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Und weiter geht es mit dem Marvel Cinematic Universe: Nach seinen Betrachtungen zu IRON MAN und DER UNGLAUBLICHE HULK rüstet sich unser Gastautor Dr. Wily nun für IRON MAN 2.



"I've successfully privatized world peace!", tönt Tony Stark (Robert Downey Jr.) ziemlich zu Beginn und schiebt ein Peacezeichen in die Kamera. Nicht nur einer der witzigsten Momente im Film, sondern auch einer der Brüche, in denen IRON MAN 2 thematisiert, daß Tony Stark Waffenproduzent ist und die ganze Zeit vom Frieden redet. Weltfrieden als narzisstische Größenphantasie, vielleicht sogar sublimierte Welteroberung, wird uns als Thema auch später noch beschäftigen. Inwieweit dem Film dieses Thema klar ist und wie der Film mit all seinen anderen Themen umgeht, ist ein Problem, mit dem ich an dem eigentlich sehr unterhaltsamen und witzigen IRON MAN 2 zu kämpfen habe.

Wir finden Tony Stark, nachdem er im ersten Teil nicht nur eine, sondern gleich zwei Superheldenrüstungen zusammengeschweißt und sich am Ende vor der ganzen Welt als Iron Man geoutet hat, zu Beginn von Teil 2 in der ihm sehr angenehmen Situation, daß er sich die längste Friedensperiode der Geschichte zuschreiben kann, weil sich niemand mit Iron Man anlegen will. Dennoch sind nicht alle Iron Man Fans. Da gibt es das Pentagon und das Militär, die beide gerne Zugriff auf die Iron-Man-Technologie hätten, die Tony Stark aber nicht hergeben will. Stattdessen erwartet er allgemeines Vertrauen in seine Fähigkeiten – geistige, moralische und superheldische. Und es gibt Konkurrenten wie Justin Hammer (Sam Rockwell), der natürlich mehr Neider als Konkurrent ist, und der sehr gerne mit dem Pentagon zusammenarbeiten würde, aber leider die Technologie nicht hat, die die haben wollen.

Gwyneth Paltrow als Pepper Potts
Anzug ja, aber keine Krawatte?

Einige spannende Themen also, die sich hier ankündigen. Wieviel Macht soll sich in einer Hand konzentrieren? Wer kontrolliert Massenvernichtungswaffen, und wie werden sie kontrolliert? Wie steht es mit der Verknüpfung zwischen der Politik und dem industriell-militärischen Komplex in den USA?

Der Film nimmt sich so viel Raum dafür, diese Themen darzulegen, daß man davon ausgehen kann, daß es Absicht ist. Leider ergibt sich daraus keine interessante Fragestellung, kein spannender Konflikt (tiefergehende Auseinandersetzung ist bei einem Superheldenfilm eh nicht unbedingt auf der Erwartungsliste), sondern all diese Szenen sind nur dazu da, um Tony Stark ein Bühne für präpotene Sprüche und coole Witze sowie dem Iron Man Raum für krachende Action zu geben. Es ist, als würde der Film seiner Hauptfigur, dem Blender Tony Stark, selber auf den Leim gehen. Grant Morrison, selbst Autor erfolgreicher Graphic Novels wie ARKHAM ASYLUM, sieht sogar eine Verbindung zu unserer Gesellschaft. In seinem Buch SUPERHELDEN - WAS WIR MENSCHEN VON SUPERMAN, BATMAN, WONDER WOMAN UND CO LERNEN KÖNNEN erklärt er: "In einer Welt, in der Reichtum und Berühmtheit die Maßstäbe für Leistung darstellen, ist es nicht weiter überraschend, daß die beiden angesagtesten Superhelden – Batman und Iron Man – gutaussehende Tycoone sind."

In diesem Tonfall geht der Film dann auch mit allen weiteren Themen um, die er aufgreift und die als Ideen ganz tolle Geschichten und Dramen hätten abgeben können. Es läßt sich gleich vorausschicken: THE AVENGERS bringt in zwei Szenen mehr Charakterentwicklung für Iron Man (an denen sich dann auch der gesamte dritte Teil der Reihe aufhängt) als der komplette Teil 2.

Robert Downey Jr. als Tony Stark
Tony Stark (Robert Downey Jr.) forscht nach dem verlorenen neuen Element.

So ist Tony von dem Metall in seinem Körper lebensgefährlich bedroht, und die in Teil 1 entwicḱelte Technologie kann ihm hier nicht mehr helfen. Tonys Unfähigkeit, sich Schwäche einzugestehen und Hilfe zu holen, mündet in einem heiteren Selbstzerstörungstrip, der so viel Hedonismus und so wenig Depression enthält, daß ich erst beim zweiten Ansehen verstanden habe, was man uns hier eigentlich erzählen will. Wieder identifiziert sich der Film völlig mit seiner Hauptfigur: So wie Tony Stark sich keine Schwäche zugesteht, gesteht ihm auch der Film keine zu und ist ständig darauf aus, ihn als coolen und lässigen Hund darzustellen, der ständig Oberwasser hat – auch weil ihm ohnehin alles wurscht ist.

Um zur Lösung des Problems zu kommen – die sich dergestalt präsentiert, daß Tony einfach mal schnell ein neues Element entdecken beziehungsweise wiederentdecken muß, weil es Papa Howard Stark schon in den 1970ern oder so entdeckt hatte, aber aufgrund der technologischen Beschränkungen seiner Zeit nicht herstellen konnte, es aber theoretisch in ein Stadtmodell eingebaut hat (wer die Actionsequenzen hier teilweise für abstrus hält, soll sich das mal auf der Zunge zergehen lassen) – muß sich Tony mit seiner Vergangenheit, eben mit seinem ungeliebten Vater auseinandersetzen. Hier liefert der Film zwei weitere Beispiele, wie er mit Problemen seiner Hauptfigur umgeht: In einer Szene erfahren wir zum ersten Mal, daß Tony "daddy issues" hat, weil sich sein Vater nie um ihn gekümmert hat. In der Szene darauf entdeckt Tony ein altes Video, in dem sein Vater ihn aus der Vergangenheit heraus lobt. Problem gelöst, wird auch nicht mehr thematisiert.

Mickey Rourke als Whiplash
Der Spiegel zu Tony Stark: Whiplash (Mickey Rourke).

Die Suche nach dem rettenden Element für Tonys Metallproblem geht zumindest den ganzen Film lang dahin. Nach Ansehen von Papas Video erledigt Tony die Entdeckung dieses Elements dann allerdings in einem Nachmittag (zumindest vermittelt die Montage das so). Problem gelöst, rechtzeitig zum 30-minütigen Showdown. Es gibt einfach nichts, was Tony Stark nicht problemlos im Griff hätte.

Beim Stöbern in der Vergangenheit stößt er auch auf die Verbindung zu seinem anderen Gegenspieler in IRON MAN 2, nämlich Whiplash (Mickey Rourke), den eine vergangene Familiengeschichte zum Feind von Tony Stark gemacht hat. Whiplash funktionert als Spiegel zu Tony: ein ebenso brilliantes Wunderkind und Sohn eines früheren Kollegen von Howard Stark. Die Sünden der Väter holen also die Söhne ein. Beide Väter haben als Waffenproduzenten vom Frieden geträumt, den sie alleine durch Superwaffen, die nur sie herstellen können, schaffen wollen. Beide haben an kriegsführende Nationen ihre Produkte oder ihr KnowHow verkauft. Beide habe geniale Söhne, die sich geistig ebenbürtig sind. Einer wurde zum Playboymillionär, der andere zum armen Schlucker. Da hätte sich ein tolles und dramatisches Duell daraus machen lassen. Warum ihnen der Film nur drei kurze Treffen gönnt und nur eines davon eine Unterhaltung ist (in den anderen beiden hauen sie sich fest auf die Rübe), bleibt ein Rätsel.

Scarlett Johansson als Black Widow
Coming Attractions: Scarlett Johansson als Black Widow.

Mit IRON MAN 2 erweitert Marvel seine Erzählwelt und stellt immer deutlichere Verbindungen zu anderen Filmen dieses Universums her. Captain Americas unfertiges Schild wird in Szene gesetzt, Howard Stark taucht auf, damit wir, wenn wir ihn später in CAPTAIN AMERICA – THE FIRST AVENGER als jungen Mann wiedertreffen, auch Bescheid wissen, Nick Fury (Samuel L. Jackson) wird ein bedeutender Teil der Handlung, S.H.I.E.L.D.-Agent Phil Coulson (Clark Gregg) wird explizit nach New Mexico geschickt, um dort, wie in der Post-Credits-Szene zu sehen, Thors Hammer zu finden, und Black Widow hat ihren ersten Auftritt. Daß sie mit Scarlett Johansson besetzt wurde, zeigte schon damals, daß man mehr mit dieser Figur vorhatte.

