In der Reihe "Class of 1986" widmet sich Wilsons Dachboden Filmen, die dieses Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum feiern. Nach meinen generellen Überlegungen zu James Camerons ALIENS (hier) folgt nun eine genauere Betrachtung der Filmmusik.


"It was a nightmare", sagt James Horner im Making-of kopfschüttelnd über die Arbeit am Score zu James Camerons ALIENS. Theoretisch hätte Horner sechs Wochen Zeit für seine Kompositionen gehabt – aber als er in England ankam, wurde dort noch gedreht, und Horner hatte keine fertigen Sequenzen, zu denen er etwas schreiben konnte. Das Studio war technisch veraltet, was den Prozeß kaum vereinfachte, und Cameron änderte beim Schnitt bis zur letzten Sekunde die Abläufe – weshalb Horner seine Musik für das Finale in einer 35-stündigen Sitzung umschreiben mußte, damit sie rechtzeitig zum Orchester kam und der Veröffentlichungstermin des Films eingehalten werden konnte. "They didn't know what they were asking – how inhuman and how difficult it was", erinnert Horner sich.

Dabei war Horner es eigentlich gewöhnt, unter schwierigen Bedingungen zu arbeiten: Er begann seine Karriere bei Billigproduzent Roger Corman, wo er aus minimalstem Budget maximal effektive Scores herausholte. Seine Musik für Cormans Science-Fiction-Streifen SADOR – HERRSCHER IM WELTRAUM war so gut, daß Corman sie in diversen Streifen recycelte – und Horner schnell an größere Produktionen herankam, darunter das Enterprise-Abenteuer STAR TREK II – DER ZORN DES KHAN und seine Fortsetzung STAR TREK III – AUF DER SUCHE NACH MR. SPOCK. Witzigerweise trat Horner sowohl mit STAR TREK II wie auch mit ALIENS die Nachfolge von Jerry Goldsmith an, der den jeweils ersten Teil vertonte.

Schon beim "Main Title" von ALIENS läßt Horner Camerons Militarisierungsansatz anklingen: Am Ende des Themas ist, hier noch verhalten, eine Marschtrommel zu hören, die später weite Teile der Action untermalen wird. Passend zum Film ist natürlich auch die musikalische Untermalung generell zackiger, temporeicher, setzt nicht auf langsam kriechenden Terror, sondern auf schnelle Angriffe und stetig aufs Neue hereinkrachende Überraschungen.

Melodien verwendet Horner sehr sparsam. Einige Male baut er das Adagio aus Aram Chatschaturjans Ballet GAYANEH ein, dieses wehmütig schwebende Stück, das uns schon in Stanley Kubricks 2001 die leere Unendlichkeit des Weltraums spüren ließ. (Chatschaturjan bleibt im Film wie auf dem Album übrigens unerwähnt.) Außerdem gibt es eine Fanfare, die die intensiven Momente vorantreibt ("Ripley's Rescue").

Ansonsten ist der Score ein Gebräu aus martialischen Rhythmen und bedrohlichen Ausbrüchen. Die Musik fühlt sich dissonanter an, als sie es tatsächlich ist, weil Horner über seine Spannungsmotive immer wieder schrille Klänge setzt ("Futile Escape") oder das Timing der einzelnen Elemente so verschiebt, daß ihre Einsätze etwas Aufwühlendes an sich haben ("Going After Newt"). Man merkt, wie im Herzen der ALIENS-Action der Horror pocht: Vergleicht man "Futile Escape" mit "Stealing the Enterprise" von Horners Soundtrack zu STAR TREK III, hört man eine ähnliche Herangehensweise mit den Trommeln und Fanfaren – aber dort steht das Abenteuer im Vordergrund, das All steckt voll wundersamer Möglichkeiten. In ALIENS ist es ein beklemmender Albtraum.

Und doch steigt Horner in seinem Score nicht nur aufs Gaspedal. In atmosphärischen Stücken wie "Sub-Level 3" oder "Atmosphere Station" zieht er die Spannung mit Suggestion an: Da kriechen ständig leise Töne in den Raum, irgendetwas scheint näherzukommen – aber es ist noch nicht wirklich greifbar. Immer wieder setzt er kleine Echos ein, elektronische Percussioneffekte hallen durch das Geschehen. Interessant auch, wie Horner die Dynamik im Griff hat, wie er manchmal fast unhörbar leise wird und dann nach und nach die Musik wieder nach vorne holt – oder wie er in einer intensiven Hetzjagd wie "Futile Escape" plötzlich wieder das GAYANEH-Adagio erklingen läßt.

Mit seiner metallischen Percussion und der vielschichtigen Intensität wurde Horners ALIENS-Score sehr einflußreich, und seine musikalischen Ansätze zogen sich durch viele weitere große und kleine Scores. Teilweise wurde die Musik wie bei SADOR tatsächlich zweitverwertet: Alleine das dringliche Finale "Bishop's Countdown" wurde in zahllosen Action-Trailern eingesetzt (BROKEN ARROW, FROM DUSK TILL DAWN), das Stück "Resolution and Hyperspace" wurde für STIRB LANGSAM übernommen.

Trotz der schlechten Bedingungen konnte Horner also eine Musik schaffen, die sich festgesetzt hat – und das so sehr, daß Evan Cater für den All-Music Guide schrieb, Horners Ansätze seien "so well received in the film music community that many of the film's cues have become action flick clichés". Tatsächlich war Horner für ALIENS sogar für einen Oscar nominiert. Einer seiner Konkurrenten war witzigerweise Leonard Rosenman, der Horners Nachfolge in der STAR-TREK-Reihe angetreten hatte und für den Score zu STAR TREK IV – ZURÜCK IN DIE GEGENWART nominiert war. Sie verloren gegen Jazzpianist Herbie Hancock und seine Musik für das französische Drama ROUND MIDNIGHT. (Horner verlor in derselben Nacht übrigens noch ein zweites Mal: Sein Titelsong zu FEIVEL, DER MAUSWANDERER war ebenso nominiert, konnte aber Berlins "Take My Breath Away" aus TOP GUN nicht schlagen.)

Der ALIENS-Score mag für Horner also ein Albtraum gewesen sein, aber es war ein lohnenswerter. In den folgenden Jahren blieb er ein immens gefragter Komponist und erhielt weitere Oscar-Nominierungen, unter anderem für FELD DER TRÄUME und APOLLO 13. Gewinnen sollte er die Statue dann nach Aussöhnung mit James Cameron für dessen Megahit TITANIC – und wenn man sich auf diesem Score beispielsweise das Stück "Hard to Starboard" anhört, kann man von den hämmernden Metallgeräuschen unter den Trommelrhythmen eine Linie zurück zur ALIENS-Musik ziehen.


Der abschließende Teil unserer ALIENS-Retrospektive geht morgen online: Ein Gastbeitrag von Spieleveteran Heinrich Lenhardt über die beiden Computerspiele, die zum Film veröffentlicht wurden (hier).



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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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