Aktuelle Filmtexte



In Folge #21 unseres Lichtspielplatz-Podcasts reden wir über Rob Reiners STAND BY ME, in dem sich vier Jugendliche auf die Suche nach einer Leiche begeben. Passend dazu: Ein Gastbeitrag von Dr. Wily über die dazugehörige Originalgeschichte von Stephen King, "Die Leiche" ("The Body"), erschienen in der Anthologie FRÜHLING-SOMMER-HERBST UND TOD (1982, im Original: DIFFERENT SEASONS).



"Ich glaube, daß dieser Sommer Jahre dauerte, auf magische Weise in einem Netz von Geräuschen gefangen. Ich höre noch das leise Zirpen der Grillen, das Maschinengewehrgeknatter der gefalteten Spielkarten an den Fahrradspeichen eines Jungen, der abends nach Hause fährt und sich auf seinen eisgekühlten Tee freut [...]. Es gab Spiele und zahllose verpaßte Mahlzeiten. Es gab Rasen, die gemäht werden mußten, Wände, gegen die man Münzen werfen konnte, und Leute, die einem auf die Schulter klopften."

"Die Leiche" mag auf den ersten Blick nicht wie eine typische Stephen King Geschichte wirken. Dieser Eindruck muß bei ihrem Erscheinen 1982 noch viel stärker gewesen sein, als King noch mehr mit klassischen Horrorgeschichten wie CARRIE, BRENNEN MUSS SALEM oder THE SHINING assoziiert wurde als heute, wo er auch einige eher literarische und dramatische Werke in der Bibliographie hat.

Doch obwohl "Die Leiche" keine Horrorstory ist und keine phantastischen Elemente enthält, halte ich diese Geschichte für eine quintessenzielle Stephen-King-Erzählung. Alles, was seine Geschichten ausmacht, ist hier enthalten. Alles, was ihn zu einem so speziellen Erzähler macht, finden wir hier. Und mit Vampiren, Monstern oder bösen Clowns hat das nichts zu tun.

"Wollt ihr Jungs eine Leiche sehen?"

Erzählt wird die Geschichte von vier Freunden, alle 12 Jahre alt, die im Sommer 1960 zu Ohren bekommen, daß ein Junge in ihrem Alter tödlich verunglückt ist und seine Leiche noch nicht gefunden wurde. Und weil alle vier die oben zitierte Frage mit "ja" beantworten und natürlich kein 12-Jähriger ein Feigling ist und sein will, beschließen sie, sich auf den Weg ins Abenteuer zu machen.

"Die Leiche" ist eine Geschichte über Freundschaft und den Verlust der Unschuld. Vier Kinder an der Schwelle zum Erwachsenwerden suchen eine Leiche, sie suchen den Tod. Mit der Entdeckung des Todes beginnt das Erkennen der Endlichkeit und damit ist auch die Unschuld der Kindheit, das Gefühl, daß das Leben unendlich ist, weil man sich ein Ende gar nicht vorstellen kann, verschwunden.

Stephen King hat ganz oft solche Geschichten erzählt, diese Phase im Leben dürfte ihn interessieren, und kaum jemand kann diese Zeit so beschreiben wie er. Ich habe schon in meinem Text zu Kings JOYLAND geschrieben, daß er wohl nicht mehr in die Reihe der großen Jugendbuchautoren aufgenommen werden wird, was vielleicht daran liegt, daß er im Gegensatz zu Kästner, Lindgren oder Ende nicht dezidiert für Kinder und Jugendliche schreibt. Er wählt als Perspektive oft, wie auch hier, die Rückschau – ein erwachsener Erzähler blickt auf seine Kindheit zurück, womit automatisch eine gewisse Wehmut und Nostalgie in die Erzählung mit einfließt. Was aber nicht bedeutet, daß wir uns nicht trotzdem unendlich verstanden gefühlt haben, als wir seine Bücher mit 13 in die Finger gekriegt haben.

