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Robert Downey Jr. als Iron Man

Wenn man schon einen Superhelden im Team hat, kann der auch getrost die Konkurrenz besprechen. Mit den folgenden Überlegungen zu IRON MAN startet Gastautor Dr. Wily eine Reihe über die einzelnen Filme des Marvel Cinematic Universe.



2008 ändern die Marvel Studios ihre Geschäftsstrategie. Fungierten sie bis dahin als Co-Produzenten und Lizenzgeber, wollen sie nun als eigenständiges Studio völlig eigenfinanzierte Verfilmungen ihrer beliebten Comicfiguren in die Kinos bringen. Sie erhoffen sich davon vor allem zwei Dinge. Erstens soll damit eine genauere kreative Kontrolle möglich sein. Alle Filme sollen, wie die Comics auch, im gleichen Universum spielen, womit auch Überlappungen zwischen den Geschichten möglich sein sollen. Die Option einer Franchise war von Anfang an auf dem Radar der Marvel Studios. Zweitens wollen sie das ganze Geld verdienen, das die Filme einspielen. Im Falle eines Erfolgs wollen sie nicht nur auf den Lizenzgebühren sitzen bleiben. Daß das Unterfangen von Beteiligten wie Marvel-Studios-Präsident Kevin Feige und Regisseur Jon Favreau als riskant und mit viel Unsicherheit und Angst verbunden erinnert wird, kann man sich heute kaum mehr vorstellen. "People forget IRON MAN was an independent movie," erzählt Feige in Vanity Fair und fragt sich offenbar immer noch: "What is the movie that's going to mess it all up?"

Als Einstieg in dieses Marvel Cinematic Universe (MCU) wählen sie also IRON MAN. Der Film erzählt die Läuterungsgeschichte von Tony Stark (Robert Downey Jr.). Tony ist ein Technikgenie, ehemaliges Wunderkind und mindestens mehrfacher Milliardär (Ähnlichkeiten mit Howard Hughes sind kein Zufall), der von seinem Vater Howard die Firma Stark Industries geerbt und massiv ausgebaut hat. Stark Industries baut und vertreibt Waffen. Aber nicht irgendwelche Waffen: Das Genie Tony baut die besten Waffen der Welt. Seiner Auffassung nach entsteht Frieden nur dann, wenn einer "den größeren Stock hat". Darüber hinaus kümmert sich der Playboy und Großkotz sehr wenig um die Auswirkungen seiner Produkte. Bis er bei einer Waffenpräsentation in Afghanistan von Terroristen überfallen und gekidnappt wird. Bei dem Überfall explodiert neben Tony eine seiner tollen Raketen, woraufhin er Schrapnel im Körper trägt. Nur eine Batterie in seiner Brust hält das Metall von seinem Herz fern. Tony, der Mann, der nun Eisen in sich hat, muß zum Teil eine Maschine werden, um zu überleben. Hier beginnt die Läuterungsgeschichte: Nach seiner Rückkehr stampft Tony die Waffenproduktion seiner Firma ein und will sich auf eine neuartige, seiner Meinung nach friedfertige Technologie konzentrieren. Während er am Update seiner Iron-Man-Rüstung schraubt, ist sein Partner und Anteilseigner Obadiah Stane (Jeff Bridges) von diesen Plänen nicht überzeugt, und es kommt zum Showdown zwischen den beiden.

Robert Downey Jr. als "Iron Man" Tony Stark
Superheld mittels Technologie: "Iron Man" Tony Stark (Robert Downey Jr.).

Daß Robert Downey Jr. damals für die Rolle des Tony Stark ausgewählt wurde, war ein kleiner Clou, der sich angesichts Downeys Popularität mitlerweile kaum mehr nachvollziehen läßt. Nach Jahren der Drogenabhängigkeit, Entzugskuren und Gefängnisaufenthalte hatte er, der als junger Mann mehrfach als bester Schauspieler seiner Generation gepriesen worden war, gerade erst begonnen, sich zurück ins Rampenlicht zu arbeiten. Downey wurde während der Promo zu IRON MAN nicht müde zu betonen, wie sehr er sich mit der Rolle des Überheblichen, der fallen muß, um sich selbst zu finden, identifizieren konnte. Zehn Jahre und sieben (oder acht, wenn man die Schlußszene in THE INCREDIBLE HULK mitzählt) Auftritte als Tony Stark später sieht es so aus, als wäre es die Rolle seines Lebens geworden (mit der er laut Vanity Fair allein 2015 um die 80 Millionen Dollar verdient haben soll).

Visuell hat Regisseur Jon Favreau, der zuvor zwar zwei Filme inszeniert, aber vor allem als Schauspieler gearbeitet hatte, aus IRON MAN eine solide gefilmte, unterhaltsame Actionkomödie nach dem Blockbusterhandbuch gemacht. Der Film ist handwerklich einwandfrei, glänzt wie der Anzug seines Titelhelden in schönen Farben und kommt genau so glatt und selbstbewußt daher wie Tony Stark – inklusive der Tendenz, sich für etwas schlauer und besser zu halten, als er in Wirklichkeit ist.

"Iron Man" Tony Stark: Robert Downey Jr.
Nur ein kleiner Rückschlag für den selbstgemachten Superhelden Tony Stark (Robert Downey Jr.).

Es ist spannend, heute zu sehen, wieviel Zeit sich der Film für die Technik des Iron Man nimmt. Jon Favreau erzählt, daß es ihm wichtig war, den Anzug als technologiebasiert zu zeigen. Er setzt immer wieder dessen metallische Schwere und Unbeweglichkeit in Szene, und wir sehen ausführlich, wie die Mechanik funktioniert. Er zeigt uns verschiedene Stadien der Rüstung (die allererste orientiert sich am ursprünglichen Iron Man in den Comics der 1960er Jahre) und Szene um Szene, in der Tony am Anzug schraubt, ihn testet und pseudotechnischen Kauderwelsch in seinen Computer Jarvis diktiert. Das ständige Verbessern und Umbauen des Anzugs wird, wie auch in den Comics, ein wiederkehrendes Element der Iron-Man-Filme werden.

