Aktuelle Filmtexte


Wir schreiben mittlerweile das Jahr 2019 - laut einer ganzen Reihe von Science-Fiction-Filmen müßte also die Zukunft ab sofort angebrochen sein. In unserer aktuellen Lichtspielplatz-Folge knöpfen wir uns eine Reihe von großen und kleinen Science-Fiction-Filmen vor und untersuchen, inwieweit die dort dargestellte Zukunft tatsächlich stattfindet - und überlegen uns in diesem Zusammenhang, was Zukunftsvisionen mit ihrer jeweiligen Gegenwart zu tun haben. Unter anderem reden wir über Ridley Scotts BLADE RUNNER, Michael Bays DIE INSEL, Dean Devlins GEOSTORM und Paul Michael Glasers THE RUNNING MAN.

Viel Spaß!



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Musik: Dominik Nießl (Theaterkonsole)

Zur Abwechslung ist es mal ganz entspannt, wenn ein Filmfestival quasi vor der Haustür stattfindet: Statt wie letzten Herbst den langen Trip nach Braunschweig zum BIFF anzutreten oder unlängst zum dritten Sweet-Movies-Festival nach Nürnberg zu reisen, konnte ich zum 13. Lateinamerika Filmfestival gemütlich mit einem Fußweg von zehn Minuten ins Salzburger Das Kino spazieren. Über 30 Filme aus den lateinamerikanischen Ländern verteilten sich da auf 12 Tage Festival – viel Auswahl, und fast alles davon aus Gegenden, die ich filmisch bislang kaum bis gar nicht erschlossen habe (es kann durchaus spannend sein, noch weiße Flecken auf der cineastischen Landkarte zu haben!).

Zum Auftakt habe ich die mexikanische Dokumentation MAMACITA gesehen. Filmemacher José Pablo Estrada Torrescano hat hier ein Porträt seiner fast 100-jährigen Großmutter inszeniert, die in Mexiko ein kleines Schönheitsimperium aufgebaut hat. Die alte Dame lebt in unfassbarem Prunk und ist vornehmlich darauf bedacht, daß alles schön und anständig aussieht – weshalb sie ihren Enkel gleich bei seiner Ankunft mal zum hauseigenen Friseur schickt. Sie selber wünscht sich das Kinoporträt, weil sie stolz auf ihre Leistung ist, aber José Pablo findet in seiner dokumentarischen Arbeit schmerzhafte Erinnerungen, die sich noch bis ins heute auswirken. Es ist ein oft witziger und ebenso anrührender Film über eine störrische Diva, zu der der Filmemacher nach und nach Zugang findet. Übrigens wird der Film im Juni noch einen regulären Kinostart in Deutschland erhalten.

Dank des Sweet-Movies-Trips konnte ich erst gegen Ende des Festivals weiter ins Programm tauchen – aber das habe ich dafür noch ausführlich gemacht. Der kolumbianische Film MATAR A JESÚS ("Killing Jesus") von Regisseurin Laura Mora Ortega erzählt von einer jungen Studentin, die den Mörder ihres Vaters sucht – und dann feststellen muss, daß es doch nicht so einfach ist, Rache zu üben, wie sie sich das vorgestellt hat. Es ist ein packender Film, der ganz rau mit der Handkamera inszeniert ist; die Laiendarsteller sind beeindruckend und geben der Geschichte große Authentizität. Weniger packend fiel das ebenfalls mit Laien besetzte mexikanische Drama EL COMIENZO DEL TIEMPO ("The Beginning of Time") von Regisseur Bernardo Arellano aus: Da erhält ein 80-jähriges Ehepaar wegen staatlichen Umwälzungen plötzlich keine Rente mehr und muss sich mit Müh und Not durchs Leben schlagen. Eigentlich eine interessante Prämisse, aber die Umsetzung ist trist: Erzählerisch herrscht die Trostlosigkeit, die Darsteller mögen "echt" sein, spielen aber in den 110 Minuten Lauflänge stets denselben Tonfall. Mehr Leichtigkeit hätte dieser Geschichte wirklich nicht geschadet, aber die Protagonisten dieses im Schritttempo erzählten trüben Films tun einem eigentlich nur leid.

Auch das nächste Double Feature hatte ein Gefälle. Das Drama CENIZAS ("Ashes", Regie: Juan Sebastián Jácome) aus Ecuador fesselte ohne große Gesten: Da nähern sich eine Tochter und ihr Vater wieder aneinander an, nachdem der Vater sich vor vielen Jahren aufgrund ominöser Anschuldigungen (deren Inhalt wir nur erahnen können) von der Familie zurückzog. (Es fällt auf, wieviele Filme sich hier um (Groß-)Eltern und Kinder drehen – auch in EL COMIENZO DEL TIEMPO spielt der Sohn und der Enkel des Ehepaars eine Rolle.) Vor allem der Darsteller des Vaters, Diego Naranjo, ist fantastisch: In seinen Blicken steckt mehr Geschichte, als in Worten je erzählt werden könnte. Dazu kommt das ungewöhnliche Setting des Films: Der Vulkan Cotopaxi hat eine große Aschewolke über die Stadt gelegt, weshalb es beständig grau vom Himmel regnet und die Figuren sich oft den Dreck von der Kleidung und aus den Haaren klopfen müssen – ein großartiges Bild für die Beziehung der Figuren, bei denen schon verbrannte Erde herrscht und vielleicht ein katastrophaler Ausbruch bevorsteht.