Eingangs habe ich gesagt, daß "Die Leiche" keine Horrorgeschichte ist. Für King scheint Horror immer ein sehr weites Feld gewesen zu sein, das sich nicht nur auf phantastische Wesen, andere Welten, mysteriöse Vorgänge oder grausame Details beschränkt, sondern viel basaler mit der Gefühl der Angst zu tun hat. Horror ist, was Angst macht. Stephen King weiß, was uns Angst macht, wohl weil er weiß, was ihm Angst macht und machte. Er weiß, wie Kinder die Welt sehen und wie sie sich vor anderen Dingen fürchten als Erwachsene. In "Das Mädchen" reicht das Sich-Verirren im Wald, daß die Angst die Phantasie auf (Horror-)Touren bringt. "Wir alle kannten solche Träume. Ich hätte damals allerdings gelacht, wenn man mir gesagt hätte, daß ich mir mit diesen Kindheitsängsten und Alpträumen in gar nicht allzu langer Zeit ungefähr eine Million Dollar zusammenschreiben würde.“

In den meisten seiner Geschichten ist die Angst schon ganz früh da, in Form düsterer Träume, Vorahnungen oder Vorstellungen, die extrem real erscheinen, aber dann doch "nur" im Kopf sind. Die phantastischen Elemente tauchen meist erst spät auf, indem diese Dinge im Kopf dann zu echten Figuren und Welten werden, plötzlich wirklich wer im Schrank steht oder die Toten tatsächlich zurückkehren.

Die Angst ist auch in "Die Leiche" von Anfang an und beständig Teil des Lebens der Kinder und ihres Abenteuers. Da gibt es kriegstraumatisierte Väter, Alkoholiker und andere gewalttätige Verwandte, Geschichten über Killerhunde, Jungs, die auf der Autobahn Lastwagen foppen wollen, depressive Eltern, die ihren Sohn ignorieren, und einen toten Bruder, den die Hauptfigur Gordie manchmal blutend im Schrank stehen sieht. Es ist der Horror des Alltags, Ängste als Teil unseres Lebens in einer Gesellschaft und Familie.

Das Identifikationspotential von Kings Figuren ist deshalb so hoch, weil sie einerseits ganz normale Leben führen und alle mit den uns bekannten Alltagssorgen beschäftigt sind, bevor dann auch noch die Monster dazu kommen. Keine Stephen-King-Figur lebt ein Leben in eitler Wonne. Schulden, Jobprobleme, Krankheiten, Familienkonflikte sind schon immer Begleiter von Kings Figurenpersonal, was an sich schon ängstigend und fordernd genug ist. Als Leser ist es uns also leicht, sich mit ihnen zu identifizieren, selbst wenn dann die Untoten oder der Scharlachrote König kommen.

In "Die Leiche" ist, wie eben auch in vielen anderen seiner Bücher, ein weiter Kniff das Alter der Protagonisten. Alle vier Burschen sind gerade noch zu jung, um schon einen vorgefertigten Lebensweg zu haben. Sie sind Kinder, wie wir alle Kinder waren. Ihr Weg könnte auch unserer sein, und daher könnten wir auch eines dieser Kinder sein. Und wir alle können uns an unseren eigenen, völlig individuellen Tag erinnern, als wir unsere erste Leiche gesehen haben. Als wir gemerkt haben, daß nichts ewig dauern wird, sondern alles irgendwann zuendegeht. Daß Freundschaften und Familien zerbrechen werden und die Welt, die Menschen und das Leben sehr brutal und grausam sein können, wenn sie uns Dinge wegnehmen, die uns wichtig sind. In "Die Leiche" hält Stephen King, vertreten durch seinen fiktiven Erzähler Gordie Lachance, an der Zeit davor, dieser Zeit der Unschuld, fest. Denn wenn die Angst kommt, brauchen wir etwas, das wir ihr entgegen halten können - zum Beispiel diesen letzten der immerwährenden Sommer.

"Nie wieder hatte ich solche Freunde wie damals, als ich zwölf war. Mein Gott, Sie etwa?"




