Aktuelle Filmtexte

Bella Heathcote und Lily James rüsten sich für den Kampf

Gastautor Dr. Wily rührt zwar Jane-Austen-Romane nur mit der Kneifzange an, aber springt schon mal über seinen Schatten, wenn ein paar Zombies in die Geschichte stolpern. Im folgenden Beitrag berichtet er, warum ihn STOLZ UND VORURTEIL & ZOMBIES dann doch enttäuschte.



PRIDE AND PREJUDICE AND ZOMBIES anzusehen ist ein What-If-Spiel. Was wäre gewesen, wenn der Film so übergeschossen wäre, wie es die Prämisse anbietet? Bei ABRAHAM LINCOLN VAMPIRJÄGER war das ja sehr unterhaltsam. Oder was wäre gewesen, wenn man daraus eine Gesellschaftsbetrachtung gemacht hätte? Über die damalige Zeit, diese Welt des Heiratsmarktes, der weggesperrten Gefühle und die Enge der gesellschaftlichen Ritualspiele, in der niemand so recht weiß, was sie oder er eigentlich fühlt, fühlen soll oder fühlen darf, und gleichzeitig aber jeder weiß, was er oder sie als nächstes zu tun hat, ob man nun will oder nicht. Hätte da der Zombie nicht ein schönes Bild für etwas Urwüchsiges, nicht mehr Kontrollierbares sein können, das brutal und heftig durchbricht? In einem Kontext, den man so noch selten gesehen hat? Das hätte durchaus auch dann noch den Humor behalten können.

Eine befreundete Literaturwissenschaftlerin hat mir erklärt, daß Jane Austen in ihren Geschichten auch an der sozialen und finanziellen Situation der Frauen ihrer Zeit interessiert war. Eine Heirat sei damals die einzige Möglichkeit gewesen, versorgt zu sein, weil das System den Frauen keine Möglichkeit zugestand, sich selbst zu versorgen. Als Erzählvehikel für Gesellschaftskritik hat der Zombie ja schon öfter gut funktioniert. Vielleicht hätte man sogar eine kleine Brücke ins Jetzt schlagen können.

Bella Heathcote und Lily James im Kampf gegen Zombies
Der Film erlaubt sich gewisse Freiheiten, was die Jane-Austen-Vorlage angeht.

All das hätte interessantere Filme ergeben. Nicht, daß mir STOLZ UND VORURTEIL & ZOMBIES unsympathisch gewesen wäre. Ich kann zwar mit Jane Austens Geschichten wenig anfangen, aber mit Zombies hab ich es über die Laufzeit gut ausgehalten. Ich mag die Cast, die das sehr gediegen und mit sichtlichem Spaß spielt. Das knappe Budget kaschiert der Film über weite Strecken gut, und auch die eine oder andere poetisch-gruselige Szene bringt er hin. So ganz in die Vollen geht er mit seiner aufgelegten Prämisse aber leider nie. Wo der oben erwähnte ABRAHAM LINCOLN VAMPIRJÄGER die wahre Geschichte seiner Hauptfigur sehr respektlos mit Vampiren vermischt, bleiben die beiden Welten hier getrennt. Es gibt die Liebesgeschichte, und es gibt die Zombieapokalypse. Beide würden auch ohne das andere funktionieren.

Den Schauer, den Untote vor der Kulisse dieses alten Englands erzeugen könnten, einer Zeit, in der Aberglaube noch Sinn gemacht hat, nutzt der Film zu wenig. Er führt die vier Reiter der Apokalypse ein, um sie dann zwei, drei Mal im Bild herumstehen zu lassen. Er läßt die Bennet-Schwestern knallharte Zombiekämpferinnen sein, die in Martial Arts ausgebildet sind - einer damals neuen, modernen Kampftechnik, wie uns der Film erzählt. Eine Actionsequenz, die mit dieser neuen Technik aus der porträtierten Zeit fällt, sich über Physik und das Genre des Kostümdramas erhebt oder es gar bricht, fehlt leider. Vielleicht hat auch einfach das Geld nicht gereicht. Nun würden diese Punkte nicht wie Leerstellen wirken, wenn der Film versuchen würde, uns ein ernsthaftes Drama zu erzählen. Über Endzeit. Oder Liebe. Oder beides. Doch wie es der Titel verrät: Es ist alles Ironie. Der Film ist sich dem auch zu jeder Sekunde bewußt. Er kaschiert es nicht, entlockt dem Set-Up diverse komische Situationen, macht aber zu wenig daraus.

