Aktuelle Filmtexte


In unserer Podcast-Folge "Sequels, Prequels, Requels" haben wir mit ganz aufrichtigem Augenzwinkern versucht, Begriffe für verschiedene Fortsetzungsarten zu finden, und haben dafür unter anderem die Bezeichnung "Selectquel" eingeführt: eine Fortsetzung, die sich aussucht, welche Teile der Reihe überhaupt fortgesetzt werden. Die 2018 erschienene HALLOWEEN-Fortsetzung ist ein Parade-Selectquel: Die sieben bisherigen Sequels werden ebenso ignoriert wie das Rob-Zombie-Remake und dessen Fortsetzung – stattdessen soll einfach nur direkt an den 40 Jahre alten Originalfilm angeknüpft werden. Das bedeutet, daß sämtliche Handlungsstränge der anderen Filme entfallen – die Tatsache, daß Killer Michael Myers der Bruder der Protagonistin Laurie Strode sein soll, der okkulte Zirkel, der Myers beschwört und steuert, und nicht zuletzt das ohnehin unwürdige Ende von Strode im letzten regulären Teil. Das Selektive paßt zur momentanen Buffet-Haltung der Kinogänger: Es darf ja nichts angeboten werden, wo der Fan beim Essen vielleicht weinen muss. Wenn die Broccoli-Beilage nicht nur Freunde findet, gibt's halt nur noch Fritten.

Nun haben sich die übrigen HALLOWEEN-Teile eigentlich ohnehin noch nie streng an ihren Vorgängern orientiert. HALLOWEEN 4 ignorierte gekonnt, daß sich Myers' Verfolger Dr. Loomis selber geopfert hatte, und ließ den Mann, der eigentlich in HALLOWEEN II einer Explosion umgekommen ist, mit Narbe und Hinkebein weiterjagen. HALLOWEEN 5 ignorierte das Ende des Vorgängers, in dem das Böse von Myers auf seine kleine Nichte übergeht. HALLOWEEN H20, noch so ein Parade-Selectquel, ignorierte die Geschehnisse von Teil 4 bis 6 vollständig und strich die Nichte ebenso aus der Chronologie wie die Tatsache, daß Strode laut dem vierten Teil bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. Der Unterschied zu früher ist beim neuen HALLOWEEN nur der, daß das Revidieren früherer Handlungsstränge diesmal als Alleinstellungsmerkmal beworben wird, anstatt es unter den Teppich zu kehren.

Da ist es ganz klar, daß Michael Myers auch diesmal wieder nach Haddonfield zurückkehren muß, um sein Mordwerk fortzusetzen. 1978, also im Originalfilm, brachte der psychopathische Killer, der schon als Kind seine Schwester ermordete, zur Halloweennacht mehrere Teenager um, bis er von der wehrhaften Laurie Strode zur Strecke gebracht werden konnte. 40 Jahre verbrachte er seitdem in einer Anstalt, ohne ein Wort zu sprechen. Sein damaliger Arzt Loomis ist längst verstorben, mittlerweile ist Myers in der Obhut von Loomis' ehemaligem Schüler Sartain. Als Michael in eine andere Anstalt überführt werden soll, kann er ausbrechen ("Er ist jetzt nicht mehr apathisch", stellt der psychoanalytische Fachmann hilfreich fest). Bei seiner Rückkehr nach Haddonfield wird er wieder auf Laurie Strode treffen, die sich in den letzten Jahrzehnten so verbissen auf das kommende Böse vorbereitet hat, daß darüber die Beziehung mit ihrer eigenen Tochter zerbrach.

Laurie Strodes Enkelin Allyson (Andi Matichak).

HALLOWEEN ist ein Film, der nur in einem ständigen Bezug zur Vergangenheit existiert – und das nicht nur, weil beständig von den Geschehnissen von vor 40 Jahren gesprochen wird und der Streifen als Rückbesinnung auf eine Geschichte von 1978 konzipiert ist. Von vorne bis hinten ist der Film von einem Nachhall des Originals durchzogen – angefangen bei der Schrift des Vorspanns über die vertraute Musik hin zur Übernahme des vertrauten Slasher-Musters. Wir sehen die alte Jamie Lee Curtis wieder (vielleicht die größte Bank dieses Film, dieser lässigen Lady wieder einmal die Leinwand zu überlassen), wir erinnern uns an Loomis, in einem Gastauftritt taucht Schauspielerin P.J. Soles auf, einst Opfer im Originalfilm. Die Verbeugung vor dem Urfilm geht so weit, daß manche Einstellungen als direkte Zitate oder Umkehrungen eingesetzt werden – wenn beispielsweise Strodes Enkelin in der Schule aus dem Fenster schaut und ihre Großmutter sieht (im ersten HALLOWEEN war es Strode, die draußen Myers sah), oder wenn der Schluß des ersten Films quasi auf den Kopf gestellt wird. Da können noch so modern die Podcaster anreisen, um die Myers-Story als True-Crime-Reißer aufzuziehen: Dieser HALLOWEEN ist eine absolute Nostalgieveranstaltung, die nichts mit dem Jahr 2018 zu tun hat.

In diesem rückwärtsgerichteten Blick ergibt sich ein kurioser Effekt: Obwohl der Film so dezidiert alle anderen HALLOWEEN-Filme aus dem Gedächtnis streichen will, bedient er sich dann doch recht unbekümmert bei allem, was sie so zu bieten hatten. Das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Strode und Myers, das in HALLOWEEN II erzählt wurde, wird in einem Gespräch aufgegriffen und als Legende abgetan - aber im Finale kämpfen drei Strode-Generationen gegen den Killer, dessen sonst so willkürlichen Angriffe nur hier eine persönliche Komponente haben. Als Gag sind einmal die Horrormasken aus HALLOWEEN III zu sehen, der nicht einmal etwas mit Michael Myers zu tun hatte. Die Geschichte um die von den Ereignissen traumatisierte Laurie Strode wurde in HALLOWEEN H20 bereits erzählt. Die Schlußeinstellung weckt Erinnerungen an HALLOWEEN 4, ebenso wie eine Mordsequenz an einer Tankstelle. Und die Podcaster, die mit der Faszination des Bösen ihr Geld machen, wirken wie entfernte Verwandte der Loomis-Interpretation von Rob Zombie, der den Arzt als Selbstdarsteller inszenierte, der als True-Crime-Autor von der Myers-Story profitiert. Eigentlich macht HALLOWEEN im Jahr 2018 also nichts anderes als all die Jahre davor: Es wird eben entliehen und gestrichen, was gerade paßt oder stört.

Weil HALLOWEEN so sehr in seiner eigenen Vergangenheit steckt, ist der Film leider auch durch die Bank ambitionslos: Es soll das Gefühl von früher wiederhergestellt werden, weshalb sämtliche interessanten Ansätze im Keim erstickt werden. Natürlich bewegten sich auch die früheren Sequels durch vertrautes Terrain, aber sie waren mit einigen Ansätzen verknüpft, mit der Myers-Geschichte irgendwohin zu kommen, sie auszuweiten, andere Protagonisten dafür zu finden oder sie ganz aus ihrem gewohnten Trott zu reißen (siehe HALLOWEEN III und Rob Zombies HALLOWEEN II). Im vorliegenden Update hat man wahrlich schon alles gesehen. Sicher, Regisseur David Gordon Green erzählt eine funktionierende Geschichte und formt einige schöne Sequenzen – aber ihm fehlt die inszenatorische Präzision von John Carpenter ebenso wie der Wille, sich die Story irgendwie zu eigen zu machen. Sein HALLOWEEN ist eine Coverversion der Offensichtlichkeiten: Das Trauma von Strode ist hier so deutlich ausbuchstabiert, daß sie eine Waldhütte mit Waffenarsenal baut und wie Sarah Connor ihr Kind auf die Apokalypse vorbereitet – aber so keine interessanten Einblicke in ein tatsächliches Trauma bietet. Auch eine Horror-Fortsetzung darf seine Figuren differenzierter zeichnen.