Unser Lichtspielplatz-Podcast über die Verfilmung STAND BY ME findet sich hier

Vier Jugendliche begeben sich auf die Suche nach einer Leiche: Was nach Horrorgeschichte klingt, ist in Wirklichkeit eine ebenso heitere wie wehmütige Abenteuergeschichte über das Erwachsenwerden. Im aktuellen Lichtspielplatz reden wir über die Themen dieser Stephen-King-Verfilmung (der Film basiert auf seiner Kurzgeschichte "The Body"), über seine Inszenierung (Regisseur war Rob Reiner) und über seine fantastischen Darsteller (inklusive Wil Wheaton und dem so früh verstorbenen River Phoenix). Weil uns der Film viel bedeutet, werden wir diesmal auch etwas persönlicher als sonst.

Viel Spaß!


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Musik: Clark Kent Der Screenshot stammt von der DVD (C) Sony Pictures.


Fortsetzungen, Remakes, Spinoff-Prequels: Die Kinolandschaft ist voll mit Filmen, die eine bereits erzählte Geschichte weiterspinnen oder neu auflegen. In der aktuellen Lichtspielplatz-Folge beschäftigen wir uns mit der Frage, welche Arten der Weiterführung es überhaupt gibt, und versuchen, genaue Begriffe für die einzelnen Kategorien zu finden. Was ist ein Sidequel? Was ist ein Preboot, ein Omniquel, ein Selectquel?

Viel Spaß mit unseren streng wissenschaftlichen, freilich ganz und gar ernst gemeinten Überlegungen!



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Musik: Clark Kent
Anthony Steffen als DJANGO DER BASTARD

Die Welt des Italowesterns ist eine zynische. Freilich könnte man kaum behaupten, daß ein Film wie DER SCHATZ DER SIERRA MADRE allzu optimistisch auf die Menschen blickt, die da nach ihrem Glück jagen – aber in den italienischen Pistolenopern ist der Idealismus nicht einmal mehr als ferner Gedanke spürbar. Halunken und Halsabschneider streifen durch das von Brutalitäten und Ungerechtigkeiten gezeichnete Land, ihre Motive sind blutige Rache oder persönliche Bereicherung. Das amerikanische Versprechen des besseren Lebens hinter dem Horizont ist hier längst einem pragmatischen Überlebenskampf gewichen: Wer nicht sterben will, muß einfach zuerst schießen.

DJANGO UND DIE BANDE DER BLUTHUNDE (im Original DJANGO IL BASTARDO, weshalb er auch für manche DVD-Fassungen zu DJANGO DER BASTARD eingedeutscht wurde) ist ein besonders dunkles Exemplar eines an Leichtigkeit nicht gerade reichen Genres. Rückblickend kein Wunder, entpuppte sich Regisseur und Autor Sergio Garrone doch im Laufe seiner Karriere als gnadenloser Zyniker: Ob in einer dreckigen Gangstergeschichte über Verrat und Gier (KILLER'S GOLD) oder in einem Reißer über Folter im Konzentrationslager (SS CAMP 5), bei Garrone besteht die Welt stets aus Sterben und Sterbenlassen.

Djangos Gegner: Rada Rassimov und Luciano Rossi
Djangos Gegner Jack (Luciano Rossi) und seine Ehefrau Alida (Rada Rassimov) fürchten sich vor der Ankunft des Rächers.

Wie viele seiner Italowestern-Kollegen ist auch der Django dieses Films im Namen der blutigen Rache unterwegs: Er und seine Soldatenkollegen wurden zu Bürgerkriegszeiten einst von ihren Befehlshabern verraten, nun streift er wie ein Todesengel durchs Land und knöpft sich die Verantwortlichen vor. Interessanterweise wird Djangos Geschichte in den europäischen und amerikanischen Fassungen erst im Lauf des Films über kurze Rückblenden erzählt, was dem wortkargen Mann eine geheimnisvollere Aura verleiht, während die italienische Originalversion die Vergangenheit noch vor dem Vorspann erzählt und damit in seiner Konstruktion fast pragmatisch wirkt.