Höchst mühsam dagegen der nächste Film: COCOTE von Nelson Carlo De Los Santos Arias, ein Experimentaldrama aus der Dominikanischen Republik – produziert vom Salzburger Lukas Valenta Rinner, der nach Argentinien ausgewandert ist und selber auch als Regisseur arbeitet (PARABELLUM, DIE LIEBHABERIN). Da reist ein Mann, der als Gärtner bei reichen Leuten in Santo Domingo arbeitet, zurück ins Heimatdorf, weil sein Vater gestorben ist (schon wieder Eltern-Kind-Beziehungen!). Dort nimmt er an den Rezos teil, einem neuntäigen Trauerritual, und kommt bald darauf, daß sein Vater ermordet wurde – weshalb er auch Rache sucht. Inszeniert ist das als sperrige Mischung aus verschiedensten Filmstilen – gespielt und dokumentarisch, farbig und schwarz-weiß, manchmal in 4:3, gerne in unglaublich statischen Bildern, die sich ganz bewußt gegen jegliche Zusehererwartung stellen: Manchmal wird unendlich langsam von der Szene weg auf eine Mauer geschwenkt, einmal schaut man eine lange Sequenz lang nur auf eine verschlossene Tür. Produzent Rinner war bei der Vorführung zu Gast und hat hinterher spannende Geschichten vom ungewöhnlichen Dreh erzählt und interessante Gedanken über Brechtsche Verfremdungseffekte angesprochen – es ist ein interessanter Film, den er da beschrieben hat, und es ist wahrlich schade, daß ich diesen Film nicht gesehen habe. Der avantgardistische Stil von COCOTE hat ihm schon diverse Preise beschert – in Locarno z.B. wurde er als "bester Film" ausgezeichnet – aber ich bin bei aller Liebe für ungewöhnliches und auch schwieriges Kino dann wohl doch zu sehr dem Erzählerischen zugeneigt: Wenn sich ein Film derart gegen mich als Zuseher querstellt, bleibt mir eigentlich nur das Schulterzucken – zumal unser Protagonist so sehr leeres Chiffre bleibt, daß mich seine angerissene Geschichte auch nicht im Geringsten mehr kümmert.

Die nächste Geschichte war filmisch das genaue Gegenteil: EL ÁNGEL ("The Angel"), ein argentinischer Film von Luis Ortega, produziert von Pedro Almodóvar, schwelgt in Farben, Stimmung, Atmosphäre – das Argentinien der Siebziger, das hier in herrlichen Bildern eingefangen wird, fühlt sich zum Greifen echt an. Der Film dreht sich um den Kriminellen Carlos Robledo Puch, der Anfang der Siebziger eine Reihe sinnloser Einbrüche, Diebstähle und Morde verübt hat – weil er so ein unschuldiges Gesicht hatte, wurde er zum "Todesengel" hochstilisiert. Allzu eng dürfte sich der Film nicht an die Fakten halten, was nicht tragisch ist – aber der Film bleibt leider letztlich so leer wie sein Patrick-Bateman-hafter Protagonist, über den wir hinterher eigentlich auch nicht mehr wissen als vorher. In seiner fast sinnlichen Inszenierung reißt einen EL ÁNGEL eine ganze Zeitlang mit und hält das Interesse am Geschehen stets wach, nur bleibt hinterher die Frage, was Ortega eigentlich erzählen wollte.

Eine ganz wundervolle Entdeckung ist der Film VIAJE aus Costa Rica, inszeniert von Paz Fábrega: In ganz einfachen Schwarz-Weiß-Bildern wird da einfach von einer jungen Frau und einem jungen Mann erzählt, die sich auf einer Party kennenlernen und miteinander nach Hause gehen – nur, daß sie dort eigentlich schon zu müde sind, um noch irgendwas zu machen. Dafür begleitet sie ihn am nächsten Tag in den Nationalpark Rincón de la Vieja, wo er Forschungen für sein Studium anstellt – und so sehen wir den beiden einfach nur dabei zu, wie sie sich gegenseitig kennenlernen. Das hat etwas von Linklaters BEFORE SUNRISE, auch wenn die Bildsprache anders funktioniert; der Charme der beiden Schauspieler und die Leichtigkeit, mit der ihre Verbindung erzählt wird, haben jedenfalls etwas Magisches an sich. Es ist wohl mein Favorit aus dem Festivalprogramm, und ich hoffe, bald noch mehr von Paz Fábrega sehen zu können.

Den Abschluß bildete DISTANCIAS CORTAS ("Walking Distance"), ein mexikanischer Film von Alejandro Guzmán Álvarez: Da vegetiert ein 200 Kilo schwerer Mann einsam in einer heruntergekommenen Wohnung vor sich hin, Besuch kriegt er nur gelegentlich von seiner mißbilligenden Schwester und deren Ehemann. Als er aber bei sich in einem weggeräumten Photoapparat eine alte Filmrolle entdeckt, für deren Entwicklung er sich auf den beschwerlichen Weg in den nächsten Photoladen macht, gerät etwas in seinem Leben in Bewegung, und plötzlich füllt sich sein Tag wieder, während er auch eine neue Freundschaft findet. Es ist eine wundervolle Überraschung, wie witzig dieser eigentlich dramatische Film ist: Viele Szenen sind mit sehr warmherzigem Humor erzählt, obwohl der Protagonist so eine tragische Figur ist. Diesem schwer übergewichtigen Mann (Menschen solcher Körperfülle sieht man sonst wohl nur in Troma-Filmen) begegnet der Film auf Augenhöhe; er zeichnet ihn nicht als Sozialfall, sondern als sympathischen Mann, bei dem im Leben so manches schiefgelaufen ist. Es ist ein leiser, aber wunderschöner Film.