Lily James im Kampf gegen die Untoten
"Wie bitte, ich soll VERSTAND UND GEFÜHL auch noch lesen?"

Meine befreundete Literaturwissenschaftlerin, die sich mit Jane Austen besser auskennt als ich, hat mir außerdem erklärt, daß Austen das Sentimental-Novel-Format ihrer Zeit verwendete, um Gesellschaftssatiren zu schreiben. Sie dürfte damit auch zwischen zwei literarischen Traditionen stehen. Vielleicht ist PRIDE AND PREJUDICE AND ZOMBIES also Satire und ganz nahe am Ausgangsmaterial? Spinnt nur den Gedanken von Jane Austen weiter ins 21. Jahrhundert? Steht auch zwischen zwei filmischen Traditionen? Und ich als Jane-Austen-Banause konnte es nicht erkennen?
Möglich ist vieles. Wahrscheinlich ist aber das Augenscheinliche: PRIDE AND PREJUDICE AND ZOMBIES verläßt sich völlig auf sein Gimmick, das schon im Titel steht und als Idee den Film tragen soll. Es ist eben nur STOLZ UND VORURTEIL. Mit Zombies.




Stolz und Vorurteil & Zombies (USA 2016)
Originaltitel: Pride and Prejudice and Zombies
Regie: Burr Steers
Buch: Burr Steers
Kamera: Remi Adefarasin
Musik: Fernando Velázquez
Darsteller: Lily James, Sam Riley, Bella Heathcote, Ellie Bamber, Millie Brady, Suki Waterhouse, Douglas Booth, Charles Dance, Lena Headey

Alle Bilder stammen von der offiziellen Website des Films.
 
Sandra Bullock in VERRÜCKT NACH STEVE

Sandra Bullock ging 2010 persönlich zu den Golden Raspberry Awards, um sich ihre "Goldene Himbeere" für VERRÜCKT NACH STEVE abzuholen. Es traut sich sonst kaum jemand, diese öffentliche Demütigung anzunehmen – schon gar nicht bei der Verleihung. Paul Verhoeven war 1996 der erste, um sich die "Worst Director"- und "Worst Picture"-Trophäen für SHOWGIRLS abzuholen – die jährlichen "Razzies" wurden da schon zum 16. Mal verliehen. Tom Green erschien für FREDDY GOT FINGERED, Halle Berry nahm ihre "Worst Actress"-Himbeere für CATWOMAN persönlich entgegen. Ansonsten? Fehlanzeige, abgesehen von ein paar Leuten, die ihre Quasi-Auszeichnung in Talkshows entgegennahmen oder ein Video aufzeichneten.

Bei ihrem Auftritt juxte Bullock, sie könnte ja jetzt Zeile für Zeile durch das Skript gehen, und wenn ihr jemand vormachen wolle, wie sie sie besser hätte aufsagen können, würde sie sich das gerne anhören. Außerdem brachte sie eine Wagenladung DVDs des Films mit, damit die Gäste sich den Film zuhause noch einmal (über überhaupt erst einmal) ansehen könnten. "Thank you!" jubelte jemand aus dem Publikum, und Bullock unkte: "Yeah, you say that now". Sie versprach, falls die Jury nach (erneuter) Sichtung befinden sollte, sie wäre doch nicht die schlechteste Schauspielerin des Jahres, würde sie nächstes Jahr gerne wiederkommen und ihren Preis zurückgeben.