Wo viele Italowestern ihre einsamen Antihelden als mythologische Gestalten inszenieren – man denke nur an Sergio Leones FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR, durch den der namenlose Fremde zur Ikone wurde – erzählt Garrone seinen Django beinahe als übernatürliche Kraft, die durch ein Unrecht hervorgerufen wurde. Bei jedem Auftritt setzt er als Ankündigung ein Kreuz mit dem Namen seines nächsten Opfers in den Sand, immer wieder taucht er wie aus dem Nichts auf und verschwindet ebenso geheimnisvoll. Als der unmenschlich überlegene Held doch zum Schluß einmal verwundet wird und seine Waffe verliert, ruft sein Gegner seinen Handlangern fast ekstatisch zu: "Das ist sein Colt! Das ist sein Blut!", als würde er sie überzeugen wollen, daß es sich doch um keinen Geist handelt. If it bleeds, we can kill it.

Django will Rache an Rod Murdok
Django (Anthony Steffen, hinten) kündigt seine Rache stets mit einem Kreuz an.

Bei allem gemächlichen Erzähltempo bringt Garrone eine immense visuelle Kraft in das Geschehen: Die Kamera ist gekippt, lauert am Boden, filmt durch Spalten und Öffnungen durch und verzerrt die Gestalten zu tödlichen Schatten. Garrone interessiert sich wenig für die Figuren, aber dafür zieht er die Stimmung so zusammen, daß die Racheengel-Geschichte Gothic-Horror-Flair atmet, beinahe wie der Kinski-Western SATAN DER RACHE. Die minimalistische Erzählung gibt ihm trotz der starren Genremuster viel Freiraum, das Filmemachen an sich zu zelebrieren: Alleine die ersten Momente, in denen der Fremde in die Stadt kommt, knistern voll filmischer Energie und schaffen ihre eigene Welt.

Eine Frau überlebt Djangos Rachefeldzug: Alida, die Ehefrau einer seiner Gegner. Sie bietet ihm viel Reichtum, um mit ihm fortgehen zu können - weil sie nicht alleine leben will oder kann. Ihn interessieren Geld und Juwelen aber nicht, weshalb er sie zurückläßt. So funktioniert das eben bei Garrone: Selbst, wenn man das Materielle ablehnt, kann man dem Zynismus nicht entkommen.


Mehr Sergio Garrone auf Wilsons Dachboden:
SS CAMP 5: WOMEN'S HELL
KILLER'S GOLD
DER LETZTE HAREM: Schöne Frauen und vornehme Tristesse
HÖLLE IM FRAUENGEFÄNGNIS plus HELL PENITENTIARY: Zwei Knastdramen zum Preis von einem




Django und die Bande der Bluthunde (Italien 1969)
Originaltitel: Django il bastardo
Alternativtitel: Django der Bastard
Regie: Sergio Garrone
Buch: Sergio Garrone, Antonio De Teffè
Kamera: Gino Santini
Musik: Vasili Kojucharov, Vasco Mancuso
Darsteller: "Anthony Steffen" (= Antonio De Teffè), Paolo Gozlino, "Lu Kamante" (= Luciano Rossi), Teodoro Corrà, Jean Louis, Rada Rassimov

Die Screenshots stammen von der DVD (C) MCP Sound & Media AG.


Dämon Mike Lane in DEMON KEEPER

Okkultist Remy Grilland schiebt eine ruhige Kugel: Mit schönen Spukshows zockt er die Reichen und Schönen dieser Welt ab und gaukelt ihnen dafür Kontakte zum Jenseits vor. Zu seinem nächsten Gig hat seine Kundschaft leider noch einen anderen Gruselprofi eingeladen: Alexander Harris, der als Experte in übersinnlichen Angelegenheiten sofort merken würde, dass Grillands Seancen nicht mehr als heiße Luft bieten. Um nicht aufzufliegen, buddelt unser vermeintlicher Geisterflüsterer ein obskures Ritual der schwarzen Magie aus: Harris ist damit nicht vertraut und würde also nicht merken, daß alles nur gestellt ist. Man sollte meinen, daß der Profi das Ritual vielleicht am Resultat bewerten könnte, aber in dieser Angelegenheit hat Grilland Glück: Der Zauber ist echt, und prompt zieht ein Dämon durch die spiritistische Gesellschaft.

