Mit dem Namen könnte man jeder Veröffentlichung sofortige Relevanz verschaffen: BRUCE LEE. Der frühzeitig verstorbene Kampfsportler ist wohl der bekannteste Martial-Arts-Künstler der Welt; mit seiner immensen Körperbeherrschung, einer Handvoll Filme und einer Prise Lebensphilosophie erreichte Lee einen Legendenstatus, der anderen kultisch verehrten Ikonen wie James Dean, Jim Morrison oder Jimi Hendrix entspricht. Ich selber kenne Bruce Lee aber primär nicht durch seine Filme, sondern durch das vorliegende C64-Spiel von 1984. Das immens unterhaltsame Jump'n'Run-Abenteuer sorgte - gekoppelt mit der Ehrfurcht, mit der mein selber Kampfsport betreibender Freund Torsten mir damals von Lees Status berichtete - dafür, daß ich schon als Kind diesem Namen eine besondere Bedeutung zumaß.


Das Spielprinzip von BRUCE LEE ist simpel: Man steuert Bruce durch verschiedene Bildschirme, springt über Plattformen und klettert Leitern herauf und herunter, um die im Spielareal verstreuten Laternen einzusammeln. Wenn man in einem Bereich alles abgegrast hat, öffnen sich Türen und Wände zu neuen Bereichen. Damit das Ganze nicht zu einfach wird, lauern überall Fallen auf Bruce: Tödliche Spitzen sind an Decken und Böden angebracht, teilweise sind Tretminen ausgestreut, hier und da macht Starkstrom dem Spieler das Leben schwer. Dazu kommen zwei Gegner, die in den meisten Bildschirmen erscheinen und Bruce angreifen: Ein kleiner schwarzer Ninja und ein großer Sumo-Ringer namens Yamo. Bruce kann sich mit einem Faustschlag und einem Tritt (mit Anlauf!) zur Wehr setzen - wobei die Gegner selbst nach dem Sieg innerhalb kürzester Zeit wieder auftauchen. Es gilt also primär, sich rasch durch die einzelnen Bereiche durchzuarbeiten und flott alle Laternen einzusammeln, um weiterkommen zu können.

So einfach das Spiel aufgebaut ist, so flott spielt es sich auch: Man hakt sich schnell fest und versucht, doch noch ein paar Bildschirme weiter zu kommen. Die Kombination aus Plattform-Game und Kampf-Action war 1984 recht ungewöhnlich, aber dennoch liegt das Augenmerk hauptsächlich auf dem Jump'n'Run-Aspekt, der sich in manchen Leveln mit einem dezenten Puzzle-Prinzip paart: In späteren Arealen muß man erst mal herausfinden, was es wo einzusammeln gilt oder wie man bestimmte Fallen umgehen kann.


Der Schwierigkeitsgrad ist dabei eher moderat angesiedelt: Es gibt einige Bildschirme im späteren Spiel, die etwas haarig sind und ein wenig Übung brauchen, aber wenn man den Bogen einmal heraus hat, kommt man schnell zum Schluß - genaugenommen kann der versierte Spieler in 15-20 Minuten von Anfang bis zum Ende kommen, sobald er alles durchschaut hat. Der Endkampf ist dabei kaum der Rede wert: Bruce steht einem mächtigen Zauberer gegenüber, aber der ist so einfach erledigt, daß eher der trickreiche Raum davor als Finale gewertet werden kann. Nach dem Sieg beginnt das Spiel minimal schwerer von vorne - die Feinde kommen in schnelleren Abständen, und in einem Raum gibt es keine sicheren Plattformen mehr.

BRUCE LEE kann auch zu zweit gespielt werden - und das originellerweise nicht nur abwechselnd, sondern auch gegeneinander: In einem Modus steuert der zweite Spieler den angreifenden Sumo-Ringer. So kann einerseits probiert werden, Bruce aufzuhalten - oder aber man schließt sich zusammen und vertreibt sich die Zeit damit, im Ping-Pong-Verfahren den (ohnehin recht schwachbrüstigen) Ninja durch die Gegend zu kicken. Ich erinnere mich, wie ich mich als Kind hier mit viel Freude mit meinem Vater gekloppt habe, der stets den grünen Sumo übernommen hat (von dem ich damals - wohl auch aufgrund der grünen Farbe des Sprites - glaubte, es handle sich um einen Ork). Wo Papa Genzel beim C64-Monopoly stets auf der Siegerseite war, war die Angelegenheit hier doch wesentlich ausgewogener - nicht zuletzt, weil ich ja alleine üben konnte ...


Auch heute macht BRUCE LEE trotz der kurzen Spieldauer immer noch Spaß. Die Grafik ist selbst für damalige Verhältnisse recht schlicht, folgt aber einer eigenen charmanten Ästhetik, und der Sound ist jenseits der Ohrwurm-Titelmelodie eher spartanisch - wobei die Effekte vom Jingle beim Einsammeln einer Laterne über das lautstarke Fußtrippeln hin zum comichaften Kampfruf des Sumo-Ringers einen vergnüglichen Reiz bieten. Den flotten Spielablauf stört nicht einmal die Tatsache, daß sich die Spielfigur auf manchen nicht hunderprozentig planen Plattformen gerne kurz verhakt und man deshalb nicht immer so weglaufen kann, wie man das will - zu spaßig ist das Drumherum, zu motivierend der Spielaufbau und zu schnell das Vorankommen.

Und was hat das Spiel nun eigentlich mit dem echten Bruce Lee und seinen Filmen zu tun? Nun ja ... nicht wahnsinnig viel. Immerhin erinnert das Spielprinzip und der daraus resultierende Reiz an eins von Lees Zitaten: "Simplicity is the last step of art." So, und jetzt will ich mal wieder den Sumo-Ork in eine Tretmine locken ...

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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