Laurie Strode (Jamie Lee Curtis) bereitet sich und ihre Familie wie Sarah Connor auf das kommende Böse vor.

Ich darf das Wort an meinen Podcast-Partner Dr. Wily übergeben, der noch ein paar Gedanken zur Haltung des Films festhalten will:

Was diesen neuen HALLOWEEN durchzieht, ist in erster Linie Traditionalismus. Die Menschen wollen dasselbe wie früher, also orientiert sich der Film an Carpenters Original. Wer definiert und entscheidet, daß die Leute das wollen, bleibt ungeklärt – die Filmemacher, die das vom Publikum annehmen, oder das Publikum, das immerhin in acht Fortsetzungen gelaufen ist, um den neuen Film erst zu ermöglichen. Aktuell hat das Traditionelle auch automatisch den Nimbus der Qualität. Erprobter Qualität. Weil es eben schon einmal funktionert hat. Neues ist zu unsicher. Zu verunsichernd. Aber das ist eigentlich genau das, was Horrorkino tun soll. Verunsichern.

Ich habe das Gefühl, daß es da auch um ein gesellschaftliches Element geht. Auch dort erleben wir eine Bewegung hin zum Bewährten, zum Konservativen, zum Traditionellen. Das soll Sicherheit vermitteln und geben. Es wird etwas gesucht, auf das man sich verlassen kann, während die Welt um uns herum in immer kleinere und virtuellere Subkulturen und ausdiffenzierte Filterblasen zersplittert.
Ein Monster wie Michael Myers bietet dagegen ein sichtbares Feindbild, das man attackieren und besiegen kann – anders als potentiell gefährliche Ideologien oder Gewaltphantasien in Köpfen von Menschen, die noch dazu aussehen wie wir alle und wie wir sie in aktuellen Horrorgeschichten wie etwa der PURGE-Reihe sehen.

Vielleicht ist also auch der gute alte Michael Myers von 1978 ein Monster, das mittlerweile der Sehnsucht entspringt. Nach einer Welt, in der die Dinge noch überschaubarer und kontrollierbarer waren. Die Monster aus THE PURGE kann man nicht besiegen. Man entkommt ihnen bestenfalls. Und das auch nur bis zum nächsten Jahr.


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Halloween (USA 2018)
Regie: David Gordon Green
Buch:David Gordon Green, Danny McBride, Jeff Fradley
Musik: John Carpenter, Cody Carpenter, Daniel Davies
Kamera: Michael Simmonds
Darsteller: Jamie Lee Curtis, Judy Greer, Andi Matichak, Nick Castle, James Jude Courtney, Haluk Bilginer, Will Patton, Virginia Gardner, Rhian Rees, Jefferson Hall

Alle Photos: Ryan Green - (C) Universal Pictures

Mit Faye Resnicks Buch begann die schier endlose Serie an Büchern über den Fall O.J. Simpson. Dessen Ex-Frau Nicole Brown Simpson wurde am 12. Juni 1994 zusammen mit einem Bekannten, Ron Goldman, ermordet aufgefunden, und der Hauptverdächtige war Simpson selber. Ein wahnwitziger Medienrummel begann, der Prozeß um den beliebten Ex-Football-Star wurde zum Fernsehereignis. Die Gerichtsverhandlung endete 1995 nach neun Monaten mit einem Freispruch, aber der ungeklärte Fall hielt die Öffentlichkeit dennoch in Atem. Über die Monate und Jahre hinweg erschienen immer mehr Bücher – von den meisten Beteiligten, von Journalisten, von Detektiven und Experten, von so ziemlich jedem, der irgendwie mit den Geschehnissen in Verbindung gebracht werden konnte, und von einigen anderen, bei denen das ganz und gar nicht der Fall war. Als enge Freundin von Nicole Simpson hatte Faye Resnick die Nase vorn: Ihre Enthüllungsschwarte NICOLE BROWN SIMPSON: THE PRIVATE DIARY OF A LIFE INTERRUPTED erschien im September 1994, ganze drei Monate nach den Morden und über drei Monate vor dem eigentlichen Beginn des Prozesses.

Angesichts des Veröffentlichungszeitpunkts ist auch von vornherein klar, was von dem Buch zu erwarten ist: Klatsch und Tratsch, Fakten lagen ja zwangsläufig noch keine vor. Resnick selber wird in ihrer Autorenbiographie als "Beverly Hills socialite" vorgestellt, ihr Co-Autor Mike Walker, Kolumnist für das Regenbogenblatt National Enquirer, als "media expert on the O.J. Simpson murder trial". "It's more than sensational!", frohlockt der Klappentext, der für Resnicks Erzählungen unter anderem in Aussicht stellt, daß der geneigte Leser erfährt, wie Nicole "the one sexual 'taboo' O.J. had forbidden" beging. Kein Wunder, daß das Buch zum sofortigen Bestseller wurde – und Richter Lance Ito die Geschworenenauswahl pausierte, weil er erst abwägen wollte, ob Resnicks Geschichte potentielle Jurymitglieder zu sehr beeinflussen könnte.

Für Resnick steht völlig außer Frage, daß O.J. der Täter war. Sollten darüber Zweifel herrschen, zeichnet schon ein Absatz auf Seite 9 über einen Streit den Mann als Jeckyll-und-Hyde-Monster, der es schlicht gewesen sein muß: "O.J.'s face twitched uncontrollably. His body language was extremely aggressive. Horrified, I watched as sweat poured down his face. The veins in his neck bulged. His cheekbones bunched up, twitching beneath his skin. He ground his teeth in rage and hissed at me, 'Goddamned bitch! Why the fuck does she do this?"

An schmackhaftem Material herrscht auf den 235 übrigen Seiten wahrlich kein Mangel. Resnick berichtet, wie sie und Nicole nach deren Scheidung durch die Clubs auf Männerfang gingen und hat dazu natürlich auch die eine oder andere beiläufige Sexgeschichte parat. Sie erzählt von ihrer eigenen Kokainabhängigkeit, die sie kurz vor Nicoles Tod zum dritten Mal zum Entzug zwang. Sogar eine einmalige lesbische Liaison zwischen ihr und Nicole steht auf dem Programm. Und natürlich hat sie stets noch eine Anekdote auf Lager, in der O.J. sich als kontrollsüchtiger Ehemann aus der Hölle entpuppte. (Es soll die traurige Tatsache nicht heruntergespielt werden, daß O.J. wohl tatsächlich seine Frau mißhandelte – aber das Ausmaß ist fraglich, ebenso wie der Zusammenhang mit den Morden, und im reißerischen Tonfall der Resnick-Schwarte liegt sicherlich keine Erkenntnis darüber.)

Gleich zwei Rechtfertigungen hat Resnick für die Zurschaustellung des Privaten. Im Nachwort richtet sie sich an Opfer häuslicher Gewalt, die sie zum Handeln auffordert und dazu auch diverse Adressen und Telefonnummern anbietet, damit Nicoles tragisches Ende gewissermaßen nicht umsonst bliebe: "Nicole didn't get out. You can." Und von Beginn an stellt sie sich als Sprachrohr für die Frau hin, die ihre Geschichte nie würde erzählen können. Ob diese Frau so begeistert gewesen wäre, daß intimste Details aus ihrem Privatleben zu Geld gemacht werden, darf natürlich bezweifelt werden. "Nicole and I had many conversations and discussed many events that were meant to be private forever", erklärt Resnick noch im Vorwort, um ihr "Insiderwissen" zu unterstreichen – aber über die Bedeutung dieser Worte hat sie offenbar nie nachgedacht.


