Wir sind Helden und ihr drittes Album: Eine durchweg belanglose Angelegenheit.

"Endlich ein Grund zur Panik!" ruft uns die erste Single des dritten Wir-sind-Helden-Albums entgegen, aber ganz ehrlich: Die CD ist nicht mal Grund zur leisen Aufregung. Schon das zweite Werk der einstigen Neuen Deutschen Hoffnungsträger watete abseits von einer Handvoll Highlights schon meterweit in die Belanglosigkeit hinein. "Es ist überraschend, wie schnell etwas verfliegen kann, was mal richtig gut war", schrieb ich seinerzeit in meiner Rezension, und der Eindruck kann stehenbleiben: "Soundso" ist fast durchweg banal.

Das ist umso enttäuschender, da die Helden ja prinzipiell sehr sympathische, talentierte und hochintelligente Menschen sind. Was haben sie sich nicht alles überlegt zu ihren Songs! In Interviews geben sie scharfsinnige Beobachtungen zu Protokoll, hinterfragen vieles und sind spannende Gesprächspartner. Wie schade, daß nichts davon in der Musik gelandet ist - einer musikalisch belanglosen, inhaltlich flachen Melange, neben der man wunderbar staubsaugen oder an die Ostsee fahren kann. Irgendwann werden die Helden zu Campino: Clevere Talkshowgäste, deren Ansichten man gespannt zuhört - und deren Musik komplett verzichtbar ist.

Das sind harte Worte, schon klar. Wahrscheinlich wäre die Enttäuschung über SOUNDSO nicht so groß, wenn der Fall nicht so tief gewesen wäre, der risikolose Ansatz hier nicht so komplett dem entgegensteht, was einst bei den Helden so großartig aufregend war. Richtig schlecht ist auf SOUNDSO eigentlich gar nichts, aber richtig gut dafür eben auch nicht. Musikalisch zeigen sich nur der Opener "(Ode) An die Arbeit" und die Single "Endlich ein Grund zur Panik" mit zappeligem Funk interessant, der Rest ergeht sich in einfallslosen Arrangements und glattgebügelter Produktion. Da-da-da-da-da geht der Bass, der auch aus dem Computer kommen könnte, ding-ding-ding die Gitarrenakkorde drüber, alles nach Euronorm abgemessen und von jeglicher Dynamik und etwaigem Überraschungspotential befreit. Nur die letzten beiden Songs haben mehr Raum zum Atmen, aber weil beide hintereinander kommen, verschwimmen sie ineinander.

Und textlich? Eine große Stärke der Helden war es bislang, in cleveren Wortspielen die Bedeutung von Wörtern und Phrasen auf den Kopf zu stellen und hinterfragen, und auch, bekannte Stimmungen und Gefühle in neue, spannende Bilder zu packen. Was bleibt hier davon übrig? Die "(Ode) An die Arbeit" ist gut gemeint, geht aber über den kalauerhaften Schmäh nie hinaus - "Also was das Schaf da mit dem Gras macht: Keine Arbeit. Was man später mit dem Schaf macht: Das ist Arbeit". Der Song "Die Konkurrenz" verkauft uns tatsächlich die Phrase "Die Konkurrenz schläft nicht" als Refrain, aber der Erkenntnisgewinn ist ebenso gering wie beim nachfolgenden "Soundso", das genauso klingt wie eine Band, die ein wenig beleidigt ist, daß Juli dauernd im Radio laufen, und zeigen möchte, daß sie eigentlich genauso klingen kann.

Irgendwo gibt's dann immer mal eine interessante Zeile- "Bist du zu schlau, um nicht unangenehm aufzufallen / und nicht schön genug, um damit durchzukommen?" - aber nichts davon wird zum aufregenden Song ausgeweitet. Alles gut gemeint, alles richtig nett, und alles völlig banal. Im Interview hat Judith Holofernes zu Protokoll gegeben, daß sie die Texte diesmal bewußt offen gelassen hat, um mehr Interpretationen zu ermöglichen, aber eigentlich verdünnen die offenen Texte nur den Inhalt, nicht die Inhaltsmöglichkeiten. Zum Krieg fällt Judith ein, daß er ganz bald wiederkommen kann, und zu Beziehungen weiß sie, daß sie für nichts garantieren kann.

Mit ihrem ersten Album und den intelligenten Interviews haben die Helden so viel Punkte auf ihrem Konto gesammelt, daß sie immer noch davon zehren. Jeder will das Album wohlwollend betrachten, und selbst die, die es völlig durchwachsen finden - denn schlecht ist es ja nicht, nur völlig redundant - suchen nach den kleinen Momenten, die gut sind. Aber ganz nüchtern betrachtet ist das Album dünn. Wenn das so weitergeht, darf sich die Band in "Wir waren Helden" umbenennen, und SOUNDSO könnte auch "Plätscher" oder "ach ja" heißen.




Dieser Text erschien zuerst am 14.6.2007 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

-----------------
4 8 15 16 23 42
Share To:

Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele, und dreht eine Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX, den All-Music Guide, das 35-Millimeter-Filmmagazin und Film & TV Kameramann. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

Post A Comment: