Aktuelle Filmtexte

Mutter und Tochter beim Nachtgebet in DER SIEBENTE KONTINENT

Schon gleich am Anfang hat man das Gefühl, daß bereits alles vorbei ist. Ein Auto fährt durch die Waschstraße, durch die Frontscheibe sehen wir die Geräte starr ihre Arbeit verrichten. Die Credits laufen ebenso mechanisch darüber. Die Personen im Wagen schweigen sich an.

Was folgt, ist wie eine Bestandaufnahme des Lebens einer Familie, die am Ende Suizid begehen wird. Wie das kleingehackte Fleisch, das der Supermarktangestellte hier verkauft, scheinen auch die Welt und ihre Protagonisten in Einzelteile zu zerfallen. Die Tagesabläufe werden in aneinandergereihten Close-Ups der banalen Details gezeigt: Registrierkasse, Einkaufswagen, Zapfsäule. Die Menschen sind genauso auf Einzelheiten reduziert, als wären sie unvollständig. Am Frühstückstisch sieht man von Familie keine Köpfe.

Die Familie beim Frühstückstisch
Starre Rituale: Die Familie beim Frühstückstisch.

Es sind drei Jahre, die die Handlung umspannt, sorgsam in einzelne Segmente unterteilt. Wir lernen die Familienmitglieder kennen: Mutter, Vater, Tochter. Manchmal taucht der Bruder der Mutter auf, der nach dem Tod der Eltern depressiv geworden ist. Wir verfolgen ihren Alltag: Wecker, Dusche, Frühstück, Auto aus der Garage heraus, Arbeit im Büro, Auto in die Garage hinein, Nachtgebet mit der Tochter. Es wirkt wie ein von allen Redakteuren verlassenes Reality-Programm.

Die ersten beiden Segmente bzw. Jahre funktionieren dabei als Spurensuche: Was bringt diese Menschen dazu, freiwillig aus dem Leben scheiden zu wollen? Sind es die ewig gleichen Abläufe, die den Alltag so trivial machen? Ist es die stumpfe Arbeit des Manns, die nur aus dem Bearbeiten von Zahlenkolonnen zu bestehen scheint? Ist es Zivilisationsmüdigkeit? Oder sind es emotionale Brüche, die den Familienmitgliedern schon vor langer Zeit widerfahren sind? Als die Familie eines Abends auf der Autobahn an einem Unfall vorbeifährt, verstört der Anblick der Körper auf der Straße die Mutter – und ihr Mann kann sie kaum trösten. Vielleicht weint sie über ihr eigenes bevorstehendes Ende, vielleicht hat er schon lange resigniert. An einer anderen Stelle gibt die Tochter in der Schule vor, erblindet zu sein. Als die Mutter davon hört, will sie von der Tochter, die alles abstreitet, ein Geständnis. Sie verspricht ihr, sie nicht zu bestrafen – und gibt der Tochter dann, als sie alles zugibt, im Affekt eine Ohrfeige.

Im dritten Segment vollzieht die Familie mit ebensolcher mechanischen Sorgfältigkeit ihren eigenen Suizid. Der Job wird gekündigt, das Auto wird verkauft, das Geld von der Bank abgehoben. In der Wohnung wird die Einrichtung zerstört: Kleidung wird zerrissen, die Möbel werden zertrümmert, die Bücher zerrissen. Es ist ebenso trostlos arrangiert wie das Leben davor – anstatt sich von der Last der Dinge befreien zu können, wird die Familie schon so über die Gegenstände bestimmt, daß deren Destruktion nur die eigene vorwegnimmt.

Georg beginnt mit der Zerstörung seines Lebens
"Ich glaube, es geht nur, wenn wir systematisch vorgehen":
Georg Schober (Dieter Berner) beginnt mit der Zerstörung seines Lebens.

"Ich wollte keine Antworten geben", erklärt Michael Haneke im Interview zu seinem ersten Kinofilm DER SIEBENTE KONTINENT: Fragen finde er viel wichtiger. Es ist ein zunächst merkwürdig anmutender Satz eines Regisseurs, dessen Filme so gerne wirken, als wüßte er schon genau, was in der Gesellschaft schiefläuft, als wollte er gezielt den Finger auf diese Probleme legen, um den Zuseher darüber zu belehren.

Mit der Konzeptionsgeschichte des Drehbuchs findet man etwas mehr Klarheit darüber, was er mit Fragestellungen meint: Der Film war zunächst so arrangiert, daß vom Suizid ausgehend die Geschichte der Familie in Rückblenden erzählt wurde – nur mußte Haneke feststellen, daß mit dieser Konstruktion jede Sequenz erklärend funktionieren würde. Also zog er das Skript andersherum auf, um den definitiven Antworten auszuweichen – jede vorangegangene Sequenz kann alles und nichts im Hinblick auf den Selbstmord bedeuten, der tatsächliche Beweggrund soll so mysteriös bleiben, wie er es im wahren Leben war, als die Nachricht von dem tatsächlichen Fall in den Zeitungen auftauchte.

Dennoch wirkt DER SIEBENTE KONTINENT nicht wie ein Film, der sich seine Geschehnisse nicht erklären kann – zu streng und komponiert sind alle seine Einstellungen, Abläufe und Symbole. Es ist eine Geschichte darüber, wie unser Leben durch Banalitäten bestimmt wird, wie der Mensch vor lauter Gegenständen, Routinen und Transaktionen zerfällt. Die wichtige Frage, die in diesem schrecklichen Porträt bürgerlicher Existenz steckt, muß man sich dagegen selber stellen: Was ist die Alternative?




Der siebente Kontinent (Österreich 1989)
Regie: Michael Haneke
Buch: Michael Haneke
Kamera: Anton Peschke
Darsteller: Birgit Doll, Dieter Berner, Leni Tanzer, Udo Samel

Alle Screenshots stammen von der französischen BluRay (C) TF1 Vidéo.
Jeremy Miliker und Verena Altenberger in DIE BESTE ALLER WELTEN

Auf der diesjährigen Berlinale hat ein Film eines jungen Salzburger Regisseurs seine Premiere im Bereich "Perspektive deutsches Kino" gefeiert und auch den Kompass-Perspektive-Preis gewonnen: DIE BESTE ALLER WELTEN von Adrian Goiginger. Unser Gastautor Dr. Wily berichtet über dieses Drama, das von Goigingers eigener Kindheit mit einer alleinerziehenden, drogenabhängigen Mutter erzählt.



In einer dunklen Höhle tief im Berg ist ein gesichtsloser Dämon angekettet, und alles, was er tun kann, ist schreien. Der Held Ronan hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Dämon zu bekämpfen. Dafür hat er sich eine besondere Waffe gebaut, einen Feuerpfeil, denn nur diese Waffe kann den Dämon besiegen.

Diese Geschichte träumt, zeichnet und schreibt der siebenjährige Adrian (Jeremy Miliker). Es ist seine eigene Geschichte. Die eines kleinen Jungen, der ein Abenteurer werden will und der spürt, daß es einen Dämon in der Welt gibt, in der er lebt, aber daß dieser Dämon gut versteckt ist. Adrians Welt ist, wie bei den meisten Siebenjährigen, die Welt, die seine Mutter Helga (Verena Altenberger) für ihn gestaltet. Helga ist drogenabhängig. Genauso wie ihr Lebensgefährte, Adrians Stiefvater Günther (Lukas Miko), und alle ihre Freunde, die regelmäßig in Helgas Wohnzimmer sitzen, sich dort bisweilen vor der Polizei verstecken und alles nehmen, was der unberechenbare Dealer, den alle nur "Grieche" nennen, vorbeibringt. Eine Junkiecommunity, die in einer selbstgemachten Höhle lebt – ein chronisch verrauchtes Wohnzimmer mit zugehängten Fenstern und zugeklebten Glastüren. Die Gruppe hat sich eine Idee von Freiheit zurechtgezimmert, in der sie ohne Job, Ziel und Sinn außerhalb der gesellschaftlichen Zwänge lebt. Im Außen zeigt sich das in regelmäßigen Ausflügen zum Fluß, wo es offenes Feuer und Musik gibt, und wo das echte, wahre, unverfälschte Leben, das Eins- und Verbunden-Sein mit allem beschworen und gefeiert wird. Bevor dann spät abends der Grieche vorbeikommt und sich die Erwachsenen doch in ihre eigene innere Höhle zurückziehen.

Adrian ist mittendrin, für ihn ist es die beste aller Welten. Ein Leben voller aufregender Abenteuer und Entdeckungen, Freiheit, Lagerfeuern, Zaubertränken und Feuerwerkskörpern. Es ist die romantisch-magische Welt, die sich seine Mutter Helga als Stütze zurechtdenkt und die sie nutzt, um ihren Sohn von dem ganzen Drogenwahnsinn fernzuhalten. Für den jungen Adrian ist sie perfekt. Helga, die sich sonst vom Leben und der Welt in den Rausch zurückziehen muß, schafft es so, ihrem Sohn eine aufregende und schöne Kindheit zu bieten. Wenn es um Adrian geht, ist kein Rausch zu tief. Er dringt immer durch ihren Schild.

Das Mutter-Sohn-Gespann in DIE BESTE ALLER WELTEN
Ein liebevolles Mutter-Sohn-Gespann: Helga (Verena Altenberger) und Adrian (Jeremy Miliker).

DIE BESTE ALLER WELTEN ist im Kern kein Film über Drogen, sondern eine Geschichte über die Kindheit. Autor und Regisseur Adrian Goiginger folgt nicht zufällig die meiste Zeit seinem jungen Protagonisten. Wenn der Film Adrian verläßt und die Welt der Erwachsenen zeigt, zeigt uns der Film dadurch auch, daß hier nicht jemand einfach die Naivität eines Kindes nutzt, um schlimme Umstände auszuhalten, sondern daß ein erwachsener Geschichtenerzähler aus der zeitlichen Distanz reflektiert über die Dinge nachdenkt und erzählt.

In Adrian und der Beziehung zu seiner Mutter liegt das Herz und Hoffnung des Films und für den Zuschauer die Kraft, diese Geschichte durchzustehen. Es ist trotz seiner auf den ersten Blick düsteren Thematik ein sehr hoffnungsvoller Film. Adrians Kindheit ist keine Kindheit der Drogen, Junkies und des Todes, obwohl all das Teil seiner Geschichte ist. Es ist eine Kindheit voller Abenteuer, Ritter und Magie. Geborgen in der Liebe und dem Schutz seiner Mutter, die ihm beibringt, alle Möglichkeiten zu haben und diese auch zu nutzen. Helga ist eine Mutter, die ihrem Sohn die Freiheit lehrt, obwohl oder vielleicht auch weil sie selbst alles andere als frei ist. In einer Szene, in der ein alter Freund von seinem erfolgreichen Entzug erzählt, sagt Helga: "Ich weiß nicht, wovon er spricht. Aber ich möchte das auch alles haben." Während seine Mutter den ganzen Film lang diese Möglichkeit der Freiheit sucht, war sie für Adrian, dank Helga, immer präsent.

Doch natürlich ist nicht alles eitel Wonne in Adrians Welt. Da gehen zuhause schnell die Aggressionen hoch, alle werden hysterisch und ängstlich, wenn es an der Tür läutet. Aus irgendeinem Grund muß man immer alles putzen, wenn des Jugendamt kommt, und der Grieche hat sich nicht immer unter Kontrolle und geht sogar auf Adrian los. Das sei, passend zur magischen Welt, ein Dämon, der im Griechen wohne, erklärt ihm Helga. Und Adrian spürt, daß dieser Dämon auch irgendwo in seiner Mutter wohnt. In seinen Träumen und Geschichten bekommt er eine Gestalt. Am Ende ist es Adrians Feuerpfeil, eine Leuchtrakete, der dem Dämon den Garaus macht und ihn ans Licht zerrt, indem Adrian mit der Rakete die Wohnung abfackelt. Helga wird aus ihrer Höhle gezwungen, muß die Wahrheit sagen, um ihren Sohn zu retten und geht auf Entzug.

Der Dämon in seiner Höhle
Der Dämon erwacht in seiner Höhle ...

Wenn man dann im Abspann die Namen liest, bestätigt sich das Gefühl, daß Adrian Goiginger hier eine sehr, sehr persönliche Geschichte erzählt. Er kann deshalb den Film mit emotionalen Nuancen und zwischenmenschlichen Details anfüttern, die man nur durch eigene Erfahrung kennenlernt und die seinem Film und seinen Figuren sehr viel Plastizität geben.

Ich bin nicht umhin gekommen, im Film, den der erwachsene Adrian erzählt, ein Spiegelbild zu der Geschichte zu sehen, die der junge Adrian in seinem Buch gestaltet. Ich habe mich gefragt, ob es vielleicht immer noch etwas gibt, das ans Licht geholt oder befreit werden muss. Ich weiß es nicht. Aber der Film wirkt auf mich neben allem anderen auch so, als würde er gegen das Vorurteil aufstehen wollen, das besagt, eine drogensüchtige Mutter sei automatisch eine schlechte Mutter, und eine Kindheit wie die von Adrian automatisch eine furchtbare. DIE BESTE ALLER WELTEN erzählt uns, daß Helga ein gute Mutter ist und Adrians Kindheit ein schöne. Der Film ist beeindruckend, berührend, mitreißend, witzig und sehr ehrlich – im Guten wie im Schlechten. Wir müssen als Zuschauer nämlich nicht nur aushalten, die Abgründe einer Drogenabhängigkeit zu sehen, sondern auch, daß dies alles keine schlechten Menschen und unfähigen Eltern sind. Am Ende ist es ein sehr heller Film, voll Licht.



Die beste aller Welten (Österreich/Deutschland 2017)
Regie: Adrian Goiginger
Buch: Adrian Goiginger
Kamera: Yoshi Heimrath, Paul Sprinz
Musik: Dominik Wallner, Manuel Schönegger
Darsteller: Verena Altenberger, Jeremy Miliker, Lukas Miko, Michael Pink, Michael Fuith, Philipp Stix

Alle Screenshots (C) Ritzl Film.

Derzeit wütet der größte Affe der Welt wieder auf den Kinoleinwänden: In KONG: SKULL ISLAND geht es erneut auf die legendäre Insel, die den gigantischen Gorilla King Kong beheimatet. Wir sprechen über die Anfänge des Monsters im Filmklassiker von 1933, seine übergroße Rückkehr im Remake von 1976, Peter Jacksons ausufernde Liebeserklärung an den Originalfilm aus dem Jahr 2005 und die aktuelle Inszenierung vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges. Unterwegs geht es um die Beziehung zwischen der Schönen und dem Biest, um die unzähligen Lesarten der Geschichte und um die Frage, warum sich die Monsterstory so sehr für verschiedenste Interpretationen anbietet.

Viel Spaß!



Das mp3 kann HIER heruntergeladen werden.

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Alle Soundclips aus KONG: SKULL ISLAND mit freundlicher Genehmigung von Warner Bros. Pictures Publicity verwendet.
Plakatausschnitt & Soundclips: (C) 2017 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

Sylvia Kristel gilt als Königin des erotischen Films: Mit der Hauptrolle in der 1974 veröffentlichten Buchverfilmung EMMANUELLE (bei uns: EMANUELA) prägte sie ein ganzes Filmgenre - und wurde für den Rest ihrer Karriere mit dieser Figur identifiziert. Der Film war ein Millionenerfolg, der zahllose Nachfolger anregte. Aber während Kristel stets als Göttin der Verführung galt, zeigt ihre Filmographie einige Überraschungen: Sie drehte mit Claude Chabrol, Roger Vadim und Alain Robbe-Grillet, spielte neben Gerard Depardieu, Michel Piccoli und Alain Delon.