Tony soll als Bastler und Arbeiter gezeigt werden. Er mag ein Genie und arroganter Milliardär sein, aber er ist auch zielstrebig, fleißig und entschlossen und hat sich seinen Ruhm und Reichtum auch verdient. Er ist nicht der geborene Superheld, nicht der Auserwählte, sondern ein gemachter. Dietmar Dath bezeichnet ihn im Reclam-Buch SUPERHELDEN als einen Superheld aus Selbstermächtigung. Daher darf man ihm auch trauen, wenn er als Iron Man selbst entscheidet, wer mit was auf wen schießen darf. Die den Superhelden innewohnende Thematik der Selbstjustiz wird erst bei CAPTAIN AMERICA - CIVIL WAR so richtig zum Thema, aber es ist schon hier, im ersten Film des MCU, ein Problem in Tony Starks Charakter. Zu Beginn ist er ein reicher Waffenproduzent, der der Meinung ist, daß der mit dem "größeren Stock" für Frieden sorgt, und dem egal ist, was mit seinen Waffen passiert. Am Ende ist er ein reicher Waffenproduzent, der den größten Stock am eigenen Körper trägt und damit entscheidet, wer gut und wer böse ist. Die Läuterung ist hier nur eine vermeintliche: Tonys Weltsicht hat sich nicht verändert, er hat sie nur seinem neuen Selbstbild und Ego angepasst. Die ganze aufgesetzte Kritik am industriell-militärischen Komplex zerfällt, zumal sich der Film auch sonst sehr beeindruckt vom amerikanischen Militär zeigt. Die zweite Charakterentwicklung Tonys, der lernt, daß er in bestimmten Situationen seine eigenen Bedürfnisse zurückstellen muss, ist dagegen sehr stimmig und nachvollziehbar erzählt und kommt erst in THE AVENGERS so richtig zum Tragen.

Jeff Bridges als Gegenspieler Obadiah Stane
Starks Gegenspieler Obadiah Stane (Jeff Bridges) rüstet auf.

IRON MAN war 2008 unter den acht erfolgreichsten Filmen des Jahres, und das MCU hat sich in den vergangenen zehn Jahren zum Dauerhit und Popkulturphänomen entwickelt. Keiner der Filme des Studios war ein Flop, wenn auch manche besser liefen als andere. Neben der zugänglichen und unterhaltsamen Inszenierung und der kurzweiligen und leicht verdaulichen Geschichte von IRON MAN hat, denke ich, ein weiteres Element wesentlich dazu beigetragen, daß die Leute auch den nächsten Film aus dem Hause Marvel sehen wollten: Die Marvel Studios versprachen schon in IRON MAN eine viel größere Geschichte. Ob es jetzt das mehrmalige, als Running Gag verpackte, Auftauchen von S.H.I.E.L.D.-Agent Phil Coulson (Clark Gregg) ist, der Blick von James Rhodes (Terrence Howard) auf seinen zukünftigen Warmachine-Anzug, den er mit "Next time, baby" kommentiert, Captain Americas Schild im Hintergrund von Tonys Labor oder Nick Furys (Samuel L. Jackson) Hinweis auf die Avengers in der Post-Credit-Sequenz – Fans wußten, wovon die Rede war, und konnten frohlocken ob der Dinge, die da kommen würden. Unbedarfte wurden mit einem Geheimnis konfrontiert, das neugierig machte und gleichzeitig aus der Cliffhanger-Erzählweise der boomenden Fernsehserienformate zur gleichen Zeit sehr vertraut war. Seit IRON MAN bleiben mehr Menschen den ganzen Abspann lang im Kino sitzen – wenn auch nur bei Comicverfilmungen.

Post-Credits: Der schönste Effekt des Films sind meiner Meinung nach übrigens Gwyneth Paltrows Sommersprossen. Die sind bei ihren weiteren Auftritten als Pepper Potts verschwunden. Es hat mich verwundert zu sehen, wie glatt ein ohnehin schon glattes Produkt in zehn Jahren noch gebügelt werden kann. Das ist ja fast wie bei den Platten der Eagles.




Iron Man (USA 2008)
Regie: Jon Favreau
Buch: Mark Fergus, Hawk Ostby, Art Marcum, Matt Holloway
Kamera: Matthew Libatique
Musik: Ramin Djawadi
Darsteller: Robert Downey Jr., Terrence Howard, Jeff Bridges, Gwyneth Paltrow, Leslie Bibb, Clark Gregg, Jon Favreau, Tim Guinee


Treffen des Geheimbunds The Skulls

Ich hätte ein grundlegendes Problem, wenn ich Mitglied bei einer Geheimgesellschaft sein sollte: Man darf ja niemandem davon erzählen. Wenn man schon in so elitäre und einflußreiche Kreise aufgenommen wird, möchte man doch, daß das Umfeld auch darüber Bescheid weiß! Wieviel Spaß macht es wohl, zum Großmeisterlogenumtrunk eingeladen zu sein und den Freunden dann lahm vorzuschwindeln, daß man schon wieder den Abend auf der Couch verbracht und die Continuity-Probleme von AMERICAN FIGHTER 5 studiert hat?

Die Geheimgesellschaft "The Skulls" im gleichnamigen Film hat wohl ein ähnliches Problem. Idealerweise wüßte ja gar niemand von der bloßen Existenz eines Zusammenschlusses, der so mächtig ist, daß daraus schon mehrere US-Präsidenten und die Gründung der CIA hervorgegangen sind – aber das bremst das Vergnügen am rituellen Herrenabend ja dann doch zu sehr. Also besitzt die Skulls-Gesellschaft ein großes Gebäude am Campus, innen wie eine Krypta eingerichtet, außen mit großem Logo des Bundes gekennzeichnet (natürlich: der Totenschädel). An der Tür hängt womöglich noch ein Schild: "Hier befindet sich kein Sitz irgendeiner geheimen Gesellschaft".

Joshua Jackson und Paul Walker lernen sich bei einem Skulls-Ritual kennen
Ein anheimelndes Kennelernritual bei den Skulls: Caleb (Paul Walker, links) und Luke (Joshua Jackson).

