Aktuelle Filmtexte

Antonio Sabàto Jr. in KARATE ROCK

Rauf, runter, auftragen, polieren. Wobei: Im Falle der Filmographie des Italieners Fabrizio De Angelis geht es im Zweifelsfall auch ohne Politur. Der Billigfilmer verliebte sich Ende der Achtziger unsterblich in die KARATE-KID-Reihe und begab sich auf die Mission, den schwarzen Flohmarktgürtel in der Rip-Off-Meisterschaft zu erringen: Er drehte gleich sechs Teile seiner ganz originell KARATE WARRIOR getauften Klopperreihe, kümmerte sich sozusagen liebevoll um eine Frauenvariante namens THE IRON GIRL und filmte zwischendurch den vorliegenden Streifen KARATE ROCK. Der unterscheidet sich von den anderen Filmen hauptsächlich dadurch, daß der Held hier erst 18 Minuten vor Schluß überhaupt erst mal mit dem Kampfsporttraining anfängt.

Besagter Held heißt Kevin und wurde von seinem Vater gerade an eine neue Schule gebracht, weil der aufmümpfige Knabe in der alten Umgebung auf die schiefe Bahn zu geraten drohte und kürzlich erst ein Auto demoliert hat. Der Herr Papa ist ein aufrechter Cop aus Oakland und wird vom ebenso aufrechten David Warbeck gespielt, der hier seine Stirn ebenso formschön runzelt wie noch beim Untotenangriff in Fulcis GEISTERSTADT DER ZOMBIES.

Leider scheint die schiefe Bahn dem Jungen zu folgen: Kaum angekommen, legt er sich auch schon mit dem örtlichen Halbstarken Jeff an, der tagsüber im nahegelegenen Dojo trainiert und abends seine Fähigkeiten an Zivilisten verfeinert. Zu denen gehört auch Jeffs Freundin Kim, die seine nächtlichen Avancen am Parkplatz abwehrt. "Halt die Klappe, natürlich willst du", erklärt Jeff ihr sehr einfühlsam, und weil sie immer noch zickt, fängt sie sich von ihm eine Ohrfeige ein. Verstimmt schnappt sie sich Kevin in der Disco und gewinnt mit ihm flugs einen örtlichen Tanzwettbewerb – und weil Jeff das Verlieren eher nicht so gewohnt ist, erklärt er Kevin den Krieg. Womöglich war er aber auch schlicht mit der Juryentscheidung nicht einverstanden: Immerhin hat jede gedrängte Supermarktschlange mehr Groove als das steife Wackeln der Tanzpaare.

Andrew J. Parker als Schurke Jeff
Schurke Jeff droht, seine Ausgeglichenheit zu verlieren.

Kevin wird also von Jeff zusammengeschlagen, bevor man sich auf eine Entscheidung per Autorennen einigt. Weil das unentschieden ausgeht, folgt originellerweise gleich noch ein Rennen: Die beiden Kontrahenten sollen es durch den "Tunnel des Todes" schaffen. Der entpuppt sich als alte Scheune, deren Ausgangstor nur Platz für ein Automobil bietet. Womöglich lauern in dem finsteren Schuppen sogar hochgradig hinterhältige Heuballen auf unsere lebensmüden Fahrer!

Machen wir es kurz: Kevin gewinnt, weshalb Jeff Kevins Freund Mortimer zusammenschlägt – was nicht nur der als einigermaßen ungerecht empfindet. Weil Jeff als Zweitplatzierter im Scheune-of-Death-Duell die Wand durchfahren hat und die Schuld auf Kevin schiebt, kommt außerdem der alte Farmer ins Polizeirevier gestapft (wo er sofort mit den Worten "Kommen Sie später wieder!" begrüßt wird – aber die Exekutive war in De-Angelis-Filmen ja noch nie sehr hilfreich). Er präsentiert Kevins Papa die Rechnung, woraufhin die Leinwand wieder für ein paar Momente von den tiefen Furchen auf David Warbecks Stirn erhellt wird.

Billy und Kevin beim Karate-Training
Modernes Kampfsporttraining: Wo ist der Gartenzaun, wieso werden hier keine Autos poliert?

