Der Schulabschluß mitsamt ausufernder Feier gehört zu den Ritualen des Erwachsenwerdens - wobei die Festivitäten ja eher als Maßnahme verstanden werden dürfen, den Reifeprozeß noch ein wenig aufzuschieben. Somit gehört die Abschlußparty auch zu den beständigsten Topoi des Teeniefilms, weil man da ganz nach Interesse entweder etwas über einschneidende Veränderungen im Leben erzählen oder jede Menge betrunkene Jugendliche zeigen kann, die allerlei Unfug treiben - manche Filme schaffen sogar beides. Der reichlich obskure Streifen GRAD NIGHT aus dem Jahr 1980 konzentriert sich auf den Unfug: Die Schule ist aus, Bob trennt sich von seiner Freundin Jenny, Bobs Kumpel Tim verschafft ihm Trost bei einer Prostituierten, und der mit beiden befreundete Gary steht dazu gerne ungelenk im Bild herum. Der übliche Teeniealltag eben. Weil das nicht für Spielfilmlänge reicht, gibt es noch diverse andere Figuren, die sich hauptsächlich dadurch auszeichnen, nicht Tim, Bob oder Gary zu sein.

Und schon im zweiten Absatz habe ich keine Lust mehr, über diesen höllisch faden, amateurhaft inszenierten Schnarchfilm zu reden - weshalb ich jetzt einfach stattdessen von meiner eigenen, vergleichsweise viel aufregenderen Schulabschlußfeier erzähle. Schon beim Abistreich - der so witzig gewesen sein muß, daß er mir entfallen ist - stellten einige Mitschüler sicher, daß man sie auf der Bildungsanstalt schwer vermissen würde: Ein Kollege, dessen Namen wir aus Taktgründen verschweigen, pinkelte dezent alkoholisiert auf den Schulhof, während ein anderer Kollege auf der Toilette gegen die verschlossene Tür einer Kabine polterte und rüpelhafte Äußerungen hineinplärrte - nur um dann festzustellen, daß der werte Herr Direktor höchstselbst Rezipient dieser Pöbeleien war. Es gab so eine Art Weltraumthema - immerhin hatten wir eine (später unfein demolierte) Statue des seinerzeit in unseren Sphären herumkreisenden Kometen Hale-Bopp vor der Schule errichten lassen; so liefen also einige Leute in irgendwas Glitzerndem herum, und ein Freund von mir hatte ganz subversiv ein Spice-Girls-Shirt angezogen, auf dem er das erste "i" durchgestrichen und gegen ein "a" ausgetauscht hatte: Space Girls!


Die offizielle Abiturfeier an der Schule war dann freilich ganz sachlich und ordentlich, überall liefen Krawatten herum mit viel zu jungen Köpfen darüber. Die Damen kriegten einen Blumenstrauß überreicht, die Herren eine Zigarre - unglaublich eigentlich, daß da nicht nur altvordere Geschlechterstereotypen bedient wurden, sondern auch eine komplette Männergeneration zum Tabakmißbrauch angestiftet wurde! In GRAD NIGHT und diversen weiteren einschlägigen Filmen läßt bei der Feier gerne mal jemand die Hüllen fallen, aber ein solches Glück war uns nicht beschieden - dafür durften wir andächtig der Rede unseres Jahrgangsstufenvorzeigeplauderers lauschen, die die Längenausmaße von russischer Weltliteratur annahm und einen dezenten Touch von Wahlkampfrhetorik besaß, obwohl es gar niemanden zu wählen galt. Der Redner arbeitet heute zur Strafe im bayrischen Landtag.

Ja, und am Abend fand dann die ganz und gar ausgelassene Abschlußfeier statt, mit Musik und Tanz und so. Unser hoffnungsfroher Jungpolitiker wurde auf die Bühne gebeten und bekam für seine Bemühungen einen Geschenkkorb überreicht, und für einen kurzen Moment herrschte Spannung im Saal, weil eine weitere Rede zu befürchten war. Ich tanzte - trotz vorheriger Beteuerungen, ich würde das tunlichst bleiben lassen! - einen Song lang mit einem hübschen Mädchen, das es mir überaus angetan hatte, und sie blieb sogar freundlich, nachdem ich ihr dabei ein paar Mal auf die Schuhe gelatscht war. Zum Thema Tanzen paraphrasiere ich ja gerne Florence Foster Jenkins: Die Leute können vielleicht sagen, daß ich nicht tanzen kann, aber sie können nie behaupten, daß ich nicht getanzt hätte! Der Rest des Abends war hochgradig unaufregend. In GRAD NIGHT und all den anderen Abschlußfilmen gibt es ja dann immer noch ein bißchen Sex, aber falls an diesem Abend welcher stattgefunden hat, war ich nicht dazu eingeladen.


Und natürlich war da so eine leise Wehmut, weil ich wußte, daß ein großes Kapitel meines Lebens zu Ende geht. Dabei hatte ich ja keinen blassen Schimmer, welche Höhenflüge noch kommen würden! Hätte ich geahnt, daß ich eines Tages einen Blog unterhalten würde, auf dem ich über Filme wie GRAD NIGHT schreibe, dann ... ja, dann hätte ich mir wohl die Zigarre damals schon todesmutig angezündet und mich in der Gewißheit gesonnt, daß ich die wahren Freuden des Lebens erst noch kennenlernen werde. Zum Beispiel den Moment, in dem ein Film wie GRAD NIGHT zu Ende ist.



Grad Night (USA 1980)
Regie: John Tenorio
Buch: John Tenorio
Kamera: Arledge Armenaki
Musik: Keith Borman, J.D. Reilly
Darsteller: Joe Johnson, Suzanne Fagan, Barry Stoltze, Carolyn Bates, Sam Whipple, Rick Slater, Judy Kain, Richard Reider, Suzanne Bard, Donald Bowes, Cynthia Grace

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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