Als kurzweilige, bunte, knallige und spaßige Actionkomödie funktioniert IRON MAN 2 ganz hervorragend, und es ist offensichtlich, daß hierauf auch der Fokus liegt. Die angesprochenen Themen bleiben unausgearbeitet und brach liegen, was sich auch daran zeigt, daß Iron Man zu keinem Zeitpunkt ernsthaft bedroht ist und wir als Zuschauer um ihn bangen müßten. Der Film ist sicher – mit einer Ausnahme: In seiner zweiten Hälfte schickt die enttäuschte und wütende Pepper Potts (Gwyneth Paltrow) Tony aus ihrem Büro, weil er es wieder nicht schafft, sich zu entschuldigen und ihr zu erzählen, wie es um ihn steht. Hier hat man das einzige Mal das Gefühl, unsere Hauptfigur könnte etwas unwiederbringlich verlieren, das sie ganz notwendig braucht und liebt. Es ist eine Szene, in der zwei Menschen in einem Raum sitzen und miteinander reden.

Robert Downey Jr. als Tony Stark, Gwyneth Paltrow als Pepper Potts
Tony Stark (Robert Downey Jr.) und Pepper Potts (Gwyneth Paltrow).

Post-Credits: Die durchaus diskutierbare und vom Film nicht reflektierte Haltung, daß nicht die Waffen das Problem sind, sondern nur die Person, die sie in Händen hält, kennen wir schon aus Teil Eins. Daß diesbezüglich Tony Stark genau der ist, dem wir vertrauen dürfen, wird hier nochmal mit Nachdruck einzementiert.

Post-Credits II: Ich habe mich gefreut zu sehen, wie sich Robert Downey Jr. und Mickey Rourke hier treffen. Zwei der vielversprechensten Schauspieler der 1980er Jahre, beide nach Höhenflügen in jungen Jahren sauber abgestürzt und etwa zur gleichen Zeit – Mickey Rourke dank SIN CITY und THE WRESTLER – wieder aus der Versenkung aufgetaucht. Die Coolness, Spannung und Souveränität ihres kurzen Gesprächs ist eines der besten Dinge an IRON MAN 2.


Dr. Wilys weitere Betrachtungen zum Marvel Cinematic Universe auf Wilsons Dachboden:
IRON MAN: Der gemachte Superheld
DER UNGLAUBLICHE HULK: Lustfeindlichkeit und schiefgegangene Experimente




Iron Man 2 (USA 2010)
Regie: Jon Favreau
Buch: Justin Theroux
Musik: John Debney
Kamera: Matthew Libatique
Darsteller: Robert Downey Jr., Gwyneth Paltrow, Don Cheadle, Scarlett Johansson, Sam Rockwell, Mickey Rourke, Samuel L. Jackson, Clark Gregg, John Slattery, Garry Shandling, Kate Mara, Leslie Bibb
Edward Norton als Hulk

Nach seinen Betrachtungen zu IRON MAN, dem Beginn des Marvel Cinematic Universe, stürzt sich Dr. Wily auf den nächsten Superhelden. Ob DER UNGLAUBLICHE HULK (im Original THE INCREDIBLE HULK) auch unseren gelassenen Gastautor zum grünen Wutteufel werden läßt?



Am Ende ist THE INCREDIBLE HULK eine etwas enttäuschende Sache. Vielleicht, weil Enttäuschung immer etwas mit Erwartungen zu tun hat und ich an den anderen AVENGERS-Geschichten bisher ja großen Gefallen gefunden habe. Aber auch, weil ich den Hulk eine an sich spannende Figur finde. Vielerorts wird er als langweilig und eindimensional bezeichnet, weil er nur ein Mann ist, der sich nicht ärgern darf, da er sonst zu einem großen, grünen Fleischpaket wird, das brüllt und alles kaputt macht. Was ja vom kindlichen Standpunkt aus eine ungeheuer aufregende und vielsprechende Prämisse ist - man darf ja die eigentliche Zielgruppe dieser Filme nicht vergessen.

Der Erwachsene in mir sieht im Hulk noch etwas zusätzlich Interessantes. Wie seine Kollegen von den X-Men oder klassische Horrormonster wie der Wolfsmensch oder der Vampir ist er nicht nur ein Monster/Superheld, sondern erzählt auch etwas über uns Menschen. Die X-Men sind nicht nur Mutanten mit speziellen Kräften, sie sind auch "die, die anders sind" und werden deshalb gefürchtet, ausgegrenzt und verfolgt. Der Vampir erzählt uns immer etwas über sexuelle Begierde. Auch beim Hulk ist seine spezielle Fähigkeit nicht bloß Segen und Superkraft, sondern auch Fluch. Die Achillesferse ist Teil seiner Außergewöhnlichkeit. Die rasende, brodelnde Wut, die in uns aufsteigt und die uns selbst Angst macht, weil wir das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren und uns selbst nicht mehr zu kennen (Mark Ruffalos Bruce Banner nennt ihn in THE AVENGERS nicht zufällig "the other guy"), die Wut, die wir zügeln müssen, um uns selbst oder andere nicht zu verletzen, Beziehungen nicht zu gefähren, das soziale Gefüge nicht stören - das ist der Hulk. Spätestens im Straßenverkehr kommt bei fast jedem einmal das große, grüne Wutmonster hervor.

Edward Norton als Bruce Banner
Bruce Banner (Edward Norton) auf der Flucht.

Was macht nun Regisseur Louis Leterrier in seinem THE INCREDIBLE HULK damit (oder eben nicht)? Nun, der Mann hat unter anderem zwei der TRANSPORTER-Filme und KAMPF DER TITANEN gemacht - was seine Geschmacks- und Interessenlage ganz gut darlegt. Leterrier macht Action und mag Spezialeffekte. Ergo finden sich diese beiden Elemente auch häufig in diesem Film, was mein Interesse an der Geschichte ja nur zum Teil befriedigt.

Der Film frühstückt die Origin-Story des Hulk - das schiefgegangene Experiment, das Bruce Banner (Edward Norton) mit Gamma-Strahlen verseucht - gleich während des Vorspanns ab und zeigt uns Banner dann, wie er sich in den Favelas von Rio De Janeiro von der Welt zurückgezogen hat. Dort versucht er mittels fernöstlicher Kampfkunst, Meditation und Atemübungen den Hulk unter Kontrolle zu halten. Er trägt einen Pulsmesser, der ihn warnt, wenn er sich zu sehr aufregt, und versucht mit Hilfe von Pflanzen und Experimenten fieberhaft, "es" loszuwerden. Er begreift den Hulk als Krankheit, die es zu heilen gilt, und als etwas, das nicht in ihn hinein gehört.

Bruce Banner ist hier nicht nur ein Außerseiter, er ist aus der Gesellschaft gefallen. Im Gegensatz zu zukünftigen Avengers-Kollegen wie Iron Man, Thor und auch Captain America ist sich Banner der negativen Seiten seiner Fähigkeiten bewußt und übernimmt fast zuviel Verantwortung dafür. Er muß sich vor dem Militär verstecken, benutzt deshalb keine Kreditkarten und kein Telefon, kontaktiert einen helfenden Wissenschaftler nur über gut verschlüsselte Emails und hat den Kontakt zu seiner großen Liebe Elizabeth (Liv Tyler) völlig abgebrochen, um sie nicht zu gefährden. Wir sehen ihn oft in Fetzen am Straßenrand kauern, ausgelaugt, müde, unrasiert und völlig verängstigt. Als er seiner Elizabeth wieder begegnet, verkriecht er sich sogar hinter einer Mülltonne. In seinen Träumen lassen ihn Bilder von Gewalt und Wut nicht los, und er behandelt sich selbst wie einen Aussätzigen. Er ist eine traumatisierte, gepeinigte und bisweilen sogar selbstgeißelnde Seele, kurzum - ein wirklich riesengroßes Häufchen Elend. Edward Norton kann das gut.

Banner (Edward Norton) und Elizabeth (Liv Tyler)
Bruce Banner (Edward Norton) und seine große Liebe Elizabeth (Liv Tyler).

Doch der Film läßt seinen Figuren keine Zeit, gibt ihnen keinen Raum. Bei Minute 16 ist Banner auf der Flucht, bei Minute 22 taucht der Hulk das erste Mal auf, und dann geht es nach Baukastenprinzip weiter. Alle zwanzig Minuten muß es actionmäßig krachen, auch wenn das bedeutet, sich gerade entwickelnde Charaktermomente einfach abzudrehen. Am schmerzhaftesten ist es bei der Szene auf dem Unigelände. Banner hatte gerade Elizabeth wieder getroffen, es entwickelt sich wieder eine Beziehung, die Chemie zwischen Norton und Tyler stimmt. Da stehen plötzlich Soldaten hinter den Bäumen und Jeeps brechen durch das Gebüsch. Keine Ahnung, wie die dort hingekommen sind, aber das Militär weiß wahrscheinlich immer, wo alle sind.