Zum Glück wohnt Kevin ja aber bei einem alten Freund seines Papas, der mit seinem asiatischen Aussehen schon den ganzen Film über den Verdacht angeregt hat, womöglich ein weiser Karateprofi zu sein. In der Tat: Nach anfänglichen Bedenken trainiert der Mann mit dem fernöstlichen Namen Billy unseren Helden in einer schönen Montage, die hauptsächlich aus Joggen besteht. Billy Miyagi trägt manchmal zum Training eine Horrormaske, wenn er nicht gerade ob der Fähigkeiten seines neuen Schülers traurig den Kopf schüttelt. Am Ende der Montage landet Kevin einen Treffer im Magen seines Mentors, was bedeutet, daß er jetzt bereit ist, Karatechampion Jeff als ebenbürtigem Gegner entgegenzutreten.

Die schöne Kim, die sich den ganzen Film über nicht so recht zwischen Kevin und Jeff entscheiden konnte – sicherlich hat Jeff auch verborgene Qualitäten, die zugunsten der rasanten Erzählung der Schere zum Opfer gefallen sind – ist nach Kevins Karate-Sieg endlich bereit für eine tiefergehende Liaison. Der entscheidet sich aber spontan dafür, doch lieber mit dem Nachbarsmädchen Conny anzubandeln. Die haben wir bislang unerwähnt gelassen, weil sie mit Brille und Zöpfen auftrat – und jeder filmerfahrene Zuseher weiß, daß sie damit als romantische Option untragbar wäre. Die gute Nachricht: Es gibt Wege und Mittel, solche Defizite zu beheben. "Hey, hast du deine Brille abgenommen?", fragt der scharfsinnige Beobachter Kevin also zum Schluß in der Disco.

Conny (Dorian D. Field) mit Brille und Zöpfen
Zöpfe und Brille: Conny muß noch viel lernen.

KARATE ROCK schafft es beinahe spektakulär, noch belangloser und unaufregender zu sein als der komplette Rest der De-Angelis-Filmographie – die ja nun die Meßlatte nicht gewaltig hoch legt. Jede einzelne Sequenz ist dermaßen – Achtung, Wortneuschöpfung: – uninszeniert, daß der gesamte Film wie ein schläfriger Traum wirkt, in dem man einen Zug, beladen mit zigfach Gesehenen, meilenweit an einem vorbeifahren sieht. Zig Szenen zeigen ausführlichst, wie Autos ankommen oder wegfahren. De Angelis stellt die Kamera in jeder Sequenz irgendwohin, manchmal weit vom Geschehen entfernt, dann wieder viel zu nah an den Gesichtern, seitlich neben den Protagonisten, ohne das geringste Gespür für Raum und Zusammenhänge. Diese kurze Sequenz, bevor das Scheunenrennen startet, soll als Veranschaulichung dienen: Wer ist hier wo, wer sieht wohin?























Der Bursche mit dem grünen Käppi gibt hier das Startsignal. Bei den folgenden frontalen Einstellungen auf Jeff und Kevin bewegen sich beide jeweils auf die Kamera zu, in der Totalen sieht man einen Wagen von rechts Richtung Scheune fahren.







Alles klar soweit?

Auch sonstwo ergeben die Kameraeinstellungen wenig Sinn. An einer Stelle wird in Fluchtperspektive an einer Bar entlanggefilmt, hinten bewegen sich die Tänzer - aber vorne bleibt der Schuppen völlig leer. Beim Showdown gibt es eine Einstellung, bei der der Kameramann so hinter dem Publikum steht, daß man den Kampf auf der Matte kaum mehr sieht - wenn das mit moderner Shaky-Cam gemacht wäre, könnte das fast dokumentarisch funktionieren, aber mit dem müden Stativ-Look wirkt es hier nur so, als sollte man gar nicht so viel vom Kampf sehen, um die notdürftige Choreographie nicht zu bemerken. Das obige Spiel mit den nichtssagenden Einstellungen kann durch den ganzen Film durchgezogen werden: Selten gab es so viele Totalen, die so wenig Überblick verschaffen.

