“. Gerne fährt er die Damen anschließend noch dorthin, wohin sie eigentlich per Anhalter wollten – leider ist es die Free Clinic, wo die Frauen gerade ihre Behandlung abschließen. Als die Familie am Ende des Tages also zusammenkommt und sich fröhlich darüber austauscht, was sie heute bekommen haben – Autogramme, Keksrezepte! – kann sich Sam nur mit etwas schmerzhaftem Gesicht im Schritt kratzen. „I’m sure you got something you’ll always remember“, strahlt ihn seine Frau an.

Hier kann John Carpenter noch etwas lernen.

SEEDS OF LUST, einer der „one-day wonders“, die Howard Ziehm unter dem Namen „Harry Hopper“ Anfang der Siebziger in kürzester Zeit herunterkurbelte, lebt ganz vom frechen Humor seines Regisseurs und des Drehbuchautoren Walter Cichy (alias „T.H. Booker“). Da hat die Provinzfamilie aus dem Mittleren Westen keinen Schimmer, was im restlichen Amerika im Zuge der sexuellen Revolution so passiert – und wird passenderweise mit Maiskolben, Kürbissen und Keksen gelockt. Da weiß die jungfräuliche blonde Tochter offenbar genau, wie ihr Bruder nackt aussieht (und findet die Situation mit einem nackten Mann generell offenbar normaler, wenn sie sich vorstellen soll, es wäre ihr Bruder), während der Filmstar seinem Fan ein Autogramm auf spermaverklebtem Papier gibt. Es ist ein harmloser, gutmütiger Humor, der aber gleichzeitig, wie Ziehm es so oft schaffte, auch den Zeitgeist aufs Korn nimmt. Gewitzelt wird da schon im Vorspann: Angeblich basiert das Drehbuch auf einem Roman namens „This Town“.

Leider ist SEEDS OF LUST aber nicht wahnsinnig sexy. Die Schauspieler räkeln sich etwas unmotiviert über das Mobiliar, die Szenen gehen sehr lang – und die raue Bildqualität der Alpha-Blue-DVD hilft nun auch nicht gerade. Am anregendsten funktioniert die Szene mit der hübschen René Martin – leider ihr einziger Film, oder der Name ist ein sonst nie verwendetes Pseudonym. Aber immerhin: Mit Witz und Zeitgeistkommentar hat SEEDS OF LUST dann auf gewisse Weise doch mehr zu bieten als viele vergleichbare Filme.

 

 

Seeds of Lust (USA 1971)
Regie: „Harry Hopper“ (= Howard Ziehm)
Buch: „T.H. Booker“ (= Walter R. Cichy)
Kamera: „William A. Boedeker“ (= Howard Ziehm)
Produktion: „Harry Hopper“ (= Howard Ziehm) & Bill Osco (ungenannt)
Darsteller: „Gene Pierce“ (= Howard Alexander), Joseph Porter, Ruth Knox, Hilary Newman, René Martin, Bill Pruner

Die Screenshots stammen von der DVD „Cult 70s Porno Director: Harry Hopper“ (C) 2005 Alpha Blue Archives.






Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für Film & TV Kamera, Celluloid, GMX, den All-Music Guide, 35 Millimeter, Neon Zombie und Salzburger Nachrichten. Er hält Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".





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