Acht Filme aus über 30 sind keine schlechte Ausbeute, auch wenn es natürlich noch viel mehr gegeben hätte, das interessant gewesen wäre: der kubanische Tanzfilm YULI zum Beispiel, der den Publikumspreis gewonnen hat (und aber auch nach dem Festival regulär im Das Kino laufen wird). Der mexikanische Film SUENO EN OTRO IDIOMA (" I Dream in Another Language"), in dem ein Sprachwissenschaftler nach einer fast ausgestorbenen (fiktiven) Sprache forscht und feststellen muß, daß die letzten beiden Sprecher schon seit 50 Jahren schwer miteinander verfeindet sind. Oder der italienisch-argentinische Experimentalfilm ORG von Fernando Birri, der seit 1979 nicht mehr gezeigt wurde. Ich hoffe, den einen oder anderen Film noch bei anderer Gelegenheit sehen zu können – das hübsch gestaltete Festivalbooklet wird mir sicher auch jenseits des Festivals als Reiseführer dienen.

Das 13. Lateinamerika Filmfestival war eine fantastische Gelegenheit, Schätze im Kino zu entdecken, die sonst wohl spurlos an einem vorbeiziehen würden. Die nächste Ausgabe des Festivals kommt 2021: Ich freue mich jetzt schon.

Die Jungfräulichkeit verliert man nur einmal im Leben – und so darf man seinem zweiten Porno-Festival auch wesentlich abgeklärter gegenübertreten wie noch dem ersten (ich berichtete). Wobei das Vergnügen im Vorfeld freilich bleibt, die Reaktionen der Personen zu beobachten, denen man von seinen anstehenden Reisen berichtet. Ein Kuschelkino-Festival, wie, was? "Wer geht denn da hin?", wird man da manchmal verwundert gefragt (die einzig richtige Antwort darauf lautet natürlich: "Wer nicht?"). Der Anlass zum Besuch des diesjährigen "Sweet Movies"-Festivals im Nürnberger KommKino ist aber genauso gut wie jener des Vorjahres: 2018 durfte ich dank der Doku, an der ich arbeite (FINDING PLANET PORNO, über Regisseur Howard Ziehm), einen Vortrag zu dem gezeigten Ziehm-Streifen FLESH GORDON halten, dieses Jahr galten meine einführenden Worte seinem legendären Werk MONA THE VIRGIN NYMPH – immerhin der erste einschlägige Film, der in den Staaten einen Kinovertrieb erhielt, zwei Jahre vor DEEP THROAT. "Die lang erwartete Brücke zwischen den Porno-Kurzfilmen und herkömmlichen Kinoproduktionen", nannte das Branchenblatt Variety den Streifen damals.

Das alte Mädchen Mona, das immerhin schon 49 Jahre auf dem Buckel hat, wurde leider nicht in voller Pracht gezeigt: Die 16mm-Kopie, die das Werkstattkino anlieferte, war eine Schwarz-Weiß-Kopie des ansonsten in hübsch bunten Farben gehaltenen Pionierfilms. Vermutlich wurde sie seinerzeit aus Kostengründen in Schwarz-Weiß gezogen (das Filmmaterial war weit billiger). Der Film – eine ganz eigenwillige Mischung aus Tabubrüchen, unschuldiger Spielerei und psychedelischem Musikeinsatz – funktionierte ohne Farbe überraschend gut, aber die volle Pracht entfaltet Ziehms Kampf gegen die amerikanische Prüderie dann doch nur, wenn seine fast surreal gigantischen Close-Ups von weiblichen Geschlechtsorganen auch in den richtigen Fleischfarben die Leinwand ausfüllen. Und natürlich: die schönen Blumen, die in der Anfangssequenz so verlockend blühen.

Zugegeben: Mit dem Einstieg ins Festival tat ich mich weit schwerer als letztes Jahr, wo der unbekümmerte Überklassiker DEEP THROAT den keinesfalls schnitzlerisch angehauchten Reigen eröffnete. Nicht, dass der diesjährige Auftakt kein Klassiker wäre: Radley Metzgers THE OPENING OF MISTY BEETHOVEN räkelte sich auf der Leinwand. Leider kann ich dem Film rein gar nichts abgewinnen: Der Streifen hat einen derart herablassenden und vom Sex gelangweilten Tonfall, dass die unermüdlichen Begegnungen ein zähes Prozedere ergeben. Jamie Gillis darf mit arrogantem Tonfall eine in Paris aufgegabelte Prostituierte (die liebreizende Constance Money) trainieren, dass sie einen Sex-Wettbewerb gewinnt, und so besteht der Großteil des Films nur aus mühsamem Leistungsansporn und der ständigen Beurteilung der Sexualität. Die Witze des Films versuchen, aus der Omnipräsenz der Erotik eine Art absurde Alltäglichkeit zu spinnen (bei der Buchung eines Fluges wird nicht nur gefragt, ob man im Raucherabteil sitzen will, sondern auch, ob man während der Reise Sex möchte und ob man lieber Oralsex geben oder empfangen möchte) – aber es hat den Effekt, dass zu aller freudlosen Diensthaftigkeit der Sexualität auch noch eine Müdigkeit hinzukommt: Hier gibt es nichts Aufregendes zu entdecken, die Lust wird zur Mechanik.

Der zweite Film am Freitagabend half auch nicht: THE TIFFANY MINX von Roberta Findlay. Da wird das handelsübliche Besteigungsopus mit einer Art Krimithriller verwoben: Eine reiche Frau ist nach einer Vergewaltigung, nach der sie ihren Angreifer mit der Schere umgebracht hat, dezent traumatisiert – und es stellt sich heraus, dass nicht jede Person in ihrem Umfeld allerbeste Absichten hat. Mit dabei ist unter anderem Robert Kerman alias "R. Bolla", der schon beim letzten "Sweet Movies"-Festival mit NAKED SCENTS vertreten war und hier so aussieht, als hätte er seine Mitwirkung im Italo-Innereienspektakel CANNIBAL HOLOCAUST noch nicht ganz – Achtung: – verdaut. Leider sind brutale Einbrecher ja eher ab- als anregend, und auch im weiteren Verlauf hat der Sex eine eher grobe, nun ja, Stoßrichtung, die wenig Lust auf die Lust macht.