Der dickliche Junge, der neben Conny steht, wird übrigens den ganzen Film dabei gezeigt, wie er Eis lutscht. Er ist offensichtlich an Conny interessiert, die ja aber auf Kevin steht und nur das Geheimnis der Kontaktlinsen noch nicht enteckt hat. Am Schluß verfüttert der einsame Dicke dann sein Eis an einen Hund. Angesichts eines Films wie KARATE ROCK wissen wir, wie es ihm geht.




Karate Rock (Italien 1990)
Originaltitel: Il ragazzo delle mani d'acciaio
Regie: "Larry Ludman" (= Fabrizio De Angelis)
Buch: Olga Pehar
Musik: Donald Brent
Kamera: "Frederick Hail" (= Federico Del Zoppo)
Darsteller: Antonio Sabàto Jr., Natalie J. Hendrix, Dorian D. Field, Robert Chan, Andrew J. Parker, David Warbeck

The once and future king: Auch nach vielen Jahrhunderten bleibt der Artus-Mythos vital und spannend. Aktuell erzählt Guy Ritchie in KING ARTHUR die Geschichte um den sagenhaften König als energiereich inszeniertes Fantasy-Gaunerepos, das mehr mit der Artus-Tradition zu tun hat, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Wir sehen uns nicht nur Ritchies Film an, sondern auch die Artus-Versionen von John Boorman (EXCALIBUR), Antoine Fuqua (KING ARTHUR) und Jerry Zucker (DER 1. RITTER), und versuchen gleichzeitig, den historischen Hintergründen und den Motiven der Artus-Geschichte auf den Grund zu gehen.

Viel Spaß!



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Eine kleine Korrektur: Ein einer Stelle heißt es, daß die Ausgrabungsstätte Cadwell für Camelot gehalten wird - das muß aber natürlich Cadbury heißen.

Musik: Clark Kent
Soundclips: (C) 2016 Warner Bros. Ent. Alle Rechte vorbehalten.


Der eine hat Filmgeschichte geschrieben, der andere wurde fast vergessen: Wir blicken in der aktuellen Lichtspielplatz-Folge auf Fritz Langs wegweisenden Krimiklassiker M - EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER aus dem Jahr 1931 und auf das zwanzig Jahre später entstandenene Drama DER VERLORENE von und mit M-Hauptdarsteller Peter Lorre - seine einzige Regiearbeit. Die hängen nicht nur zusammen, weil er in beiden Filmen einen Mörder spielt: Lorres Film nimmt klare Bezüge auf M und zeichnet das dunkle Nachkriegsporträt eines Mannes, der mit seiner Schuld kämpft. Wir sprechen darüber, wie beide Filme die politischen Geschehnisse in Deutschland behandeln - und welche stilistischen und thematischen Besonderheiten sie auszeichnen.

Viel Spaß!



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Der Screenshot aus M stammt von der DVD (C) 2003 Universum Film GmbH & Co. KG.
Mutter und Tochter beim Nachtgebet in DER SIEBENTE KONTINENT

Schon gleich am Anfang hat man das Gefühl, daß bereits alles vorbei ist. Ein Auto fährt durch die Waschstraße, durch die Frontscheibe sehen wir die Geräte starr ihre Arbeit verrichten. Die Credits laufen ebenso mechanisch darüber. Die Personen im Wagen schweigen sich an.

Was folgt, ist wie eine Bestandaufnahme des Lebens einer Familie, die am Ende Suizid begehen wird. Wie das kleingehackte Fleisch, das der Supermarktangestellte hier verkauft, scheinen auch die Welt und ihre Protagonisten in Einzelteile zu zerfallen. Die Tagesabläufe werden in aneinandergereihten Close-Ups der banalen Details gezeigt: Registrierkasse, Einkaufswagen, Zapfsäule. Die Menschen sind genauso auf Einzelheiten reduziert, als wären sie unvollständig. Am Frühstückstisch sieht man von Familie keine Köpfe.

Die Familie beim Frühstückstisch
Starre Rituale: Die Familie beim Frühstückstisch.