Das "schlimmste Paar" 2009: Sandra Bullock & Bradley Cooper
Goldene Himbeere für Sandra Bullock, Goldene Himbeere für das "Schlimmste Paar" Bullock & Bradley Cooper.
Nominierungen gab es noch für die "Schlimmste Regie", den "Schlimmsten Film" und das "Schlimmste Skript".

Wenn Bullock in VERRÜCKT NACH STEVE (Originaltitel: ALL ABOUT STEVE) nur halb so sympathisch wirken würde wie bei ihrem Auftritt, wäre schon einiges gewonnen. Tatsächlich sorgt der knuffige Charme, den Bullock als Person versprüht, dafür, daß man ihrer Figur überhaupt ein paar Minuten in den Film folgt – ungefähr 15 Minuten lang, bis man vor ihrer nervtötenden Art kapituliert und sie abwechselnd bemitleidet oder, wie zahlreiche andere Charaktere das tun, keine Sekunde länger aushalten will. Bei den meisten anderen Schauspielerinnen wären es wohl nur 10 Minuten gewesen. Und vielleicht ist Bullocks Darstellung in der Tat richtig gut: Der Film scheint seine Hauptfigur mit voller Absicht so absonderlich und irritierend zeichnen zu wollen.

Bullock spielt die alleinstehende Mary, die für eine regionale Zeitung Kreuzworträtsel entwirft. Sie hat ein enzyklopädisches Wissen über Wörter, aber kann kaum mit Menschen umgehen. Mary plappert Monologe vor sich hin, hat keine Freunde und lebt, nachdem ihr Apartment wegen Schädlingsbekämpfung begast werden muß, wieder bei ihren Eltern – und selbst die sehen sie meist eher mitleidig an. Um Mary unter Leute zu bringen, arrangieren die Eltern ein Blind Date mit dem TV-Kameramann Steve. Der nimmt schon nach wenigen Minuten panisch Reißaus vor der Verrückten, aber sie hat sich unsterblich verliebt und reist Steve quer durch das Land nach, um mit ihm zusammen sein zu können.

Sandra Bullock als Nervensäge Mary
Mary (Sandra Bullock) meint's ein bißchen zu gut bei ihrem Date mit Steve.

Bis zum Date ist man gewillt, der merkwürdigen Mary zu folgen. Als sie sich dann aber noch vor Beginn des Dates im Auto wollüstig auf Steve stürzt und ihn mit einem Wortschwall wie in einem Bewußtseinsstrom eindeckt, versteht man, warum er (die ersten paar Sekunden noch von ihrer sexuellen Offenheit angetan) schnell das Weite sucht. Als sie am nächsten Tag ein Kreuzworträtsel nur mit Informationen über Steve gestaltet – Augenfarbe, Arbeit, Geruch des Autos: "All About Steve" eben –, das für eine besonders kreative Idee hält und gar nicht verstehen kann, warum ihr Chef das gedruckte Irrsinnswerk für unprofessionell hält, ist man sich sicher, daß die Frau den Verstand verloren haben muß.

Sie verliert den Job und kann also nach Herzenslust Steve hinterherreisen, dessen ausweichende Art sie keinesfalls richtig versteht: Sie hält es für vorherbestimmt, daß sich die Dinge so fügen. Steves Kollege, der Nachrichtenreporter Hartman Hughes, macht sich einen Spaß daraus, sie in ihrer Hartnäckigkeit noch anzustacheln: Er nimmt sie beiseite und erklärt ihr, daß Steve nur Angst vor Gefühlen hätte und sie es deswegen ignorieren solle, falls Steve sie wegschickt. Immer wieder gibt er ihr Informationen, wo Steve als nächstes sein wird, oder lädt sie in Steves Namen ein – und Mary geht jedes Mal freudestrahlend darauf ein. Sie hält es sogar für ein positives Zeichen, als Steve im Auto an ihr vorbeifährt und aus dem Fenster ein Popcorneimer mit aufgekritzelter Nachricht geworfen wird, sie soll doch hinterherkommen.

Das Kreuzworträtsel über Marys Schwarm Steve.
Ein Kreuzworträtsel über Steve. Mary hält das für eine gute Idee.