Mehr über O.J. Simpson auf Wilsons Dachboden:
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IF I DID IT: Das Pseudo-Geständnis von O.J. Simpson
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Roberto Benigni als Clouseau-Sohn Jacques Gambrelli

"The real curse of the Pink Panther series", schrieb Roger Ebert 1983 in seiner Kritik zu DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS, "seems to be Blake Edwards's compulsion to continue the series long after any real occasion for it." Nachdem Peter Sellers 1980 gestorben war, ließ Edwards gleich zwei Fortsetzungen folgen, DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT und besagter FLUCH – und beide wurden sowohl von der Kritik als auch vom Publikum abgelehnt. Das ließ Edwards' Interesse an der Filmreihe aber keinesfalls abflauen: Er verklagte das Studio, die Veröffentlichung von DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS falsch gehandhabt zu haben, die antworteten mit einer Gegenklage wegen Budgetüberziehungen bei beiden Filmen. Edwards wiederum klagte wegen übler Nachrede.

Kein Wunder eigentlich, daß das Studio MGM zunächst nichts von seinem geplanten Projekt DER SOHN DES ROSAROTEN PANTHERS wissen wollte – sie gaben lieber einen TV-Film in Auftrag, THE NEW PINK PANTHER, in dem ein TV-Journalist im Stil von ROGER RABBIT zusammen mit dem aus den Filmvorspännen bekannten Cartoon-Panther ermitteln sollte, aber der von Gary Nelson inszenierte Streifen mit Charlie Schlatter in der Hauptrolle wurde nie ausgestrahlt. Edwards hielt derweil an seinem SON OF THE PINK PANTHER fest, zunächst mit Kevin Kline als Protagonist – der aber dann nach Studium des Drehbuchs befand, daß die Sache einfach nicht funktionieren würde (diese weise Voraussicht verließ ihn leider 2006, als er als Inspektor Dreyfus im Remake von DER ROSAROTE PANTHER auftauchte). Dann wurde Rowan Atkinson gefragt, den Edwards schon für den FLUCH haben wollte – damals war der Brite zu unbekannt, diesmal urteilte er (ebenso korrekt), daß niemand Peter Sellers ersetzen könne. Nachdem eine Zeitlang noch Gérard Depardieu im Gespräch war, erhielt letztlich der Italiener Roberto Benigni die Hauptrolle, der 1991 in Italien mit ZAHNSTOCHER JOHNNY einen Hit gelandet hatte.1993 kam also DER SOHN DES ROSAROTEN PANTHERS - 30 Jahre nach dem ersten Film.

Der Titel läßt auch schon ahnen, in welche Richtung die Geschichte weitergehen wird: Statt des verschwundenen Inspektors Clouseau steht nun sein Sohn im Mittelpunkt. Der entstand aus einer kurzen Liaison zwischen Clouseau und der Tatverdächtigen Maria Gambrelli (siehe EIN SCHUSS IM DUNKELN) – aber der Sohnemann Jacques weiß gar nicht, wer sein Vater ist, weil seine Mutter es vor ihm geheim hält. Jacques arbeitet als einfacher Streifenpolizist in einer kleinen französischen Stadt – und wird in die Entführung der Prinzessin Yasmin aus Lugash hineingezogen, die von Söldnern geschnappt wurde, damit ihr Vater abdankt. In den Ermittlungen ist auch der alte Chefinspektor Dreyfus tätig, der von der Ungeschicktheit von Jacques Gambrelli nervlich fast ebenso in Mitleidenschaft gezogen wird wie seinerzeit von der von Clouseau …

Burt Kwouk als Cato
Burt Kwouk noch einmal als Cato - eine Rolle, die er 29 Jahre vorher
in EIN SCHUSS IM DUNKELN zum ersten Mal gespielt hat.

Ich habe eine gewisse Faszination für solch späte Fortsetzungen, bei denen eigentlich jeglicher narrativer Impuls schon längst abhandengekommen ist: Man sieht den liebgewonnenen Schauspielern in ihren Rollen beim Altern zu, was sie sehr menschlich macht, und kann gleichzeitig den Bemühungen folgen, wie wider jeder Vernunft einfach weitergemacht wird – im marktorientierten Filmschaffen sind es dann ausgerechnet diese dem Erfolg der früheren Werke geschuldeten Fortführungen, die sich irgendwie querstellen.

Man merkt es schon an der Zusammenfassung, daß der Geist von Peter Sellers wie schon bei den vorigen beiden Filmen auch schwer über DER SOHN DES ROSAROTEN PANTHERS hängt. Nach Clifton Sleigh aus DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS ist Jacques Gambrelli der nächste Clouseau-Klon: ein tolpatschiger Polizist, der seine Mission nur durch Zufall und Glück schafft. Auch er darf durch die altbekannten Stationen des Pink-Panther-Kosmos stapfen: Die Auseinandersetzungen mit Chefinspektor Dreyfus, der von Jacques' Unglück immer wieder in Mitleidenschaft gezogen wird; die Begegnung mit Clouseaus altem Diener Cato, der noch einmal als Gehilfe mitreisen darf; der Besuch bei Verkleidungskünstler Auguste Balls, der wieder absolut haarsträubende Kostüme beisteuert (und ein tatsächliches Clouseau-Outfit!). Maria Gambrelli wird nicht wie in EIN SCHUSS IM DUNKELN von Elke Sommer, sondern von Claudia Cardinale gespielt, die im allerersten Panther-Film als Prinzessin von Lugash dabei war – die Kombination aus Figur und Schauspielerin verweist also gleich auf zwei alte Filme.

Clouseau-Sohn Jacques Gambrelli als Frauenschwarm
Wie Papa Clouseau ist auch Jacques Gambrelli (Roberto Benigni) ein Frauenschwarm -
zumindest für Prinzessin Yasmin (Debrah Farentino).

Es wäre halb so tragisch, wenn der Film wenigstens Vergnügen bereiten würde. Aber Edwards' Einfälle sind mittlerweile verbraucht, seine Slapstick-Szenen haben – von zwei, drei kurzen Sequenzen abgesehen – wenig Inspiration und keinen Biß mehr. Der Plot um die Palastrevolte zieht meilenweit am Zuseher vorüber, die Verstrickungen bleiben uninteressant. Und auch das wäre noch zu verkraften, wenn nicht Benigni in der Hauptrolle völlig fehlbesetzt wäre: Er ist ein Clown, der wenig Ähnlichkeit mit einem tatsächlichen Menschen hat. Benigni hampelt wie ein Alien durch die Szenerie und bittet förmlich um jeden Lacher, und er hält den Zuseher damit auf allerhöchster Distanz. Sellers' Witz entstand unter anderem dadurch, daß er so unscheinbar wirkte – so solide und bodenständig, wenn man ihn nur ansah, und auf gewisse Weise vertrauenswürdig; dazu kam die Gelassenheit, die er selbst angesichts größter (und meist von ihm selbst ausgelöster) Katastrophen an den Tag legte. Benigni ist ein Nervenbündel mit aufgesetzten Ticks und Manierismen, und seine Figur ist nicht mehr als eine Idee.

Die Traurigkeit, die über dem Sellers-Tribut DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT hing, ist hier wieder allzu greifbar: Jede Sekunde des Films macht klar, warum einem Peter Sellers fehlt. DER SOHN DES ROSAROTEN PANTHERS mag als "Reboot" intendiert gewesen sein, als dieser Begriff noch nicht in Mode war, aber stattdessen sieht man zu, wie der alte Blake Edwards die Erfolge seiner früheren Tage nochmal zu fassen versucht und kläglich scheitert. Es war sein letzter Kinofilm – und ebenso der letzte Kinofilm von Panther-Stammkomponist Henry Mancini, der 1994 starb.

Dreyfus verliebt sich in Maria Gambrelli
Für seine ganzen Qualen darf sich Chefinspektor Dreyfus (Herbert Lom)
im achten und letzten Panther-Film in Claudia Cardinale verlieben.