Es sind drei Jahre, die die Handlung umspannt, sorgsam in einzelne Segmente unterteilt. Wir lernen die Familienmitglieder kennen: Mutter, Vater, Tochter. Manchmal taucht der Bruder der Mutter auf, der nach dem Tod der Eltern depressiv geworden ist. Wir verfolgen ihren Alltag: Wecker, Dusche, Frühstück, Auto aus der Garage heraus, Arbeit im Büro, Auto in die Garage hinein, Nachtgebet mit der Tochter. Es wirkt wie ein von allen Redakteuren verlassenes Reality-Programm.

Die ersten beiden Segmente bzw. Jahre funktionieren dabei als Spurensuche: Was bringt diese Menschen dazu, freiwillig aus dem Leben scheiden zu wollen? Sind es die ewig gleichen Abläufe, die den Alltag so trivial machen? Ist es die stumpfe Arbeit des Manns, die nur aus dem Bearbeiten von Zahlenkolonnen zu bestehen scheint? Ist es Zivilisationsmüdigkeit? Oder sind es emotionale Brüche, die den Familienmitgliedern schon vor langer Zeit widerfahren sind? Als die Familie eines Abends auf der Autobahn an einem Unfall vorbeifährt, verstört der Anblick der Körper auf der Straße die Mutter – und ihr Mann kann sie kaum trösten. Vielleicht weint sie über ihr eigenes bevorstehendes Ende, vielleicht hat er schon lange resigniert. An einer anderen Stelle gibt die Tochter in der Schule vor, erblindet zu sein. Als die Mutter davon hört, will sie von der Tochter, die alles abstreitet, ein Geständnis. Sie verspricht ihr, sie nicht zu bestrafen – und gibt der Tochter dann, als sie alles zugibt, im Affekt eine Ohrfeige.

Im dritten Segment vollzieht die Familie mit ebensolcher mechanischen Sorgfältigkeit ihren eigenen Suizid. Der Job wird gekündigt, das Auto wird verkauft, das Geld von der Bank abgehoben. In der Wohnung wird die Einrichtung zerstört: Kleidung wird zerrissen, die Möbel werden zertrümmert, die Bücher zerrissen. Es ist ebenso trostlos arrangiert wie das Leben davor – anstatt sich von der Last der Dinge befreien zu können, wird die Familie schon so über die Gegenstände bestimmt, daß deren Destruktion nur die eigene vorwegnimmt.

Georg beginnt mit der Zerstörung seines Lebens
"Ich glaube, es geht nur, wenn wir systematisch vorgehen":
Georg Schober (Dieter Berner) beginnt mit der Zerstörung seines Lebens.

"Ich wollte keine Antworten geben", erklärt Michael Haneke im Interview zu seinem ersten Kinofilm DER SIEBENTE KONTINENT: Fragen finde er viel wichtiger. Es ist ein zunächst merkwürdig anmutender Satz eines Regisseurs, dessen Filme so gerne wirken, als wüßte er schon genau, was in der Gesellschaft schiefläuft, als wollte er gezielt den Finger auf diese Probleme legen, um den Zuseher darüber zu belehren.

Mit der Konzeptionsgeschichte des Drehbuchs findet man etwas mehr Klarheit darüber, was er mit Fragestellungen meint: Der Film war zunächst so arrangiert, daß vom Suizid ausgehend die Geschichte der Familie in Rückblenden erzählt wurde – nur mußte Haneke feststellen, daß mit dieser Konstruktion jede Sequenz erklärend funktionieren würde. Also zog er das Skript andersherum auf, um den definitiven Antworten auszuweichen – jede vorangegangene Sequenz kann alles und nichts im Hinblick auf den Selbstmord bedeuten, der tatsächliche Beweggrund soll so mysteriös bleiben, wie er es im wahren Leben war, als die Nachricht von dem tatsächlichen Fall in den Zeitungen auftauchte.

