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THE BRONX EXECUTIONER: Endzeitstimmung in der italienischen Bronx

Man muss es immer wieder festhalten: Filmschauen bildet. Ich habe mir die Bronx, den von Gewalt, Hip-Hop und italienischen Filmemachern heimgesuchten Stadtteil von New York, ja immer mit Häuserschluchten und dreckigen Straßen vorgestellt. Wie ich beim Ansehen des 1989 veröffentlichten Endzeit-Streifens THE BRONX EXECUTIONER erfahren durfte, lag ich meilenweit daneben: Tatsächlich sieht die Bronx wie eine große Kiesgrube aus, in deren Mitte sich ein etwas trüber Tümpel befindet. Drumherum sieht man ein wenig grüne Vegetation, und irgendwo in der öden Gegend steht auch eine üppige süditalienische Villa. Hätte ich mich bei meinem letzten New-York-Besuch doch nur nicht auf Brooklyn und Manhattan beschränkt!

Auch das wird uns hier gezeigt, frisch aus dem Archiv: Schöne Aufnahmen von Hochhäusern, dem World Trade Center, der Brooklyn Bridge. Genau das Richtige also, um in apokalyptische Stimmung zu kommen. Die wird außerdem per Voice-Over verbreitet: Da erfahren wir, dass in der Bronx Androiden und Humanoiden leben, aber die beiden Cyborg-Spielarten sind sich leider gar nicht grün und verbringen ihre Zeit hauptsächlich damit, sich gegenseitig umzubringen.

Zum Glück gibt es aber Hoffnung auf Recht und Verfassung, ganz ohne schwarzen Trans Am: New York hat nämlich einen Polizisten. Jawohl, es ist exakt einer. Der wird von Woody Strode gespielt und „The Black Man“ genannt, weil es offenbar sehr ungewöhnlich ist, in New York schwarz zu sein. (Eventuell war es das vor allem im Italien des Jahres 1989.) Mit diesem Sheriff gibt es aber ein nicht unbeträchtliches Problem: Er spielt in diesem Film nämlich gar nicht mit. Strodes Szenen wurden allesamt aus der ähnlich gelagerten (und ganz ohne Mitwirkung von Herbie Hancock produzierten) Endzeit-Sause ROCKIT – FINAL EXECUTOR entnommen, die Dialogzeilen seines Gegenübers wurden nach bester Godfrey-Ho-Manier neu gedreht. Es gibt da nämlich einen neuen Anwärter auf den Posten des Sheriffs, unseren Helden James. Weil es freilich undenkbar ist, zwei Sheriffs gleichzeitig in New York herumlaufen zu lassen, bringt der Black Man den hoffnungsfrohen Newcomer in einer Trainingsmontage in Form und verschwindet dann aus der Handlung – mit einem Brief, weil das Archivmaterial wohl keine Einstellung beinhaltete, in der Strode zur Tür herausgeht.

Fast so sexy wie Daryl Hannah: Androidin Margie Newton.

Wenn man sich James‘ Arbeitsplatz so ansieht, ahnt man, dass die Anzahl der Polizeikräfte in New York höchstwahrscheinlich wegen Budgetkürzungen auf eine einzelne Person reduziert wurde: Der „White Man“, wie er schnell genannt wird, sitzt in einer kleinen Garage, an deren Wand ein selbstgemachter Zettel mit dem Schriftzug „NYPD – New York Police“ geklebt wurde. An der anderen Wand hängt ein Bild, das die nächtlichen Skyscraper von Manhattan zeigt. (Ob es ein Poster oder ein Fenster sein soll, erschließt sich dem Zuseher in diesen Szenen nicht vollständig.)

Draußen tobt derweil der Kampf zwischen den Humanoiden und den Androiden, wobei der Unterschied zwischen den beiden nicht ganz klar ist – dahinter könnte ein subtiler Hinweis auf die Sinnlosigkeit rassistischer Gedanken stecken, womöglich wurde uns in all den zusammengestöpselten Voice-Over-Fragmenten aber auch einfach nur nichts so richtig erklärt. Wer glaubt, dass diese Maschinenwesen eventuell durch ihr Verhalten identifiziert werden könnten, irrt jedenfalls: Sie essen und schlafen und ziehen sich dafür sogar extra Nachthemden an. Wo waren wir? Ah ja, der Konflikt: Es gibt viel Geballer in der Kiesgrube, und eine böse Frau im roten Kleid (Margie Newton, die sich noch in Bruno Matteis unsterblichem Zombieklassiker HÖLLE DER LEBENDEN TOTEN Kreise auf die Brüste malte, um mit den Eingeborenen zu kommunizieren) erweist sich als Anführerin der brutalen Androiden. „I only love death“, erklärt sie und fügt einschränkenderweise hinzu: „Other people’s death, naturally“.