Wie Leterrier diesen persönlichen Moment abwürgt, tut richtig weh. Und er macht es immer wieder. Elizabeth und Bruce bekommen keine Möglichkeit, ordentlich zusammenzufinden. Beim nächsten Mal versucht er es mit Humor. In der "Bettszene" zerbröselt fast jede aufkeimende Intimität zwischen Norton und Tyler zuerst am Tempo, mit dem er über den Dialog hetzt. Beziehung, Zärtlichkeit und Annäherung brauchen Zeit - doch dazu kommt es nicht. Kaum beim Petting, schlägt Banners Pulsmesser an. Dem Armen ist sogar Sex zuviel Aufregung! Ohne alle Hulkcomics gelesen zu haben, behaupte ich: Das war nicht die Grundidee. Der Hulk entsteht in den Vorlagen durch Wut und wird durch mehr Wut immer stärker und mächtiger. Wenn die Marvel-Studios behaupten, ihre Filme selbst zu finanzieren, damit die Geschichten näher am Ausgangsmaterial bleiben, dann haben sie in diesem Fall ihre eigenen Hefte nicht genau gelesen. Auch, daß der Hulk teilweise so animalisch-männliche Züge bekommt und sich wie ein Gorillamännchen gebärdet, kenne ich so aus dem Comics nicht. Vielleicht sieht der Film Wut, Angeberei und Männlichkeit ja als gegenseitig inhärent.

Der Hulk als King Kong.
King Hulk und die weiße Frau.

Daß die Liebesgeschichte dennoch irgendwie reizend ist und funktioniert, liegt vor allem an Edward Norton und Liv Tyler. Während Herr Norton als Schauspieler als über jeden Zweifel erhaben gilt, scheiden sich an Frau Tyler immer wieder die Geister. Sie wirkt auch hier gewohnt zerbrechlich und nah am Wasser gebaut, ihre Stimme gibt ihr wie immer etwas Entrücktes und Feenhaftes (manche nennen das auch langweilig), doch dem Ganzen wohnt auch eine ungeheur liebevolle Warmherzigkeit inne. Die beiden Schauspieler holen aus ihren gemeinsamen Szenen soviel heraus, da selbst die unempathische Regie nicht alles zerhacken kann.

Noch ein Aspekt an der Liebesgeschichte ist interessant. In einer Szene rettet der Hulk Elizabeth aus den Flammen und ergreift mit ihr die Flucht in die Berge, wo er sie in einer kleinen Höhle in Sicherheit bringt. Hier spielt Leterrier ganz klar auf KING KONG an und zeichnet den Hulk als Monster, das durch die Liebe gezähmt wird. Es zeigt Banner auf, daß er den Hulk möglicherweise doch auf irgendeine Art und Weise kontrollieren kann. Übertragen kann man die Beziehung zu Elizabeth als die Hoffnung lesen, auch trotz unseren unschönen Seiten geliebt zu werden. In dem Moment, in dem sich Banner ihr als Hulk zeigt und erkennt, daß er keine Angst haben muß, verstoßen zu werden, geht die Tür zur Kontrolle des Hulk ein Stück auf (dieses Thema wird in den beiden AVENGERS-Filmen anhand der Beziehung zu Black Widow fortgeführt). Für diesen intimen Moment nimmt sich der Film genau die Zeit, die er für Bruce und Elizabeth nicht hat. Es ist eigenartig - Leterrier versteht offenbar die Beziehung zwischen Hulk und Elizabeth. Die Beziehung zwischen Bruce und Elizabeth versteht er nicht.

Edward Norton als Bruce Banner
Gleich sieht Bruce Banner rot - beziehungsweise grün.

Die beiden sind die einzigen Charaktere in THE INCREDIBLE HULK, die in irgendeiner Weise ausgearbeitet sind. Es gibt auch noch William Hurt als Elizabeths Vater und fieser, gemeiner General. der Banner jagt, sowie Tim Roth als knallharter Soldat, der Banner zur Strecke bringen soll und zu diesem Zwecke ebenfalls per Experiment in ein großes, diesmal gelbliches Fleischmonster verwandelt wird. Klar spielen die beiden das überzeugend, sie gehören zum Besten, was Hollywood zu bieten hat. Warum aber die Hurt-Figur so verbissen hinter Banner her ist, bleibt ein bißchen rätselhaft. Sicher, er will den Hulk als Waffe. Aber das Serum steht eh in seinem Kühlraum, sonst könnte er es Tim Roth nicht spritzen. Vielleicht ist es, weil er ein sturer, eiskalter Militärschädel ist. Oder vielleicht ist er einfach deshalb böse, weil er den Hulk nicht mag. Tim Roths Figur ist noch eindimensionaler: Er will einfach jagen und töten und mächtig sein, glaube ich - was für einen Bösewicht ja ausreichend ist. Ich hatte kurz den Endruck, es geht ihm auch ums Älterwerden und den spürbaren körperlichen Verfall. Aber ein Satz macht noch keine Charaktereigenschaft.

Warum diese Eindimensionalität bei Loki in THE AVENGERS funktionert und hier nicht, liegt am Tonfall: THE INCREDIBLE HULK nimmt sich zu ernst. Zuerst in der harten Zeichnung des gebrochenen Bruce Banner, später in den brutalen und teilweise grausamen Actionsequenzen. Deshalb verpufft auch jeder Versuch von Humor. Der kindliche Spaß fehlt hier. Witzigerweise macht er Lustfeindlichkeit, wie oben beschrieben, sogar selbst zum Thema.

Edward Norton als Bruce Banner
Banner versucht, den Hulk zu kontrollieren.

Auf der Habenseite verbuchen wir zwei tolle Hauptdarsteller und die Tatsache, daß Leterrier versucht hat, hier etwas anderes zu machen als die übrigen Marvelverfilmungen - sowohl im Tonfall als auch im Aussehen. THE INCREDIBLE HULK hat einen realistischeren Look, der an die Bourne-Filme erinnert, was vor allem zu Beginn, bei den Szenen in den Favelas, eine Augenweide ist. Im Gegensatz zu den anderen Filmen aus der sogenannten Phase Eins des Marvel Cinematic Universe erzählt THE INCREDIBLE HULK keine Origin-Story. Es funktioniert mehr wie ein Kapitel in der langen Geschichte des Hulk. Die Charakterreise von Banner/Hulk ist hier, daß er zu Beginn alleine auf der Flucht ist, sich vor der Welt versteckt, sich vor dem Monster in ihm fürchtet und versucht, es durch fernöstlichen Kampfsport zu kontrollieren. Am Ende, nach einer langen Kampfsequenz aus dem Computer, in der die beiden Muskelprotze aufeinander losgehen, ist Banner alleine auf der Flucht, versteckt sich vor der Welt und macht Sport, um das Monster in sich zu kontrollieren - nur, daß es diesmal Joggen ist. Da die angedeutete Entwicklung, Banner habe sich mit dem Hulk arangiert und kontrolliere ihn bewußt, in THE AVENGERS wieder relativiert wird, stellt sich die Frage, welcher Entwicklung wir hier tatsächlich zugesehen haben.

Post-Credits: Ich gebe zu - als sich Bruce Banner gegen Ende aus dem Helikopter fallen läßt, ist mir das direkt in den Bauch gefahren.


Dr. Wilys weitere Betrachtungen zum Marvel Cinematic Universe auf Wilsons Dachboden:
IRON MAN: Der gemachte Superheld





Der unglaubliche Hulk (USA 2008)
Originaltitel: The Incredible Hulk
Regie: Louis Leterrier
Buch: Zak Penn
Kamera: Peter Menzies Jr.
Musik: Craig Armstrong
Darsteller: Edward Norton, Liv Tyler, Tim Roth, William Hurt, Tim Blake Nelson, Ty Burrell, Lou Ferrigno
Robert Downey Jr. als Iron Man

Wenn man schon einen Superhelden im Team hat, kann der auch getrost die Konkurrenz besprechen. Mit den folgenden Überlegungen zu IRON MAN startet Gastautor Dr. Wily eine Reihe über die einzelnen Filme des Marvel Cinematic Universe.



2008 ändern die Marvel Studios ihre Geschäftsstrategie. Fungierten sie bis dahin als Co-Produzenten und Lizenzgeber, wollen sie nun als eigenständiges Studio völlig eigenfinanzierte Verfilmungen ihrer beliebten Comicfiguren in die Kinos bringen. Sie erhoffen sich davon vor allem zwei Dinge. Erstens soll damit eine genauere kreative Kontrolle möglich sein. Alle Filme sollen, wie die Comics auch, im gleichen Universum spielen, womit auch Überlappungen zwischen den Geschichten möglich sein sollen. Die Option einer Franchise war von Anfang an auf dem Radar der Marvel Studios. Zweitens wollen sie das ganze Geld verdienen, das die Filme einspielen. Im Falle eines Erfolgs wollen sie nicht nur auf den Lizenzgebühren sitzen bleiben. Daß das Unterfangen von Beteiligten wie Marvel-Studios-Präsident Kevin Feige und Regisseur Jon Favreau als riskant und mit viel Unsicherheit und Angst verbunden erinnert wird, kann man sich heute kaum mehr vorstellen. "People forget IRON MAN was an independent movie," erzählt Feige in Vanity Fair und fragt sich offenbar immer noch: "What is the movie that's going to mess it all up?"