Dennoch wirkt DER SIEBENTE KONTINENT nicht wie ein Film, der sich seine Geschehnisse nicht erklären kann – zu streng und komponiert sind alle seine Einstellungen, Abläufe und Symbole. Es ist eine Geschichte darüber, wie unser Leben durch Banalitäten bestimmt wird, wie der Mensch vor lauter Gegenständen, Routinen und Transaktionen zerfällt. Die wichtige Frage, die in diesem schrecklichen Porträt bürgerlicher Existenz steckt, muß man sich dagegen selber stellen: Was ist die Alternative?




Der siebente Kontinent (Österreich 1989)
Regie: Michael Haneke
Buch: Michael Haneke
Kamera: Anton Peschke
Darsteller: Birgit Doll, Dieter Berner, Leni Tanzer, Udo Samel

Alle Screenshots stammen von der französischen BluRay (C) TF1 Vidéo.
Jeremy Miliker und Verena Altenberger in DIE BESTE ALLER WELTEN

Auf der diesjährigen Berlinale hat ein Film eines jungen Salzburger Regisseurs seine Premiere im Bereich "Perspektive deutsches Kino" gefeiert und auch den Kompass-Perspektive-Preis gewonnen: DIE BESTE ALLER WELTEN von Adrian Goiginger. Unser Gastautor Dr. Wily berichtet über dieses Drama, das von Goigingers eigener Kindheit mit einer alleinerziehenden, drogenabhängigen Mutter erzählt.



In einer dunklen Höhle tief im Berg ist ein gesichtsloser Dämon angekettet, und alles, was er tun kann, ist schreien. Der Held Ronan hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Dämon zu bekämpfen. Dafür hat er sich eine besondere Waffe gebaut, einen Feuerpfeil, denn nur diese Waffe kann den Dämon besiegen.

Diese Geschichte träumt, zeichnet und schreibt der siebenjährige Adrian (Jeremy Miliker). Es ist seine eigene Geschichte. Die eines kleinen Jungen, der ein Abenteurer werden will und der spürt, daß es einen Dämon in der Welt gibt, in der er lebt, aber daß dieser Dämon gut versteckt ist. Adrians Welt ist, wie bei den meisten Siebenjährigen, die Welt, die seine Mutter Helga (Verena Altenberger) für ihn gestaltet. Helga ist drogenabhängig. Genauso wie ihr Lebensgefährte, Adrians Stiefvater Günther (Lukas Miko), und alle ihre Freunde, die regelmäßig in Helgas Wohnzimmer sitzen, sich dort bisweilen vor der Polizei verstecken und alles nehmen, was der unberechenbare Dealer, den alle nur "Grieche" nennen, vorbeibringt. Eine Junkiecommunity, die in einer selbstgemachten Höhle lebt – ein chronisch verrauchtes Wohnzimmer mit zugehängten Fenstern und zugeklebten Glastüren. Die Gruppe hat sich eine Idee von Freiheit zurechtgezimmert, in der sie ohne Job, Ziel und Sinn außerhalb der gesellschaftlichen Zwänge lebt. Im Außen zeigt sich das in regelmäßigen Ausflügen zum Fluß, wo es offenes Feuer und Musik gibt, und wo das echte, wahre, unverfälschte Leben, das Eins- und Verbunden-Sein mit allem beschworen und gefeiert wird. Bevor dann spät abends der Grieche vorbeikommt und sich die Erwachsenen doch in ihre eigene innere Höhle zurückziehen.

Adrian ist mittendrin, für ihn ist es die beste aller Welten. Ein Leben voller aufregender Abenteuer und Entdeckungen, Freiheit, Lagerfeuern, Zaubertränken und Feuerwerkskörpern. Es ist die romantisch-magische Welt, die sich seine Mutter Helga als Stütze zurechtdenkt und die sie nutzt, um ihren Sohn von dem ganzen Drogenwahnsinn fernzuhalten. Für den jungen Adrian ist sie perfekt. Helga, die sich sonst vom Leben und der Welt in den Rausch zurückziehen muß, schafft es so, ihrem Sohn eine aufregende und schöne Kindheit zu bieten. Wenn es um Adrian geht, ist kein Rausch zu tief. Er dringt immer durch ihren Schild.

Das Mutter-Sohn-Gespann in DIE BESTE ALLER WELTEN
Ein liebevolles Mutter-Sohn-Gespann: Helga (Verena Altenberger) und Adrian (Jeremy Miliker).