In der aktuellen Lichtspielplatz-Folge sprechen wir über den Film EMMANUELLE und seine Hintergründe, das zugrundeliegende Buch von Emmanuelle Arsan, die unzähligen Nachfolger und Nachahmer, andere Kristel-Filme wie ALICE, DAS SPIEL MIT DEM FEUER, LA MARGE, LADY CHATTERLEYS LIEBHABER und MATA HARI und ihre Autobiographie UNDRESSING EMMANUELLE. Es ist eine Reise durch Erotikfilme und Arthouse-Streifen, ein Brückenschlag von François Truffaut über Walerian Borowczyk hin zu Joe D'Amato.

Viel Spaß!



Das mp3 kann HIER heruntergeladen werden.

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Weiterführende Texte auf Wilsons Dachboden:
EMMANUELLE 4: Neuer Körper, altes Glück
EMMANUELLE 6: Eine Verführerin in Bedrängnis
LAURA: Eine erotische Expedition von und mit der "echten" Emmanuelle

Der Screenshot stammt von der BluRay von EMMANUELLE, (C) 2010 Kinowelt.
Vater und Terrorsohn: Carmelo und Malcolm

"Wir finden, dass Sie und ihr Söhnchen schon eine gewisse Zumutung sind", meint eine Frau im Zugabteil zu Carmelo und seinem vierjährigen Bub Malcolm. Die werte Dame untertreibt hemmungslos: Das Kind ist der absolute Terror.

In der italienischen Komödie ERSTE KLASSE reist Carmelo (Enrico Montesano) mit seinem Sohn Malcolm zu dessen Großmutter, damit seine Frau vierzehn Tage Urlaub mit ihrem Freund machen kann. Weil sich bislang immer die Mutter um das Kind gekümmert hat, ist er als Vater hoffnungslos überfordert. Im Zug lernt er die schöne Beatrice (Sylvia Kristel) kennen, die unterwegs zu einem Kongress ist, um dort einen Vortrag über das prähistorische Skelett zu halten, das sie rekonstruiert hat. Zwischen Carmelo und Beatrice bahnt sich eine kleine Affäre an – aber die wird ständig durch das aufgedrehte Kind wieder eingebremst …

Carmelo bandelt mit Beatrice an
Manchmal kann sich so eine ÖBB-Vorteilscard schon lohnen.

Daß Carmelo der väterlichen Verantwortung für Malcolm entkommen will, ist nur allzu verständlich: Der Knabe ist wahrlich niemandem zuzumuten. Selbst Rosemarys Baby stellt man sich gegen Malcolm als Engelskind vor: Der Junge plärrt permanent in voller Lautstärke, was er gerade will, läuft ständig weg, droht einer Mitreisenden mit der Stricknadel das Auge auszustechen, klettert in die Gepäckablage hoch, zerfetzt Zeitschriften, wirft mit Essen und Bananenschalen um sich und macht sich unter Ankündigung wonnig in die Hose. Er könnte im Alleingang das Problem der Überbevölkerung lösen: Wer über Nachwuchs nachdenkt, wird sich das nach der Sichtung des Films nochmal ganz genau überlegen.

Wem Malcolm noch nicht lustig genug ist, darf sich freuen, daß auch die restliche Zugbesatzung Vollgas gibt. Da lauert in einem Abteil eine Bande militanter Feministinnen, die geifernd über jeden verdächtigen Mann herfallen, während der Frachtwaggon des Zuges von einem comicbegeisterten Revolverheld bewacht wird, der gerne Schauspieler wäre. Als er Carmelo und Beatrice in einer Sequenz mit gezückter Pistole stellt, weil er sie für Diebe hält, läßt er sich von Carmelo das schlafende Kind in den Arm legen, damit der überhaupt die Hände hochhalten kann.

Sylvia Kristel oben ohne
Ach, drum wird der Film auf DVD unter dem Titel ERSTE KLASSE SEX vermarktet.

Beatrice erwärmt sich derweil in rasanter Geschwindigkeit für das Plappermaul Carmelo und findet es erregend, als der im Gedanken an seine Frau "Nutte" zischt und sie glaubt, selber gemeint zu sein. Später wird sie seufzen, daß sie immer Männer kennenlernt, "die schon anderweitig verpflichtet sind". Sie wird dem Kind auch aufgebracht eine Ohrfeige geben, als es sich im Frachtwagen an ihrem Skelett zu schaffen macht, und kurz darauf Carmelos Gepäck aus dem Fenster werfen, weil der sie diesbezüglich zur Rede stellt. Ach ja, und Carmelo wird irgendwann sein Kind an einem Bahnhof zurücklassen, damit er endlich ungestört bei Beatrice landen kann – wobei das wohl selbst der aufrechteste Pädagoge angesichts dieses verhaltensauffälligen Kindes verstehen können wird.