Mary kann einem die meiste Zeit über richtig leidtun – aber nicht, weil sie so viel Pech hat, sondern weil sie ganz offensichtlich professionelle Hilfe benötigt. Ihr bizarres Auftreten, ihr eindringliches Starren und ihre Art, Menschen niederzutexten, ohne ihnen auch nur eine Sekunde lang zuzuhören, halten das Mitleid aber dann doch im Zaum: Man weiß instinktiv, daß man der Frau selber auch nur aus dem Weg gehen wollte. Lachen kann man über die Mißgeschicke von Mary jedenfalls so oder so nicht. Wie schon Roger Ebert in seinem Review schreibt: "It is not much fun to laugh at a crazy person. None, I would say."

Auf dem Papier klingt das vielleicht auch noch nach einem interessanten Konzept, weil da vage das Potential durchschimmert, das VERRÜCKT NACH STEVE vielleicht geboten hätte: Vielleicht hätte es eine Geschichte werden sollen, die all die üblichen Eckpfeiler der romantischen Komödie genommen und demontiert hätte. Exzentrische Figuren, Mißverständnisse, als niedlich verkauftes obsessives Verhalten mit Stalker-Touch: Hier ist alles vorhanden, was an Romantic Comedies so gerne bemängelt wird. Aber Parodie oder gar eine Dekonstruktion ist dann offenbar doch nicht das, was Regisseur Phil Traill und Autorin Kim Barker (und Bullock selber, die den Film mitproduzierte!) im Visier hatten: Stattdessen wird am Schluss die Individualität von Mary gefeiert, während Steve etwas über seinen Umgang mit Menschen lernen muß! "Don't ever change", sagt er ihr in ihrer letzten Szene. Er will sie zwar immer noch nicht, aber erkennt nun ihre Einzigartigkeit an. Mal ehrlich: Wenn VERRÜCKT NACH STEVE ein Aufruf sein soll, unangepaßt zu bleiben, dann möchte man sich sofort einer Herde anschließen.

Einen Tag, nachdem sie die "Goldene Himbeere" entgegennahm, gewann Sandra Bullock übrigens den Oscar für ihre Rolle in BLIND SIDE – DIE GROSSE CHANCE. Sie verteilte davon keine DVDs.


Mehr Sandra Bullock auf Wilsons Dachboden:
SPEED: Zwei Stunden Dauerthrill
GRAVITY - Der Trotz gegenüber dem Universum





Verrückt nach Steve (USA 2009)
Originaltitel: All About Steve
Regie: Phil Traill
Buch: Kim Baker
Kamera: Tim Suhrstedt
Musik: Christophe Beck
Darsteller: Sandra Bullock, Bradley Cooper, Thomas Haden Church, Ken Jeong, DJ Qualls, Howard Hesseman, Keith David, M.C. Gainey, Holmes Osborne

Alle Bilder stammen von der DVD (C) 2010 Twentieth Century Fox Home Entertainment LLC.
Robert Downey Jr. in IRON MAN 3

Unser Gastautor Dr. Wily dringt tiefer in das Marvel Cinematic Universe ein: Nach dem Ensemblefilm THE AVENGERS knöpft er sich als nächstes IRON MAN 3 vor, mit dem Marvel ihren zweiten großen Film-Block einläuteten.



Die Marvel Studios starten in ihre sogenannte Phase Zwei, die sich über sechs Filme bis zu ANT-MAN erstreckt, genauso wie in ihre Phase Eins mit einer Iron-Man-Geschichte. Doch seit THE AVENGERS hat sich einiges verändert.