Dafür ging's am nächsten Tag mit einem Klassiker weiter, für den man nicht gar so erwachsen sein muß: EIS AM STIEL, das Original von 1978. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer gebildeten Filminteressierten vor einigen Jahren, die an einer Studienarbeit über den israelischen Film saß – aber als dann EIS AM STIEL der einzige israelische Film war, der mir einfiel, ging es bergab mit unserem dann doch sehr kurzen Plausch. Dabei muss man auf den ersten EIS AM STIEL gar nicht so herabblicken wie auf die vielen Fortsetzungen: Hier steckt noch ein ernsthaftes, vielleicht ein wenig von AMERICAN GRAFFITI inspiriertes Jugenddrama dahinter, das durchaus sensibel eine wehmütige Dreiecksgeschichte erzählt und nur wenig vom Klamauk späterer Teile geprägt ist. Nur teilweise scheint die Sexkomödie durch, die dann in den Fortsetzungen stärker nach vorne rückte – zum Beispiel, wenn die Jungs in der Sportumkleidekabine brav aufgereiht zur Wette die Länge ihrer Männlichkeit messen (sollten derartige Wettbewerbe an meiner Schule auch stattgefunden haben, habe ich etwaige Siegeszeremonien wohl verdrängt).

Der nächste Film hatte ein Problem, das sich tatsächlich als Segen entpuppte: Der erste Akt von AFRICA LOVE, also die erste Filmrolle, war nicht aufzufinden. Bei jedem anderen Streifen wäre es verwegen, die ersten 20 Minuten einfach mal wegzulassen, aber hier war es vielleicht ein heimlich agierender Philanthrop, der den Film durch die Entfernung der Rolle für uns derart verkürzte: Die französische Produktion aus dem Jahr 1976 ist ungefähr so aufregend wie ein größeres Windows-Systemupdate. Ein Mann, dem die Frau weggelaufen ist, verfolgt sie bis nach Afrika, wo er sich auf der Suche beinahe gar nicht von diversen nackten Körpern ablenken lässt. Er trägt dazu einen etwas melancholischen Existentialistenblick spazieren, und man rechnet jede Minute damit, dass er gleich Kaffee und Zigaretten frühstückt. Stattdessen gibt es eine Orgie unendlichen Ausmaßes und eine ausführliche Verwendung von großen Hörnern, die, wenn ich die Mimik der Darstellerinnen richtig deute, eher schmerzhafter Natur ist. Der furchtlose KommKino-Hirte Nikolas, vielleicht der weltweit einzige Verfechter des drögen Films, verkündete nach der Projektion freudestrahlend, es gebe noch einen zweiten Teil, aber die Begeisterung blieb endenwollend.

Immerhin erlaubte es uns der ausgefallene erste Akt, statt noch mehr Buschgeplänkel einen hübschen (und ganz und gar unpornösen) Vorfilm zu sehen, der thematisch durchaus zu EIS AM STIEL paßte: ANNES ERSTER KUSS, ein norwegischer Kurzfilm aus dem Jahr 1988, der mit seinem Achtziger-Jahre-Look an alte Bravo-Foto-Lovestories erinnert und sehr charmant von der ersten Liebe erzählt. Vor allem die jungen Teenager, die hier spielen, sind großartig, und man hätte ihnen gerne noch länger zugesehen als den trüben Tassen, die AFRICA LOVE bevölkern. Wer hätte gedacht, daß es bei den "Sweet Movies" tatsächlich auch einen süßen Film zu sehen gibt?


Vor den letzten beiden Filmen – darunter die zur Prime Time angesetzte MONA – ging es aber erst einmal zum Abendessen. Nachdem diverse Lokale unsere große Gruppe nicht beherbergen konnten oder wollten – hatte sich die Qualität von AFRICA LOVE etwa schon herumgesprochen? –, landeten wir im vollauf empfehlenswerten Bratwursthäusle, deren Speisekarte hauptsächlich die schwierige Entscheidung erfordert, ob man lieber sechs, acht, zehn oder zwölf ihrer deliziösen Rostbratwürste haben möchte. Für Vegetarier gibt es Käse als Beilagenoption, die man auch ohne den Rest bestellen kann, und wer Desserts will, liest einfach die Karte nochmal von vorne.

Als Abschlußfilm nach der guten alten MONA rollte noch ein sozusagen spektakulöses Schauspiel über die Leinwand: UNTER DER DECKE, ein italienisches Exponat aus dem Jahr 1986 – im Original nennt es sich MARINA E IL SUO CINEMA und wurde von einem Mann namens Arduino Sacco gedreht, der sich hier "Dudy Steel" nennt (und in keiner Szene eine Decke zum Einsatz bringt). Weil Hauptdarstellerin Marina Hedman von der Festivalleitung so liebevoll, wie man das nur sagen kann, als "altes Huhn" bezeichnet wurde, gab es im Vorfeld noch eine Schüssel Hühnersuppe zur Stärkung – die auch durchaus benötigt wurde. Auf eine Handlung verzichtet UNTER DER DECKE ganz so, wie es die italienischen Regiekollegen Antonioni und Fellini auch gerne taten – und bei denen gab es höchst publikumsfeindlich nie ein Voice-Over, bei dem ein wahrscheinlich arbeitsloser Dichter nach erhöhtem Weinkonsum von "Lustbolzen" und "kleinen, aber fleißigen Schwänzen" fabuliert. Die Darsteller plagen sich sichtlich ab, aber der Film lässt sie nicht einmal dann in Ruhe, wenn sie schon sichtbar keine Höhepunkte mehr vor sich haben. Angeblich geht es um höchst erfolgreiche Pornodarstellerinnen, und irgendwann sieht man auch mal eine Kamera und einen strengen Regisseur, der selbige nach einigem Herumgeturne einschaltet (und aus der Position heraus präzise den Hinterkopf einer der Frauen filmen würde).