"I have seldom heard a train go by and not wished I was on it", schrieb einst Reiseschriftsteller Paul Theroux über die Romantik der Zugfahrt. Die Ausnahme, die er andeutet, wird ein Kinobesuch von ERSTE KLASSE gewesen sein.




Erste Klasse (Italien/Frankreich 1980)
Originaltitel: Un amore in prima classe / L'amour en premiere classe
Alternativtitel: Erste Klasse Sex
Regie: Salvatore Samperi
Buch: Salvatore Samperi, Gianfranco Manfredi, Giorgio Basile
Kamera: Camillo Bazzoni
Musik: Roberto Colombo, Gianfranco Manfredi
Darsteller: Enrico Montesano, Sylvia Kristel, Lorenzo Aiello, Franca Valeri, Felice Andreasi, Enzo Cannavale, Luc Merenda

Die Screenshots stammen von der DVD (C) 2009 KNM/Movie Power.
Mia Nygren als Emmanuelle

Sylvia (Sylvia Kristel) fühlt sich durch die Beziehung zu Marc (Patrick Bauchau) eingeengt: Es erschreckt sie, wie stark ihre Gefühle füreinander sind. Um ihre Freiheit wiederzugewinnen, reist sie nach Brasilien zu dem Chirurgen Dr. Santano, der ihr einen komplett neuen Körper verpaßt: Aus Sylvia wird Emmanuelle (Mia Nygren). Die begibt sich mit ihrem jungfräulichen neuen Ich auf eine ausgiebige sexuelle Entdeckungsreise durch das Land – und kann doch den Gedanken an Marc nie wirklich verdrängen …

Nach dem dritten EMMANUELLE-Film, GOOD-BYE EMMANUELLE von François Leterrier aus dem Jahr 1977, hielt Produzent Yves Rousset-Rouard die Reihe für ausgereizt. Er verkaufte die Rechte an Alain Siritzky, der schon zuvor mit seiner Vertriebsfirma Parafrance mit der Serie zu tun hatte und den zweiten Teil, EMANUELA – GARTEN DER LIEBE, mitproduziert hatte. Siritzky fand, daß noch allerlei Möglichkeiten mit dem Namen "Emmanuelle" bestanden, und produzierte ab den Achtzigern diverse Kinofortsetzungen und unzählige TV-Ableger. Sein erster Streich war EMMANUELLE 4 aus dem Jahr 1984 – im dem die Ur-Emmanuelle kurzerhand gegen ein jüngeres Model ausgetauscht wird.

Die "alte" Emmanuelle Sylvia Kristel in einer Traumsequenz
Die "alte" Emmanuelle (Sylvia Kristel, links) taucht in ein paar surrealen Traumsequenzen auf -
hier mit der späteren Kult-Scream-Queen Brinke Stevens.


Keine Frage, der Plot ist mehr als nur absurd: Da verschafft der Künstlerdoktor (der Sylvia Kristel anfangs noch warnt: "Schöner als Sie sind, kann ich Sie nicht machen") der Frau ein komplett neues Aussehen, das nicht nur mit eigener Stimme und Verjüngungseffekt daherkommt, sondern Emmanuelle tatsächlich auch ein neues Jungfernhäutchen verpaßt. Zur Sicherheit bekommt sie die Psychotherapeutin Dona an ihre Seite gestellt, damit sie mit der Veränderung besser klarkommt – aber niemand käme hier auf die Idee, eine Frau, die aus Flucht vor einer innigen Liebe eine komplett neue Identität sucht, vielleicht vor der Verwandlung zu dem einen oder anderen hilfreichen Gespräch einzuladen.

Daß der neue Körper Emmanuelle innerlich nicht von ihrer Liebe zu Marc löst, dürfte die bisherigen Erkenntnisse der Psychologie wohl auch nicht auf den Kopf stellen. Ein zarter Hinweis, daß die Dame gefühlsmäßig noch an ihm hängt, dürfte eine Sequenz sein, wo sie ihn auf einer Party erspäht, ihn anspricht – und sich prompt von ihm entkleiden läßt. Er erkennt sie freilich nicht, was sie zu der verblüfften Beobachtung führt, "dass der Mann, den ich liebe, mich eines Tages betrügt – mit mir". Bitte, Fräulein Emmanuelle, machen Sie es sich bequem auf der Couch.

Emmanuelle und ihre Therapeutin Dona
Die neue Emmanuelle (Mia Nygren, links) und ihre Therapeutin Dona (Deborah Power).

Gerade in der Absurdität der Geschichte liegt zugegebenermaßen aber auch ein gewisser Reiz. Natürlich ist das, was hier erzählt wird, völliger Unfug – aber es wird ohnehin nie als realistisch verkauft: Nach der Operation wird die neue Emmanuelle aus einem milchig-weißen Ganzkörperkokon geschält, als würde da ein Schmetterling zur Welt kommen. Interessant wird die Transformation auch durch die Tatsache, daß Sylvia erst durch die Verwandlung zu Emmanuelle wird – Kristel spielt sich laut Vorspann und Rollenname gewissermaßen selbst, was freilich die Vorgängerfilme ignoriert, aber zur Initiationsgeschichte der ersten Romanvorlage ebenso paßt wie zu der Erkenntnis ihrer viel später publizierten Autobiographie, daß sie mit der Figur keinesfalls identisch war.