So hat sich die Existenz der Skulls also doch schon ein wenig herumgesprochen, weswegen die Studenten am Campus auch schon darüber Bescheid wissen, daß der Clan jedes Jahr fünfzehn neue Studenten in seine Reihen aufnimmt. Das machen sie mit einem schwer geheimen Aufnahmeritual, wie Luke McNamara (Joshua Jackson) feststellen muß: Er erhält einen Telefonanruf, in dem er instruiert wird, innerhalb von 40 Sekunden an einem bestimmten Ort am Campus zu sein. Dort steht ein öffentliches Telefon, an dem er den nächsten Punkt der Schnitzeljagd erfährt. Am Ziel angekommen soll Luke ein komisches Gebräu mit der Aufschrift "Drink Me" zu sich nehmen, das ihn nicht zu Alice ins Wunderland katapultiert, sondern bewußtlos macht. Wenig später wacht er in einem Sarg im Hauptquartier der Skulls auf, zusammen mit einigen weiteren Anwärtern.

Wie jede anständige Kino-Geheimgesellschaft pflegen auch die Skulls ihre einschüchternden Rituale. Der Club ist eine Mischung aus Sekte und Burschenschaft: Für die Aufnahme muß eine dezent gefährliche Mutprobe bestanden werden, dafür erhalten die Mitglieder dann ein bibelähnliches Regelbuch, das, wie es heißt, für jede Situation die passenden Vorschriften parat hält. Vielleicht steht dann auch darin, wie man der Freundin am schonendsten beibringt, dass der neue gelbe Hut ein Fehlkauf war.

Joshua Jackson und Leslie Bibb lesen das Skulls-Regelbuch
"Steht da auch drin, was man tun soll, wenn das Skript nicht so richtig gut ist?"

Als neuer Skull erhält Luke sämtliche Annehmlichkeiten zur Verfügung gestellt, die so ein junger Mann sich wünschen kann (wenn er nicht gerade darauf spezialisiert ist, 35mm-Kopien von alten Shaolinfilmen zu sammeln). Beim großen Empfang in der Festhalle lernt er wichtige Leute kennen und kriegt eine hübsche Frau für den Abend spendiert (die vorher ausführlich über ihn unterrichtet wurde – wahrscheinlich, um beim Smalltalk nicht etwa ein heikles Thema wie Lücken in der hauseigenen Shaolinfilmsammlung anzuschneiden). Plötzlich befindet sich jede Menge Geld auf dem Konto, außerdem wird ein neuer Sportwagen spendiert. Luke kriegt sogar ein Dokument in die Hand gedrückt, daß er auf einer Universität seiner Wahl zum Jurastudium zugelassen wurde – obwohl er sich noch nirgendwo beworben hat! Bei einer solch herzlichen Aufnahme im Kreis solch lieber Menschen darf man einige Momente lang mutmaßen, ob der Konflikt des Films darin bestehen wird, daß Luke doch viel lieber zum Gesangsstudium an die Pop-Akademie nach Mannheim gehen möchte.

Aber nein, die wahren Probleme von Luke liegen ganz woanders: Sobald sein Freund Will und seine platonische Freundin Chloe (die viel zu hübsch ist und außerdem viel zu wenig andere Figuren kennt, um nicht bis Filmende doch noch mit dem schönen Luke anzubandeln) vermuten, daß er nun Mitglied einer Geheimgesellschaft ist, herrscht miese Stimmung. Vor allem Will ist prompt schwer beleidigt, daß Luke ab sofort Geheimnisse vor ihm haben wird.

Joshua Jackson und Leslie Bibb als total platonische Freunde
Voll platonisch: Luke (Joshua Jackson) und Chloe (Leslie Bibb).

Zum Glück kriegt Luke aber einen neuen Freund zur Seite gestellt: den auch sehr schönen Caleb Mandrake (Paul Walker, bevor er aufs Gaspedal stieg). Bei den Skulls kriegt nämlich jeder einen "Seelenverwandten" verpaßt, mit dem er über wirklich alles reden kann – außer vielleicht, wenn man gerade den besten Freund seines neuen Seelenverwandten auf dem Gewissen hat, wie es Caleb mit Luke bzw. Will gerade passiert ist. Der Journalismus-Student Will arbeitete nämlich an einem aufrüttelnden Exposé über die Skulls (die sich angesichts ihres Bekanntheitsgrades überlegen sollten, einfach gleich eine PR-Firma anzuheuern). Dafür hat er Calebs Regelbuch und seinen Schlüssel zum Skulls-Hauptquartier geklaut – und bei den dortigen Recherchen kam es durch Calebs plötzliches Auftreten zu einem Unfall, bei dem Will leider kopfüber auf den Marmorboden gekracht ist.

Die Skulls regeln das natürlich: Der Vorfall wird schnell als Selbstmord getarnt, damit das angenehme Skull-Dasein weitergehen kann. Nur ein lästiger Inspektor stellt Luke penetrant unangenehme Fragen – und so darf der frischgebackene Geheimgesellschaftsjüngling schon bald die Wahrheit über seine neuen Brüder erfahren und sich überlegen, wie er aus dem Verein wieder austreten kann. Sie machen es einem ungefähr genauso schwer wie Facebook, wenn man sein Konto löschen will.

Im restlichen Film gibt es Verfolgungsjagden, ein Duell nach dem Regelbuch, Paul Walker mit nacktem Oberkörper beim Boxtraining, einen von Chloe gebauten Kunstroboter und geheimnisvoll gelöschte Sicherheitskameraaufnahmen. Zweimal sitzt Student Luke sogar in einem Seminar, das fast so hübsch photographiert ist wie der ganze Rest vom Film.




The Skulls - Alle Macht der Welt (Kanada/USA 2000)
Originaltitel: The Skulls
Regie: Rob Cohen
Buch: John Pogue
Kamera: Shane Hurlbut
Musik: Randy Edelman
Darsteller: Joshua Jackson, Paul Walker, Hill Harper, Leslie Bibb, Christopher McDonald, Steve Harris, William Petersen, Craig T. Nelson

Die Screenshots stammen von der DVD (C) Kinowelt.
Lee (Kate Mara) trifft Morgan (Anya Taylor-Joy)

Nach Jake Scott und Jordan Scott tritt nun auch der 1968 geborene Luke Scott in die Fußstapfen seines Vaters und präsentiert mit dem 2016 veröffentlichten DAS MORGAN PROJEKT (im Original schlicht MORGAN) sein Spielfilmdebüt. Im folgenden Gastbeitrag macht sich mein Podcast-Kollege Dr. Wily einige Gedanken über den Science-Fiction-Thriller.