Besagter Dämon heißt Asmodeus und ist vor allem ungehalten darüber, daß er nach einigen hundert Jahren Schlaf – genaugenommen seit den Hexenverbrennungen, die im Vorspann zu sehen sind – so unsanft geweckt wurde. Man kann diesen Unmut gut nachvollziehen, möchte den Herrn Dämon aber gleichzeitig darauf hinweisen, daß es mit dem Schlaf erst recht nichts mehr wird, wenn er sich jetzt allzu sehr aufregt.

Die ersten Opfer des Dämons: Zwei hübsche junge Damen
Dämonische Rituale vor dem Kamin!

Aber zu spät: Asmodeus ergreift nach und nach von den Menschen im Haus Besitz, indem er ihre Schwächen ausnutzt, und lässt sie sich gegenseitig umbringen. Sein erstes Opfer ist eine hübsche Blonde, die gerade eine nackte Schwarzhaarige vor dem wohlig knisternden Kamin massiert. Ich kann verstehen, warum der Dämon solch liebreizende Gesellschaft sucht.

Überhaupt scheint der garstige Dämon eine Schwäche für leichtbekleidete Damen zu haben. Schon im Hexen-Prolog hat er sich in einer hübschen Lady eingenistet, später im Film wird er sich ausführlich um ein nettes Fräulein kümmern, der er zärtlich die höllische Hand auf die Brust legt. Sie zerquetscht wenig später ihren Liebhaber zwischen ihren Schenkeln – selbst ein müder Dämon will sich beim Morden eben nicht nur langweilen.

Der Dämon und eines seiner leichtbekleideten Opfer
"Shall I compare thee to a summer's day? Thou art more lovely and more temperate ..."

Das überläßt er dann doch lieber dem Zuseher, der verzweifelt versucht, diese Ansammlung von Pappkameraden und –kameradinnen soweit auseinanderzuhalten, daß man halbwegs Überblick bewahren könnte, wieviele Mitglieder der Spiritistengruppe denn überhaupt noch am Leben sind. Es hilft freilich nicht, daß sich die Leutchen, obwohl im Spukhaus das große Massensterben einsetzt, stets zurückziehen, um in sich zu gehen oder sich auf die eine oder andere Weise aneinander zu reiben. Kleinliche Geister könnten auch anmerken, daß die Figuren, damit Asmodeus ihre charakterlichen Schwächen ausnützen kann, überhaupt erst mal mit Charaktereigenschaften ausgestattet sein müßten – aber wenigstens kümmert sich der Dämon dienstbeflissen um seine Arbeit, wenn es der Drehbuchautor schon nicht macht.

Okkultismusexperte Alexander Harris wird übrigens von KAMPFSTERN-GALACTICA-Star Dirk Benedict gespielt, der zu jedem Satz die Augen so weit aufreißt, als wäre er gerade mit der Gabel in die Steckdose gekommen. Produziert wurde die in Zimbabwe gedrehte Sause von Maurice Smith (der sich dank SCREWBALLS mit verlockenden Kurven auskennt) und Roger Corman (der, räusper, diesmal offenbar nicht ganz so viel Geld springen ließ wie sonst immer). Nach 71 Minuten – inklusive Abspann! – ist der Spuk aber auch schon wieder vorbei. Gute Nacht, lieber Dämon.



Demon Keeper (USA 1993)
Regie: Joe Tornatore
Buch: Mikel Angel
Kamera: Tom Denove
Musik: Keith Farquharson
Darsteller: Dirk Benedict, Edward Albert, Katrina Maltby, Jennifer Steyn, Claire Marshall, Diane Nuttall, Elsa Martin, Mike Lane

Die Screenshots stammen von der US-DVD (C) 2004 Concorde New Horizons Corp.
Gal Gadot als WONDER WOMAN

Im folgenden Gastbeitrag berichtet Podcast-Kollege Dr. Wily von der Comicverfilmung WONDER WOMAN: Die Geschichte eines Kindes, das erwachsen wird.