Eine Prise Herz bringt ausgerechnet Herbert Lom in den Film, dessen Dreyfus hier gewissermaßen altersmilde geworden ist. Er wird von Clouseau Junior nicht mehr in den Irrsinn getrieben, sondern muß nur noch diverse Unfälle über sich ergehen lassen, für die er einem irgendwie leidtut. Dann verliebt er sich in Maria Gambrelli und muss damit klarkommen, vielleicht der Stiefvater dieses Clouseau-Nachwuchses zu werden. Der 75-jährige Lom hat sichtliche Freude daran, einmal eine herzliche Seite ausspielen zu können. Vielleicht muß man es also so sehen: Wenn DER SOHN DES ROSAROTEN PANTHERS sonst schon nichts war, dann wenigstens ein kleines Geschenk an Lom. Es ist wohl der Gedanke, der zählt.


Mehr aus der DER-ROSAROTE-PANTHER-Reihe auf Wilsons Dachboden:
DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT: Ein Flickwerk-Tribut an Peter Sellers
DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS: Ein neuer Inspektor auf alten Pfaden

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Der Sohn des rosaroten Panthers (USA/Italien 1993)
Originaltitel: Son of the Pink Panther
Regie: Blake Edwards
Buch: Blake Edwards, Madeline Sunshine, Steven Sunshine
Kamera: Dick Bush
Musik: Henry Mancini
Darsteller: Roberto Benigni, Herbert Lom, Claudia Cardinale, Burt Kwouk, Debrah Farantino, Jennifer Edwards, Robert Davi, Graham Stark
Ted Wass als Clouseau-Ersatz Clifton Sleigh

Nach Peter Sellers' Tod wollte Blake Edwards die Figur von Inspektor Clouseau nicht neu besetzen, obwohl eine kurze Zeitlang Dudley Moore im Gespräch für den geplanten ROMANCE OF THE PINK PANTHER war. Stattdessen wollte Edwards eine neue Figur einführen, um die PINK-PANTHER-Reihe fortzuführen. Mit DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT sollte ein Übergangsfilm als Abschied von Peter Sellers geschaffen werden, der den Clouseau in fünf vorigen Filmen spielte. Der zeitgleich gedrehte und ein Jahr später veröffentlichte DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS stellte dann die neue Hauptfigur vor: einen New Yorker Polizisten namens Clifton Sleigh, gespielt von Ted Wass, der zuvor in vier Staffeln der Sitcom SOAP – TRAUTES HEIM zu sehen war. (Tatsächlich wurde Dudley Moore auch für die Rolle angefragt – aber der hatte mittlerweile mit ARTHUR – KEIN KIND VON TRAURIGKEIT einen immensen Hit landen können und wollte sich für keine Filmreihe verpflichten.)

Die Handlung von DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS (im Original entsprechend CURSE OF THE PINK PANTHER) knüpft direkt an den "Übergangsfilm" DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT an: Chefinspektor Clouseau bleibt verschwunden, der titelgebende gestohlene Diamant ebenso. Per Computer soll ein brillanter Detektiv ermittelt werden, der Clouseau aufspüren soll – und weil Chefinspektor Dreyfus (Herbert Lom) sehr glücklich über Clouseaus Abwesenheit ist, manipuliert er den Computer, so daß der den ungeeignetsten Polzisten der Welt ausspuckt: besagten Sgt. Sleigh.

Clifton Sleigh sucht Familie Litton auf
Zwanzig Jahre nach DER ROSAROTE PANTHER schlüpfen Robert Wagner (links),
Capucine und David Niven (rechts) noch einmal in ihre bekannten Rollen.

Und so begibt sich der Film wie schon sein Vorgänger auf eine Tour durch Clouseaus Vergangenheit (und die der Filmreihe). Sleigh besucht Clouseaus Apartment, das mittlerweile von dessen Diener Kato (Burt Kwouk) zu einem Wachsfigurenkabinett umgewandelt wurde. Er sucht den Verkleidungskünstler Prof. Balls (Harvey Korman) auf, bei dem sich Clouseau seine absurden Kostüme beschafft hat. Und er besucht den Juwelendieb Sir Charles Litton (David Niven) und dessen Frau Simone (Capucine), die ja einst mit Clouseau verheiratet war – und trifft dort auch Littons Neffen George (Robert Wagner), der ebenfalls im allerersten PINK-PANTHER-Film eine Rolle spielte. Und Dreyfus? Der leidet unter Sleighs Ungeschicktheit ebenso wie seinerzeit unter der von Clouseau, weswegen sein Nervenkostüm ihn auch diesmal wieder in mörderische Rage bringt.

Edwards' Wunsch, eine neue Figur zu etablieren, mutet angesichts des abgeschrittenen Terrains fast bizarr an. Sleigh ist wahrlich ein Clouseau-Klon: ein ungeschickter und inkompetenter Ermittler, bei dem jedes Mißgeschick zur heillosen Katastrophe heranwächst und der seinen Vorgesetzten in den Wahnsinn treibt. Nur die hoffnungslose Selbstüberschätzung Clouseaus und seine sprachlichen Verunstaltungen wurden nicht übernommen. Hauptdarsteller Ted Wass stürzt sich mit Hingabe in die Slapstick-Szenen und hat auch das Talent für Comedy-Timing – aber er gibt seiner Figur keinen Zentimeter Persönlichkeit. Wie könnte er auch, wenn der Figur schon im Skript nichts Eigenes mitgegeben wurde?

Herbert Lom als Chefinspektor Dreyfus
Und wieder wird er wahnsinnig: Chefinspektor Dreyfus (Herbert Lom).

Auch sonst hängt der Geist von Peter Sellers über dem Film wie der titelgebende Fluch – beziehungsweise: Die Abwesenheit von Sellers ist ständig spürbar. Sleigh darf ja gar kein eigenes Abenteuer erleben, sondern muß auf den Spuren von Clouseau wandeln, und als wäre das Abgrasen der bekannten Orte und Personen noch nicht genug, dreht sich auch die Handlung selber immer noch um den verschwundenen Clouseau. Zum Schluß taucht Clouseau sogar nochmal auf – jetzt, nach einer Operation, in Gestalt von Roger Moore, der bei allem Bemühen zeigt, dass man Peter Sellers schlichtweg nicht imitieren kann. Blake Edwards beweist hier gewissermaßen, warum er sich an seine eigene Weigerung, die Figur neu zu besetzen, hätte halten sollen. (Moore, der seine Szenen während einer OCTUPUSSY-Drehpause spielte, taucht übrigens nur unter dem Pseudonym "Turk Thrust II" auf – in Anlehnung an Moores Freund Bryan Forbes, der in EIN SCHUSS IM DUNKELN als "Turk Thrust" auftauchte.)

Allem Unverständnis über das Konzept zum Trotz muß aber doch festgehalten werden, daß DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS seinen schlechten Ruf nicht vollständig verdient hat: Von allen PINK-PANTHER-Filmen nach Sellers' Tod ist er bei weitem der witzigste. Es gibt eine ganze Reihe von Szenen, die wirklich vergnüglich sind – zum Beispiel der ausgedehnte Kampf, den Sleigh mit einer aufblasbaren Gummipuppe vollzieht, die er als Pseudo-Begleiterin mit sich zerrt, oder die Kraftdemonstration des Ninjas Mr. Chong (der schon in DER IRRE FLIC MIT HEISSEM BLICK auftauchte und wieder von Karatemeister Ed Parker gespielt wird), oder eine Auseinandersetzung mit Wind, Regenschirm und Gepäck am Flughafen. Aller Vertrautheit des Schemas zum Trotz: DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS ist amüsant.

Sgt. Sleigh und seine "Instant-Begleitung"
Clifton Sleigh (Ted Wass, l.) und seine "Instant-Begleitung" - der leider die Luft ausgeht ...