Familie Scott beschäftigt sich ein weiteres Mal mit dem künstlichen Menschen: Produzent von MORGAN ist Ridley Scott, der sich nicht nur in BLADE RUNNER, sondern auch in seiner ganz persönlichen Forterzählung der ALIEN-Geschichte auf die Suche nach dem Ursprung des Menschlichen, dem Kern des Mensch-Seins begeben hat. Vielleicht ist es aber auch nur Zufall, daß sein Sohn Luke Scott mit MORGAN sein Spielfilmdebüt als Regisseur gibt.

Hier geht es um ein Genexperiment, durchgeführt von einem kleinen, familiären Team in einem abgeschiedenen Labor, umgeben von wunderschönen grünen Wäldern. Es soll ein synthetischer Mensch im Reagenzglas erzeugt, geboren und großgezogen werden. Das Ergebnis, nach zwei mißglückten Versuchen, ist Morgan (Anya Taylor-Joy). Sie ist zu einer jungen Frau herangewachsen, hat aber kürzlich in einem bislang unerklärbaren Anfall einer Mitarbeiterin ein Auge ausgestochen und kurz davor einem verletzten Reh das Genick gebrochen. Das macht der Firmenzentrale in der Stadt Sorgen, und sie schicken unsere (leider sehr unglücklich gewählte) Hauptfigur Lee (Kate Mara), um sich das Ganze anzusehen und gegebenenfalls Entscheidungen zu treffen. Sie und wir merken bald, daß Morgan zwar den Körper einer jungen Frau hat, aber eigentlich erst 5 Jahre alt ist, also schneller wächst als normale Menschen. Alle Mitarbeiter hängen sehr an Morgan und haben eine enge Bindung zu ihr aufgebaut, die einer Eltern-Kind-Beziehung sehr ähnlich ist. Nur Lee sieht sie als biologisches Produkt und bezeichnet sie auch konsequent als "Es". Lee wiederum wird auch gleich als ein von der Zentrale geschickter "assassin" erkannt.

So. Damit wäre das Set-Up erklärt und auch die sich daraus ergebenden Konflikte. Mit einer durchaus interessanten Prämisse ist der Film auch eine Weile spannend und sehr schön anzusehen. Dann kommt Paul Giamatti als einer dieser ärgerlichen Filmpsychologen, die scheinbar allesamt nicht auf einer Universität, sondern bei Dr. Loomis aus HALLOWEEN studiert haben. Er nimmt eine dieser ärgerlichen psychologischen Filmevaluationen vor, in der er zwar vermeintlich interessante Fragen stellt, aber nichts dazu dient, Widersprüche der Figuren zu erforschen, sondern alles dazu, Morgan zu reizen und so den dritten Akt in Gang zu setzen, in dem es dann nurmehr ums Laufen, Schießen, Kämpfen und Sterben geht. Die Sache endet folgendermaßen: Morgan und Lee sind beide gezüchtete Supersoldatinnen aus verwandten Testreihen. Morgan dreht durch und killt ein paar Leute. Lee bleibt professionell programmiert und killt alle anderen.

Kate Mara als Lee Weathers
Profi-Problemlöserin Lee Weathers (Kate Mara).

In den Leerstellen dieser Geschichte haben sich dann einige Fragen bei mir aufgetan. Warum ist ein künstlich erzeugter Mensch aus menschlichem Genmaterial eigentlich kein normaler Mensch? Was unterscheidet uns da? Was macht also das spezifisch Menschliche aus? Wenn dieses Kind körperlich schneller wächst, entwickeln sich Gehirn und Emotionen genauso schnell? Daraus würde sich die Frage ergeben – wie lernen wir Emotionen? Nun, viel über unser Umfeld. Dementsprechend hätte sich Morgan ja zu einem sehr liebevollen Menschen entwickeln müssen. Was aber läßt das Umfeld so eine emotionale Bindung zu ihr aufbauen, wo sie doch angeblich kein normaler Mensch ist? Was soll uns das Ganze über den Menschen erzählen, wenn es am Ende nur gezüchtete Kampfmaschinen sind? Mehr Fragen als Antworten hätten der Geschichte gut getan. Mehr Ambivalenzen als völlig auserklärte Szenen. Aber mit solchen Dingen belastet sich MORGAN erst gar nicht.

Doch lassen wir uns kurz auf die Welt von MORGAN ein und vergessen den Film, den ich vielleicht gern gesehen hätte. Da züchtet also eine Firma diverse Supersoldaten gleichzeitig in verschiedenen Projekten und Locations. Es wird versucht, diese künstlichen Soldaten so menschenähnlich wie möglich zu machen. Wozu genau, erfahren wir nicht. In der Geschichte sind sie vor allem dazu da, sich gegenseitig umzubringen. Das wäre aber unlogisch. Es kann fast nur auf Undercover- oder Infiltrationsaufträge abzielen, denn an der Front sind, wenn schon künstlich, Robocops wohl die bessere Wahl. Es bleibt ein Rätsel.

Daß es, wie wir erzählt bekommen, nur Frauen sind, die gezüchtet werden, tut dem Film ganz gut. Es erzeugt in seinen Actionszenen immer noch wirkungsvolle Bilder, die Geschlechterstereotypen aus Actionfilmen umdeuten. Gleichzeitig sollen es aber gar keine Frauen sein: Diese Soldaten sind geschlechtslos. Sie wurden hier halt nur mit zwei Schauspielerinnen besetzt. Kate Mara bekam einen Kurzhaarschnitt und Anya Taylor-Joy einen Kapuzenpulli.

Paul Giamatti als Psychologe Dr. Shapiro
Wohl nur ein Bachelor-Absolvent der Loomis-Schule: Psychologe Dr. Alan Shapiro (Paul Giamatti).