DIE BESTE ALLER WELTEN ist im Kern kein Film über Drogen, sondern eine Geschichte über die Kindheit. Autor und Regisseur Adrian Goiginger folgt nicht zufällig die meiste Zeit seinem jungen Protagonisten. Wenn der Film Adrian verläßt und die Welt der Erwachsenen zeigt, zeigt uns der Film dadurch auch, daß hier nicht jemand einfach die Naivität eines Kindes nutzt, um schlimme Umstände auszuhalten, sondern daß ein erwachsener Geschichtenerzähler aus der zeitlichen Distanz reflektiert über die Dinge nachdenkt und erzählt.

In Adrian und der Beziehung zu seiner Mutter liegt das Herz und Hoffnung des Films und für den Zuschauer die Kraft, diese Geschichte durchzustehen. Es ist trotz seiner auf den ersten Blick düsteren Thematik ein sehr hoffnungsvoller Film. Adrians Kindheit ist keine Kindheit der Drogen, Junkies und des Todes, obwohl all das Teil seiner Geschichte ist. Es ist eine Kindheit voller Abenteuer, Ritter und Magie. Geborgen in der Liebe und dem Schutz seiner Mutter, die ihm beibringt, alle Möglichkeiten zu haben und diese auch zu nutzen. Helga ist eine Mutter, die ihrem Sohn die Freiheit lehrt, obwohl oder vielleicht auch weil sie selbst alles andere als frei ist. In einer Szene, in der ein alter Freund von seinem erfolgreichen Entzug erzählt, sagt Helga: "Ich weiß nicht, wovon er spricht. Aber ich möchte das auch alles haben." Während seine Mutter den ganzen Film lang diese Möglichkeit der Freiheit sucht, war sie für Adrian, dank Helga, immer präsent.

Doch natürlich ist nicht alles eitel Wonne in Adrians Welt. Da gehen zuhause schnell die Aggressionen hoch, alle werden hysterisch und ängstlich, wenn es an der Tür läutet. Aus irgendeinem Grund muß man immer alles putzen, wenn des Jugendamt kommt, und der Grieche hat sich nicht immer unter Kontrolle und geht sogar auf Adrian los. Das sei, passend zur magischen Welt, ein Dämon, der im Griechen wohne, erklärt ihm Helga. Und Adrian spürt, daß dieser Dämon auch irgendwo in seiner Mutter wohnt. In seinen Träumen und Geschichten bekommt er eine Gestalt. Am Ende ist es Adrians Feuerpfeil, eine Leuchtrakete, der dem Dämon den Garaus macht und ihn ans Licht zerrt, indem Adrian mit der Rakete die Wohnung abfackelt. Helga wird aus ihrer Höhle gezwungen, muß die Wahrheit sagen, um ihren Sohn zu retten und geht auf Entzug.

Der Dämon in seiner Höhle
Der Dämon erwacht in seiner Höhle ...

Wenn man dann im Abspann die Namen liest, bestätigt sich das Gefühl, daß Adrian Goiginger hier eine sehr, sehr persönliche Geschichte erzählt. Er kann deshalb den Film mit emotionalen Nuancen und zwischenmenschlichen Details anfüttern, die man nur durch eigene Erfahrung kennenlernt und die seinem Film und seinen Figuren sehr viel Plastizität geben.

Ich bin nicht umhin gekommen, im Film, den der erwachsene Adrian erzählt, ein Spiegelbild zu der Geschichte zu sehen, die der junge Adrian in seinem Buch gestaltet. Ich habe mich gefragt, ob es vielleicht immer noch etwas gibt, das ans Licht geholt oder befreit werden muss. Ich weiß es nicht. Aber der Film wirkt auf mich neben allem anderen auch so, als würde er gegen das Vorurteil aufstehen wollen, das besagt, eine drogensüchtige Mutter sei automatisch eine schlechte Mutter, und eine Kindheit wie die von Adrian automatisch eine furchtbare. DIE BESTE ALLER WELTEN erzählt uns, daß Helga ein gute Mutter ist und Adrians Kindheit ein schöne. Der Film ist beeindruckend, berührend, mitreißend, witzig und sehr ehrlich – im Guten wie im Schlechten. Wir müssen als Zuschauer nämlich nicht nur aushalten, die Abgründe einer Drogenabhängigkeit zu sehen, sondern auch, daß dies alles keine schlechten Menschen und unfähigen Eltern sind. Am Ende ist es ein sehr heller Film, voll Licht.