Es wäre so trostlos wie ein leerer Futternapf, wenn nicht der Kameramann dem Film seine ganz eigene Note verpassen würde. Der Knabe wackelt mit dem Gerät, als hätte er Parkinson im Endstadium. Er ringt damit, als wäre sie ein wildes Tier. Er schleift sie durch die Szenerie, als wäre er sich unsicher, wann sie ein- und wann ausgeschaltet ist. Notdürftig holt er die armen Darsteller ins Bild, dann merkt er, dass er leider einen langen Schatten auf sie wirft, bevor er zur Decke hochschwenkt und dann quer über das Bett stolpert. Einmal schwenkt er hochmotiviert durch den Raum und muss leider feststellen, dass dort, wo die Frau zu sehen sein sollte, eine Hängelampe ihren Kopf verdeckt. Macht natürlich nichts, die Einstellung wird genauso wie jede andere verwendet! In einer grandiosen Montage in der Mitte des Films schwärmt der aufgeputschte Erzähler davon, wie in Rom die erotischen Träume wahr werden, während unser Kamerakind Tankstellen filmt, anonyme Häuserfronten absucht, vor einer Baustelle zittert, einen weißen Lieferwagen beobachtet und den Asphalt nach dem nächsten Gully abtastet. Fürwahr: Von diesem Kleinod touristischer Anregung könnte sich Otto Retzer für kommende TRAUMHOTEL-Folgen noch so einiges abschauen.

Mit diesem nachdenklich stimmenden Exposé der italienischen Filmindustrie ging das dritte "Sweet Movies"-Festival zu Ende, und mit ihm auch ein anheimelndes Wochenende im Kreise zahlreicher netter Filmfreunde, ohne die das Vergnügen am Programm nicht einmal halb so groß wäre: Es sind die vielen angeregten Gespräche, Späße, Sprüche und Diskussionen mit den eingeschworenen Cinephilen, die das Ereignis erst zu einem solchen machen. Wenn die heldenhaften Veranstalter Harald (Deliria Italiano) und Gary (Filmkollektiv Frankfurt) also nächstes Jahr in ihrem ungebremsten Enthusiasmus die nächste "Sweet Movies"-Reihe aufstellen, keimt die Lust nicht nur bei mir ganz sicher wieder auf.


Jahrzehntelang wollte Stanley Kubrick die TRAUMNOVELLE des Wiener Autors Arthur Schnitzler verfilmen, in den Neunzigern adaptierte er das Buch mit Autor Frederic Raphael (DAISY MILLER) in gewohnt akribischer Detailarbeit zu dem Film, der sein letzter werden sollte: EYES WIDE SHUT. Im aktuellen Lichtspielplatz sprechen wir über diese Geschichte um Treue, Eifersucht und Obsessionen, über ihre Ideen zur Sexualität, ihre Spiele mit Träumen und Wirklichkeit, und über die Übertragung eines Textes, der im Wien des frühen 20. Jahrhunderts angesiedelt ist, ins New York des ausklingenden Jahrtausends.

Viel Spaß!



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Musik: Dominik Nießl (Theaterkonsole)

Weiterführendes Lesematerial:
Frederic Raphael, EYES WIDE OPEN: A MEMOIR OF STANLEY KUBRICK AND EYES WIDE SHUT. (Hier bei Amazon kaufen.)

Shall we play a game? 1983 schaffte es John Badhams Computerthriller WARGAMES, die erschreckende Bedrohung des nukleraren Kriegs in einen leichtfüßigen, aber hochspannenden Thriller zu verpacken - der nebenbei auch die Faszination der aufblühenden Heimcomputerära einfängt. In der aktuellen Lichtspielplatz-Folge sprechen wir über das Kriegsszenario des Films, die damals noch junge Computerkultur und die sehr liebevoll gezeichneten Charaktere.

Viel Spaß!



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Musik: Clark Kent

Die verlängerte Sommer- und Herbstpause ist zu Ende, der Lichtspielplatz ist zurück! In der aktuellen Folge kümmert sich Salzburgs hellster Film-Podcast um eine der berühmteste Persönlichkeiten der eigenen Stadt: Wolfgang Amadeus Mozart. Genauer gesagt: Milos Formans Epos AMADEUS, das von der Rivalität zwischen Mozart und seinem Zeitgenossen Salieri erzählt. Unter anderem sprechen wir darüber, wie der Film mit dem Genie-Gedanken umgeht und welche Strategien er wählt, sich den historischen Begebenheiten zu nähern. Und natürlich sprechen wir über Milos Forman, der auch in anderen Filmen von Rebellen erzählt hat. Viel Spaß!



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Musik: Clark Kent
 

Ein alter Chevy Malibu kurvt in Schlangenlinien durch die amerikanische Mojave-Wüste. Der Fahrer wirkt nicht nur deshalb leicht derangiert, weil seine Sonnenbrille nur noch auf einer Seite ein Glas im Rahmen trägt. Als er von einem Highway-Polizisten angehalten wird, der den Kofferraum überprüfen will, warnt er den diensteifrigen Cop noch: "You don't wanna look in there". Zu spät: Der Polizist öffnet den Kofferraum – und verbrennt in einem strahlenden Licht, das nur mehr seine rauchenden Stiefel übriglässt.

Derweil zieht der junge Punk Otto durch die Straßen von Los Angeles. Sein Job im Supermarkt ist öde, eine richtige Verbindung zu Freunden oder Familie hat er nicht. So gerät er durch Zufall in den Kreis der "Repo Men": eine Gruppe von Asphaltcowboys, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, die Autos von Leuten zu entwenden, die ihre monatlichen Raten nicht mehr zahlen können. Otto fühlt sich bei den Repos gut aufgehoben und lernt vor allem von seinem Mentor Bud viel über das Geschäft. Als dann eine Suchmeldung nach einem Chevy Malibu herausgegeben wird, der $20.000 Prämie bringen soll, interessieren sich plötzlich die unterschiedlichsten Gruppen für den alten Wagen …

"A lot of people don't realize what's really going on": Miller (Tracey Walter, l.) hat den Durchblick.