Am Ende lernen wir, daß Kate Mara der bessere Soldat ist, weil sie weniger emotional ist und deshalb auch keine zwischenmenschlichen Beziehungen eingeht, während Morgan ihre Freundin Amy (Rose Leslie) schützt, um mit ihr an den See zu fahren. Ihr Todesurteil.

Was wissen wir also nach diesem Film über den Menschen? Der bessere Soldat ist geschlechts- und emotionslos. Fertig. Als Zuseher sind wir einer kalten und distanzierten Auftragskillerin gefolgt, die im Sinne ihrer Persönlichkeit und Rolle in der Geschichte keinerlei Entwicklung durchmachen kann. Wenn es von den Machern vielleicht nur als spannender Thriller gesehen wurde, will sich bei mir aber keine Erleichterung darüber einstellen, daß das Monster Morgan am Ende ertränkt wird. Ich war viel zu beunruhigt über das Monster Lee, das einfach alle, und zwar wirklich alle, Figuren des Filmes fein säuberlich wegputzt und dann zurück in unsere Zivilisation marschiert. Morgans Taten rechtfertigen Lees Taten zu keinem Zeitpunkt.

Das bringt mich wieder zurück zur falsch gewählten Hauptfigur. Zu Morgan bauen wir eine emotionale Verbindung auf, die durch ihre Brutalität, dem Monster in ihr, auf die Probe gestellt wird. Sehr früh im Film wird uns in einer sehr schönen visuellen Idee Morgans innere Zerrissenheit gezeigt. Sie ist hinter einer Glasscheibe eingesperrt. Zweimal tritt sie an dieses Glas heran, um mit jemandem zu sprechen, der auf der anderen Seite steht. Einmal ist es ihre Gegnerin Lee, das andere Mal ihre Freundin Amy. Beide Male tritt Morgan in das Spielbild ihres Gegenübers. Wo Lee ihre Bestimmung als Züchtung ist, ist Amy ihre Chance als Mensch. Wenn wir also mit den Soldatinnen mitfühlen sollen, weil sie einfach nur Versuchskaninchen alter weißer Männer sind (wie uns ein Vorstandsmeeting am Ende zeigt), hätte der Film zumindest anders enden müssen – denn Kate Maras bindungslose Lee ist uns von Anfang bis Ende völlig egal.




Das Morgan Projekt (USA 2016)
Originaltitel: Morgan
Regie: Luke Scott
Buch: Seth Owen
Kamera: Mark Patten
Darsteller: Kate Mara, Anya Taylor-Joy, Rose Leslie, Michael Yare, Toby Jones, Chris Sullivan, Boyd Holbrook, Michelle Yeoh, Brian Cox, Jennifer Jason Leigh, Paul Giamatti

Alle Fotos (C) 2016 Twentieth Century Fox. Die Bilder stammen von der offiziellen Filmseite.

Mit IF I DID IT erschienen 2007 wahrlich bizarre Memoiren: Der mutmaßliche, aber freigesprochene Mörder O.J. Simpson erzählt darin, wie er die Tat begangen hätte – wenn er es gewesen wäre.

Simpson, der in den Siebzigern zum Football-Star avancierte und später als Sportkommentator und Schauspieler bekannt wurde (unter anderem in DIE NACKTE KANONE), soll 1994 seine Ex-Frau Nicole Simpson Brown sowie einen Bekannten von ihr, Ron Goldman, ermordet haben. Nach einem langen Prozeß wurde er 1995 freigesprochen – und trotzdem von den meisten Menschen für schuldig gehalten. Seine Karriere war dahin, statt bekannt war O.J. nun berüchtigt.

Schon die Ankündigung von IF I DID IT war ein Skandal. Unzählige Bücher wurden über den O.J.-Fall geschrieben, der als "Jahrhundertprozeß" die Gemüter erhitzte – und für beinahe jeden Autoren stand fest, daß O.J. der Täter war. Nun sollte die Geschichte also von dem Mann erzählt werden, von dem man annahm, daß er nur aufgrund seiner Popularität und seines Reichtums der Justiz entkommen konnte. Man wußte gar nicht, was geschmackloser anmutete: daß die Geschehnisse irgendwo zwischen fiktiver Mordphantasie und Pseudo-Geständnis niedergeschrieben werden sollten, oder daß O.J. für das Buch eine Million Dollar erhalten würde.

Tatsächlich wurden die Proteste gegen das Buch so laut, daß es vom Verlag eingestampft wurde und die Verlegerin, Judith Regan, ihren Job verlor. Wie es dann doch ans Tageslicht kam, ist fast bizarrer als der Inhalt: Der Familie von Goldman, die Simpson Ende der Neunziger in einem Zivilrechtsverfahren anklagte und Recht bekam, standen als Resultat dieses Urteils $33 Mio. zu, die Simpson an sie zahlen sollte – was der aber nie tat. Durch einen langwierigen rechtlichen Prozeß sicherten sie sich also die Rechte an dem Buch, um es selbst publizieren zu können, damit der Erlös auf Simpsons Schuld angerechnet werden könnte.

Und so stand irgendwann doch noch Simpsons Geschichte in den Buchläden – veröffentlicht von der Familie eines Opfers, die O.J. damit zur Rechenschaft ziehen wollte. Dafür verändert sie den Titel graphisch so, daß das "if" kaum sichtbar in das "I" gepackt wurde – und damit als I DID IT erschien. Dazu verpaßten sie dem Buch den Untertitel "Confessions of the Killer". Außerdem versahen sie das Manuskript mit diversen Vor- und Nachwörtern, die ihren Standpunkt erläutern und Simpson entsprechend diskreditieren.

Schon im ersten Kapitel schwingt O.J.s Erzählung (die auf Basis von Gesprächen und Interviews von Ghostwriter Pablo F. Fenjves niedergeschrieben wurde) eine reichlich defensive Handlung mit. Wie könnte es auch anders sein? Schließlich erzählt da ein freigesprochener Mann seine Version der Geschichte – und darin ist freilich kaum so, wie sie nach außen hin wahrgenommen wurde. Tatsächlich betont O.J. vor und hinter dem "Mordkapitel" immer wieder, daß er unschuldig ist: "Half of you think I did it, and nothing will ever make you change your minds. The other half know I didn't do it, and all the evidence in the world – planted or otherwise – isn't going to sway you, either."