Ted Wass wurde seinerzeit für sechs PINK-PANTHER-Filme unter Vertrag genommen. In den nächsten Filmen wäre die Handlung dann nach New York verlagert worden, die Clouseau-Entourage mit Kato, Dreyfus und allen anderen wäre nicht weiter aufgetaucht. Terry Marcel (HAWK – HÜTER DES MAGISCHEN SCHWERTES) wäre als Regisseur des nächsten Films geplant gewesen, der von Edwards' Sohn Geoffrey und Sam Bernard geschrieben worden wäre. Die Verrisse von DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS und sein schlechtes Abschneiden an den Kinokassen machten jedoch alle diese Pläne zunichte, und Edwards verbrachte mehrere Jahre damit, im Rechtsstreit gegen das Studio vorzugehen, das seiner Ansicht nach die Veröffentlichung des Films vergeigt hatte. Auch die Kinokarriere von Ted Wass ging zu Ende, bevor sie überhaupt angefangen hatte – aber immerhin konnte er sich ab den Neunzigern als gefragter Sitcom-Regisseur etablieren, der bei zahlreichen Folgen von Serien wie BLOSSOM, CHAOS CITY, RULES OF ENGAGEMENT und 2 BROKE GIRLS die Spielleitung übernahm.

Rückblickend betrachtet ist eigentlich klar, warum das Konzept nicht aufging: Gleich zwei Übergangsfilme zur Verabschiedung eines Schauspielers, ohne den sich niemand die Reihe weiter vorstellen konnte, und zur Einführung einer Figur, die einfach zu sehr an die vorige erinnerte, vermitteln selbst den größten Fans nicht gerade Zuversicht, dass der Serie eine große Zukunft bevorsteht. Bei aller Zuneigung, die ich diesem ungeliebten Film gegenüber habe: Es ist wohl doch besser, dass Edwards seine Talente danach wieder in eigenständige Geschichten steckte.


Mehr DER ROSAROTE PANTHER auf Wilsons Dachboden:
DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT: Ein Flickwerk-Tribut an Peter Sellers
DER SOHN DES ROSAROTEN PANTHERS: Das traurige Ende der alten Pink-Panther-Reihe


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Der Fluch des rosaroten Panthers (England 1983)
Originaltitel: Curse of the Pink Panther
Regie: Blake Edwards
Buch: Blake Edwards, Geoffrey Edwards
Kamera: Dick Bush
Musik: Henry Mancini
Darsteller: Ted Wass, David Niven, Robert Wagner, Capucine, Herbert Lom, Joanna Lumley, Robert Loggia, Harvey Korman, Burt Kwouk, Roger Moore, Graham Stark, André Maranne, William Hootkins, Joe Morton, Bill Nighy
Peter Sellers als Inspektor Clouseau

Posthum veröffentlichten Filmen haftet stets eine gewisse morbide Faszination an. Dabei gibt es gar nicht so viele Streifen, bei denen ein Darsteller die Premiere oder gar das Drehende nicht mehr erlebte – und noch seltener ist es, dass ein Hauptdarsteller schon zu Produktionsbeginn gar nicht mehr unter den Lebenden weilt. Einige Bruce-Lee-Filme gäbe es da, oder Ed Woods PLAN 9 FROM OUTER SPACE – und der sechste Film der PINK-PANTHER-Reihe, DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT, dessen Hauptdarsteller Peter Sellers schon anderthalb Jahre vor Produktionsbeginn starb. Ein Tribut an Sellers sollte es werden, entsprechend wird der Film ihm schon ihm Vorspann gewidmet: "To Peter … the One and Only Inspector Clouseau". Sellers' Witwe reagierte entsetzt: Sie verklagte die Produzenten und das Studio, weil der Film das Ansehen ihres Mannes schädigen würde. Ihr wurden über eine Million Dollar zugesprochen.

Die vorigen drei PANTHER-Filme waren große Kassenerfolge gewesen, aber die Beziehung zwischen Clouseau-Darsteller Sellers und Serien-Regisseur Blake Edwards war schwer angeschlagen. Schon den dritten Film, DER ROSAROTE PANTHER KEHRT ZURÜCK, drehten beide nur, weil sie endlich wieder einen Hit brauchten; bei DER "BESTE" MANN BEI INTERPOL und DER IRRE FLIC MIT DEM HEISSEN BLICK trieben Sellers' gesundheitlichen und psychischen Probleme tiefe Risse in die kreative Zusammenarbeit. Sein Auftreten wurde als unprofessionell eingestuft, United-Artists-Mitarbeiter Steven Bach nannte ihn "seriously unbalanced". Sellers selber sagte nur: "I've honestly had enough of Clouseau – I've nothing more to give". Bezeichnenderweise aber entwickelte er ein weiteres Clouseau-Skript, ROMANCE OF THE PINK PANTHER, das er ohne Blake Edwards umsetzen wollte.

Nach Sellers' Tod im Jahr 1980 wurde eine Zeitlang Dudley Moore als nächster Inspektor Clouseau gehandelt, aber Edwards wollte lieber eine neue Figur einführen – immerhin gab es 1968 schon einmal einen Anlauf, Clouseau mit einem neuen Darsteller zu besetzen, aber der schlicht INSPEKTOR CLOUSEAU betitelte Film mit Alan Arkin stieß auf wenig Gegenliebe (Regie führte hier auch nicht Edwards, sondern Bud Yorkin). Edwards kam zu folgendem Deal: Es würde einen Übergangsfilm geben, mit dem man Peter Sellers Tribut zollen würde, und kurz darauf einen gleich im selben Aufwasch gedrehten Folgefilm, der einen neuen Inspektor vorstellen sollte. DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT (im Original: THE TRAIL OF THE PINK PANTHER) ist also der Übergang.

David Niven und Capucine nehmen ihre Rollen aus dem ersten Film wieder auf.
Ein Wiedersehen mit Sir Charles Litton (David Niven) und seiner Frau Simone (Capucine).

Schon von der ersten Szene an ist der Film ein einziges Déja-Vu-Erlebnis. Wieder wird der Rosarote Panther gestohlen, jener Diamant, der schon im ersten Film DER ROSAROTE PANTHER und im dritten Teil DER ROSAROTE PANTHER KEHRT ZURÜCK Diebesgut wurde. Und wieder soll Chefinspektor Clouseau die Ermittlungen leiten, weil er das Juwel ja schon zuvor erfolgreich wiederbeschaffen konnte. Ganz im Sinne der comichaften Serie sind natürlich auch die anderen Figuren wieder dabei – allen voran Chefinspektor Dreyfus, den Clouseaus Inkompetenz immer noch zuverlässig in den Wahnsinn treibt.

Weil Sellers selber ja gar keine neuen Szenen mehr drehen konnte, wird auf Archivmaterial zurückgegriffen: Die ersten 45 Minuten des Films bestehen zum großen Teil aus Szenen, die ursprünglich für DER "BESTE" MANN BEI INTERPOL gedreht wurden (der Berichten zufolge in seiner Urfassung an die drei Stunden hätte dauern sollen!). Schon für DER IRRE FLIC MIT DEM HEISSEN BLICK wollte Edwards diese Sequenzen verwenden, hier kommen sie also nun zum Einsatz – und verstärken das Gefühl noch mehr, das alles doch schon irgendwie gesehen zu haben: Wenn Clouseau sich bei dem wie in einer burlesken Zirkusshow auftretenden Verkleidungsspezialisten Auguste Balls (Harvey Korman) unter anderem mit einem Quasimodo-Kostüm mit aufblasbarem Buckel ausrüsten lässt, weiß man, wie die Sequenz in DER "BESTE" MANN BEI INTERPOL gepasst hätte, wo die Verkleidung dann zum vollen Einsatz kommt.

Clouseaus Vater (Richard Mulligan) spricht mit Reporterin Marie Jouvet (Joanna Lumley)
Reporterin Marie Jouvet (Joanna Lumley) im Interview mit Clouseaus Vater (Richard Mulligan).