Als Einstieg in dieses Marvel Cinematic Universe (MCU) wählen sie also IRON MAN. Der Film erzählt die Läuterungsgeschichte von Tony Stark (Robert Downey Jr.). Tony ist ein Technikgenie, ehemaliges Wunderkind und mindestens mehrfacher Milliardär (Ähnlichkeiten mit Howard Hughes sind kein Zufall), der von seinem Vater Howard die Firma Stark Industries geerbt und massiv ausgebaut hat. Stark Industries baut und vertreibt Waffen. Aber nicht irgendwelche Waffen: Das Genie Tony baut die besten Waffen der Welt. Seiner Auffassung nach entsteht Frieden nur dann, wenn einer "den größeren Stock hat". Darüber hinaus kümmert sich der Playboy und Großkotz sehr wenig um die Auswirkungen seiner Produkte. Bis er bei einer Waffenpräsentation in Afghanistan von Terroristen überfallen und gekidnappt wird. Bei dem Überfall explodiert neben Tony eine seiner tollen Raketen, woraufhin er Schrapnel im Körper trägt. Nur eine Batterie in seiner Brust hält das Metall von seinem Herz fern. Tony, der Mann, der nun Eisen in sich hat, muß zum Teil eine Maschine werden, um zu überleben. Hier beginnt die Läuterungsgeschichte: Nach seiner Rückkehr stampft Tony die Waffenproduktion seiner Firma ein und will sich auf eine neuartige, seiner Meinung nach friedfertige Technologie konzentrieren. Während er am Update seiner Iron-Man-Rüstung schraubt, ist sein Partner und Anteilseigner Obadiah Stane (Jeff Bridges) von diesen Plänen nicht überzeugt, und es kommt zum Showdown zwischen den beiden.

Robert Downey Jr. als "Iron Man" Tony Stark
Superheld mittels Technologie: "Iron Man" Tony Stark (Robert Downey Jr.).

Daß Robert Downey Jr. damals für die Rolle des Tony Stark ausgewählt wurde, war ein kleiner Clou, der sich angesichts Downeys Popularität mitlerweile kaum mehr nachvollziehen läßt. Nach Jahren der Drogenabhängigkeit, Entzugskuren und Gefängnisaufenthalte hatte er, der als junger Mann mehrfach als bester Schauspieler seiner Generation gepriesen worden war, gerade erst begonnen, sich zurück ins Rampenlicht zu arbeiten. Downey wurde während der Promo zu IRON MAN nicht müde zu betonen, wie sehr er sich mit der Rolle des Überheblichen, der fallen muß, um sich selbst zu finden, identifizieren konnte. Zehn Jahre und sieben (oder acht, wenn man die Schlußszene in THE INCREDIBLE HULK mitzählt) Auftritte als Tony Stark später sieht es so aus, als wäre es die Rolle seines Lebens geworden (mit der er laut Vanity Fair allein 2015 um die 80 Millionen Dollar verdient haben soll).

Visuell hat Regisseur Jon Favreau, der zuvor zwar zwei Filme inszeniert, aber vor allem als Schauspieler gearbeitet hatte, aus IRON MAN eine solide gefilmte, unterhaltsame Actionkomödie nach dem Blockbusterhandbuch gemacht. Der Film ist handwerklich einwandfrei, glänzt wie der Anzug seines Titelhelden in schönen Farben und kommt genau so glatt und selbstbewußt daher wie Tony Stark – inklusive der Tendenz, sich für etwas schlauer und besser zu halten, als er in Wirklichkeit ist.

"Iron Man" Tony Stark: Robert Downey Jr.
Nur ein kleiner Rückschlag für den selbstgemachten Superhelden Tony Stark (Robert Downey Jr.).

Es ist spannend, heute zu sehen, wieviel Zeit sich der Film für die Technik des Iron Man nimmt. Jon Favreau erzählt, daß es ihm wichtig war, den Anzug als technologiebasiert zu zeigen. Er setzt immer wieder dessen metallische Schwere und Unbeweglichkeit in Szene, und wir sehen ausführlich, wie die Mechanik funktioniert. Er zeigt uns verschiedene Stadien der Rüstung (die allererste orientiert sich am ursprünglichen Iron Man in den Comics der 1960er Jahre) und Szene um Szene, in der Tony am Anzug schraubt, ihn testet und pseudotechnischen Kauderwelsch in seinen Computer Jarvis diktiert. Das ständige Verbessern und Umbauen des Anzugs wird, wie auch in den Comics, ein wiederkehrendes Element der Iron-Man-Filme werden.

Tony soll als Bastler und Arbeiter gezeigt werden. Er mag ein Genie und arroganter Milliardär sein, aber er ist auch zielstrebig, fleißig und entschlossen und hat sich seinen Ruhm und Reichtum auch verdient. Er ist nicht der geborene Superheld, nicht der Auserwählte, sondern ein gemachter. Dietmar Dath bezeichnet ihn im Reclam-Buch SUPERHELDEN als einen Superheld aus Selbstermächtigung. Daher darf man ihm auch trauen, wenn er als Iron Man selbst entscheidet, wer mit was auf wen schießen darf. Die den Superhelden innewohnende Thematik der Selbstjustiz wird erst bei CAPTAIN AMERICA - CIVIL WAR so richtig zum Thema, aber es ist schon hier, im ersten Film des MCU, ein Problem in Tony Starks Charakter. Zu Beginn ist er ein reicher Waffenproduzent, der der Meinung ist, daß der mit dem "größeren Stock" für Frieden sorgt, und dem egal ist, was mit seinen Waffen passiert. Am Ende ist er ein reicher Waffenproduzent, der den größten Stock am eigenen Körper trägt und damit entscheidet, wer gut und wer böse ist. Die Läuterung ist hier nur eine vermeintliche: Tonys Weltsicht hat sich nicht verändert, er hat sie nur seinem neuen Selbstbild und Ego angepasst. Die ganze aufgesetzte Kritik am industriell-militärischen Komplex zerfällt, zumal sich der Film auch sonst sehr beeindruckt vom amerikanischen Militär zeigt. Die zweite Charakterentwicklung Tonys, der lernt, daß er in bestimmten Situationen seine eigenen Bedürfnisse zurückstellen muss, ist dagegen sehr stimmig und nachvollziehbar erzählt und kommt erst in THE AVENGERS so richtig zum Tragen.

Jeff Bridges als Gegenspieler Obadiah Stane
Starks Gegenspieler Obadiah Stane (Jeff Bridges) rüstet auf.

IRON MAN war 2008 unter den acht erfolgreichsten Filmen des Jahres, und das MCU hat sich in den vergangenen zehn Jahren zum Dauerhit und Popkulturphänomen entwickelt. Keiner der Filme des Studios war ein Flop, wenn auch manche besser liefen als andere. Neben der zugänglichen und unterhaltsamen Inszenierung und der kurzweiligen und leicht verdaulichen Geschichte von IRON MAN hat, denke ich, ein weiteres Element wesentlich dazu beigetragen, daß die Leute auch den nächsten Film aus dem Hause Marvel sehen wollten: Die Marvel Studios versprachen schon in IRON MAN eine viel größere Geschichte. Ob es jetzt das mehrmalige, als Running Gag verpackte, Auftauchen von S.H.I.E.L.D.-Agent Phil Coulson (Clark Gregg) ist, der Blick von James Rhodes (Terrence Howard) auf seinen zukünftigen Warmachine-Anzug, den er mit "Next time, baby" kommentiert, Captain Americas Schild im Hintergrund von Tonys Labor oder Nick Furys (Samuel L. Jackson) Hinweis auf die Avengers in der Post-Credit-Sequenz – Fans wußten, wovon die Rede war, und konnten frohlocken ob der Dinge, die da kommen würden. Unbedarfte wurden mit einem Geheimnis konfrontiert, das neugierig machte und gleichzeitig aus der Cliffhanger-Erzählweise der boomenden Fernsehserienformate zur gleichen Zeit sehr vertraut war. Seit IRON MAN bleiben mehr Menschen den ganzen Abspann lang im Kino sitzen – wenn auch nur bei Comicverfilmungen.

Post-Credits: Der schönste Effekt des Films sind meiner Meinung nach übrigens Gwyneth Paltrows Sommersprossen. Die sind bei ihren weiteren Auftritten als Pepper Potts verschwunden. Es hat mich verwundert zu sehen, wie glatt ein ohnehin schon glattes Produkt in zehn Jahren noch gebügelt werden kann. Das ist ja fast wie bei den Platten der Eagles.




Iron Man (USA 2008)
Regie: Jon Favreau
Buch: Mark Fergus, Hawk Ostby, Art Marcum, Matt Holloway
Kamera: Matthew Libatique
Musik: Ramin Djawadi
Darsteller: Robert Downey Jr., Terrence Howard, Jeff Bridges, Gwyneth Paltrow, Leslie Bibb, Clark Gregg, Jon Favreau, Tim Guinee


Treffen des Geheimbunds The Skulls

Ich hätte ein grundlegendes Problem, wenn ich Mitglied bei einer Geheimgesellschaft sein sollte: Man darf ja niemandem davon erzählen. Wenn man schon in so elitäre und einflußreiche Kreise aufgenommen wird, möchte man doch, daß das Umfeld auch darüber Bescheid weiß! Wieviel Spaß macht es wohl, zum Großmeisterlogenumtrunk eingeladen zu sein und den Freunden dann lahm vorzuschwindeln, daß man schon wieder den Abend auf der Couch verbracht und die Continuity-Probleme von AMERICAN FIGHTER 5 studiert hat?