Wenn man sich also auf das irrwitzige Konstrukt einläßt, kann EMMANUELLE 4 zu einem unterhaltsamen Spiel der Identitäten werden. Es ist quasi die Geschichte einer Frau, die durch neue körperliche Erfahrungen etwas über die Sexualität und über die Liebe lernt – was durchaus im Sinne von Arsan gelesen werden kann.

Therapeutin Dona (Deborah Power) entwickelt ein reges Interesse am Leben ihrer Patientin.

Inszeniert wurde EMMANUELLE 4 wohl hauptsächlich vom französischen Hardcore-Pionier Francis Leroi – obwohl offenbar auch andere Personen ihre Spuren hinterlassen haben. Im Vorspann heißt es "a film by Francis Giacobetti" – jener Modephotograph, der den zweiten Teil inszenierte und die Erfahrung vom ersten Tag an derart schrecklich fand, daß er damals schon sagte, es wäre sein erster und letzter Film. Auch Iris Letans, die mit Leroi das Skript schrieb, wird eine Teil-Regie zugeschrieben. "It was all put together very casually", erinnert sich Schauspieler Patrick Bauchau in der Dokumentation EMMANUELLE: A HARD LOOK. "You never knew who was going to direct the next day. The ten days that I worked I must have gone through four different directors ... but there obviously were a lot more."

Ungeachtet der unklaren Situation hinter den Kulissen (die sich auch bei EMMANUELLE 5 und EMMANUELLE 6 fortsetzen sollte) und des aberwitzigen Konstrukts funktioniert EMMANUELLE 4 als prächtig bebilderte Phantasie. Immer wieder werden die schönen Körper in kunstvoll stilisierte Szenarien geworfen, als wären es bewegte Photostrecken. Neben Mia Nygren, die das Geheimnisvolle, Elegante von Kristel weitertragen kann, ist vor allem Deborah Power als Therapeutin Dona ansprechend, die nach und nach eine Beziehung zu Emmanuelle aufbaut. Leider war EMMANUELLE 4 sowohl für Nygren als auch für Power kein richtiger Karriereschub: Beide drehten danach jeweils nur noch einen weiteren Film. Oder sie haben sich Dr. Santano anvertraut ...




Emmanuelle 4 (Frankreich 1984)
Originaltitel: Emmanuelle IV
Regie: Francis Leroi
Buch: Francis Leroi, Iris Letans
Kamera: Jean-Francis Gondre
Musik: Michel Magne
Darsteller: Sylvia Kristel, Mia Nygren, Patrick Bauchau, Deborah Power, Sophie Berger, Sonia Martin, Dominique Troyes, Brinke Stevens
Tom Burlinson in WINDRIDER

Glückspilz P.C. Simpson genießt das sonnige Leben: In der Firma seines Vaters schiebt er eine ruhige Kugel ohne große Verantwortung, ansonsten widmet er sich ganz seiner Leidenschaft, dem Windsurfen. Als er eines Morgens eine schwierige 360°-Drehung schafft, sieht das leider nur eine unbekannte Schönheit am Strand: Rocksängerin Jade, die prompt von P.C. ausfindig gemacht und becirct wird. Ihrem langfristigen Glück steht aber die Tatsache im Weg, daß sich P.C. wenig um das Leben anderer Leute schert – und dann sorgt eine Haiattacke auch noch dafür, daß er seine Selbstsicherheit auf dem Surfbrett verliert …

Wir wissen leider nicht, wer die beiden schönen Strandmenschen sind, die das Cover der deutschen DVD von WINDRIDER (auf Deutsch auch WIND DER LIEBE) zieren – sie tauchen im Film nicht auf. Die Hauptrollen dieses australischen Streifens spielen Tom Burlinson, bekannt aus dem Down-Under-Western SNOWY RIVER und Paul Verhoevens Historiendrama FLESH + BLOOD, sowie eine junge Nicole Kidman. Sie war beim Dreh stramme 18 Jahre alt, WINDRIDER war ihr vierter Film. (Burlinson und Kidman wurden dank des Films übrigens ein Paar und blieben beinahe zwei Jahre zusammen.)

P.C. Simpson in der Krise
P.C. Simpson (Tom Burlinson) hat sein Mojo verloren.


Man merkt, daß WINDRIDER das Regiedebüt eines Kameramanns ist: Vincent Monton, der Ende der Siebziger mit australischen Produktionen wie dem Newsreel-Drama NEWSFRONT oder dem Horror-Überraschungshit LONG WEEKEND bekannt wurde, und sein Kameramann Joseph Pickering lassen den Film von der ersten Einstellung an hübsch stylisch aussehen. Die Bilder strahlen in poppigen Achtziger-Farben, der Strand bei Perth lockt in sonnigem Glanz, die Innenräume sind in schnuckeliger Werbeästhetik designt. Auch dank der hübsch eingefangenen Windsurfing-Szenen ist WINDRIDER von vorne bis hinten angenehm für das Auge.