Schon mit dem ersten Satz "We create our own demons" klingt Tony Stark (Robert Downey Jr.) ganz anders als der Mann, der in Teil 2 noch den Weltfrieden privatisiert hat. Die Überheblichkeit und Lässigkeit, für die ihn die vorigen Filme bewundert haben, fliegen ihm hier auf mehreren Ebenen um die Ohren. So tief ist Stark bisher nicht gefallen und fällt er auch nie wieder. Nach seinem kurzen Ausflug in eine andere Dimension und dem vermeintlichen Sturz in den Tod in THE AVENGERS leidet er unter heftigen Panikattacken. Im Laufe des Films werden sein Heim und sein Labor zerstört, er muß lange um seine Liebe Pepper Potts (Gwyneth Paltrow) bangen, und er verliert alle seine Iron-Man-Rüstungen - bis auf eine, und die funktioniert eigentlich nie so richtig. Tony muß hier also sehr lange ohne seine Metallschutzhülle auskommen, was auch bedeutet, daß Downey mehr zu tun bekommt als bisher und man mehr Mitgefühl mit dieser Figur herstellen kann. Wenn IRON MAN 1 und 2 Geschichten über Iron Man erzählt haben, erzählt IRON MAN 3 endlich eine Geschichte über Tony Stark.

Die Dämonen, die Tony hier kreiert, sind Maya Hansen (Rebecca Hall) und Aldrich Killian (Guy Pearce). Beide wollten mit ihm zusammenarbeiten, doch in seiner Arroganz ignoriert er den einen und begreift die andere nur als Mittel zur Bedürfnisbefriedigung. Was es mit den Menschen macht, die er nur als Erweiterung seiner Selbst wahrnimmt, kümmert ihn nicht, er denkt nicht einmal darüber nach. Durch Tonys Verhalten finden die beiden Abgelehnten zusammen, und Jahre später wendet sich diese Zusammenarbeit nun gegen ihn. Hier stellt sich zum ersten Mal ein neues Element ein, das die Figur Tony Stark über weitere Filme begleiten wird (und auch bei BLACK PANTHER auftaucht): Immer wieder muß sich Tony mit Bösewichten auseinandersetzen, die er durch seine Handlungen selbst erschaffen hat.

Pepper Potts und Aldrich Killian
"Bist du nicht der Typ, der sich alle paar Minuten an nichts mehr erinnert? Wie hieß der Film doch gleich?"

Manches an diesen Figurentwicklungen liegt wohl an Regisseur und Drehbuchautor Shane Black. Black hatte in den 1980er und 1990er Jahren zahlreiche Erfolge als Autor. Von ihm stammen THE LAST BOY SCOUT und LETHAL WEAPON sowie LAST ACTION HERO, der zwar kein Erfolg war, aber viele seiner erzählerischen Eigenheiten auf die Spitze treibt. Sein Genre ist also, je nach Schwerpunktsetzung, die Actionkömodie mit Krimielementen oder die Krimikomödie mit Actionelementen. Dazu gehört bei ihm auch immer ein Spiel mit Genrekonventionen. Shane Black läßt seine Heldenfiguren gern auflaufen oder zieht ihnen den Boden unter den Füßen weg. Bekannte Plotpoints steuert er immer wieder an, um sie dann konsequent nicht zu erfüllen und einen Witz daraus zu ziehen. Viele seiner Geschichten sind sehr lustig und fühlen sich smart und überraschend an - auch bei mehrmaligem Ansehen.

Er ist einer der wenigen, der bei Marvel hinter der Kamera stehen und dabei eine eigene Stimme haben durfte. Üblicherweise werden die Filme hier ja auf Produzentenebene geplant, Inszenierung und Look festgelegt. Der Regisseur ist hier als Autor so gut wie gar nicht gefragt. Mit Ausnahme von THOR - TAG DER ENTSCHEIDUNG gab es im weiteren Verlauf der Marvel-Reihe kaum einen Regisseur, der viel Raum für eigene Ideen bekam. Es dürfte vor allem zwei Gründe haben, daß Black die Franchise hier in die dritte Runde führen durfte: Zum einen scheint er ein guter Freund von Robert Downey Jr. zu sein, mit dem er 2005 KISS KISS BANG BANG gedreht hatte. Downey und sein Einfluß dürften Black bei Marvel ins Spiel gebracht haben. Außerdem hat Shane Black zwar eine eigene Erzählstimme, ist dabei aber sowohl nicht teuer als auch sehr gut mit dem Mainstreamanspruch der Marvel Studios vereinbar. Er ähnelt dabei ein wenig Joss Whedon. Look und Inszenierung sind glatt, glänzend und unbedingt blockbustertauglich, das Drehbuch dagegen offenbart einen eigenen Umgang mit den Figuren. Wie Whedon schüttelt Black Genre und Charaktere gerne ein wenig durch. Auch seine Welt ist vor allem eine Filmwelt, die nicht notwendigerweise an die Wirklichkeit andocken will.