REPO MAN, der Debütfilm des Engländers Alex Cox, ist ein Film, der ganz und gar den Geist der Punk-Ära atmet. Mit zynischem Blick, eigenwilligem Humor und lakonischem Schulterzucken entwirft er ein Bild einer Welt, der alle Bedeutungen abhandengekommen sind. Das trifft vor allem unseren jugendlichen Protagonisten Otto: Die Jobperspektiven sind trist bis aussichtslos, die Begeisterung seines angepassten Kollegen Kevin zu den Chancen auf dem Arbeitsmarkt kann er nicht teilen ("There's fuckin' room to move as a fry cook", jubelt der. "I could be manager in two years. King! God!"). Seiner Freundin Debbi ist es egal, ob sie mit ihm oder mit seinem Freund Duke schläft. Seine Eltern sitzen wie die Zombies vor der Flimmerkiste und erklären ihm, dass sie ihr gesamtes Geld einem Fernsehprediger gespendet haben (der seinen Spendenaufruf ganz einleuchtend erklärt: "I DO want your money, because god wants your money"). Es ist die Tristesse amerikanischer Betonwüsten, aus deren Pespektivlosigkeit später Bands wie Korn hervorgehen sollten. "I was a teenage dinosaur / Stoned and obsolete", krakeelt Iggy Pop auf dem Titelsong.

Kein Wunder, dass sich Otto zu den Repo Men hingezogen fühlt: Die verdienen nicht nur gutes Geld, sondern grenzen sich vom Rest der spießigen Bevölkerung ab. "Look at those assholes", deutet Bud vom Auto aus auf eine Gruppe ganz unauffälliger Stadtbewohner. "Ordinary fucking people. I hate 'em." Während der Normalbürger bedrohliche Situationen vermeidet, sucht der Repo Man danach, erklärt er. Worauf Otto wohl am meisten anspringt, ist die Tatsache, dass die Repos klare Werte vertreten, auch wenn die passend zu dieser Welt eher absurd anmuten: Bud lässt nicht zu, dass ein Auto in seiner Obhut beschädigt wird (seine Erklärung ist wie eine Parodie des Asimovschen Robotergesetztes), und nimmt keine Kommunisten in seinem Wagen mit. Repo-Kollege Lite fährt nicht, wenn jemand nicht angeschnallt ist. Und Miller fährt überhaupt nicht selber: "The more you drive, the less intelligent you are", erklärt er und nimmt lieber den Bus, um darüber nachzudenken, dass die Menschheit von verschwundenen Südamerikanern abstammt, die mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit gereist sind.

Repo Men unter sich: Lite (Sy Richardson, links) und Bud (Harry Dean Stanton).

Der Punk-Geist zieht sich durch den ganzen Film. Auf dem Soundtrack rumpeln Kultbands wie die Suicidal Tendencies, Black Flag oder die Circle Jerks – letztere tauchen sogar in einer Szene in einem Club auf, wo sie wie eine desinteressierte Lounge-Band "When the Shit Hits the Fan" vortragen. Die Rebellionsgesten sind Punk: Wenn Otto seinen Supermarktjob hinschmeißt (weil er es nicht aushält, dass Kollege Kevin einen 7up-Werbesong vor sich hinträllert), reißt er sich die schwarze Fliege vom Hals. Der Humor passt dazu: der weggestrahlte Polizist; ein angeschossener Punk, dessen letzte Worte wie eine Parodie ähnlicher Szenen wirken ("The lights are growing dim, Otto", keucht er. "I know a life of crime has led me to this sorry fate, and yet, I blame society"); die Hippie-haften esoterischen Gedankenflüge von Miller, der über einen "lattice of coincidence" redet, der über allem liegt (weshalb die Filmemacher mit ständigen Zufällen spielen können); ein Held, der dem einfach so um die Kurve biegenden Chevy Malibu hinterherlaufen will und sich nach nur wenigen Sekunden des Rennens prompt übergeben muss. Ganz und gar Punk ist auch die Ausstattung: Auf ganzer Linie wurden die Markenartikel gegen banale Beschriftungen ausgetauscht, weshalb die Figuren weiße Bierdosen mit der Aufschrift "beer" trinken, aus weißen Dosen mit der Aufschrift "food" essen, und die Supermärkte mit weißen Boxen für "cornflakes" und "dry gin" bestückt sind.

Ottos Brille ist aus Wim Wenders' Film IM LAUF DER ZEIT entliehen -
eine ganz andere Roadtrip-Sinnsuche, die ebenso wie REPO MEN von Robby Müller photographiert wurde.

Was ist nun eigentlich im Kofferraum des Chevy Malibu? Wir wissen es nicht. Leila, ein junges Mädchen, das Otto unterwegs aufgabelt, erklärt, dass sich Außerirdische in dem Kofferraum befinden, deren tote Körper langsam verwesen – weshalb auch zahlreiche Regierungsbeamte, wahre "Men in Black", hinter dem Auto her sind, um das Geheimnis zu schützen. J. Frank Parnell, der verrückte Fahrer des Autos, redet dagegen davon, wie gut doch Strahlung für jeden sei – und erzählt dann von "einem Freund", der die Neutronenbombe erfunden hat, bei der die Personen zerschmelzen, aber die Gebäude stehenbleiben. "So immoral, working on the thing can drive you mad", plaudert er. "That's what happened to this friend of mine. So he had a lobotomy. Now he's well again."