Aber einen Inhalt gibt es ja auch noch. Wenn der Film nicht schon 1985 gedreht worden wäre, könnte man glatt eine Linie zu TOP GUN ziehen: Großspuriger Goldjunge verliert den Glauben in die eigenen, selbstverfreilich herausragenden Fähigkeiten und muß sich erst wieder mit der Welt arrangieren, um sich als Sieger feiern lassen zu können. Immerhin kriegt P.C. Simpson tatsächlich mehrfach vorgeworfen, er sei zu egozentrisch, und so darf er im Gegensatz zu Maverick zum Schluß sanfte Wiedergutmachung betreiben.

Nicole Kidman als Rocksängerin in WINDRIDER
Sängerin Jade (Nicole Kidman) darf sich bald über P.C.s erhöhte Aufmerksamkeit freuen.


Dafür ist die Liebesgeschichte eine angehobene Augenbraue wert. Simpson drangsaliert Jade vom ersten Moment an mit brustkorbklopfenden Sprüchen und fragt sie, als sie seinem Werben entkommen will, mit hochcharmanter Ironie, ob denn nicht zumindest ein Quickie auf dem Rücksitz drin wäre. Später umgarnt er sie im Musikstudio, aber als sie seine Einladung zum Essen ausschlägt und darauf hinweist, daß sie jetzt an ihrer Musik arbeiten will, wirft er sich die widerspenstige Schöne kurzerhand über die Schulter und trägt sie zu seinem Auto. Er kassiert ein blaues Auge dafür.

Spätestens jetzt würden sich andere Männer vielleicht aus Angst vor einer einstweiligen Verfügung neue Zielobjekte suchen (oder gar auf den Trichter kommen, daß die junge Dame womöglich gar kein Interesse hat) – aber Simpson bleibt hochmotiviert am Ball: Am nächsten Tag läßt er Jade mitsamt ihrem Wagen von einem Abschleppdienst zum Strand bringen, damit sie ihm beim Windsurfen zusehen kann. Sie bleibt auch gar nicht lange böse, nachdem er dabei nur knapp dem Hai entkommt. Nach kurzer abendlicher Unterredung auf der Couch schneidet der Film zum nächsten Morgen, wo Simpson Jade strahlend in der Dusche begrüßt und sich beide innig küssen. Sagen wir es so: Es würden einem durchaus ein oder zwei Filme einfallen, in denen die Romanze glaubwürdiger aufgebaut wird.

P.C. Simpson (Tom Burlinson) schiebt eine ruhige Kugel
Ein angenehmer Tagesjob - vor allem, wenn man den "Dringend"-Stapel nicht allzu ernst nimmt.

Aber eigentlich setzt WINDRIDER ohnehin nicht auf große Ernsthaftigkeit, sondern mehr auf lockeren Humor, einen gutmütigen Tonfall und schöne Surfszenen. Wenn P.C. anfangs als unbekümmerter Gustav Gans seinen Tag mit perfekt choreographierter Routine beginnt, bei der er gleichzeitig den Goldfisch füttert und den Pfannkuchen würzt, ist das ebenso amüsant wie eine spätere Szene, wo er bei einer Vollbremsung seinem Vordermann das Surfbrett in die Heckscheibe fliegen läßt – und der dann seelenruhig aussteigt, ein Blaulicht auf das Dach packt und seine Polizistenmütze aufsetzt.

Als heiteres Filmchen mit schönem Look und sonnigem Gemüt kann man WINDRIDER also gerade noch durchwinken. Ohne Nicole Kidman (die übrigens, wir müssen es für die Vollblutcineasten noch erwähnen, kurz nackt zu sehen ist) wäre diese leichte Kost für junge Leute sicherlich schon in der Vergessenheit verschwunden – wobei das einem Rückblick auf Wilsons Dachboden ja kaum im Wege gestanden wäre …




Windrider (Australien 1986)
Alternativtitel: Wind der Liebe
Regie: Vincent Monton
Buch: Everett De Roche, Bonnie Harris
Kamera: Joseph Pickering
Musik: Kevin Peek
Darsteller: Tom Burlinson, Nicole Kidman, Jill Perryman, Charles Tingwell, Simon Chilvers, Kim Bullad

Die Screenshots stammen von der DVD (C) 2015 White Pearl/Daredo.
Hugh Jackman und Dafne Keen: Zwei X-Men-Generationen

Der LOGAN-Trailer verspricht eine Geschichte, die mehr auf Charakterdrama als auf Superhelden-Action setzt. Unser geschätzter Gastautor Bastian G. hat sich dieses neueste X-MEN-Spin-off angesehen und kann berichten, ob der Film das auch erfüllen kann.



In LOGAN, dem inzwischen dritten Spin-off des populären X-MEN-Mutanten, machen die Verantwortlichen nachdrücklich ernst: Hauptdarsteller Hugh Jackman hat bekanntlich auf einen Teil seiner üppigen Gage verzichtet, um seinem angeblich letzten Wolverine-Abenteuer das unter Marvel-Adaptionen eher ungewöhnliche R-Rating zu garantieren. Das bedeutet, dass in den USA Jugendliche unter 17 Jahren den Film nur mit erwachsener Begleitung schauen dürfen. In Deutschland hat die FSK die "ab 16 Jahren"-Plakette gezückt – und die ist in Anbetracht des wirklich grimmigen und teils ultrabrutalen Resultates noch recht gnädig ausgefallen.

