Nachdem wir uns vor ein paar Tagen die aktuellste Verfilmung von F. Scott Fitzgeralds meisterlichem Drama DER GROSSE GATSBY angesehen haben, macht es Sinn, sich auch eine frühere Version anzusehen. Das 1925 veröffentlichte Buch wurde schon 1926 zum ersten Mal verfilmt, aber diese Stummfilmversion ist (bis auf einen einminütigen Trailer) verschollen. Der zweite Anlauf stammt aus dem Jahr 1949 - Elliott Nugent inszenierte das Schwarz-Weiß-Drama mit Gangsterfilmstar Alan Ladd als Gatsby, Betty Field als Daisy Buchanan und Macdonald Carey als Nick Carraway. In einer Nebenrolle ist Shelley Winters als Myrtle Wilson zu sehen.

Schon im Text zur Baz-Luhrmann-Verfilmung von 2013 habe ich anklingen lassen, daß ich "Werktreue" für ein problematisches Konzept halte - ein Medium muß nicht einem anderen sklavisch ergeben sein, und künstlerische Freiheiten können Übertragungen erst interessant machen. Im Falle des GREAT GATSBY kommen wir aber wohl nicht umhin, den Film mit der Vorlage zu vergleichen - erstens, weil der Film in der Umsetzung so viele merkwürdige Entscheidungen trifft, und zweitens, weil man sich bei Adaptionen großer Weltliteratur ein wenig schwer tut, besagte Literatur ganz unter den Teppich zu kehren.


Was Paramount aus Fitzgeralds Abgesang auf den amerikanischen Traum gemacht hat, ist auf eine faszinierende Weise bizarr. Alle Bauteile der Geschichte sind vorhanden: Der Millionär Jay Gatsby versucht, seine frühere Liebe Daisy Buchanan zurückzuerobern, die aber mittlerweile jemand anderen geheiratet hat. Wir sehen Gatsbys üppige Feiern, zu denen er seinen neuen Nachbarn Nick Carraway einlädt, weil er über ihn an Daisy heranzukommen versucht. Wir haben Daisys Freundin Jordan Baker, wir haben die Einladung zum Tee, wir haben das Verhältnis, das Daisys Mann mit der Frau eines örtlichen Mechanikers führt. Wir haben die Konfrontation zwischen Gatsby und Daisys Mann, wir haben die dann folgende Tragödie. Wir haben sogar diverse Konversationen, die dem Buch entnommen wurden. Und doch sind alle diese Bestandteile in einer Weise zusammengefügt, die meilenweit von Fitzgeralds Geschichte entfernt ist.

Es fängt dabei an, daß es in dieser Version kein Mysterium um Gatsbys Person gibt: Wir erfahren schon gleich zu Beginn, daß er seinen Reichtum dem Alkoholschmuggel und anderen zwielichtigen Geschäften zu verdanken hat. Wir erfahren flott in einer Rückblende, wie aus dem brotlosen James Gatz der wohlhabende Jay Gatsby wurde. Und wir werden sofort über sein Motiv informiert, daß er die Feste nur gibt, weil er Daisy wiedersehen möchte - und daß er über Nick Kontakt zu ihr sucht. Wir sehen auch, wie er lernt, daß er Wohlstand braucht, um Frauen zu beeindrucken, und wie er dann als Soldat Nachricht erhält, daß seine Daisy anderweitig geheiratet hat, und daraufhin den Entschluß faßt, sich als reicher Gatsby selbst neu zu erfinden.


Überhaupt ist dieser Film sehr damit beschäftigt, mögliche Ambivalenzen und offene Fragen aus dem Weg zu schaffen. Es wird sofort gezeigt, wer am Steuer des Wagens sitzt, der zum Schluß die Frau des Mechanikers überfährt; auch die anderen Figuren erfahren sehr schnell die Wahrheit über dieses Geschehen, was Nick die Gelegenheit zu etwas moralischer Entrüstung gibt, ihm aber den in der Vorlage verankerten Zwiespalt nimmt, als einziger die Wahrheit über Gatsbys Integrität zu kennen und sie aber nicht einmal zu Gatsbys posthumer Verteidigung aussprechen zu können, weil er es versprochen hat.