Ben Kingsley als The Mandarin
Schluß mit passivem Widerstand: Bösewicht The Mandarin (Ben Kingsley).

So kommt es auch, daß diese Geschichte über den Terroristen The Mandarin (Ben Kingsley) und den Konzernboss Aldrich Killian zwar an der erzählten Oberfläche sehr real scheint, sich aber die ganze Zeit künstlich-spaßig anfühlt. Nicht zuletzt durch die verhältnismäßig frühe Offenbarung der Wahrheit um den Mandarin (eine weitere Entzauberung eines stereotypen Charakters). Für mich ist dieser Plot-Twist einer der gelungensten Gags der Marvel-Reihe. Einmal mehr ist also der wirkliche Böse ein größenwahnsinniger CEO, was mich einerseits zurück bringt zu Grant Morrisons Gedanken über unsere Gesellschaft, andererseits erinnert es an Lex Luthor vom Konkurrenten DC. Der CEO ist ein gern genommener Bösewicht, nicht erst in den letzten Jahren. Als allmächtiger Vertreter eines völlig entfesselten Systems, einer Welt, der mit keiner Macht und Kontrolle beizukommen ist außer der superheldischen - nämlich das Ganze einfach in die Luft zu jagen.

Ein anderer Effekt sind allerdings auch einige - nennen wir es: erzählerische Großzügigkeiten wie etwa der Umgang mit der körperlich veränderten Pepper Potts. Immerhin besteht die Gefahr, daß sie sich zum selben Monster entwickelt wie Killian. Aber das wird mit einem Satz Tonys geklärt, er kenne sich damit aus, habe das Problem schon vor Jahren im Rausch fast gelöst und werde ihr sicher helfen können. Vielleicht habe ich Tony so oft auf die Nase fallen sehen in diesem Film, daß ich ihm diese allmächtige Darstellung seiner Kompetenz gerne zugestehe. Oder es ist die mit sich selbst beschäftigte Künstlichkeit dieser Welt, die es mir völlig plausibel macht, daß dieses Problem einfach so weggeschnippt wird. Möglicherweise ist es auch nur cool, Pepper Potts im Iron-Man-Anzug zu sehen.

"Iron Man" Tony Stark und seine Pepper Potts
"Schatz, kannst du mir mal mit dem Reißverschluß helfen?"

Mit IRON MAN 3 endet auch eine gewisse Reise. Tony Stark und Iron Man werden in weiteren Filmen nur mehr als Teil eines Ensembles (AVENGERS: AGE OF ULTRON) oder als den Hauptprotagonisten unterstützende Nebenfigur auftauchen (SPIDERMAN: HOMECOMING). In CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR erfüllt er sogar beide Aspekte.

IRON MAN 3 ist mein liebster Iron-Man-Film, und er gehört auch zu meinen Marvel-Favoriten. Streifen wir doch hier kurz das Thema "Fortsetzungen" und fragen uns, wie ein Teil 3 um so viel interessanter und involvierender sein kann als die beiden Vorgänger. Nun, Teil 3 kann überhaupt nur existieren, weil es zwei Vorgänger gab. Die Geschichte über Tony kann hier nur deshalb so erzählt werden und funktioniert auf ihre Art hier auch nur deshalb, weil wir die Figur und Welt des Iron Man schon kennen. Damit spielt IRON MAN 3.