Gleich zu Beginn zerlegt unser inzwischen merklich gealterter Held eine Gruppe Gangster buchstäblich in seine Einzelteile. Die F-Wort-Quote liegt im hohen Bereich und Regisseur James Mangold (WALK THE LINE), der bereits den Vorgänger WOLVERINE – WEG DES KRIEGERS inszenieren durfte, macht es sichtlich Freude, die Freiheiten der höheren Freigabe auszuloten. Doch LOGAN ist nicht bloß ein actionreiches Schlachtfest, sondern das bislang emotional involvierendste Werk aus der Welt des Comic-Riesen.

Dafne Keen: Die neue X-Men-Generation.
Eine neue Generation wetzt die Krallen.

Die Geschichte ist in einer nahen Zukunft angesiedelt, in der die X-Men bis auf den nun physisch verwundbaren Logan und den schwerkranken Charles Xavier (Patrick Stewart) ausgelöscht sind. Ihre Abenteuer kann die Nachwelt noch in bunten Heftchen nachlesen. So etwa die junge Laura (Dafne Keen), die von dem sinistren Pierce (Boyd Holbrook) und seiner grausamen Truppe gejagt wird. Das Mädchen gehört zu einer neuen Generation von Mutanten, die als fehlerhaftes Laborexperiment zur Erschaffung einer ultimativen Waffe eleminiert werden soll. Xavier drängt Logan dazu, den angedachten Ruhestand noch etwas hintanzustellen und das Kind zu einem sicheren Zufluchtort zu geleiten. Auf dem nicht wirklich ruhigen Road Trip begreift der zuerst widerwillige Mann mit den Metallklauen, dass er mit Laura mehr als nur einen genetischen Defekt gemein hat …

Okay, gleich vorweg: Auch LOGAN fährt im Kern keine bahnbrechend neue Story auf. Den Plot mit dem miesepetrigen Beschützer auf einer halsbrecherischen Mission kennt man zum Beispiel aus den MAD-MAX-Sequels oder Alfonso Cuaróns intelligentem Sci-Fi-Drama CHILDREN OF MEN. Und wer es gern noch älter hätte, bekommt im Film ganz klare MEIN-GROSSER-FREUND-SHANE-Referenzen direkt unter die Nase gerieben. Warum diese außergewöhnliche Comic-Adaption (als Vorlage diente Mark Millars Graphic Novel OLD MAN LOGAN) dennoch interessant und mitreißend geraten ist, liegt schon allein an der Tatsache, dass man als Zuschauer über die Jahre einfach mit der Figur gewachsen ist, sie aber nie von einem solch verletzlichen Standpunkt aus betrachten durfte.

Hugh Jackman und Patrick Stewart als altes X-Men-Gespann.
Eigentlich zu alt für den Scheiß: Professor Charles Xavier (Patrick Stewart, links) und Wolverine (Hugh Jackman).

Der verstorbene Filmkritiker Roger Ebert fragte in seiner Rezension zum ersten Wolvie-Solo-Auftritt X-MEN ORIGINS: WOLVERINE: "Why should I care about this guy? He feels no pain and nothing can kill him, so therefore he's essentially a story device for action sequences." Ich vermute, LOGAN wäre ziemlich genau der Film gewesen, auf den Ebert gehofft hätte. Auch wenn Mangold dem Charakter keine derartige Frischzellenkur verpassen mag wie Christopher Nolan seinerzeit Batman in seiner DARK-KNIGHT-Trilogie, kann sein absolut kompromissloser Beitrag eine Ausnahmestellung im wohl derzeit angesagtesten Genre verbuchen.

Mit 135 Minuten Spieldauer nimmt LOGAN auch mal angenehm den Fuß vom Pedal und macht einen Abstecher in den Mittleren Westen der USA. Dort finden die Flüchtenden Unterschlupf bei einer ganz normalen Familie. Das sei das wahre Leben, das er so lange vermisst hat, gibt der frühere Professor X in einem stillen und intimen Moment von sich, bevor wieder die Hölle losbricht. Wer so will, kann in dem Film eine Reflektion über das Altwerden und die damit verbundene Frage des individuellen Vermächtnisses lesen.

Reichlich schwarz, nihilistisch und rau ist dieser apokalyptische Neo-Western ausgefallen, der sich auch vor der expliziten Darstellung von Gewalt an Kindern nicht scheut. Zum Ende ist da Licht – wenn auch nicht im Jetzt, sondern in der Zukunft. Im Abspann singt Johnny Cash "The Man Comes Around". Sein aus dem Trailer bekanntes Nine-Inch-Nails-Cover "Hurt" wäre die passendere Abschlußuntermalung gewesen. Warum, das wäre ein Spoiler ...




Logan - The Wolverine (USA 2017)
Originaltitel: Logan
Regie: James Mangold
Drehbuch: James Mangold, Michael Green, Scott Frank
Kamera: John Mathieson
Musik: Marco Beltrami
Darsteller: Hugh Jackman, Dafne Keen, Patrick Stewart, Boyd Holbrook, Richard E. Grant, Stephen Merchant

Alle Screenshots wurden von der offiziellen Website des Films genommen, (C) Twentieth Century Fox Film Corporation.