Seine Geschichte beginnt da, wo er Nicole Brown kennenlernt und bald mit ihr eine Beziehung anfängt. Eine romantische Liebesgeschichte wird aber nicht daraus, auch wenn Simpson schreibt, daß er sie geliebt hat: Schon zum Ende des ersten Kapitels liegt nach Jahren des Aufs und Abs die Scheidung vor. Im Prozeß gegen Simpson kam heraus, daß es Zwischenfälle von häuslicher Gewalt gegeben haben dürfte – mehr als einmal rief Nicole die Polizei und wollte vor O.J. beschützt werden. In O.J.s Version war wenig davon so, wie es dargestellt wurde: Es gab tatsächlich nur eine einzige physische Auseinandersetzung, schreibt er, und die wurde von ihr initiiert.

Überhaupt ist Nicole in seiner Erzählung eine durchweg instabile Person, die sehr launisch agiert, mal aggressiv und dann wieder unterwürfig handelt – und irgendwann, so sein Verdacht, durch ihre neuen Freunde auch mit Drogen in Berührung kommt. O.J. berichtet, wie Nicole nach der Scheidung wieder mit ihm zusammenkommen wollte, und wie die beiden nochmal Anlauf zu einer Versöhnung genommen haben, die aber aufgrund ihrer Stimmungsschwankungen und Unzuverlässigkeiten nach einigen Monaten auch wieder ein Ende fand. Zum Zeitpunkt ihrer Ermordung, schreibt er, wollte er nichts mehr von ihr wissen, sondern hoffte nur noch, daß sie ihr Leben auf die Reihe kriegen würde, damit ihre beiden gemeinsamen Kinder nicht in Mitleidenschaft gezogen würden.

Dann kommt das Kapitel "The Night in Question", in dem plötzlich ein Freund namens Charlie auftaucht, von dem vorher nie die Rede war. Daß die Tatbeschreibung quasi als Gedankenspiel verpackt ist, wird nur von einem einzigen Satz eingeleitet: "Now picture this – and keep in mind, this is hypothetical", stellt er dem Mord voran. In dieser Version fährt er zusammen mit dem ominösen Charlie zu Nicole, um ihr wegen ihrer Unzuverlässigkeit ernsthaft ins Gewissen zu reden, und nimmt dafür ein Messer mit, das er im Auto aufbewahrt ("I kept it on hand for the crazies. Los Angeles is full of crazies"), um ihr Angst zu machen. Das Gespräch eskaliert zum Streit, als Goldman dazukommt – aber der Mord selber bleibt in einem Filmriss verborgen: "Then something went horribly wrong, and I know what happened, but I can't tell you exactly how. […] I looked down at myself. For several moments, I couldn't get my mind around what I was seeing. The whole front of me was covered in blood, but it didn't compute. Is this really blood? I wondered. And whose blood is it? Is it mine? Am I hurt?"

Das genaue Ende des "hypothetischen Teils" ist nicht klar gekennzeichnet – aber am Ende des Kapitels, als die Polizei bei ihm zuhause auftaucht, schreibt Simpson wieder klar, dass er unschuldig sei. Er beschreibt noch das Verhör und seine spätere dramatische Flucht vor der Polizei, und die Erzählung hört dort auf, wo er nach der wahnwitzigen Verfolgungsjagd in Gewahrsam genommen wird. Kurz davor betont er noch einmal deutlich, wie die Welt alles mißverstanden habe: "I heard myself described as an obsessively jealous ex-husband so many times that the media almost had me believing it. To make matters worse, a number of reporters ran around interviewing these so-called experts on battered women, creating the impression that Nicole had been a battered woman, and that I, O.J. Simpson, her former husband, was a known batterer."

Es muß jeder für sich selber entscheiden, was er von O.J.s Darstellung halten will, oder ob er ihm Glauben schenken mag. Um fair zu bleiben: Auch andere Berichterstatter und Zeugen haben angegeben, daß bei Nicole Simpson wohl irgendwann Drogen ins Spiel kamen, also könnten die Erzählungen über ihre Unberechenbarkeiten stimmen. Und um weiterhin fair zu bleiben: Es wäre durchaus denkbar, daß sie psychische Probleme hatte, und daß sich daraus Situationen ergeben könnten, die ihn ungerechtfertigt in ein schlechtes Licht rücken.

Aber selbst, wenn man gewillt ist, O.J.s Sicht zu akzeptieren, bleibt die Frage, warum die Unschuldsbeteuerung mit einem als fiktiv behaupteten Tathergang verknüpft wird. Ist er schon so gewohnt, als Mörder angesehen zu werden, daß er für seine Öffentlichkeit unbekümmert selber in die Rolle schlüpfen kann? War ein derartiges Kapitel der einzige Weg, überhaupt eine solche Buchpublikation verwirklichen zu können? Ein wenig hat man das Gefühl, als hätte Simpson die Geschichte wegen des Geldes erzählt – und dafür gesagt: Wenn ihr mich schon als Mörder seht, dann spiele ich für eine Million nochmal den Mörder für euch. Immerhin gibt Ghostwriter Fenjves in seinem Vorwort an, daß er das "Mordkapitel" Simpson sehr mühsam aus der Nase ziehen mußte, während der Rest locker im Plauderton erzählt wurde – und daß Simpson, nachdem ihm die Rechte am Manuskript entzogen wurden und er nichts mehr damit verdienen würde, auch nichts mehr mit dem Buch zu tun haben wollte.

Wobei man auch die Vor- und Nachwörter, die Simpsons Erzählung einbetten, mit etwas Vorsicht genießen sollte. Die Goldman-Familie rechtfertigt sich in ihrem Text für die Publikation des Buchs: Sie gibt an, daß sie nur so Simpson überhaupt zu einer Verantwortung bringen kann – und stellt gleichzeitig ohne Zweifel klar, daß sie seine Geschichte für ein Geständnis hält. Natürlich tut sie das: Sie braucht ein Geständnis nach all den Jahren, in denen der Mann, der vielleicht ihren Sohn ermordet hat, freigesprochen wurde und auch sonst niemand dafür zur Rechenschaft gezogen wurde.

