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Yusuf: An Other Cup (2006)

Eine Tasse Yusuf
28 Jahre nach seinem letzten Album kehrt Cat Stevens unter dem Namen Yusuf wieder: AN OTHER CUP ist ein nahtloser Anschluß an das Frühwerk.

„Was ist das denn?“, will Papa Genzel wissen. „Another Cup of Yusuf? Ist das Kaffeewerbung?“ Eine nette Vorstellung: Ein Täßchen Yusuf, das schmeichelt dem Gaumen, belastet körperlich kein bißchen und paßt geschmackssicher auf den ansonsten zweckfreien Kaffeetisch dieses skandinavischen Möbelhauses.

Welche PR-Möglichkeiten hier vertan werden! Denn eigentlich ist Yusuf einfach nur der frühere Cat Stevens, der 1977 zum Islam konvertierte und kurz darauf mit seinem letzten Album BACK TO EARTH (1978) nicht nur den alten Namen, sondern auch die Popmusik quasi an den theologischen Nagel hing. Nun sind knapp 30 Jahre eine Zeit, die zu lang erscheint für das Eben-mal-Zigarettenholen, andererseits viel zu kurz für den damals geäußerten Vorsatz, sich für immer aus dem Business zurückzuziehen. Unter seinem neugewählten Namen Yusuf Islam hat Stevens ein bißchen weltmusikalisch angehauchten Religionsunterricht aufgenommen, aber die frühere Musik konnte er nicht mit seinem neugefundenen Glauben vereinen. Bis dann sein Sohn eine Gitarre in seinem Haus geradezu köderhaft liegenließ und er sich zu unglücklich gewählten Momenten – einem Duett mit Ronan Keating beispielsweise – langsam wieder an das Rampenlicht herantastete.

Weil sich Yusuf mit seiner früheren Identität Cat Stevens ausgesöhnt hat, liegt im Booklet symbolhaft arrangiert sein Album TEA FOR THE TILLERMAN neben der hier namengebenden Tasse. Noch eine Tasse vom selben Tee, sozusagen: Denn Yusuf klingt exakt so wie in den 70ern, mit jungbliebener Stimme in wohlklingender Harmonie, als hätten die letzten 28 Jahre gar nicht stattgefunden. Wieder singt er von Liebe und Frieden, von paradiesischen Zuständen und leisen Sehnsüchten nach eben diesen. Die meisten Songs sind neu, aber einige wurden aus früheren Zeiten übernommen. Mit dem Unterschied freilich, daß es nicht mehr die Mädchen sind, die ihn zur Glückseligkeit bringen: „I’ve seen many other souls before / ah but heaven must’ve programmed you“, preist er ein höheres Wesen in „Heaven/Where True Love Goes“ – als er die selbe Textzeile in seinem früheren Leben verwendete, hieß es noch „girls“ statt „souls“.

Überhaupt ist Yusufs Friedensbotschaft unglaublich naiv und einfach gestrickt. Er hält sich mit dem Predigen zurück, erzählt aber fortlaufend von seinem Seelenheil und der allumfassenden Liebe seines Gottes. Schön, daß er seinen Frieden gefunden hat, aber spannend wird die Erzählung dadurch nicht – in entrückter Banalität singt Yusuf „All at once the wrongs of the world will be put right / how nice“ und denkt dabei wahrscheinlich noch, etwas Profundes an den Hörer weitergegeben zu haben. Zerrissenheit zeigt sich ausgerechnet in dem einen Song, den er nicht selber geschrieben hat: Ein Cover von „Don’t Let Me Be Misunderstood“ wirkt wie als Antwort auf den Aufruhr, den seine schwammigen Aussagen zur Fatwah gegen Salman Rushdie seinerzeit ausgelöst haben: „I’m just a soul whose intentions are good / Oh Lord, please don’t let me be misunderstood“, fleht er um Verständnis in einem Song, der mit kitschigen Streichern das große Drama sucht und doch nur die Beschränkungen von Yusufs Fähigkeit aufzeigt, sich mit sich selbst und der Welt auseinanderzusetzen.

Musikalisch bleibt besagtes Cover aber der einzige Ausreißer: Während überall Wohlklang und Melodiesucht herrschen, bleibt das Album angenehm unaufgeregt, voll warmem Klang und feinsinniger Arrangements. Auf „Midday“ sind weiche Bläsersätze zu hören, auf „The Beloved“ fügt Youssou N’Dour afrikanisches Flair hinzu. Wo „One Day at a Time“ sehr sparsam instrumentiert wurde, warten „Heaven/Where True Love Goes“ und eine Neuauflage von „I Think I See the Light“ mit eleganten rhythmischen Einfällen auf. Manches bordet ein klein wenig am Kitsch – insbesondere der letzte Song, „Greenfields, Golden Sands“ – aber das ist für The Artist Formerly Known As Cat Stevens ja nichts wirklich Neues. Es bleibt eben Markentee.

Dieser Text erschien zuerst am 3.12.2006 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, erschien 2011. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm und produziert Bonusmaterial für Film-Neuveröffentlichungen. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, u.a. für die Salzburger Nachrichten, Film & TV Kamera, Ray, Celluloid, GMX, Neon Zombie und den All-Music Guide. Er leitet die Film-Podcasts Lichtspielplatz, Talking Pictures und Pixelkino und hält Vorträge zu verschiedenen Filmthemen.

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