Die Geheimgesellschaft "The Skulls" im gleichnamigen Film hat wohl ein ähnliches Problem. Idealerweise wüßte ja gar niemand von der bloßen Existenz eines Zusammenschlusses, der so mächtig ist, daß daraus schon mehrere US-Präsidenten und die Gründung der CIA hervorgegangen sind – aber das bremst das Vergnügen am rituellen Herrenabend ja dann doch zu sehr. Also besitzt die Skulls-Gesellschaft ein großes Gebäude am Campus, innen wie eine Krypta eingerichtet, außen mit großem Logo des Bundes gekennzeichnet (natürlich: der Totenschädel). An der Tür hängt womöglich noch ein Schild: "Hier befindet sich kein Sitz irgendeiner geheimen Gesellschaft".

Joshua Jackson und Paul Walker lernen sich bei einem Skulls-Ritual kennen
Ein anheimelndes Kennelernritual bei den Skulls: Caleb (Paul Walker, links) und Luke (Joshua Jackson).

So hat sich die Existenz der Skulls also doch schon ein wenig herumgesprochen, weswegen die Studenten am Campus auch schon darüber Bescheid wissen, daß der Clan jedes Jahr fünfzehn neue Studenten in seine Reihen aufnimmt. Das machen sie mit einem schwer geheimen Aufnahmeritual, wie Luke McNamara (Joshua Jackson) feststellen muß: Er erhält einen Telefonanruf, in dem er instruiert wird, innerhalb von 40 Sekunden an einem bestimmten Ort am Campus zu sein. Dort steht ein öffentliches Telefon, an dem er den nächsten Punkt der Schnitzeljagd erfährt. Am Ziel angekommen soll Luke ein komisches Gebräu mit der Aufschrift "Drink Me" zu sich nehmen, das ihn nicht zu Alice ins Wunderland katapultiert, sondern bewußtlos macht. Wenig später wacht er in einem Sarg im Hauptquartier der Skulls auf, zusammen mit einigen weiteren Anwärtern.

Wie jede anständige Kino-Geheimgesellschaft pflegen auch die Skulls ihre einschüchternden Rituale. Der Club ist eine Mischung aus Sekte und Burschenschaft: Für die Aufnahme muß eine dezent gefährliche Mutprobe bestanden werden, dafür erhalten die Mitglieder dann ein bibelähnliches Regelbuch, das, wie es heißt, für jede Situation die passenden Vorschriften parat hält. Vielleicht steht dann auch darin, wie man der Freundin am schonendsten beibringt, dass der neue gelbe Hut ein Fehlkauf war.

Joshua Jackson und Leslie Bibb lesen das Skulls-Regelbuch
"Steht da auch drin, was man tun soll, wenn das Skript nicht so richtig gut ist?"

Als neuer Skull erhält Luke sämtliche Annehmlichkeiten zur Verfügung gestellt, die so ein junger Mann sich wünschen kann (wenn er nicht gerade darauf spezialisiert ist, 35mm-Kopien von alten Shaolinfilmen zu sammeln). Beim großen Empfang in der Festhalle lernt er wichtige Leute kennen und kriegt eine hübsche Frau für den Abend spendiert (die vorher ausführlich über ihn unterrichtet wurde – wahrscheinlich, um beim Smalltalk nicht etwa ein heikles Thema wie Lücken in der hauseigenen Shaolinfilmsammlung anzuschneiden). Plötzlich befindet sich jede Menge Geld auf dem Konto, außerdem wird ein neuer Sportwagen spendiert. Luke kriegt sogar ein Dokument in die Hand gedrückt, daß er auf einer Universität seiner Wahl zum Jurastudium zugelassen wurde – obwohl er sich noch nirgendwo beworben hat! Bei einer solch herzlichen Aufnahme im Kreis solch lieber Menschen darf man einige Momente lang mutmaßen, ob der Konflikt des Films darin bestehen wird, daß Luke doch viel lieber zum Gesangsstudium an die Pop-Akademie nach Mannheim gehen möchte.

Aber nein, die wahren Probleme von Luke liegen ganz woanders: Sobald sein Freund Will und seine platonische Freundin Chloe (die viel zu hübsch ist und außerdem viel zu wenig andere Figuren kennt, um nicht bis Filmende doch noch mit dem schönen Luke anzubandeln) vermuten, daß er nun Mitglied einer Geheimgesellschaft ist, herrscht miese Stimmung. Vor allem Will ist prompt schwer beleidigt, daß Luke ab sofort Geheimnisse vor ihm haben wird.

Joshua Jackson und Leslie Bibb als total platonische Freunde
Voll platonisch: Luke (Joshua Jackson) und Chloe (Leslie Bibb).

Zum Glück kriegt Luke aber einen neuen Freund zur Seite gestellt: den auch sehr schönen Caleb Mandrake (Paul Walker, bevor er aufs Gaspedal stieg). Bei den Skulls kriegt nämlich jeder einen "Seelenverwandten" verpaßt, mit dem er über wirklich alles reden kann – außer vielleicht, wenn man gerade den besten Freund seines neuen Seelenverwandten auf dem Gewissen hat, wie es Caleb mit Luke bzw. Will gerade passiert ist. Der Journalismus-Student Will arbeitete nämlich an einem aufrüttelnden Exposé über die Skulls (die sich angesichts ihres Bekanntheitsgrades überlegen sollten, einfach gleich eine PR-Firma anzuheuern). Dafür hat er Calebs Regelbuch und seinen Schlüssel zum Skulls-Hauptquartier geklaut – und bei den dortigen Recherchen kam es durch Calebs plötzliches Auftreten zu einem Unfall, bei dem Will leider kopfüber auf den Marmorboden gekracht ist.

Die Skulls regeln das natürlich: Der Vorfall wird schnell als Selbstmord getarnt, damit das angenehme Skull-Dasein weitergehen kann. Nur ein lästiger Inspektor stellt Luke penetrant unangenehme Fragen – und so darf der frischgebackene Geheimgesellschaftsjüngling schon bald die Wahrheit über seine neuen Brüder erfahren und sich überlegen, wie er aus dem Verein wieder austreten kann. Sie machen es einem ungefähr genauso schwer wie Facebook, wenn man sein Konto löschen will.

Im restlichen Film gibt es Verfolgungsjagden, ein Duell nach dem Regelbuch, Paul Walker mit nacktem Oberkörper beim Boxtraining, einen von Chloe gebauten Kunstroboter und geheimnisvoll gelöschte Sicherheitskameraaufnahmen. Zweimal sitzt Student Luke sogar in einem Seminar, das fast so hübsch photographiert ist wie der ganze Rest vom Film.




The Skulls - Alle Macht der Welt (Kanada/USA 2000)
Originaltitel: The Skulls
Regie: Rob Cohen
Buch: John Pogue
Kamera: Shane Hurlbut
Musik: Randy Edelman
Darsteller: Joshua Jackson, Paul Walker, Hill Harper, Leslie Bibb, Christopher McDonald, Steve Harris, William Petersen, Craig T. Nelson

Die Screenshots stammen von der DVD (C) Kinowelt.
Lee (Kate Mara) trifft Morgan (Anya Taylor-Joy)

Nach Jake Scott und Jordan Scott tritt nun auch der 1968 geborene Luke Scott in die Fußstapfen seines Vaters und präsentiert mit dem 2016 veröffentlichten DAS MORGAN PROJEKT (im Original schlicht MORGAN) sein Spielfilmdebüt. Im folgenden Gastbeitrag macht sich mein Podcast-Kollege Dr. Wily einige Gedanken über den Science-Fiction-Thriller.



Familie Scott beschäftigt sich ein weiteres Mal mit dem künstlichen Menschen: Produzent von MORGAN ist Ridley Scott, der sich nicht nur in BLADE RUNNER, sondern auch in seiner ganz persönlichen Forterzählung der ALIEN-Geschichte auf die Suche nach dem Ursprung des Menschlichen, dem Kern des Mensch-Seins begeben hat. Vielleicht ist es aber auch nur Zufall, daß sein Sohn Luke Scott mit MORGAN sein Spielfilmdebüt als Regisseur gibt.