Für einen vollständigen Film reichen diese "Deleted Scenes" aber nicht, weshalb Clouseau nach der Hälfte des Films aus der "Handlung" verschwindet: Er wird irgendwann als vermißt gemeldet, eine Reporterin begibt sich auf Spurensuche. Hier mutiert DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT zu einer Art Best-of-Compilation: Sie sucht unter anderem Clouseaus Hausdiener Kato (Burt Kwouk), den Gauner Sir Charles Litton und seine Frau (David Niven und Capucine greifen ihre Rollen aus dem allerersten Film wieder auf) sowie Clouseaus Assistenten Hercule Lajoy (Graham Stark) auf, um sie nach Clouseau zu befragen – und während dieser Interviews sehen wir verschiedene Szenen aus den vorangegangenen Filmen: Die wahnwitzige Verfolgungsjagd mit Gorilla- und Zebrakostümen aus DER ROSAROTE PANTHER, Clouseaus hirnverbannte Polizeiarbeit aus EIN SCHUSS IM DUNKELN, ein Trainingskampf mit Kato aus DER "BESTE" MANN BEI INTERPOL, und so weiter. Was immer der Film in seinem anfänglichen Stückwerk noch an narrativer Bahn hatte, entgleist hier endgültig.

Gegen Ende hin werden uns noch neue Rückblicke spendiert: Die Reporterin sucht Clouseaus Vater auf, der ein paar Geschichten aus dessen Jugend erzählt – zum Beispiel, wie Clouseau als Kämpfer für die französische Resistance daran scheiterte, eine Brücke zu sprengen, um die deutsche Armee aufzuhalten. Die Szenen sind ganz witzig, aber freilich sehr beliebig – und eingerahmt von einer hemmungslos absurden Interviewsituation, in der Richard Mulligan als Papa Clouseau gnadenlos chargiert, während ein Hund das uralte und senile Stubenmädchen durch das Zimmer dirigiert, indem er an ihrem Rock zerrt. Zum Schluß des Films bleibt Clouseau verschwunden, und damit wird die Brücke zum nächsten Film DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS geschlagen.

Daniel Peacock als junger Clouseau
Der junge Clouseau (Daniel Peacock) als unfähiger Resistance-Kämpfer.

Es zieht eine Traurigkeit durch DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT, bei der man eher wehmütig wird als lacht. Wir sehen den großen Peter Sellers einmal mehr in einer seiner Paraderollen – aber wissen gleichzeitig, dass es sich nur um zusammenhanglose Schnipsel aus dem Archiv handelt. Wir sehen einer Nummernrevue zu, deren Szenen in ihren ursprünglichen Filmen so viel besser funktioniert haben. Wir begegnen David Niven wieder – der zu diesem Zeitpunkt schon an ALS (dem Lou-Gehrig-Syndrom) erkrankt war und deshalb von einem Imitator nachsynchronisiert werden musste. Natürlich sind viele der Szenen komisch – zum Beispiel, wie Clouseau in seinem unmöglichen Französisch-Englisch im Hotel nach einer Nachricht fragt, aber "message" so wie "massage" ausspricht, oder wenn er bei einem Telefonat mehrfach aus dem Hotelfenster fliegt. Und doch: Eine Dokumentation mit dem Archivmaterial wäre wohl ein trefflicheres Tribut an Sellers und seinen Clouseau gewesen als dieses Flickwerk.


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DER SOHN DES ROSAROTEN PANTHERS: Das traurige Ende der alten Pink-Panther-Reihe



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Der rosarote Panther wird gejagt (USA 1982)
Originaltitel: Trail of the Pink Panther
Regie: Blake Edwards
Drehbuch: Frank Waldman, Tom Waldman, Blake Edwards, Geoffrey Edwards
Kamera: Dick Bush
Musik: Henry Mancini
Darsteller: Peter Sellers, Herbert Lom, David Niven, Capucine, Burt Kwouk, Joanna Lumley, Richard Mulligan, Robert Loggia, Harvey Korman, Graham Stark, André Maranne, Denise Crosby, William Hootkins

Über Michael Ciminos epischen Spätwestern HEAVEN'S GATE, mit dem die New-Hollywood-Ära zu Ende ging, habe ich hier auf Wilsons Dachboden schon geschrieben. Er gilt als einer der größten Flops der Filmgeschichte, der ein ganzes Studio in den Ruin trieb - und fand dann unter anderem bei den Filmfestspielen von Venedig, wo Regisseur Michael Cimino 2012 den Ehrenlöwen erhielt, seine späte Anerkennung als bemerkenswertes Kunstwerk. Zusammen mit Dr. Wily spreche ich über die Themen und Besonderheiten des Films - ebenso wie über seine Entstehungsgeschichte und Hintergründe. Das führt uns auch zu einigen Überlegungen zum Filmschaffen an sich: Was bedeutet es, wenn ein Regisseur carte blanche erhält? Wie hat sich die Filmlandschaft seitdem verändert?

Viel Spaß!



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Musik: Clark Kent
 
Mehr Cimino auf Wilsons Dachboden:
DEN LETZTEN BEISSEN DIE HUNDE: Ein Raubzug der Ernüchterung
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HEAVEN'S GATE - DAS TOR ZUM HIMMEL: Von Klassenkämpfen, Idealen und Wirklichkeit
24 STUNDEN IN SEINER GEWALT: Ein Kammerspiel in weiten Räumen
Lichtspielplatz #24 - Die Outlaws von New Hollywood/ (Podcast)
 
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Mark Hamill in STAR WARS - DIE LETZTEN JEDI

Der achte Teil der KRIEG-DER-STERNE-Saga hat für erhitzte Diskussionen gesorgt. Mein hochgeschätzter Gastautor Dr. Wily wagt sich an DIE LETZTEN JEDI heran und zeigt, wie sich der Film vom Alten im STAR-WARS-Universum verabschiedet.



Jeder STAR-WARS-Geschichte wohnen zwei große Elemente inne. Manche der Filme vermischen sie zu einem Ganzen, wie etwa das Original, KRIEG DER STERNE, oder DAS ERWACHEN DER MACHT. Andere reduzieren das eine und überbetonen das andere Element, wie zum Beispiel ROGUE ONE. DIE LETZTEN JEDI teilt diese zwei Elemente fein säuberlich auf zwei Handlungsstränge auf. Diese Trennung führt dazu, daß es beim Ansehen sehr schnell um gefühlte Balance geht. Je nach Vorlieben des Zuschauers wird er oder sie einen Part sehr spannend und den anderen eher weniger aufregend finden.

Da gibt es den eher kindlichen Teil, in dem junge Menschen spannende Abenteuer in faszinierenden Welten erleben und dort kuschelige Tiere treffen, die es dann auch als Spielzeug zu kaufen gibt. Dieser Teil entspinnt sich hier rund um Finn (John Boyega) und Rose (Kelly Marie Tran). In ihrer Geschichte landen sie nämlich auf einem glamourös glitzernden Casinoplaneten, auf dem im Namen der Unterhaltung für die reiche Oberschicht Tiere gequält und Kinder unterjocht, geschlagen und ausgebeutet werden. Rose und Finn werden die Unterdrückten befreien, und diese Unterdrückten werden zur nächsten Generation der Rebellen heranwachsen. Eine Generation, die sich die Geschichten über die ruhmreichen Heldentaten von Luke Skywalker erzählt und sich davon inspirieren lässt.