Auf Themyscira, der Insel, auf der das Kriegervolk der Amazonen lebt und die im Ozean unserer Welt hinter einer Nebelwand verborgen liegt, gibt es einen Mythos: Die Amazonen seien von Göttervater Zeus geschaffen worden, um die Welt vor dem Kriegsgott Ares zu schützen. Sollte Ares wiederkehren, ist es Aufgabe der Amazonen, ihn zu töten und damit seine Macht und Herrschaft zu beenden. Dieser Mythos ist identitätsstiftend für die Amazonen, vor allem aber für Diana (Gal Gadot), die Tochter der Königin. Daß Diana aufgrund ihrer Herkunft etwas Besonderes ist, erfahren wir als Zuschauer sehr bald. Diana selbst weiß nichts davon und wird erst am Ende des Films mit dieser Wahrheit konfrontiert. Ihre Mutter will sie aber deshalb von allen Gefahren fernhalten und verweigert ihr zunächst sogar die bei den Amazonen obligatorische Kampfausbildung - nur um dann doch unter der Bedingung einzuwilligen, daß Diana härter trainiert wird als jede Amazone zuvor.

Der Ruf der Heldin erfolgt durch den Absturz des Piloten Steve (Chris Pine) auf Themyscira. Wir und die Amazonen erfahren, daß wir uns im Jahre 1917 befinden und außerhalb des Inselparadieses der erste Weltkrieg tobt. Steve, ein britischer Pilot, konnte den Deutschen geheime Pläne über deren neue Gaswunderwaffe abluchsen. Diana erkennt, daß dieser Krieg, von dem die Amazonen nichts mitbekommen haben, die vom Mythos prophezeihte Rückkehr von Ares ist, und daß die Zeit gekommen ist, die Aufgabe der Amazonen zu erfüllen. Sie beschließt, mit Steve mitzugehen und sich dem Kriegsgott zu stellen.

Gal Gadot als "Wonder Woman" Diana
Im Kampf gegen Kriegsgott Ares: "Wonder Woman" Diana (Gal Gadot).

WONDER WOMAN ist im Kern die Geschichte eines Kindes, das erwachsen wird. Wir erzählen Kindern Märchen und Geschichten vom bösen Wolf oder der Hexe, in denen das Böse in einer Figur lokalisiert ist und durch das Ausschalten dieser Person das Böse aus der Welt geschafft werden kann. Meistens leben dann alle "glücklich bis an ihr Lebensende". Je älter wir werden, desto mehr lernen wir, daß es so einfach nicht ist.

Dianas Entwicklung ist dieselbe. Sie zieht mit der Weltsicht eines Kindes aus und muß am Ende der Geschichte feststellen, daß die Welt nicht so einfach zu fassen und das Böse nicht so einfach zu besiegen ist, wie es der Mythos ihr glauben machte. Der Ares, den sie bekämpfen muss, ist in WONDER WOMAN eine diabolische Figur, der die Menschen verführt und manipuliert, mit dem Ziel, deren wahren, zutiefst menschlichen Kern herauszuschälen und sie sich selbst vernichten zu lassen.

Robin Wright als Amazone Antiope
Eine Amazone auf dem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs: Antiope (Robin Wright).

Der Kontext des Ersten Weltkrieges paßt hier sehr gut. Während zum Beispiel das Dritte Reich ein sehr gut faßbares Feindbild ist, ist es beim Ersten Weltkrieg bis heute schwer, das Geschehene in bekannte Kategorien wie Gut, Böse, Richtig, Falsch, Gerecht, Gerechtfertigt, Schuldig oder Unschuldig zu fassen. Ein gemeinsames Narrativ darüber zu entwickeln scheint fast unmöglich. Selbst Sigmund Freud hat damals seine Libidotheorie um den Todestrieb erweitert, weil er sich diesen ganzen sinn- und zwecklosen Wahnsinn beim besten Willen nicht anders erklären konnte als mit einem der Psyche innewohnenden Trieb.