Hier geht es um ein Genexperiment, durchgeführt von einem kleinen, familiären Team in einem abgeschiedenen Labor, umgeben von wunderschönen grünen Wäldern. Es soll ein synthetischer Mensch im Reagenzglas erzeugt, geboren und großgezogen werden. Das Ergebnis, nach zwei mißglückten Versuchen, ist Morgan (Anya Taylor-Joy). Sie ist zu einer jungen Frau herangewachsen, hat aber kürzlich in einem bislang unerklärbaren Anfall einer Mitarbeiterin ein Auge ausgestochen und kurz davor einem verletzten Reh das Genick gebrochen. Das macht der Firmenzentrale in der Stadt Sorgen, und sie schicken unsere (leider sehr unglücklich gewählte) Hauptfigur Lee (Kate Mara), um sich das Ganze anzusehen und gegebenenfalls Entscheidungen zu treffen. Sie und wir merken bald, daß Morgan zwar den Körper einer jungen Frau hat, aber eigentlich erst 5 Jahre alt ist, also schneller wächst als normale Menschen. Alle Mitarbeiter hängen sehr an Morgan und haben eine enge Bindung zu ihr aufgebaut, die einer Eltern-Kind-Beziehung sehr ähnlich ist. Nur Lee sieht sie als biologisches Produkt und bezeichnet sie auch konsequent als "Es". Lee wiederum wird auch gleich als ein von der Zentrale geschickter "assassin" erkannt.

So. Damit wäre das Set-Up erklärt und auch die sich daraus ergebenden Konflikte. Mit einer durchaus interessanten Prämisse ist der Film auch eine Weile spannend und sehr schön anzusehen. Dann kommt Paul Giamatti als einer dieser ärgerlichen Filmpsychologen, die scheinbar allesamt nicht auf einer Universität, sondern bei Dr. Loomis aus HALLOWEEN studiert haben. Er nimmt eine dieser ärgerlichen psychologischen Filmevaluationen vor, in der er zwar vermeintlich interessante Fragen stellt, aber nichts dazu dient, Widersprüche der Figuren zu erforschen, sondern alles dazu, Morgan zu reizen und so den dritten Akt in Gang zu setzen, in dem es dann nurmehr ums Laufen, Schießen, Kämpfen und Sterben geht. Die Sache endet folgendermaßen: Morgan und Lee sind beide gezüchtete Supersoldatinnen aus verwandten Testreihen. Morgan dreht durch und killt ein paar Leute. Lee bleibt professionell programmiert und killt alle anderen.

Kate Mara als Lee Weathers
Profi-Problemlöserin Lee Weathers (Kate Mara).

In den Leerstellen dieser Geschichte haben sich dann einige Fragen bei mir aufgetan. Warum ist ein künstlich erzeugter Mensch aus menschlichem Genmaterial eigentlich kein normaler Mensch? Was unterscheidet uns da? Was macht also das spezifisch Menschliche aus? Wenn dieses Kind körperlich schneller wächst, entwickeln sich Gehirn und Emotionen genauso schnell? Daraus würde sich die Frage ergeben – wie lernen wir Emotionen? Nun, viel über unser Umfeld. Dementsprechend hätte sich Morgan ja zu einem sehr liebevollen Menschen entwickeln müssen. Was aber läßt das Umfeld so eine emotionale Bindung zu ihr aufbauen, wo sie doch angeblich kein normaler Mensch ist? Was soll uns das Ganze über den Menschen erzählen, wenn es am Ende nur gezüchtete Kampfmaschinen sind? Mehr Fragen als Antworten hätten der Geschichte gut getan. Mehr Ambivalenzen als völlig auserklärte Szenen. Aber mit solchen Dingen belastet sich MORGAN erst gar nicht.

Doch lassen wir uns kurz auf die Welt von MORGAN ein und vergessen den Film, den ich vielleicht gern gesehen hätte. Da züchtet also eine Firma diverse Supersoldaten gleichzeitig in verschiedenen Projekten und Locations. Es wird versucht, diese künstlichen Soldaten so menschenähnlich wie möglich zu machen. Wozu genau, erfahren wir nicht. In der Geschichte sind sie vor allem dazu da, sich gegenseitig umzubringen. Das wäre aber unlogisch. Es kann fast nur auf Undercover- oder Infiltrationsaufträge abzielen, denn an der Front sind, wenn schon künstlich, Robocops wohl die bessere Wahl. Es bleibt ein Rätsel.

Daß es, wie wir erzählt bekommen, nur Frauen sind, die gezüchtet werden, tut dem Film ganz gut. Es erzeugt in seinen Actionszenen immer noch wirkungsvolle Bilder, die Geschlechterstereotypen aus Actionfilmen umdeuten. Gleichzeitig sollen es aber gar keine Frauen sein: Diese Soldaten sind geschlechtslos. Sie wurden hier halt nur mit zwei Schauspielerinnen besetzt. Kate Mara bekam einen Kurzhaarschnitt und Anya Taylor-Joy einen Kapuzenpulli.

Paul Giamatti als Psychologe Dr. Shapiro
Wohl nur ein Bachelor-Absolvent der Loomis-Schule: Psychologe Dr. Alan Shapiro (Paul Giamatti).

Am Ende lernen wir, daß Kate Mara der bessere Soldat ist, weil sie weniger emotional ist und deshalb auch keine zwischenmenschlichen Beziehungen eingeht, während Morgan ihre Freundin Amy (Rose Leslie) schützt, um mit ihr an den See zu fahren. Ihr Todesurteil.

Was wissen wir also nach diesem Film über den Menschen? Der bessere Soldat ist geschlechts- und emotionslos. Fertig. Als Zuseher sind wir einer kalten und distanzierten Auftragskillerin gefolgt, die im Sinne ihrer Persönlichkeit und Rolle in der Geschichte keinerlei Entwicklung durchmachen kann. Wenn es von den Machern vielleicht nur als spannender Thriller gesehen wurde, will sich bei mir aber keine Erleichterung darüber einstellen, daß das Monster Morgan am Ende ertränkt wird. Ich war viel zu beunruhigt über das Monster Lee, das einfach alle, und zwar wirklich alle, Figuren des Filmes fein säuberlich wegputzt und dann zurück in unsere Zivilisation marschiert. Morgans Taten rechtfertigen Lees Taten zu keinem Zeitpunkt.

Das bringt mich wieder zurück zur falsch gewählten Hauptfigur. Zu Morgan bauen wir eine emotionale Verbindung auf, die durch ihre Brutalität, dem Monster in ihr, auf die Probe gestellt wird. Sehr früh im Film wird uns in einer sehr schönen visuellen Idee Morgans innere Zerrissenheit gezeigt. Sie ist hinter einer Glasscheibe eingesperrt. Zweimal tritt sie an dieses Glas heran, um mit jemandem zu sprechen, der auf der anderen Seite steht. Einmal ist es ihre Gegnerin Lee, das andere Mal ihre Freundin Amy. Beide Male tritt Morgan in das Spielbild ihres Gegenübers. Wo Lee ihre Bestimmung als Züchtung ist, ist Amy ihre Chance als Mensch. Wenn wir also mit den Soldatinnen mitfühlen sollen, weil sie einfach nur Versuchskaninchen alter weißer Männer sind (wie uns ein Vorstandsmeeting am Ende zeigt), hätte der Film zumindest anders enden müssen – denn Kate Maras bindungslose Lee ist uns von Anfang bis Ende völlig egal.




Das Morgan Projekt (USA 2016)
Originaltitel: Morgan
Regie: Luke Scott
Buch: Seth Owen
Kamera: Mark Patten
Darsteller: Kate Mara, Anya Taylor-Joy, Rose Leslie, Michael Yare, Toby Jones, Chris Sullivan, Boyd Holbrook, Michelle Yeoh, Brian Cox, Jennifer Jason Leigh, Paul Giamatti

Alle Fotos (C) 2016 Twentieth Century Fox. Die Bilder stammen von der offiziellen Filmseite.

Mit IF I DID IT erschienen 2007 wahrlich bizarre Memoiren: Der mutmaßliche, aber freigesprochene Mörder O.J. Simpson erzählt darin, wie er die Tat begangen hätte – wenn er es gewesen wäre.

Simpson, der in den Siebzigern zum Football-Star avancierte und später als Sportkommentator und Schauspieler bekannt wurde (unter anderem in DIE NACKTE KANONE), soll 1994 seine Ex-Frau Nicole Simpson Brown sowie einen Bekannten von ihr, Ron Goldman, ermordet haben. Nach einem langen Prozeß wurde er 1995 freigesprochen – und trotzdem von den meisten Menschen für schuldig gehalten. Seine Karriere war dahin, statt bekannt war O.J. nun berüchtigt.

Schon die Ankündigung von IF I DID IT war ein Skandal. Unzählige Bücher wurden über den O.J.-Fall geschrieben, der als "Jahrhundertprozeß" die Gemüter erhitzte – und für beinahe jeden Autoren stand fest, daß O.J. der Täter war. Nun sollte die Geschichte also von dem Mann erzählt werden, von dem man annahm, daß er nur aufgrund seiner Popularität und seines Reichtums der Justiz entkommen konnte. Man wußte gar nicht, was geschmackloser anmutete: daß die Geschehnisse irgendwo zwischen fiktiver Mordphantasie und Pseudo-Geständnis niedergeschrieben werden sollten, oder daß O.J. für das Buch eine Million Dollar erhalten würde.

