1990 kam HART AUF SENDUNG heraus, im Original PUMP UP THE VOLUME, ein fantastischer Film über einen schüchternen, einsamen Teenager, der über einen im eigenen Keller betriebenen Piratensender all das ansprechen kann, was seine Gleichaltrigen beschäftigt, und der damit unerkannt zum Sprachrohr vieler Mitschüler wird. 2012 präsentiert uns Disney den TV-Film RADIO REBEL, in der eine schüchterne Jugendliche in ihrem eigenen Schlafzimmer einen Podcast betreibt und darin all das anspricht ... und so weiter. Nein, RADIO REBEL ist kein Remake - der Film weckt nur beständig Erinnerungen an eine viel bessere Geschichte mit wesentlich mehr Tiefgang.

Gestehen wir RADIO REBEL gleich zu, daß sich die Autoren um eine anders gelagerte Handlung bemüht haben. Schon relativ früh findet der Stiefvater von Tara (so heißt das Mädchen mit dem Podcast) heraus, daß sie hinter der Sendung steckt, von der so viele Leute reden - und bietet ihr an, die Show über einen professionellen Radiosender auszustrahlen. Tara bleibt an der Schule weiterhin anonym - nur ihre beste Freundin weiß Bescheid - und damit ergeben sich immer neue Situationen, in denen ihre Identität auffliegen könnte; vor allem, weil sie mit harmlosen Aufrufen zum Rebellentum (Tanzen im Unterricht!) den Zorn der Direktorin auf sich zieht und nebenher gegen eine fiese Zicke zu kämpfen hat, die es auf den süßen Mitschüler Gavin abgesehen hat - der aber seinerseits ein Auge auf Tara geworfen hat ...

Man sieht also: Vom einsamen, gehemmten Teenager aus HART AUF SENDUNG bleibt hier nur ein Mädchen über, das lernen muß, sich in der Öffentlichkeit zu behaupten. Auch sonst werden die Probleme zu Disney-üblichem Teenieschmonses nivelliert: In HART AUF SENDUNG hatte der Radiopirat damit zu kämpfen, daß einer seiner Hörer nach dem Anruf in der Sendung Selbstmord begangen hat. In RADIO REBEL dagegen droht der Abschlußball auszufallen. Großes Drama!


Größtes Problem von RADIO REBEL - und das ist nicht nur im Vergleich mit dem viel besseren älteren Film ein Kritikpunkt - ist die Tatsache, daß Taras Sendungen schlichtweg banal sind. Ihr Geplapper mag nicht unsympathisch sein, rangiert aber irgendwo zwischen Bravo-Girl-Feature und Tony-Robbins-Selbsthilfegewäsch. Glaubt an euch! Findet euch selbst! Und hört bitte alle den unglaublich mainstreamigen Pop-Rock, den ich hier dauernd auf- und abspiele! Das Wunderbare an HART AUF SENDUNG war, daß der Teenager dort tatsächliche Probleme hatte und diese geäußert hat, ohne gleich die Antworten mitzuliefern. Und genau das sprach die Hörer an: Die Ehrlichkeit, mit der jemand darüber redet, daß sich nicht jede Lebenssituation mit einem Glückskeksspruch lösen läßt. Und dazwischen spielte er Songs, die ihm etwas bedeuteten, ob es nun die Resignation von Leonard Cohen oder das wüste Unangepaßtsein der Descendents und der Beastie Boys war. Taras Sendungen dagegen sind nett verpackte Plauderstunden, bei denen selbst die Rebellion niedlich und konsequenzlos ist.

Dabei ist gar nicht alles schlecht an dem Film. In der Titelrolle gewinnt Debby Ryan schnell die Sympathie des Zusehers, und in einigen Sequenzen blitzt ein Talent durch, das nach einem besseren Skript schreit - man achte beispielsweise auf ihre Reaktion, als sie vom Stiefvater als Verantwortliche für Radio Rebel erkannt wird. Drumherum ist der Streifen mitunter durchaus amüsant - wenn man die Vergleiche zu HART AUF SENDUNG unterdrückt, werden die Podcasts von Tara zwar nicht gehaltvoller, der Film selbst aber ein recht sympathischer und kurzweiliger Zeitvertreib. Man mag mit den Augen rollen, wie unfaßbar nett und sensibel der angebetete Gavin doch ist, und wie umfassend einmal mehr sämtliche Rollenklischees des amerikanischen Teeniefilms bedient werden - die Zicke, ihre Untergebene, die graue Maus, der schräge Geek, und so weiter - aber letztlich bleibt ein Streifen über, dem man nicht wirklich böse sein kann. Am Schluß ist alles gut, die Welt ist besser geworden, jeder ist als Mensch gewachsen, und alle Probleme sind weg - ganz richtig: schönste heile Disney-Welt.




Radio Rebel (USA 2012)
Regie: Peter Howitt
Drehbuch: Erik Patterson & Jessica Scott
Darsteller: Debby Ryan, Adam DiMarco, Sarena Parmar, Atticus Dean Mitchell, Merritt Patterson

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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