Diana ist da optimistischer als Freud, und Ares und der Film über sie damit auch optimistischer als ihre nächsten Verwandten aus dem DC Cinematic Universe. Sie lernt, auch in der Beziehung und Auseinandersetzung mit ihrem Partner Steve, daß die Menschen beides in sich tragen und daß sie sich sowohl für das Gute als auch für das Schlechte entscheiden können. Es ist zum Schluß auch ihre eigene, ganz persönliche Entscheidung, als sie erfährt, daß Ares und sie den gleichen Vater haben.

Auch in diesem Glauben und der Hoffnung in die Menschen unterscheidet sie sich von anderen aktuellen zynischen und ironischen Superheldenkollegen. Sie kommt im letzten Satz zu dem Schluß, daß nur die Hinwendung zum Anderen Kriege verhindern kann.




Wonder Woman (USA/China/Hong Kong 2017)
Regie: Patty Jenkins
Buch: Allan Heinberg
Musik: Rupert Gregson-Williams
Kamera: Matthew Jensen
Darsteller: Gal Gadot, Chris Pine, Connie Nielsen, Robin Wright, Danny Huston, David Thewlis, Ewen Bremner

Alle Bilder: © 2017 Warner Bros. Entertainment Inc. and Ratpac Entertainment, LLC
Hans Moser in DIE STADT OHNE JUDEN

Erstmals führt uns der Lichtspielplatz aus dem Cineastischen Salon heraus und hinein in das Filmarchiv Austria in Wien. Dort haben wir mit Dr. Nikolaus Wostry gesprochen, der für die Restauration der wiederentdeckten Langfassung des österreichischen Stummfilms DIE STADT OHNE JUDEN aus dem Jahr 1924 zuständig ist. Dr. Wostry erzählt uns von den Schwierigkeiten der Filmrestauration im Allgemeinen, aber auch von den spannenden Seiten dieser Arbeit, wenn ein Flohmarktfund schon beim Öffnen der Filmdose größte Neugier entfacht. Er taucht mit uns in die Geschichte dieses einzigartigen Filmdokuments ein und erläutert, warum der Film nach fast 100 Jahren heute noch Relevanz besitzt - und er spricht über die Erfahrungen, die das Filmarchiv mit dem Crowdfunding für diese Restauration gemacht hat.

Wir bedanken uns bei Dr. Wostry für diese Einblicke in seine Arbeit!



Das mp3 kann HIER heruntergeladen werden.

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Musik: Clark Kent
Der Screenshot aus DIE STADT OHNE JUDEN stammt von der DVD aus der Reihe Edition Der Standard (C) Hoanzl.

The Second Guest

Wir treten zur Verteidigung eines ungeliebten Spiels an: THE SECOND GUEST, ein hübsch altmodisches Point-and-Click-Adventure, das 2012 recht garstige Kritiken und Kommentare erntete – unter anderem aufgrund der Tatsache, daß der Spieler schon während der Installation mit verschiedenen Bugs zu kämpfen hat und das Game sich auch danach gerne mal zickig zeigt. Die Tatsache, dass man mit dem Spiel nur die ersten zwei von geplanten fünf Episoden erhält und die Geschichte daher nach einigen Spielstunden mittendrin endet, hat freilich nicht geholfen. Und doch: THE SECOND GUEST kann Adventure-Liebhabern Spaß bereiten.

Die Handlung ist im Jahr 1923 angesiedelt. Unser Protagonist Jack Ice erhält die Einladung zur Testamentseröffnung des verstorbenen Lord Averton, den er überhaupt nicht kannte – aber aus einem unerfindlichen Grund ist Jack als Haupterbe vorgesehen. Das scheint jemandem zu mißfallen: Auf der abgeschiedenen Insel, auf der Avertons Schloß steht, wird schon bald ein Mordanschlag auf Jack verübt. Außerdem segnet der Notar überraschend das Zeitliche – und so muß Jack versuchen, das Geheimnis von Averton Island zu lüften.