Tatsächlich wurden die Proteste gegen das Buch so laut, daß es vom Verlag eingestampft wurde und die Verlegerin, Judith Regan, ihren Job verlor. Wie es dann doch ans Tageslicht kam, ist fast bizarrer als der Inhalt: Der Familie von Goldman, die Simpson Ende der Neunziger in einem Zivilrechtsverfahren anklagte und Recht bekam, standen als Resultat dieses Urteils $33 Mio. zu, die Simpson an sie zahlen sollte – was der aber nie tat. Durch einen langwierigen rechtlichen Prozeß sicherten sie sich also die Rechte an dem Buch, um es selbst publizieren zu können, damit der Erlös auf Simpsons Schuld angerechnet werden könnte.

Und so stand irgendwann doch noch Simpsons Geschichte in den Buchläden – veröffentlicht von der Familie eines Opfers, die O.J. damit zur Rechenschaft ziehen wollte. Dafür verändert sie den Titel graphisch so, daß das "if" kaum sichtbar in das "I" gepackt wurde – und damit als I DID IT erschien. Dazu verpaßten sie dem Buch den Untertitel "Confessions of the Killer". Außerdem versahen sie das Manuskript mit diversen Vor- und Nachwörtern, die ihren Standpunkt erläutern und Simpson entsprechend diskreditieren.

Schon im ersten Kapitel schwingt O.J.s Erzählung (die auf Basis von Gesprächen und Interviews von Ghostwriter Pablo F. Fenjves niedergeschrieben wurde) eine reichlich defensive Handlung mit. Wie könnte es auch anders sein? Schließlich erzählt da ein freigesprochener Mann seine Version der Geschichte – und darin ist freilich kaum so, wie sie nach außen hin wahrgenommen wurde. Tatsächlich betont O.J. vor und hinter dem "Mordkapitel" immer wieder, daß er unschuldig ist: "Half of you think I did it, and nothing will ever make you change your minds. The other half know I didn't do it, and all the evidence in the world – planted or otherwise – isn't going to sway you, either."

Seine Geschichte beginnt da, wo er Nicole Brown kennenlernt und bald mit ihr eine Beziehung anfängt. Eine romantische Liebesgeschichte wird aber nicht daraus, auch wenn Simpson schreibt, daß er sie geliebt hat: Schon zum Ende des ersten Kapitels liegt nach Jahren des Aufs und Abs die Scheidung vor. Im Prozeß gegen Simpson kam heraus, daß es Zwischenfälle von häuslicher Gewalt gegeben haben dürfte – mehr als einmal rief Nicole die Polizei und wollte vor O.J. beschützt werden. In O.J.s Version war wenig davon so, wie es dargestellt wurde: Es gab tatsächlich nur eine einzige physische Auseinandersetzung, schreibt er, und die wurde von ihr initiiert.

Überhaupt ist Nicole in seiner Erzählung eine durchweg instabile Person, die sehr launisch agiert, mal aggressiv und dann wieder unterwürfig handelt – und irgendwann, so sein Verdacht, durch ihre neuen Freunde auch mit Drogen in Berührung kommt. O.J. berichtet, wie Nicole nach der Scheidung wieder mit ihm zusammenkommen wollte, und wie die beiden nochmal Anlauf zu einer Versöhnung genommen haben, die aber aufgrund ihrer Stimmungsschwankungen und Unzuverlässigkeiten nach einigen Monaten auch wieder ein Ende fand. Zum Zeitpunkt ihrer Ermordung, schreibt er, wollte er nichts mehr von ihr wissen, sondern hoffte nur noch, daß sie ihr Leben auf die Reihe kriegen würde, damit ihre beiden gemeinsamen Kinder nicht in Mitleidenschaft gezogen würden.

Dann kommt das Kapitel "The Night in Question", in dem plötzlich ein Freund namens Charlie auftaucht, von dem vorher nie die Rede war. Daß die Tatbeschreibung quasi als Gedankenspiel verpackt ist, wird nur von einem einzigen Satz eingeleitet: "Now picture this – and keep in mind, this is hypothetical", stellt er dem Mord voran. In dieser Version fährt er zusammen mit dem ominösen Charlie zu Nicole, um ihr wegen ihrer Unzuverlässigkeit ernsthaft ins Gewissen zu reden, und nimmt dafür ein Messer mit, das er im Auto aufbewahrt ("I kept it on hand for the crazies. Los Angeles is full of crazies"), um ihr Angst zu machen. Das Gespräch eskaliert zum Streit, als Goldman dazukommt – aber der Mord selber bleibt in einem Filmriss verborgen: "Then something went horribly wrong, and I know what happened, but I can't tell you exactly how. […] I looked down at myself. For several moments, I couldn't get my mind around what I was seeing. The whole front of me was covered in blood, but it didn't compute. Is this really blood? I wondered. And whose blood is it? Is it mine? Am I hurt?"

Das genaue Ende des "hypothetischen Teils" ist nicht klar gekennzeichnet – aber am Ende des Kapitels, als die Polizei bei ihm zuhause auftaucht, schreibt Simpson wieder klar, dass er unschuldig sei. Er beschreibt noch das Verhör und seine spätere dramatische Flucht vor der Polizei, und die Erzählung hört dort auf, wo er nach der wahnwitzigen Verfolgungsjagd in Gewahrsam genommen wird. Kurz davor betont er noch einmal deutlich, wie die Welt alles mißverstanden habe: "I heard myself described as an obsessively jealous ex-husband so many times that the media almost had me believing it. To make matters worse, a number of reporters ran around interviewing these so-called experts on battered women, creating the impression that Nicole had been a battered woman, and that I, O.J. Simpson, her former husband, was a known batterer."

Es muß jeder für sich selber entscheiden, was er von O.J.s Darstellung halten will, oder ob er ihm Glauben schenken mag. Um fair zu bleiben: Auch andere Berichterstatter und Zeugen haben angegeben, daß bei Nicole Simpson wohl irgendwann Drogen ins Spiel kamen, also könnten die Erzählungen über ihre Unberechenbarkeiten stimmen. Und um weiterhin fair zu bleiben: Es wäre durchaus denkbar, daß sie psychische Probleme hatte, und daß sich daraus Situationen ergeben könnten, die ihn ungerechtfertigt in ein schlechtes Licht rücken.

Aber selbst, wenn man gewillt ist, O.J.s Sicht zu akzeptieren, bleibt die Frage, warum die Unschuldsbeteuerung mit einem als fiktiv behaupteten Tathergang verknüpft wird. Ist er schon so gewohnt, als Mörder angesehen zu werden, daß er für seine Öffentlichkeit unbekümmert selber in die Rolle schlüpfen kann? War ein derartiges Kapitel der einzige Weg, überhaupt eine solche Buchpublikation verwirklichen zu können? Ein wenig hat man das Gefühl, als hätte Simpson die Geschichte wegen des Geldes erzählt – und dafür gesagt: Wenn ihr mich schon als Mörder seht, dann spiele ich für eine Million nochmal den Mörder für euch. Immerhin gibt Ghostwriter Fenjves in seinem Vorwort an, daß er das "Mordkapitel" Simpson sehr mühsam aus der Nase ziehen mußte, während der Rest locker im Plauderton erzählt wurde – und daß Simpson, nachdem ihm die Rechte am Manuskript entzogen wurden und er nichts mehr damit verdienen würde, auch nichts mehr mit dem Buch zu tun haben wollte.

Wobei man auch die Vor- und Nachwörter, die Simpsons Erzählung einbetten, mit etwas Vorsicht genießen sollte. Die Goldman-Familie rechtfertigt sich in ihrem Text für die Publikation des Buchs: Sie gibt an, daß sie nur so Simpson überhaupt zu einer Verantwortung bringen kann – und stellt gleichzeitig ohne Zweifel klar, daß sie seine Geschichte für ein Geständnis hält. Natürlich tut sie das: Sie braucht ein Geständnis nach all den Jahren, in denen der Mann, der vielleicht ihren Sohn ermordet hat, freigesprochen wurde und auch sonst niemand dafür zur Rechenschaft gezogen wurde.

Der Anwalt der Goldmans erläutert ausführlicher, wie der lange Publikationsprozeß von IF I DID IT ablief – und wiederholt die Rechtfertigungen der Familie. Ein völlig überflüssiges Nachwort des Autoren Dominick Dunne stellt sich auf Seite der Goldmans – seine einzige Verbindung zum Fall ist es, den Prozeß seinerzeit genau verfolgt zu haben. Nachdem seine Tochter Dominique (bekannt als Schauspielerin aus POLTERGEIST) 1983 tragischerweise ermordet wurde, ist es höchst verständlich, daß er sich den Goldmans in ihrer Überzeugung anschließt, den Mörder bestrafen zu wollen – aber gleichzeitig liefert die Solidaritätserklärung auch keinerlei Erkenntnisgewinn.

Selbst Ghostwriter Fenjves schreibt in seinem Vorwort, daß er nicht an die Existenz von "Charlie" glaubt – und außerdem stellt sich heraus, daß er seinerzeit im Prozeß gegen Simpson (mit einem kleinen Detail) ausgesagt hatte. "I'd assumed from the start that he was guilty, and in the years since I'd heard nothing to make me change my mind", erklärt er gleich vorweg. Sprich: Simpsons eigene Version wurde von einem Mann verfaßt, der sie für Unfug hält – schwerlich die besten Voraussetzungen für eine brauchbare andere Sichtweise.