Die beste aller Welten (Österreich/Deutschland 2017)
Regie: Adrian Goiginger
Buch: Adrian Goiginger
Kamera: Yoshi Heimrath, Paul Sprinz
Musik: Dominik Wallner, Manuel Schönegger
Darsteller: Verena Altenberger, Jeremy Miliker, Lukas Miko, Michael Pink, Michael Fuith, Philipp Stix

Alle Screenshots (C) Ritzl Film.

Derzeit wütet der größte Affe der Welt wieder auf den Kinoleinwänden: In KONG: SKULL ISLAND geht es erneut auf die legendäre Insel, die den gigantischen Gorilla King Kong beheimatet. Wir sprechen über die Anfänge des Monsters im Filmklassiker von 1933, seine übergroße Rückkehr im Remake von 1976, Peter Jacksons ausufernde Liebeserklärung an den Originalfilm aus dem Jahr 2005 und die aktuelle Inszenierung vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges. Unterwegs geht es um die Beziehung zwischen der Schönen und dem Biest, um die unzähligen Lesarten der Geschichte und um die Frage, warum sich die Monsterstory so sehr für verschiedenste Interpretationen anbietet.

Viel Spaß!



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Alle Soundclips aus KONG: SKULL ISLAND mit freundlicher Genehmigung von Warner Bros. Pictures Publicity verwendet.
Plakatausschnitt & Soundclips: (C) 2017 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

Sylvia Kristel gilt als Königin des erotischen Films: Mit der Hauptrolle in der 1974 veröffentlichten Buchverfilmung EMMANUELLE (bei uns: EMANUELA) prägte sie ein ganzes Filmgenre - und wurde für den Rest ihrer Karriere mit dieser Figur identifiziert. Der Film war ein Millionenerfolg, der zahllose Nachfolger anregte. Aber während Kristel stets als Göttin der Verführung galt, zeigt ihre Filmographie einige Überraschungen: Sie drehte mit Claude Chabrol, Roger Vadim und Alain Robbe-Grillet, spielte neben Gerard Depardieu, Michel Piccoli und Alain Delon.

In der aktuellen Lichtspielplatz-Folge sprechen wir über den Film EMMANUELLE und seine Hintergründe, das zugrundeliegende Buch von Emmanuelle Arsan, die unzähligen Nachfolger und Nachahmer, andere Kristel-Filme wie ALICE, DAS SPIEL MIT DEM FEUER, LA MARGE, LADY CHATTERLEYS LIEBHABER und MATA HARI und ihre Autobiographie UNDRESSING EMMANUELLE. Es ist eine Reise durch Erotikfilme und Arthouse-Streifen, ein Brückenschlag von François Truffaut über Walerian Borowczyk hin zu Joe D'Amato.

Viel Spaß!



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Weiterführende Texte auf Wilsons Dachboden:
EMMANUELLE 4: Neuer Körper, altes Glück
EMMANUELLE 6: Eine Verführerin in Bedrängnis
LAURA: Eine erotische Expedition von und mit der "echten" Emmanuelle

Der Screenshot stammt von der BluRay von EMMANUELLE, (C) 2010 Kinowelt.
Vater und Terrorsohn: Carmelo und Malcolm

"Wir finden, dass Sie und ihr Söhnchen schon eine gewisse Zumutung sind", meint eine Frau im Zugabteil zu Carmelo und seinem vierjährigen Bub Malcolm. Die werte Dame untertreibt hemmungslos: Das Kind ist der absolute Terror.