Weil die Adaption klare Linien zwischen Richtig und Falsch zeichnen will, darf sogar Gatsby selbst zum Schluß Einsicht zeigen. Ein wenig rechnet man fast mit der unbekümmerten Naivität, mit der die alte Hollywood-Fassung von MOBY DICK Captain Ahab nach Hause zurückkehren ließ - aber auch wenn Gatsby hier immer noch sein Leben lassen muß, kann er doch vorher eine schöne Rede darüber halten, daß er es leid ist, jemand anderer zu sein, und seinen richtigen Namen reklamieren. Und auch Society-Girl Jordan Baker hat zum Schluß etwas gelernt: Sie taucht bei Gatsbys Beerdigung auf und erklärt reumütig, der Sieg beim zur selben Zeit stattfindenden Golfturnier wäre ihr nicht mehr wichtig erschienen.


So wird Fitzgeralds desillusioniertes Porträt in dieser Filmversion also zu einer moralischen Lehrstunde - aber die Geschichte wehrt sich gegen diese Umgestaltungsmaßnahmen, was zumindest für den Kenner der Vorlage eine gewisse Spannung bedeutet. Das Problem dabei: Eine reichhaltige Erzählung verkümmert hier zum künstlichen Melodram, das sich an allen Ecken und Enden falsch anfühlt - die Entwicklung der Story wirkt im Resultat nur noch obligatorisch vorgegeben, aber nie organisch aus den Figuren und Konflikten heraus entwickelt. Da Nick Carraway hier zum Beispiel Gatsby den Gefallen nicht tun will, Daisy zum Tee einzuladen, und sich höchst empört darüber zeigt, wendet sich Gatsby an Jordan Baker, die das alles einfädelt. Umso merkwürdiger mutet es an, daß Nick Gatsby kurz vor dessen Tod einen freundschaftlichen Besuch abstattet - seine Verteidigung des Mannes, von dem er weiß, daß er nicht am Tod der Frau des Mechanikers schuld ist, geschieht hier jedenfalls aus keiner Loyalität heraus (da es ja auch kein Geheimnis um die Tatsache gibt), sondern wird als moralisch richtiger Standpunkt verkauft. Rückblickend betrachtet ist es kein Wunder, daß Macdonald Carey ständig wie James Stewart im Bild herumsteht.

Das unterscheidet den GATSBY von 1949 von anderen völlig umgebauten Literaturverfilmungen, wie beispielsweise FRÜHSTÜCK BEI TIFFANY: Wo dort jede Version auf ihre Weise funktioniert und interessant ist, kann hier die Filmversion kaum überzeugen. Hinzu kommt, daß das Drama reichlich steif und artifiziell gehalten ist - selbst unter Abzug der Tatsache, daß man damals generell weitaus dramatischer gespielt hat. Alan Ladd ist eine nicht unpassende Besetzung als Gatsby, aber wie das Plakat schon andeutet, wird die Figur hier eher als tougher Gangster verstanden - und selbst solchen Charakteren wird in anderen Filmen mitunter mehr Geheimnis gegönnt. Nicht einmal die Ausstattung, die ja zum Beispiel der Version von 2013 eine zur Zeit passende Üppigkeit verleiht, kann hier überzeugen: Gatsbys Parties wirken wie vornehme Hollywood-Gesellschaftsempfänge, und alles sieht ganz nach 1949 anstelle von 1928 aus.

Jetzt gilt es wohl noch herauszufinden, was es zu den GATSBY-Versionen von 1974 (mit Robert Redford und Mia Farrow) und 2000 (mit Toby Stephens und Mira Sorvino) zu sagen gibt ...



The Great Gatsby (USA 1949)
Regie: Elliott Nugent
Drehbuch: Cyril Hume, Richard Maibaum, nach dem Roman von F. Scott Fitzgerald und dem Bühnenstück von Owen Davis
Darsteller: Alan Ladd, Betty Field, Macdonald Carey, Ruth Hussey, Barry Sullivan, Howard Da Silva, Shelley Winters, Ed Begley, Elisha Cook Jr.

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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