An diesen Strang angehängt ist die Geschichte des Rebellenpiloten Poe (Oscar Isaac), der hier bedeutend weniger und Unwichtigeres zu tun hat als noch in DAS ERWACHEN DER MACHT. Ohne zuviel ins Detail gehen zu wollen, ist dieser ganze Part, immerhin die Hälfte des Films, erzählerisch eine problematische Angelegenheit. Rose und Finns eben erwähnte Mission ist nämlich innerhalb der Geschichte keine unwichtige. Ihr Scheitern bringt die Rebellen in große Gefahr und legt dadurch den großen Showdown des Films auf. Die Mission entsteht aber erst aus der Hitzköpfigkeit Poes gegenüber den Kommunikationsfehlern der Rebellenadmiralität, die auf seine wiederholten Fragen keine Antwort gibt, sondern Unterordnung verlangt. Im besten Fall kann man argumentieren, daß sich hier die Rebellenführung auf das Funktionieren der Befehlskette verläßt (was man in Filmen wie diesem nie tun sollte) und deshalb keinem in der Truppe erklärt, daß der Plan eh von Anfang ist, alle in Sicherheit zu bringen. Warum das nicht transparent kommuniziert werden konnte, bleibt schleierhaft. Eine mögliche Antwort liegt in folgendem Gedankenspiel: Poe hätte dann nicht einen eigenen Plan schmieden und Rose und Finn auf eben jene Mission schicken müssen, was wiederum dazu geführt hätte, daß es den kompletten Handlungsstrang nicht gegeben hätte. Daher ist der Verdacht naheliegend, daß das Drehbuch hier eine Ungereimtheit akzeptiert hat, um einen halben Film zu bekommen.

Adam Driver als Kylo Ren
Wird nie Darth Vader: Kylo Ren (Adam Driver).

Das zweite der oben angesprochenen Elemente ist der eher erwachsene, spirituell-philosophische Teil, der sich rund um die Macht und die Religion der Jedi dreht. Dieser Teil wird hier von Rey (Daisy Ridley), Kylo Ren (Adam Driver) und dem zurückgekehrten Luke Skywalker (Mark Hamill) bestritten. Rey hat Luke schon am Ende von EPISODE VII in seinem Exil gefunden und will ihn nun überzeugen, zurückzukehren und der Rebellion wieder einmal bei der Befreiung der Galaxie zu helfen. Zugleich erhofft sie sich Antworten in Bezug auf die Macht und ihre Rolle in dem ganzen Geschehen. Rey sucht einen Meister, Luke will aber keine Schüler mehr. Gleichzeitig sucht auch Kylo Ren, früher Lukes Schüler, seinen Onkel, um eine alte Rechnung zu begleichen. Durch eine spezielle Verbindung zwischen Rey und ihm, bei der auch wieder die Macht eine mysteriöse Rolle spielt, hofft er, Rey manipulieren zu können und Skywalker aufzustöbern. Wobei Kylo offenbar selbst nicht alles versteht, was die Macht hier so anstellt.

Die Geschichte von DIE LETZTEN JEDI ist sehr viel mit dem Abschließen des Alten beschäftigt. Luke wirft als erste Handlung das Laserschwert weg, das Rey ihm ehrfürchtig überreicht. Kylo zertrümmert seinen Helm, weil er nie Darth Vader werden wird, sondern ein eigenständiger Bösewicht. Er sagt sogar, daß das Alte sterben soll. Luke will ebenfalls die Jedi sterben lassen. Sie haben immer nur zu mehr Unglück in der Galaxie beigetragen. Seiner Meinung nach ist die Macht nicht in Balance zu halten. Je mehr Jedis es gibt, desto mehr Siths wird es geben und der Konflikt wird eskalieren. Er will sogar die uralten, heiligen Texte der Jedi verbrennen. Der Film, so wie die gesamte neue Trilogie, arbeitet auf die Fackelübergabe hin, die vielleicht auch endlich die STAR-WARS-Geschichte von der Skywalker-Familie trennt. Ich fand es mit zunehmender Anzahl der Filme und Größe dieses Universums immer seltsamer, daß sich das Schicksal der gesamten Galaxie rund um die Blutlinie dieser einen Familie abspielt.

Die Alten sollen also abtreten, die Jungen sollen übernehmen. Es geht da auch um zwei Generationen von Fans. Die alten, die seit den Anfängen dabei sind, von den Prequels vielleicht (oder auch nicht, aber eher schon, was man so hört) enttäuscht waren und nun auf eine erneute Verzauberung hoffen, wie sie ohnehin nur in der Kindheit möglich ist. Sie haben lange auf Luke und Leia und Han gewartet. Alle drei Figuren bekommen schöne und würdige Abschiedsvorstellungen. Han Solo, den Harrsion Ford schon in den 1980ern geopfert sehen wollte, hatte sie bereits in DAS ERWACHEN DER MACHT. Die unangefochtene Anführerin der Rebellion, Leia, die sich hier wohl zwangsläufig verabschiedet, weil Carrie Fisher nach Drehende verstorben ist, zeigt hier nicht nur, daß auch sie im Besitz der Macht ist, sondern überläßt ihren Leitsatz "Möge die Macht mit dir sein" symbolisch jemand anderem. Sie habe ihn ohnehin schon so oft gesagt hat, meint sie. Noch einmal sehen wir die Geschwister Luke und Leia zusammen. R2D2 spielt Luke noch einmal das Hologramm der jungen Leia vor, den Anfang von allem. C3PO darf seinen alten Herrn noch einmal ehrfurchtsvoll mit "Master Luke" begrüßen. Sogar Luke und Yoda treffen sich noch einmal, und Yoda darf seinem ehemaligen Schüler eine letzte seiner schelmischen Lektionen erteilen. DIE LETZTEN JEDI ist so auch eine Geschichte übers Älterwerden. Jeder, der älter wird, lernt, daß die Ideale der Jugend im Laufe des Lebens mehr als nur einer harten Prüfung ausgesetzt sind. Da paßt es auch, daß Luke bitter geworden ist und an der Welt zweifelt. Es braucht die junge Rey, die ihm den Glauben an die Macht zurückgibt. Dafür kann er sie anleiten und ausbilden. "Wir sind, worüber sie hinauswachsen", erklärt Yoda Luke, "das ist die Bürde aller Meister". Es ist auch die Bürde aller Eltern. Und die hatten es im STAR-WARS-Universum schon immer schwer, denn STAR WARS war auch immer eine Geschichte der jungen Helden, die ausziehen, um die Welt, in dem Fall die Galaxie, zu erobern.

Carrie Fisher als Leia
Noch ein Abschied: Carrie Fisher als Leia.

Und doch darf Luke und nicht unsere Heldin Rey (die hat ihren großen Auftritt schon davor) hier noch einmal das Grande Finale bestreiten (ganz nebenbei - wann bekommt man so ein faltiges, zerfurchtes Gesicht wie das von Mark Hamill denn noch im Kino zu sehen, noch dazu in Nahaufnahme?). Im Showdown mit Kylo Ren zeigt uns der alte Luke ein paar Macht-Spiele, die er sich in den vergangenen 34 Jahren Jedistudium so angeeignet hat, und rettet die letzten verbleibenden Rebellen. Es ist ein Laserschwertduell, in dem sich die Schwerter kein einziges Mal berühren. Einer dieser vielen Momente, in denen Regisseur Rian Johnson versucht, nicht das zu machen, was sieben Filme davor auch schon gemacht haben, sondern sich bemüht, die vorhandenen Versatzstücke etwas neu zu arrangieren und zu deuten. In einem anderen kurzen Moment erklärt eine Nebenfigur, daß die wahren Gewinner dieses Sternenkrieges ohnehin die Waffenhändler sind, die sowohl an First Order als auch an die Rebellen verkaufen. Gut und Böse als einfache Gegensätze gäbe es nicht mehr.