Und wohin ist Parnell eigentlich mit seinem Auto unterwegs? Vielleicht nirgendwohin, wie die meisten der Figuren dieses Films, die durch die tristen Straßen von L.A. fahren und allesamt auf einer Suche nach etwas sind, das sie ohnehin nicht finden werden. Möglicherweise hat ja ausgerechnet der Spinner Miller Recht damit, nicht auch fahren zu wollen: Wohin denn auch? Immerhin wird er am Ende des Films dafür ja auch belohnt. "Where we're going, we don't need roads", würde dazu ein verrückter Wissenschaftler aus einem ganz anderen Film sagen.







Repo Man (USA 1984)
Regie & Buch: Alex Cox
Kamera: Robby Müller
Musik: Steven Hufsteter, Humberto Larriva
Darsteller: Emilio Estevez, Harry Dean Stanton, Tracey Walter, Olivia Barash, Sy Richardson, Susan Barnes, Fox Harris, Del Zamora, Zander Schloss, Dick Rude, Vonetta McGee

In unserer Podcast-Folge "Sequels, Prequels, Requels" haben wir mit ganz aufrichtigem Augenzwinkern versucht, Begriffe für verschiedene Fortsetzungsarten zu finden, und haben dafür unter anderem die Bezeichnung "Selectquel" eingeführt: eine Fortsetzung, die sich aussucht, welche Teile der Reihe überhaupt fortgesetzt werden. Die 2018 erschienene HALLOWEEN-Fortsetzung ist ein Parade-Selectquel: Die sieben bisherigen Sequels werden ebenso ignoriert wie das Rob-Zombie-Remake und dessen Fortsetzung – stattdessen soll einfach nur direkt an den 40 Jahre alten Originalfilm angeknüpft werden. Das bedeutet, daß sämtliche Handlungsstränge der anderen Filme entfallen – die Tatsache, daß Killer Michael Myers der Bruder der Protagonistin Laurie Strode sein soll, der okkulte Zirkel, der Myers beschwört und steuert, und nicht zuletzt das ohnehin unwürdige Ende von Strode im letzten regulären Teil. Das Selektive paßt zur momentanen Buffet-Haltung der Kinogänger: Es darf ja nichts angeboten werden, wo der Fan beim Essen vielleicht weinen muss. Wenn die Broccoli-Beilage nicht nur Freunde findet, gibt's halt nur noch Fritten.

Nun haben sich die übrigen HALLOWEEN-Teile eigentlich ohnehin noch nie streng an ihren Vorgängern orientiert. HALLOWEEN 4 ignorierte gekonnt, daß sich Myers' Verfolger Dr. Loomis selber geopfert hatte, und ließ den Mann, der eigentlich in HALLOWEEN II einer Explosion umgekommen ist, mit Narbe und Hinkebein weiterjagen. HALLOWEEN 5 ignorierte das Ende des Vorgängers, in dem das Böse von Myers auf seine kleine Nichte übergeht. HALLOWEEN H20, noch so ein Parade-Selectquel, ignorierte die Geschehnisse von Teil 4 bis 6 vollständig und strich die Nichte ebenso aus der Chronologie wie die Tatsache, daß Strode laut dem vierten Teil bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. Der Unterschied zu früher ist beim neuen HALLOWEEN nur der, daß das Revidieren früherer Handlungsstränge diesmal als Alleinstellungsmerkmal beworben wird, anstatt es unter den Teppich zu kehren.

Da ist es ganz klar, daß Michael Myers auch diesmal wieder nach Haddonfield zurückkehren muß, um sein Mordwerk fortzusetzen. 1978, also im Originalfilm, brachte der psychopathische Killer, der schon als Kind seine Schwester ermordete, zur Halloweennacht mehrere Teenager um, bis er von der wehrhaften Laurie Strode zur Strecke gebracht werden konnte. 40 Jahre verbrachte er seitdem in einer Anstalt, ohne ein Wort zu sprechen. Sein damaliger Arzt Loomis ist längst verstorben, mittlerweile ist Myers in der Obhut von Loomis' ehemaligem Schüler Sartain. Als Michael in eine andere Anstalt überführt werden soll, kann er ausbrechen ("Er ist jetzt nicht mehr apathisch", stellt der psychoanalytische Fachmann hilfreich fest). Bei seiner Rückkehr nach Haddonfield wird er wieder auf Laurie Strode treffen, die sich in den letzten Jahrzehnten so verbissen auf das kommende Böse vorbereitet hat, daß darüber die Beziehung mit ihrer eigenen Tochter zerbrach.

Laurie Strodes Enkelin Allyson (Andi Matichak).

HALLOWEEN ist ein Film, der nur in einem ständigen Bezug zur Vergangenheit existiert – und das nicht nur, weil beständig von den Geschehnissen von vor 40 Jahren gesprochen wird und der Streifen als Rückbesinnung auf eine Geschichte von 1978 konzipiert ist. Von vorne bis hinten ist der Film von einem Nachhall des Originals durchzogen – angefangen bei der Schrift des Vorspanns über die vertraute Musik hin zur Übernahme des vertrauten Slasher-Musters. Wir sehen die alte Jamie Lee Curtis wieder (vielleicht die größte Bank dieses Film, dieser lässigen Lady wieder einmal die Leinwand zu überlassen), wir erinnern uns an Loomis, in einem Gastauftritt taucht Schauspielerin P.J. Soles auf, einst Opfer im Originalfilm. Die Verbeugung vor dem Urfilm geht so weit, daß manche Einstellungen als direkte Zitate oder Umkehrungen eingesetzt werden – wenn beispielsweise Strodes Enkelin in der Schule aus dem Fenster schaut und ihre Großmutter sieht (im ersten HALLOWEEN war es Strode, die draußen Myers sah), oder wenn der Schluß des ersten Films quasi auf den Kopf gestellt wird. Da können noch so modern die Podcaster anreisen, um die Myers-Story als True-Crime-Reißer aufzuziehen: Dieser HALLOWEEN ist eine absolute Nostalgieveranstaltung, die nichts mit dem Jahr 2018 zu tun hat.