Post-Credits: Macht es eigentlich Sinn, daß Maya zu Tony geht und ihn mit einem Vorwand zu sich locken will, während ihre Kollegen Tonys Villa bombardieren und dabei riskieren, daß sie draufgeht? Entweder hat da wer das Memo nicht gekriegt, oder das Drehbuch hat geschlampt.

Post-Credits II: Wenn Tony einfach nur zum Arzt hätte gehen müssen, um sich das Schrapnell entfernen zu lassen, warum hat er das nicht gleich getan?


Dr. Wilys weitere Betrachtungen zum Marvel Cinematic Universe auf Wilsons Dachboden:
IRON MAN: Der gemachte Superheld
DER UNGLAUBLICHE HULK: Lustfeindlichkeit und schiefgegangene Experimente
IRON MAN 2: Größer, höher, weiter und mit Nachdruck 
THOR: Gott, Held oder Superheld?
CAPTAIN AMERICA – THE FIRST AVENGER: Der altmodische Rächer
THE AVENGERS: Ein bunter Strauß voll Schabernack
BLACK PANTHER: Eine repräsentative Utopie




Iron Man 3 (USA 2013)
Regie: Shane Black
Buch: Drew Pearce, Shane Black
Kamera: John Toll
Musik: Brian Tyler
Darsteller: Robert Downey Jr., Guy Pearce, Rebecca Hall, Gwyneth Paltrow, Jon Favreau, Paul Bettany, Ben Kingsley, Don Cheadle, William Sadler, Miguel Ferrer

Alle Bilder (C) Marvel.
Das neue BAYWATCH-Team

Ich habe die Serie BAYWATCH nie gesehen. Sicher, irgendwann muß ich einmal eine halbe bis ganze Folge erwischt haben – das ließ sich ja kaum vermeiden, nachdem die Show ganze elf Staffeln zusammenbrachte (neun in Kalifornien, zwei weitere auf Hawaii) und auch noch den Ableger BAYWATCH NIGHTS abwarf (nochmal zwei Staffeln). Ich weiß, daß es da viele formschöne Frauen in schicken Badeanzügen gab, die meistens in Zeitlupe den Strand entlangliefen. Ich weiß, daß Pamela Anderson, Carmen Electra und Nicole Eggert zu diesen Frauen gehörten (eine kürzlich erworbene Playboy-Sonderausgabe gibt gewissermaßen lexikalischen Überblick über die weibliche Besetzung). Ich weiß auch, daß David Hasselhoff den Bademeister spielte, aber weil er kein sprechendes Auto fuhr und auch nicht in seine Uhr geredet hat, interessierte mich seine neue Serie seinerzeit nicht allzu sehr. Ich war 12.

Die sechs Autoren, die im Vorspann zur Kinoversion von BAYWATCH genannt werden (sowie die ungenannten Script-Doktoren, die vermutlich ins Wasser gezerrt wurden), haben BAYWATCH gesehen. Das merkt man daran, daß gleich zu Beginn die hinreißende Blondine CJ über den Strand läuft, während die ebenso hinreißende Brünette Summer kommentiert: "Wieso sieht es immer so aus, als würde sie in Zeitlupe laufen?" Man merkt es auch daran, daß in einer Szene Kriminalfälle aufgezählt werden, mit denen sich die Rettungsschwimmer schon auseinandergesetzt haben, woraufhin eine Figur anmerkt: "Alles, worüber ihr hier redet, klingt nach einer sehr unterhaltsamen, aber ziemlich weit hergeholten TV-Serie". Und man merkt es daran, daß David Hasselhoff und Pamela Anderson Gastauftritte kriegen – obwohl ihre Figuren eigentlich von ganz anderen Leuten gespielt werden.

Kelly Rohrbach als Zeitlupen-Läuferin CJ Parker
Kelly Rohrbach sollte Model für Bademode werden.