Dazu paßt auch die dezente Neuausrichtung der Macht als Konzept. Nicht nur kann Leia durchs All schweben. So können auch Rey und Kylo einander über weite Distanzen sehen und miteinander kommunizieren, was wie eine Mischung aus Astralprojektion und Telepathie anmutet, aber doch mehr als das ist. Nicht zu vergessen Lukes schon erwähnte Zauberei im Showdown. Die Macht hat sich immer wieder der Zeit seines Publikums angepaßt. Von der Suche nach dem Licht, dem Hellen, Reinen, Guten als Gegensatz zum Dunklen und Bösen in den 1970er Jahren, wo man die Ausläufe der Hippie-Gegenkultur ebenso finden kann wie die uralten Mythen, an denen sich George Lucas damals orientiert hat, über die eher biologische Definition der Prequels sind wir jetzt bei Ambivalenzen und dem inneren Konflikt angelangt, der uns menschlich macht. Licht und Dunkel leben beide in uns, aber solange wir mit uns kämpfen, zögern, zweifeln, zaudern, uns ängstigen und beinahe den Glauben verlieren, so lange lebt auch die Chance auf das Gute in uns. Verloren sind wir dann, wenn wir in Extreme kippen, zu moralischen, spirituellen und intellektuellen Fundamentalisten werden. Jede Zeit braucht ihre Macht.


Passend dazu empfehlen wir auch unseren Lichtspielplatz-Podcast über das STAR WARS HOLIDAY SPECIAL sowie die Gedanken unseres Gastautors Bastian G. zu ROGUE ONE.


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Star Wars - Die letzten Jedi (USA 2017)
Originaltitel: Star Wars: The Last Jedi
Regie: Rian Johnson
Buch: Rian Johnson
Musik: John Williams
Kamera: Steve Yedlin
Darsteller: Mark Hamill, Carrie Fisher, Adam Driver, Daisy Ridley, John Boyega, Oscar Isaac, Andy Serkis, Lupita Nyong'o, Domhnall Gleeson, Anthony Daniels, Laura Dern, Benicio Del Toro, Frank Oz (Stimme), Justin Theroux

Hauptbild: Photo: John Wilson, (C) 2015 Lucasfilm Ltd. & ™, All Rights Reserved.
Restliche Bilder: Lucasfilm Ltd., (C) 2017 Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved.
Bella Heathcote und Lily James rüsten sich für den Kampf

Gastautor Dr. Wily rührt zwar Jane-Austen-Romane nur mit der Kneifzange an, aber springt schon mal über seinen Schatten, wenn ein paar Zombies in die Geschichte stolpern. Im folgenden Beitrag berichtet er, warum ihn STOLZ UND VORURTEIL & ZOMBIES dann doch enttäuschte.



PRIDE AND PREJUDICE AND ZOMBIES anzusehen ist ein What-If-Spiel. Was wäre gewesen, wenn der Film so übergeschossen wäre, wie es die Prämisse anbietet? Bei ABRAHAM LINCOLN VAMPIRJÄGER war das ja sehr unterhaltsam. Oder was wäre gewesen, wenn man daraus eine Gesellschaftsbetrachtung gemacht hätte? Über die damalige Zeit, diese Welt des Heiratsmarktes, der weggesperrten Gefühle und die Enge der gesellschaftlichen Ritualspiele, in der niemand so recht weiß, was sie oder er eigentlich fühlt, fühlen soll oder fühlen darf, und gleichzeitig aber jeder weiß, was er oder sie als nächstes zu tun hat, ob man nun will oder nicht. Hätte da der Zombie nicht ein schönes Bild für etwas Urwüchsiges, nicht mehr Kontrollierbares sein können, das brutal und heftig durchbricht? In einem Kontext, den man so noch selten gesehen hat? Das hätte durchaus auch dann noch den Humor behalten können.

Eine befreundete Literaturwissenschaftlerin hat mir erklärt, daß Jane Austen in ihren Geschichten auch an der sozialen und finanziellen Situation der Frauen ihrer Zeit interessiert war. Eine Heirat sei damals die einzige Möglichkeit gewesen, versorgt zu sein, weil das System den Frauen keine Möglichkeit zugestand, sich selbst zu versorgen. Als Erzählvehikel für Gesellschaftskritik hat der Zombie ja schon öfter gut funktioniert. Vielleicht hätte man sogar eine kleine Brücke ins Jetzt schlagen können.

Bella Heathcote und Lily James im Kampf gegen Zombies
Der Film erlaubt sich gewisse Freiheiten, was die Jane-Austen-Vorlage angeht.

All das hätte interessantere Filme ergeben. Nicht, daß mir STOLZ UND VORURTEIL & ZOMBIES unsympathisch gewesen wäre. Ich kann zwar mit Jane Austens Geschichten wenig anfangen, aber mit Zombies hab ich es über die Laufzeit gut ausgehalten. Ich mag die Cast, die das sehr gediegen und mit sichtlichem Spaß spielt. Das knappe Budget kaschiert der Film über weite Strecken gut, und auch die eine oder andere poetisch-gruselige Szene bringt er hin. So ganz in die Vollen geht er mit seiner aufgelegten Prämisse aber leider nie. Wo der oben erwähnte ABRAHAM LINCOLN VAMPIRJÄGER die wahre Geschichte seiner Hauptfigur sehr respektlos mit Vampiren vermischt, bleiben die beiden Welten hier getrennt. Es gibt die Liebesgeschichte, und es gibt die Zombieapokalypse. Beide würden auch ohne das andere funktionieren.

Den Schauer, den Untote vor der Kulisse dieses alten Englands erzeugen könnten, einer Zeit, in der Aberglaube noch Sinn gemacht hat, nutzt der Film zu wenig. Er führt die vier Reiter der Apokalypse ein, um sie dann zwei, drei Mal im Bild herumstehen zu lassen. Er läßt die Bennet-Schwestern knallharte Zombiekämpferinnen sein, die in Martial Arts ausgebildet sind - einer damals neuen, modernen Kampftechnik, wie uns der Film erzählt. Eine Actionsequenz, die mit dieser neuen Technik aus der porträtierten Zeit fällt, sich über Physik und das Genre des Kostümdramas erhebt oder es gar bricht, fehlt leider. Vielleicht hat auch einfach das Geld nicht gereicht. Nun würden diese Punkte nicht wie Leerstellen wirken, wenn der Film versuchen würde, uns ein ernsthaftes Drama zu erzählen. Über Endzeit. Oder Liebe. Oder beides. Doch wie es der Titel verrät: Es ist alles Ironie. Der Film ist sich dem auch zu jeder Sekunde bewußt. Er kaschiert es nicht, entlockt dem Set-Up diverse komische Situationen, macht aber zu wenig daraus.

Lily James im Kampf gegen die Untoten
"Wie bitte, ich soll VERSTAND UND GEFÜHL auch noch lesen?"

Meine befreundete Literaturwissenschaftlerin, die sich mit Jane Austen besser auskennt als ich, hat mir außerdem erklärt, daß Austen das Sentimental-Novel-Format ihrer Zeit verwendete, um Gesellschaftssatiren zu schreiben. Sie dürfte damit auch zwischen zwei literarischen Traditionen stehen. Vielleicht ist PRIDE AND PREJUDICE AND ZOMBIES also Satire und ganz nahe am Ausgangsmaterial? Spinnt nur den Gedanken von Jane Austen weiter ins 21. Jahrhundert? Steht auch zwischen zwei filmischen Traditionen? Und ich als Jane-Austen-Banause konnte es nicht erkennen?
Möglich ist vieles. Wahrscheinlich ist aber das Augenscheinliche: PRIDE AND PREJUDICE AND ZOMBIES verläßt sich völlig auf sein Gimmick, das schon im Titel steht und als Idee den Film tragen soll. Es ist eben nur STOLZ UND VORURTEIL. Mit Zombies.


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Stolz und Vorurteil & Zombies (USA 2016)
Originaltitel: Pride and Prejudice and Zombies
Regie: Burr Steers
Buch: Burr Steers
Kamera: Remi Adefarasin
Musik: Fernando Velázquez
Darsteller: Lily James, Sam Riley, Bella Heathcote, Ellie Bamber, Millie Brady, Suki Waterhouse, Douglas Booth, Charles Dance, Lena Headey

Alle Bilder stammen von der offiziellen Website des Films.