Auf der Seite der Humanoiden kämpft ein gewisser Dakar, der nicht mit dem aus ATOR – HERR DES FEUERS bekannten peruanischen Wrestler oder mit der ähnlich klingenden Hauptfigur aus diesem anderen Achtziger-Jahre-Science-Fiction-Film, in dem es um künstliche Menschen geht, verwechselt werden sollte. Der Bursche wird von Alex Vitale gespielt (bekannt als Bösewicht Jakoda in dem nicht minder schönen Bruno-Mattei-Streifen COBRA FORCE) und sieht ein wenig wie ein Riesenbaby aus. Beim Sprechen fletscht er gerne die Zähne, und sein Synchronsprecher klingt, als wäre er eher eins von den langsameren Kindern, weshalb Dakar bei jedem Auftritt nicht zu unterschätzenden Frohsinn verbreitet.

Dakar (Alex Vitale) ist heute fröhlicher als sonst.

Dabei ist Dakar ja eigentlich eher betrübt: Seine Freundin wurde von den Androiden nämlich vergewaltigt und umgebracht. Das stimmt ihn sehr nachdenklich, obwohl auch besagte Freundin in diesem Film gar nicht mitspielt, sondern aus dem genannten Streifen ROCKIT – FINAL EXECUTOR entnommen wurde. Überhaupt stammt die Hälfte von THE BRONX EXECUTIONER aus diesem Vorgänger, und weil Margie Newton in beiden Filmen mitspielt, könnte das auch erklären, warum sich ihre Frisur dauernd ändert. (Eventuell hat ein motivierter Programmierer den Androiden aber auch lange Subroutinen für die Haarpflege mitgegeben.) Dakar holt sich also Hilfe bei unserem Sheriff James, weil er wohl die Tagline des DVD-Covers übersehen hat („The fate of the city belongs to one man“).

Die, räusper, Dauer-Action quer durch die Bronx (also durch Kiesgrube, Fabrikgebäude und Villa) soll hier nicht im Detail besprochen werden, wohl aber die Tatsache, dass der Regisseur mit dem klangvollen italienischen Namen Bob Collins sozusagen das Maximum aus seinen eingeschränkten Mitteln herausholt. Schon in der Kiesgrube wird ein kurzes Stück Straße mit demselben Schwenk und derselben Fahrtrichtung sowohl für Dakars Anfahrt als auch seine Rückkehr verwendet. Die Bilder von niedergeschossenen Androiden werden mehrfach verwendet, um größere Gruppen zu suggerieren. Und in der Villa laufen beständig Menschen über ein- und dieselbe Treppe: James läuft rauf, der böse Android läuft herunter, Dakar läuft herauf, stets am gleichen Abschnitt des Stiegenhauses gefilmt. Die Endeinstellung wirkt dann fast wie eine Pointe: Alle befinden sich im Erdgeschoss.

Hinter dem Namen „Bob Collins“ verbirgt sich übrigens nicht etwa Umberto Lenzi (der für den Actionstreifen DETECTIVE MALONE 1991 ebenfalls den Namen verwendete), sondern Vanio Amici, der passenderweise sonst in der italienischen Filmindustrie als Cutter arbeitete – und zwar bei wundersamen Werken wie TROLL 2, MIAMI COPS, THE RED MONKS, DÄMONIA und BLACK ZOMBIES. Leider ist THE BRONX EXECUTIONER sein einziger Film als Regisseur und Autor.

 

The Bronx Executioner (Italien 1989)
Originaltitel: I giustiziere del Bronx
Regie: „Bob Collins“ (= Vanio Amici)
Buch: „Bob Collins“ (= Vanio Amici) (Story), Piero Regnoli (Drehbuch)
Kamera: Sergio Rubini
Musik: Paolo Rustichelli
Darsteller: Gabriele Gori, Margie Newton, Chuck Valenti, Alex Vitale, Woody Strode

Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, erschien 2011. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm und produziert Bonusmaterial für Film-Neuveröffentlichungen. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, u.a. für die Salzburger Nachrichten, Film & TV Kamera, Ray, Celluloid, GMX, Neon Zombie und den All-Music Guide. Er leitet die Film-Podcasts Lichtspielplatz, Talking Pictures und Pixelkino und hält Vorträge zu verschiedenen Filmthemen.

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