Der Anwalt der Goldmans erläutert ausführlicher, wie der lange Publikationsprozeß von IF I DID IT ablief – und wiederholt die Rechtfertigungen der Familie. Ein völlig überflüssiges Nachwort des Autoren Dominick Dunne stellt sich auf Seite der Goldmans – seine einzige Verbindung zum Fall ist es, den Prozeß seinerzeit genau verfolgt zu haben. Nachdem seine Tochter Dominique (bekannt als Schauspielerin aus POLTERGEIST) 1983 tragischerweise ermordet wurde, ist es höchst verständlich, daß er sich den Goldmans in ihrer Überzeugung anschließt, den Mörder bestrafen zu wollen – aber gleichzeitig liefert die Solidaritätserklärung auch keinerlei Erkenntnisgewinn.

Selbst Ghostwriter Fenjves schreibt in seinem Vorwort, daß er nicht an die Existenz von "Charlie" glaubt – und außerdem stellt sich heraus, daß er seinerzeit im Prozeß gegen Simpson (mit einem kleinen Detail) ausgesagt hatte. "I'd assumed from the start that he was guilty, and in the years since I'd heard nothing to make me change my mind", erklärt er gleich vorweg. Sprich: Simpsons eigene Version wurde von einem Mann verfaßt, der sie für Unfug hält – schwerlich die besten Voraussetzungen für eine brauchbare andere Sichtweise.

Und so zerrt IF I DID IT den Leser hin und her. Simpson will einen auf seine Seite ziehen und dabei sein Image korrigieren, die Verleger steuern dagegen und wollen den Leser mit aller Macht davon überzeugen, daß sie im Recht liegen. Damit ist das Buch eine doppelt schwierige Lektüre: Zum mal befremdlichen, mal beklemmenden Background der Erzählung und der reißerischen Prämisse des Pseudo-Geständnisses gesellt sich das Gefühl, daß man überhaupt nicht mehr weiß, was man von all dem halten soll. Hinterher ist man freilich kaum schlauer als vor der Lektüre – aber man würde allen Beteiligten wünschen, daß sie die Geschichte endgültig auf die eine oder andere Weise abschließen können.



Corey Haim & Nicole Eggert am Schachcomputer

Das Vergnügen an THE DOUBLE 0 KID beginnt schon auf dem Backcover, wo sehr heiter die Werbetrommel gerührt wird: "Mit Teenie Star Corey Haim in einem seiner besten Filme und Kultblondine Brigitte Nielsen (RED SONJA)" heißt es da etwas holprig und bindestrichlos. Immerhin: Das Label hat erkannt, daß es sich keinesfalls um einen der besten Filme mit Brigitte Nielsen handelt – und vielleicht wird auch deswegen der nur moderat gelungene RED SONJA zu ihrem Namen angeführt statt eines schwungvollen Highlights wie ROCKY IV oder BEVERLY HILLS COP II. Und weil die Wühlkisten-Filmographie von Corey Haim nur Menschen mit sehr merkwürdigem Filmgeschmack (so wie mich) zu Begeisterungsstürmen hinreißt, mutet auch der Hinweis, daß THE DOUBLE 0 KID einer seiner besten Filme sei, eher rührend an.

Der Titel verrät es schon: THE DOUBLE 0 KID ist eine Art Bond für jüngere Zuschauer, ein Agentenabenteuer für Teenies. Lassen wir mal die Tatsache beiseite, daß auch viele Bond-Filme kaum Erwachsenenkost darstellen, und kümmern uns um die Handlung: In seiner Phantasie ist Teenager Lance (Corey Haim) ein Top-Agent mit dem Decknamen "Eagle Dawn", in Wahrheit ist der Jüngling aber nur Laufbursche für ein örtliches CIA-Büro und muß sich um staatstragende Aufgaben wie Kaffeekochen kümmern. Dann kriegt er bei einem Botengang aber eine Schlüsselkarte in die Hand gedrückt, hinter der finstere Rabauken (darunter Brigitte Nielsen) her sind: Damit will der fiese Hacker Cashpot (Wallace Shawn) einen Virus in ein Flugzeug einspeisen, damit das samt den an Bord befindlichen Wissenschaftlern ins Bermuda-Dreieck stürzt. (Wer an dieser Stelle nach dem "Warum" fragt, muß sich zur Strafe alle Haim-Filme ansehen, die nicht zu seinen besten gehören.)

Hacker Cashpot beim Computerspielen.
Hacker Cashpot (Wallace Shawn) und seine Handlangerin (Brigitte Nielsen) am praktischen Heimcomputer.

Zum Glück muß unser Lance, der in einem schweren Anfall der Neunziger Jahre gern quietschbunte Klamotten trägt und die blondierten Haare passend dazu hochigelt, nicht alleine durch ein solch gefährliches Abenteuer rennen. Auf der Flucht vor einer brutalen Rollerblade-Gang trifft er die hübsche Melinda – beziehungsweise rennt er sie auf der Straße über den Haufen, wo sie gerade, selber mit Rollerblades ausgestattet, ihren Einkaufswagen vor sich herschiebt. Von allen möglichen Fluchtoptionen wählt Lance die naheliegendste: Er setzt sich in Melindas Einkaufswagen und ruft ihr hektisch zu, daß sie endlich Gas geben soll. Weil Melinda von der schnuckeligen BAYWATCH-Schwimmerin Nicole Eggert gespielt wird, die auch privat mit Haim liiert war, hilft sie dem netten Teenieagenten natürlich sofort und bandelt kurz darauf auch mit ihm an.

Die bösen Buben (und die böse Brigitte) haben derweil weniger Freude an Lance, der den Handlangern des Hackers ein ums andere Mal entkommen kann. In einem Hotelzimmer bestellt sich Lance noch beim Zimmerdienst einen Burger, bevor die Rabauken sein Zimmer stürmen. Lance versteckt sich unter dem Servierwagen und schafft es, einen abmontierten Badezimmerspiegel mit sogenannter Nürnberger Schere (ihr ahnt ja nicht, wie lange ich für diesen Begriff recherchieren mußte!) so einzusetzen, daß sich der Gauner, als er unter den Servierwagen greift, die Finger quetscht. Q wäre stolz.

