Heute sehen wir uns ein Spiel an, das nur den Wenigsten bekannt sein dürfte und von einem Programmierer stammt, dessen Name nur Hardcore-C64-Fans geläufig sein wird: MR. POSTMAN von Ronald Mayer. Na, klingelt's? Nicht so tragisch, falls nicht: Der Österreicher Ronald Mayer belieferte mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit Mitte der Achtziger die einschlägigen Listingzeitschriften für die Heimcomputersysteme - Magazine, in denen die kompletten Programme abgedruckt waren und abgetippt werden konnten (mit dem Phänomen der Listingzeitschrift werden wir uns in einem gesonderten Eintrag nochmal ausführlicher auseinandersetzen). MR. POSTMAN war ein sechsseitiges Programm, das Mayer für die Computronic September/Oktober 1986 schrieb - eine Ausgabe, an deren mitgenommenem Zustand man heute sehen kann, welch integralen Bestandteil meiner Kindheit sie seinerzeit gebildet hat.

Wie bei fast allen Listingspielen ist auch das Prinzip hinter MR. POSTMAN sehr einfach: In dem Geschicklichkeitsgame steuert man den namensgebenden kleinen Postbeamten, der die aus Briefkästen am oberen Bildschirmrand fallenden Briefe auffangen und je nach Farbe in die dazugehörigen Container werfen muß. Das ist insofern stressig, als daß die Container in einem Labyrinth aus Plattformen und Leitern zu finden sind, das andauernd hektisch durchlaufen werden will; außerdem gibt es noch ein Zeitlimit, innerhalb dessen genug Briefe korrekt einsortiert werden müssen, und einen Energiebalken, der für jeden nicht aufgefangenen Brief Abzüge erfährt.


Das simple, sofort zugängliche Prinzip ist natürlich sogleich auch die größte Stärke von MR. POSTMAN: Man kann ohne viel Aufhebens loslegen und versteht intuitiv die Herausforderung, braucht dann aber einige Zeit, um die einzelnen Bildschirme zu meistern. Oft zeichnet sich nach gewisser Übung eine Route ab, mit der möglichst schnell möglichst viele Briefe "gerettet" werden können, aber weil das Spiel nach einem Durchlauf (vier Levels) mit schnellerem Tempo wieder von vorne beginnt, gerät selbst der Profi ab Stufe 9 gehörig unter Druck.

Schade eigentlich, daß nicht mehr Aufwand in die Entwicklung des Postmanns geflossen ist - beziehungsweise daß das Listing-Prinzip es ja fast unmöglich machte, das Spiel aufwendiger zu gestalten. Abgesehen davon, daß nur 4 verschiedene Levels ein wenig mager anmuten, bringt einen die beständig dahinfiepende Dudelmusik schon nach kurzer Zeit restlos um den Verstand. Eher unverständlich ist es auch, warum der Postmann zwar nach oben springen kann (um höher gelegene Plattformen zu erreichen, teilweise über die Container), aber nicht seitlich - weswegen man sich stets irgendwo fallenlassen muß, anstatt taktisch klügere Routen durch geschickte Sprünge planen zu können. Mit einer üppigeren Austtattung hätte MR. POSTMAN da glatt das Zeug zu einem knackigen Budget-Titel gehabt, den man immer wieder gerne zwischendurch spielt.


Und doch ist MR. POSTMAN im Bereich der Listinggames durchaus ein Qualitätstitel: Ein für kurze Zeit sehr vergnügliches Spiel, das mit einer netten Spielidee und einer flotten Ausführung punkten kann. Nicht umsonst waren Mayers Programme auch in späteren Magazinen stets Highlights, durch deren ellenlange Listings man sich erwartungsfroh ackerte. 26 Jahre später ist das Spiel freilich nur noch durch die Nostalgiebrille wirklich bemerkenswert - aber nachdem es mich im Alter von 8 Jahren ausreichend faszinierte, hat es auch heute noch einen Platz auf dem Dachboden verdient.




Hinweis: Die Screenshots stammen aus der Datenbank Gamebase64.com - wo allerdings die Credits des Spiels dahingehend verändert wurden, daß statt des Namens "Ronald Mayer" ein gewisser "Michael B." genannt wird - im Titelschirm sowie im Spiel selbst.

------------------
4 8 15 16 23 42
Share To:

Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

Post A Comment:

0 comments so far,add yours