In diesem rückwärtsgerichteten Blick ergibt sich ein kurioser Effekt: Obwohl der Film so dezidiert alle anderen HALLOWEEN-Filme aus dem Gedächtnis streichen will, bedient er sich dann doch recht unbekümmert bei allem, was sie so zu bieten hatten. Das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Strode und Myers, das in HALLOWEEN II erzählt wurde, wird in einem Gespräch aufgegriffen und als Legende abgetan - aber im Finale kämpfen drei Strode-Generationen gegen den Killer, dessen sonst so willkürlichen Angriffe nur hier eine persönliche Komponente haben. Als Gag sind einmal die Horrormasken aus HALLOWEEN III zu sehen, der nicht einmal etwas mit Michael Myers zu tun hatte. Die Geschichte um die von den Ereignissen traumatisierte Laurie Strode wurde in HALLOWEEN H20 bereits erzählt. Die Schlußeinstellung weckt Erinnerungen an HALLOWEEN 4, ebenso wie eine Mordsequenz an einer Tankstelle. Und die Podcaster, die mit der Faszination des Bösen ihr Geld machen, wirken wie entfernte Verwandte der Loomis-Interpretation von Rob Zombie, der den Arzt als Selbstdarsteller inszenierte, der als True-Crime-Autor von der Myers-Story profitiert. Eigentlich macht HALLOWEEN im Jahr 2018 also nichts anderes als all die Jahre davor: Es wird eben entliehen und gestrichen, was gerade paßt oder stört.

Weil HALLOWEEN so sehr in seiner eigenen Vergangenheit steckt, ist der Film leider auch durch die Bank ambitionslos: Es soll das Gefühl von früher wiederhergestellt werden, weshalb sämtliche interessanten Ansätze im Keim erstickt werden. Natürlich bewegten sich auch die früheren Sequels durch vertrautes Terrain, aber sie waren mit einigen Ansätzen verknüpft, mit der Myers-Geschichte irgendwohin zu kommen, sie auszuweiten, andere Protagonisten dafür zu finden oder sie ganz aus ihrem gewohnten Trott zu reißen (siehe HALLOWEEN III und Rob Zombies HALLOWEEN II). Im vorliegenden Update hat man wahrlich schon alles gesehen. Sicher, Regisseur David Gordon Green erzählt eine funktionierende Geschichte und formt einige schöne Sequenzen – aber ihm fehlt die inszenatorische Präzision von John Carpenter ebenso wie der Wille, sich die Story irgendwie zu eigen zu machen. Sein HALLOWEEN ist eine Coverversion der Offensichtlichkeiten: Das Trauma von Strode ist hier so deutlich ausbuchstabiert, daß sie eine Waldhütte mit Waffenarsenal baut und wie Sarah Connor ihr Kind auf die Apokalypse vorbereitet – aber so keine interessanten Einblicke in ein tatsächliches Trauma bietet. Auch eine Horror-Fortsetzung darf seine Figuren differenzierter zeichnen.

Laurie Strode (Jamie Lee Curtis) bereitet sich und ihre Familie wie Sarah Connor auf das kommende Böse vor.

Ich darf das Wort an meinen Podcast-Partner Dr. Wily übergeben, der noch ein paar Gedanken zur Haltung des Films festhalten will:

Was diesen neuen HALLOWEEN durchzieht, ist in erster Linie Traditionalismus. Die Menschen wollen dasselbe wie früher, also orientiert sich der Film an Carpenters Original. Wer definiert und entscheidet, daß die Leute das wollen, bleibt ungeklärt – die Filmemacher, die das vom Publikum annehmen, oder das Publikum, das immerhin in acht Fortsetzungen gelaufen ist, um den neuen Film erst zu ermöglichen. Aktuell hat das Traditionelle auch automatisch den Nimbus der Qualität. Erprobter Qualität. Weil es eben schon einmal funktionert hat. Neues ist zu unsicher. Zu verunsichernd. Aber das ist eigentlich genau das, was Horrorkino tun soll. Verunsichern.

Ich habe das Gefühl, daß es da auch um ein gesellschaftliches Element geht. Auch dort erleben wir eine Bewegung hin zum Bewährten, zum Konservativen, zum Traditionellen. Das soll Sicherheit vermitteln und geben. Es wird etwas gesucht, auf das man sich verlassen kann, während die Welt um uns herum in immer kleinere und virtuellere Subkulturen und ausdiffenzierte Filterblasen zersplittert.
Ein Monster wie Michael Myers bietet dagegen ein sichtbares Feindbild, das man attackieren und besiegen kann – anders als potentiell gefährliche Ideologien oder Gewaltphantasien in Köpfen von Menschen, die noch dazu aussehen wie wir alle und wie wir sie in aktuellen Horrorgeschichten wie etwa der PURGE-Reihe sehen.

Vielleicht ist also auch der gute alte Michael Myers von 1978 ein Monster, das mittlerweile der Sehnsucht entspringt. Nach einer Welt, in der die Dinge noch überschaubarer und kontrollierbarer waren. Die Monster aus THE PURGE kann man nicht besiegen. Man entkommt ihnen bestenfalls. Und das auch nur bis zum nächsten Jahr.


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Halloween (USA 2018)
Regie: David Gordon Green
Buch:David Gordon Green, Danny McBride, Jeff Fradley
Musik: John Carpenter, Cody Carpenter, Daniel Davies
Kamera: Michael Simmonds
Darsteller: Jamie Lee Curtis, Judy Greer, Andi Matichak, Nick Castle, James Jude Courtney, Haluk Bilginer, Will Patton, Virginia Gardner, Rhian Rees, Jefferson Hall

Alle Photos: Ryan Green - (C) Universal Pictures