In der italienischen Komödie ERSTE KLASSE reist Carmelo (Enrico Montesano) mit seinem Sohn Malcolm zu dessen Großmutter, damit seine Frau vierzehn Tage Urlaub mit ihrem Freund machen kann. Weil sich bislang immer die Mutter um das Kind gekümmert hat, ist er als Vater hoffnungslos überfordert. Im Zug lernt er die schöne Beatrice (Sylvia Kristel) kennen, die unterwegs zu einem Kongress ist, um dort einen Vortrag über das prähistorische Skelett zu halten, das sie rekonstruiert hat. Zwischen Carmelo und Beatrice bahnt sich eine kleine Affäre an – aber die wird ständig durch das aufgedrehte Kind wieder eingebremst …

Carmelo bandelt mit Beatrice an
Manchmal kann sich so eine ÖBB-Vorteilscard schon lohnen.

Daß Carmelo der väterlichen Verantwortung für Malcolm entkommen will, ist nur allzu verständlich: Der Knabe ist wahrlich niemandem zuzumuten. Selbst Rosemarys Baby stellt man sich gegen Malcolm als Engelskind vor: Der Junge plärrt permanent in voller Lautstärke, was er gerade will, läuft ständig weg, droht einer Mitreisenden mit der Stricknadel das Auge auszustechen, klettert in die Gepäckablage hoch, zerfetzt Zeitschriften, wirft mit Essen und Bananenschalen um sich und macht sich unter Ankündigung wonnig in die Hose. Er könnte im Alleingang das Problem der Überbevölkerung lösen: Wer über Nachwuchs nachdenkt, wird sich das nach der Sichtung des Films nochmal ganz genau überlegen.

Wem Malcolm noch nicht lustig genug ist, darf sich freuen, daß auch die restliche Zugbesatzung Vollgas gibt. Da lauert in einem Abteil eine Bande militanter Feministinnen, die geifernd über jeden verdächtigen Mann herfallen, während der Frachtwaggon des Zuges von einem comicbegeisterten Revolverheld bewacht wird, der gerne Schauspieler wäre. Als er Carmelo und Beatrice in einer Sequenz mit gezückter Pistole stellt, weil er sie für Diebe hält, läßt er sich von Carmelo das schlafende Kind in den Arm legen, damit der überhaupt die Hände hochhalten kann.

Sylvia Kristel oben ohne
Ach, drum wird der Film auf DVD unter dem Titel ERSTE KLASSE SEX vermarktet.

Beatrice erwärmt sich derweil in rasanter Geschwindigkeit für das Plappermaul Carmelo und findet es erregend, als der im Gedanken an seine Frau "Nutte" zischt und sie glaubt, selber gemeint zu sein. Später wird sie seufzen, daß sie immer Männer kennenlernt, "die schon anderweitig verpflichtet sind". Sie wird dem Kind auch aufgebracht eine Ohrfeige geben, als es sich im Frachtwagen an ihrem Skelett zu schaffen macht, und kurz darauf Carmelos Gepäck aus dem Fenster werfen, weil der sie diesbezüglich zur Rede stellt. Ach ja, und Carmelo wird irgendwann sein Kind an einem Bahnhof zurücklassen, damit er endlich ungestört bei Beatrice landen kann – wobei das wohl selbst der aufrechteste Pädagoge angesichts dieses verhaltensauffälligen Kindes verstehen können wird.

"I have seldom heard a train go by and not wished I was on it", schrieb einst Reiseschriftsteller Paul Theroux über die Romantik der Zugfahrt. Die Ausnahme, die er andeutet, wird ein Kinobesuch von ERSTE KLASSE gewesen sein.




Erste Klasse (Italien/Frankreich 1980)
Originaltitel: Un amore in prima classe / L'amour en premiere classe
Alternativtitel: Erste Klasse Sex
Regie: Salvatore Samperi
Buch: Salvatore Samperi, Gianfranco Manfredi, Giorgio Basile
Kamera: Camillo Bazzoni
Musik: Roberto Colombo, Gianfranco Manfredi
Darsteller: Enrico Montesano, Sylvia Kristel, Lorenzo Aiello, Franca Valeri, Felice Andreasi, Enzo Cannavale, Luc Merenda

Die Screenshots stammen von der DVD (C) 2009 KNM/Movie Power.