Archetypische Angst

Kurz aufgelöst, gleich wieder zusammen: Fear Factory legen nach kurzer Trennungspause mit ARCHETYPE ein Album vor, das eine Rückkehr zu alten Glanztaten einläuten soll.

Ein neues Album von Fear Factory in den Händen zu halten, mag dem einen oder anderen Rezensenten ein irritiertes Augenbrauenheben entlocken. Haben sich die Burschen nicht eigentlich letztes Jahr wild zerstritten und dann getrennt? Hat nicht das wohl arroganteste deutschsprachige Musikmagazin damals in einem Nachruf beteuert, wie gut es doch wäre, daß die Gruppe sich nach ihrem für viele enttäuschenden letzten Album DIGIMORTAL trennt, weil sie ja angeblich eh schon ausgebrannt waren?

Nun, wir sind damals keiner Fehlmeldung aufgesessen. Aber kurz nachdem sie sich aufgelöst haben, hat die Kerntruppe festgestellt, daß sie ohne Gitarrist Dino Cazares eigentlich wundervoll miteinander auskommen. Prompt stiegt Bassist Christian Olde Wolbers in der Gilde der Furchtfabrik ein paar Level auf und wechselte zur Gitarre, und zusammen mit einem neuen Bassisten haben sich die Mannen flugs wieder zusammengetan, um ein neues Album unter der Flagge von Fear Factory aufzunehmen: ARCHETYPE

Der Titel ist passend gewählt, schließlich sind Fear Factory sozusagen der Archetypus des modernen Heavy Metals: Gesang und Geschrei, Death-Metal-Blasts und Melodien, kreischende Gitarren und Elektronikparts. Und um zu zeigen, daß sie diese Art Musik schon viel länger als ihre Konsorten machen, gestalten die Jungs das neue Album als rückwärtsgerichtetes Retrounterfangen, welches die Band zu ihren Wurzeln zurückbringen soll.

Operation gelungen, Rezensent schläft? Nein, das kann man nicht wirklich behaupten. Fear Factory knüppeln mit so viel Verve wie schon lange nicht mehr, die Musik ist zackig und energiegeladen. Highlights sind das kantige "Cyberwaste" (über Leute, die Unsinn im Internet verbreiten - hoffentlich meinen die nicht mich), das eiskalte "Drones" und die Gitarren-Breitleinwand "Undercurrent". Leider Gottes bedeutet die Rückkehr zur alten Form auch, daß Archetype nichts bietet, was fürchterlich originell wäre: Wie beim letzten Korn-Album ist die Musik definitiv auf Nummer Sicher gestaltet.

Aber halb so tragisch - Fear Factory machen Industrial-Death-Metal auf hohem Niveau, schreiben gute Songs und wissen immer noch, wie man das Haus rockt. Vielleicht blicken sie ja beim nächsten Mal wieder ein wenig über ihren Tellerrand. Einstweilen gibt es bei uns ein Interview mit Christian Olde Wolbers zu lesen, in dem der Jetzt-Gitarrist wissenswertes über die Band und das neue Album erzählt.





Dieser Text erschien zuerst am 5. Mai 2004 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele, und dreht eine Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX, den All-Music Guide, das 35-Millimeter-Filmmagazin und Film & TV Kameramann. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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