Und so zerrt IF I DID IT den Leser hin und her. Simpson will einen auf seine Seite ziehen und dabei sein Image korrigieren, die Verleger steuern dagegen und wollen den Leser mit aller Macht davon überzeugen, daß sie im Recht liegen. Damit ist das Buch eine doppelt schwierige Lektüre: Zum mal befremdlichen, mal beklemmenden Background der Erzählung und der reißerischen Prämisse des Pseudo-Geständnisses gesellt sich das Gefühl, daß man überhaupt nicht mehr weiß, was man von all dem halten soll. Hinterher ist man freilich kaum schlauer als vor der Lektüre – aber man würde allen Beteiligten wünschen, daß sie die Geschichte endgültig auf die eine oder andere Weise abschließen können.



Corey Haim & Nicole Eggert am Schachcomputer

Das Vergnügen an THE DOUBLE 0 KID beginnt schon auf dem Backcover, wo sehr heiter die Werbetrommel gerührt wird: "Mit Teenie Star Corey Haim in einem seiner besten Filme und Kultblondine Brigitte Nielsen (RED SONJA)" heißt es da etwas holprig und bindestrichlos. Immerhin: Das Label hat erkannt, daß es sich keinesfalls um einen der besten Filme mit Brigitte Nielsen handelt – und vielleicht wird auch deswegen der nur moderat gelungene RED SONJA zu ihrem Namen angeführt statt eines schwungvollen Highlights wie ROCKY IV oder BEVERLY HILLS COP II. Und weil die Wühlkisten-Filmographie von Corey Haim nur Menschen mit sehr merkwürdigem Filmgeschmack (so wie mich) zu Begeisterungsstürmen hinreißt, mutet auch der Hinweis, daß THE DOUBLE 0 KID einer seiner besten Filme sei, eher rührend an.

Der Titel verrät es schon: THE DOUBLE 0 KID ist eine Art Bond für jüngere Zuschauer, ein Agentenabenteuer für Teenies. Lassen wir mal die Tatsache beiseite, daß auch viele Bond-Filme kaum Erwachsenenkost darstellen, und kümmern uns um die Handlung: In seiner Phantasie ist Teenager Lance (Corey Haim) ein Top-Agent mit dem Decknamen "Eagle Dawn", in Wahrheit ist der Jüngling aber nur Laufbursche für ein örtliches CIA-Büro und muß sich um staatstragende Aufgaben wie Kaffeekochen kümmern. Dann kriegt er bei einem Botengang aber eine Schlüsselkarte in die Hand gedrückt, hinter der finstere Rabauken (darunter Brigitte Nielsen) her sind: Damit will der fiese Hacker Cashpot (Wallace Shawn) einen Virus in ein Flugzeug einspeisen, damit das samt den an Bord befindlichen Wissenschaftlern ins Bermuda-Dreieck stürzt. (Wer an dieser Stelle nach dem "Warum" fragt, muß sich zur Strafe alle Haim-Filme ansehen, die nicht zu seinen besten gehören.)

Hacker Cashpot beim Computerspielen.
Hacker Cashpot (Wallace Shawn) und seine Handlangerin (Brigitte Nielsen) am praktischen Heimcomputer.

Zum Glück muß unser Lance, der in einem schweren Anfall der Neunziger Jahre gern quietschbunte Klamotten trägt und die blondierten Haare passend dazu hochigelt, nicht alleine durch ein solch gefährliches Abenteuer rennen. Auf der Flucht vor einer brutalen Rollerblade-Gang trifft er die hübsche Melinda – beziehungsweise rennt er sie auf der Straße über den Haufen, wo sie gerade, selber mit Rollerblades ausgestattet, ihren Einkaufswagen vor sich herschiebt. Von allen möglichen Fluchtoptionen wählt Lance die naheliegendste: Er setzt sich in Melindas Einkaufswagen und ruft ihr hektisch zu, daß sie endlich Gas geben soll. Weil Melinda von der schnuckeligen BAYWATCH-Schwimmerin Nicole Eggert gespielt wird, die auch privat mit Haim liiert war, hilft sie dem netten Teenieagenten natürlich sofort und bandelt kurz darauf auch mit ihm an.

Die bösen Buben (und die böse Brigitte) haben derweil weniger Freude an Lance, der den Handlangern des Hackers ein ums andere Mal entkommen kann. In einem Hotelzimmer bestellt sich Lance noch beim Zimmerdienst einen Burger, bevor die Rabauken sein Zimmer stürmen. Lance versteckt sich unter dem Servierwagen und schafft es, einen abmontierten Badezimmerspiegel mit sogenannter Nürnberger Schere (ihr ahnt ja nicht, wie lange ich für diesen Begriff recherchieren mußte!) so einzusetzen, daß sich der Gauner, als er unter den Servierwagen greift, die Finger quetscht. Q wäre stolz.

Brigitte Nielsen als Blickfang
"Hey, Sie kenne ich doch aus RED SONJA!"

Irgendwann aber geraten Lance und Melinda in die Fänge von Cashpot – der mit den Bond-Bösewichtern ein gewisses Faible für das Verspielte teilt. Schon in der ersten Filmhälfte haben wir gesehen, wie Cashpot seinem Partner ein neues Rennspiel zeigt: Der gute Mann (John Rhys-Davies!) setzt sich in ein tatsächliches Fahrzeug, lenkt aber nur ein Auto in einem Computerspiel, das in etwa so funktioniert wie TEST DRIVE ohne die entgegenkommenden Fahrzeuge. Dafür ist die Grafik des Games top – was vielleicht daran liegt, daß einfach eine tatsächliche Aufnahme einer Autofahrt verwendet wurde, über die eine Art Monitor-Look gelegt wurde. Rhys-Davies bleibt leider bei dem "Hell on Wheels" getauften Spiel so erfolglos wie ich bei TEST DRIVE – nur daß bei seinem "Game Over" das tatsächliche Auto umkippt und ihn unter sich begräbt. Komisch eigentlich, daß "Hell on Wheels" kein Arcade-Klassiker wurde.

Zum Glück kennt sich Lance mit Computerspielen aus und kann dem Spiel, mit dem Cashpot ihn zur Strecke bringen will, mühelos entkommen. Im Gegenzug startet er nun eine computerisierte Schach-Partie gegen Cashpot, die aus irgendeinem Grund den Upload des Virus blockiert. Gar so aufregend wie "Hell on Wheels" sieht das Spiel der Könige nicht aus: Bei den müde animierten Figuren würde selbst der Rasenmähermann wieder den C64 vom Dachboden holen.

Corey Haim und Nicole Eggert in auffälligen Neunziger-Klamotten.
Corey Haim und Nicole Eggert im unauffälligen Agentenlook.

Verblüffender ist aber, wie flexibel die Programmierung dieses Schachspiels ist: Lance schafft es nämlich, Cashpots Virus gegen ihn selbst einzusetzen, was im Programm die Meldung "Queen Infected" hervorruft und eine lustige Animation startet, in der sich die Königin schwer aufbläht. Als Cashpot und seine Kultblondine mit einem Helikopter die Flucht ergreifen, kann Lance sogar den Virus zum Hubschrauber schicken, worauf das Schachprogramm auch brav mit "Move King to Helicopter" reagiert. Ich vermute, daß Cashpot nach seiner Festnahme bei Google angeheuert und dort das "Smart Home"-Konzept entwickelt hat.

Also, in die Top 40 der Corey-Haim-Filme schafft es THE DOUBLE 0 KID sicher.


Mehr Corey Haim auf Wilsons Dachboden:
DER TOD FÜHRT REGIE




The Double 0 Kid (USA 1992)
Regie: Duncan McLachlan
Drehbuch: Steven Paul & Stuart Paul (Story), Andrea Buck & Duncan McLachlan (Drehbuch)
Musik: Misha Segal
Kamera: Adam Kane
Darsteller: Corey Haim, Nicole Eggert, Wallace Shawn, Brigitte Nielsen, John Rhys-Davies, Karen Black, Basil Hoffman

Bankräuber, Drogenschmuggler, Killer und Rebellen: Es ist kein Zufall, daß die Protagonisten des New-Hollywood-Kinos so oft Outlaws sind, die sich gegen die gesellschaftlichen Normen stellen. In unserer neuen Lichtspielplatz-Folge überlegen wir, warum diese Andersdenkenden immer wieder als Identifikationsfiguren dienten, und was sie uns über die Zeit erzählen, in der die Filme entstanden sind. Ausgehend von Arthur Penns Kultklassiker BONNIE UND CLYDE mit Warren Beatty und Faye Dunaway, der dieses Jahr sein 50-jähriges Jubiläum feierte, blicken wir auf eine ganze Reihe weiterer Filme - darunter Terrence Malicks BADLANDS, Michael Ciminos DEN LETZTEN BEISSEN DIE HUNDE, Dennis Hoppers EASY RIDER, Martin Scorseses DIE FAUST DER REBELLEN, Steven Spielbergs SUGARLAND EXPRESS, Robert Altmans DIEBE WIE WIR, und einige andere.

Viel Spaß!



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Musik: Clark Kent