Brigitte Nielsen als Blickfang
"Hey, Sie kenne ich doch aus RED SONJA!"

Irgendwann aber geraten Lance und Melinda in die Fänge von Cashpot – der mit den Bond-Bösewichtern ein gewisses Faible für das Verspielte teilt. Schon in der ersten Filmhälfte haben wir gesehen, wie Cashpot seinem Partner ein neues Rennspiel zeigt: Der gute Mann (John Rhys-Davies!) setzt sich in ein tatsächliches Fahrzeug, lenkt aber nur ein Auto in einem Computerspiel, das in etwa so funktioniert wie TEST DRIVE ohne die entgegenkommenden Fahrzeuge. Dafür ist die Grafik des Games top – was vielleicht daran liegt, daß einfach eine tatsächliche Aufnahme einer Autofahrt verwendet wurde, über die eine Art Monitor-Look gelegt wurde. Rhys-Davies bleibt leider bei dem "Hell on Wheels" getauften Spiel so erfolglos wie ich bei TEST DRIVE – nur daß bei seinem "Game Over" das tatsächliche Auto umkippt und ihn unter sich begräbt. Komisch eigentlich, daß "Hell on Wheels" kein Arcade-Klassiker wurde.

Zum Glück kennt sich Lance mit Computerspielen aus und kann dem Spiel, mit dem Cashpot ihn zur Strecke bringen will, mühelos entkommen. Im Gegenzug startet er nun eine computerisierte Schach-Partie gegen Cashpot, die aus irgendeinem Grund den Upload des Virus blockiert. Gar so aufregend wie "Hell on Wheels" sieht das Spiel der Könige nicht aus: Bei den müde animierten Figuren würde selbst der Rasenmähermann wieder den C64 vom Dachboden holen.

Corey Haim und Nicole Eggert in auffälligen Neunziger-Klamotten.
Corey Haim und Nicole Eggert im unauffälligen Agentenlook.

Verblüffender ist aber, wie flexibel die Programmierung dieses Schachspiels ist: Lance schafft es nämlich, Cashpots Virus gegen ihn selbst einzusetzen, was im Programm die Meldung "Queen Infected" hervorruft und eine lustige Animation startet, in der sich die Königin schwer aufbläht. Als Cashpot und seine Kultblondine mit einem Helikopter die Flucht ergreifen, kann Lance sogar den Virus zum Hubschrauber schicken, worauf das Schachprogramm auch brav mit "Move King to Helicopter" reagiert. Ich vermute, daß Cashpot nach seiner Festnahme bei Google angeheuert und dort das "Smart Home"-Konzept entwickelt hat.

Also, in die Top 40 der Corey-Haim-Filme schafft es THE DOUBLE 0 KID sicher.


Mehr Corey Haim auf Wilsons Dachboden:
DER TOD FÜHRT REGIE




The Double 0 Kid (USA 1992)
Regie: Duncan McLachlan
Drehbuch: Steven Paul & Stuart Paul (Story), Andrea Buck & Duncan McLachlan (Drehbuch)
Musik: Misha Segal
Kamera: Adam Kane
Darsteller: Corey Haim, Nicole Eggert, Wallace Shawn, Brigitte Nielsen, John Rhys-Davies, Karen Black, Basil Hoffman

Bankräuber, Drogenschmuggler, Killer und Rebellen: Es ist kein Zufall, daß die Protagonisten des New-Hollywood-Kinos so oft Outlaws sind, die sich gegen die gesellschaftlichen Normen stellen. In unserer neuen Lichtspielplatz-Folge überlegen wir, warum diese Andersdenkenden immer wieder als Identifikationsfiguren dienten, und was sie uns über die Zeit erzählen, in der die Filme entstanden sind. Ausgehend von Arthur Penns Kultklassiker BONNIE UND CLYDE mit Warren Beatty und Faye Dunaway, der dieses Jahr sein 50-jähriges Jubiläum feierte, blicken wir auf eine ganze Reihe weiterer Filme - darunter Terrence Malicks BADLANDS, Michael Ciminos DEN LETZTEN BEISSEN DIE HUNDE, Dennis Hoppers EASY RIDER, Martin Scorseses DIE FAUST DER REBELLEN, Steven Spielbergs SUGARLAND EXPRESS, Robert Altmans DIEBE WIE WIR, und einige andere.

Viel Spaß!



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Musik: Clark Kent

1977 hatte Steven Spielbergs dritter Kinofilm Premiere - ein meisterlicher Science-Fiction-Film, der zu seinen besten Werken zählt und als Knotenpunkt in seinem Schaffen gelten darf. Zum 40. Jubiläum von UNHEIMLICHE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART unterhalten wir uns über den Film und seine Bezüge zu vorigen und folgenden Spielberg-Geschichten. Wir reden über Wissenschaft und Magie, die Darstellung der Familie im Film - und über den Zeitgeist, der sich im Film widerspiegelt.

Viel Spaß!




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Musik: Clark Kent

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Lichtspielplatz #4 - BRIDGE OF SPIES und die Politik von Steven Spielberg (Podcast)

Wir wagen uns in das Labyrinth von Stanley Kubricks Horrormeisterwerk: Nachdem es in der letzten Folge um die ungewöhnliche Stephen-King-Verfilmung STAND BY ME ging, knöpfen wir uns diesmal die Adaption seines Romans THE SHINING vor. Wir reden über Kubricks Inszenierung, die Psychologie der Figuren, Freudsche Gedanken über das Unheimliche und Kings Probleme mit der Umsetzung seines Buches - und debattieren außerdem über den Filmessay ROOM 237, dessen gar wunderliche Interpretationen von THE SHINING Anlaß zu einigen Gedanken über unseren Umgang mit Kunst geben.

Viel Spaß!



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Musik: Clark Kent

Texte zu THE SHINING auf Wilsons Dachboden:
Kontrolle und Wahnsinn in Stanley Kubricks SHINING
ROOM 237: Wir sehen, was wir sehen wollen