The Second Guest
Jack Ice geht beim Erkunden der Insel in sich.

Das Spielprinzip funktioniert ganz nach klassischem Adventure-Prinzip: Man spaziert durch die verschiedenen Örtlichkeiten, die die Insel zu bieten hat, und kann einzelne Objekte mit Icons wie "Sehen" oder "Nehmen/Benutzen" anklicken. Die mitgenommenen Gegenstände landen in einer Tragetasche und können in der Umgebung eingesetzt oder miteinander kombiniert werden. Bei gelegentlichen Gesprächen mit anderen Figuren, darunter die restliche Verwandtschaft von Lord Averton und ein ermittelnder Inspektor, können Dialogzeilen ausgewählt werden – obwohl die Selektion meist beschränkt ist und man ohnehin alle Fragestellungen durchklickt.

In Sachen Stimmung ist THE SECOND GUEST vollauf gelungen: Die Grafik wirkt, als hätte Tim Burton die Zwanziger als Gothic-Comic gestaltet, die düstere Atmosphäre wird von Luigi-Maria Rapisardas dichtem Score (der übrigens auch in CD-Form beiliegt) perfekt untermalt. Die Animationen sind teils ein wenig dürftig, aber das paßt zum Retro-Charme eines Spiels, das so klassische Vorbilder hat. Zur Präsentation passen auch die professionellen Sprecher: Jack wird schwermütig von Johnny-Depp-Synchronsprecher David Nathan gesprochen, der Kommissar von "Justus Jonas" Oliver Rohrbeck, und hinter dem Erzähler verbirgt sich "Jan Tenner" Lutz Riedel.

The Second Guest
Der Inspektor wird sehr lange in der Bibliothek bleiben und nicht einen einzigen Beweis finden.

Aber ja, es stimmt leider: Jack hat nicht nur mit den Rätseln der Insel, sondern vor allem auch mit einigen Programmfehlern und anderen Holprigkeiten zu kämpfen. Da ertönt an ganz unpassender Stelle plötzlich eine Stimme, die einen wichtigen Brief vorliest, ohne daß es zum Bild passen würde. Anderswo löst sich plötzlich eine Figur in Luft auf, nachdem man mit ihr geredet hat, und mehr als einmal wird von Personen gesprochen, die man eigentlich noch gar nicht getroffen hat. Manchmal hakt die Steuerung auch und nimmt einen Klick nicht an, weshalb etwas Beharrlichkeit gefragt ist. Es wirkt ganz so, als wäre das Spiel vorschnell veröffentlicht worden – ein kurz nach Erscheinen hinterhergeschobener Patch bringt auch prompt einen anderen kuriosen Bug mit sich.

The Second Guest
Jack erkundet eine geheimnisvolle Gruft.

So wäre es sicherlich geschickt gewesen, dem Team von David Frentzel und seinem Studio Twice Effect (das in den Neunzigern noch C64-Spiele für Diskmagazine wie Game On programmiert hat) mehr Zeit und Mittel zu geben, um THE SECOND GUEST abzurunden. Dann würde auch die Geschichte nicht so ganz in der Schwebe aufhören: Die angerissenen Rätsel bleiben ganz offen, einige Handlungsorte bleiben unzugänglich (zum Beispiel die eingestürzten Katakomben unter dem Schloß, die hinter einer verschossenen Eisentür verborgen bleiben). Weil das Spiel bei Kritik und Publikum durchfiel, wurden die weiteren drei Episoden nie entwickelt – und so werden wir wohl nie erfahren, wer Jack nach dem Leben trachtet und wer der ominöse zweite Gast nun sein soll.

Ein wenig ähnelt THE SECOND GUEST damit einer Serie, die trotz Potential abgesetzt wurde und den Zuseher mit allen in der Luft hängenden Handlungsfäden zurückläßt. Wer sich davon nicht abschrecken läßt und mit einigen Bugs leben kann, darf aber trotzdem mal einen Ausflug nach Averton Island wagen.




Die Screenshots wurden mit freundlicher Genehmigung von Headup Games GmbH & Co. KG verwendet.