Damit haben sich die augenzwinkernden Anspielungen auf die Tatsache, daß hier eine alte TV-Serie aufgefrischt ins Kino gehievt wird, aber auch schon wieder erledigt: Der BAYWATCH-Kinofilm ist keine Parodie, sondern eine Actionkomödie mit viel Sonne und ein paar Explosionen. Die tapferen Bademeister dürfen sich mit der Obergaunerin Victoria Leeds anlegen, die am Strand eine kriminelle Verschwörung mitsamt Drogen und Mord inszeniert – und weil die lokale Polizei die auftauchenden Leichen offenbar ganz alltäglich findet, müssen die Rettungsschwimmer eben auf eigene Faust nachforschen.

Dabei haben die schönen Strandgänger eigentlich schon ihre eigenen kleinen Probleme zu lösen: Oberaufseher Mitch Buchannon (Dwayne "The Rock" Johnson) muß sich mit dem respektlosen und aufschneiderischen Newcomer Matt Brody (Zac Efron) herumplagen, der seinen Job nicht allzu ernst nimmt. Der unscheinbare Rettungsschwimmeranwärter Ronnie (Jon Bass) ist entzückt von der liebreizenden CJ Parker (Kelly Rohrbach), aber weiß nicht, wie er an sie herankommen soll. Und die Badenixen Summer Quinn (Alexandra Daddario) und Stephanie Holden (Ilfenesh Hadera) haben … nunja, sicherlich auch irgendeinen Kummer, den ich aufgrund ihrer knappen Badeanzüge wohl einfach übersehen oder, noch schändlicher, wieder vergessen habe.

Priyanka Chopra als Obergangsterin Victoria Leeds
So schön und doch so böse: Obergangsterin Victoria Leeds (Priyanka Chopra).

Die Namen der Protagonisten sind identisch mit denen einiger Figuren, die durch die Serie liefen – aber das Wort "Figur" sollte man hier vielleicht nur in dem Kontext verwenden, welche selbige die Herren und Damen in ihrer Badekleidung machen. The Rock und Efron führen Muskelpakete an der frischen Luft spazieren, als würden sie selbst ihre Steuererklärung von der Pressbank aus machen. Von den Damen ist vor allem das Model Kelly Rohrbach gar lieblich: Sie ist so zuvorkommend, stets einen Ausschnitt bis zum Bauchnabel zu tragen, und wirkt dabei gleichzeitig so bodenständig und freundlich, daß sich jeder nervöse Jüngling trotzdem trauen würde, sie nach ihrer Telefonnummer zu fragen.

In seinen 121 Minuten Laufzeit durchlebt der durchaus amüsante Film die eine oder andere Identitätskrise. Manchmal wähnt man sich zum Beispiel in einer heiteren Achtziger-Sexkomödie wie SCREWBALLS: Als sich Ronnie einmal verschluckt, wendet CJ ganz hilfsbereit die Heimlich-Methode an, um ihm zu helfen – was ihm zwar das Leben rettet, aber auch andere Teile seiner Anatomie in Aufruhr bringt. Er wirft sich also vornüber auf eine Liege, um seine Erektion vor CJ zu verbergen – und klemmt sich dabei sein bestes Stück sehr schmerzhaft zwischen den Holzlatten ein. Dann setzt plötzlich der Ekelhumor ein, wenn sich unsere Rettungsschwimmer bei Nachforschungen in einem Leichenschauhaus in den Kühlzellen neben den toten Körpern verstecken müssen und Zac Efron dabei eine undefinierbare Flüssigkeit in den Mund tropft. Und irgendwann drohen die sechs Autoren sogar die Tatsache zu vergessen, daß sich niemand BAYWATCH wegen der Handlung angesehen hat.

Summer Quinn (Alexandra Daddario) und Matt Brody (Zac Efron)
"Worum ging es gleich wieder in der fünften Staffel von BAYWATCH?"

Aber als Freund diverser Strandkomödien ist man etwas Kummer ja gewohnt – und richtet den Blick ganz entspannt auf das Wesentliche. Hoffentlich muß ich jetzt keine elf Staffeln BAYWATCH schauen, um herauszufinden, was das ist.


Mehr Alexandra Daddario auf Wilsons Dachboden:
WEG MIT DER EX: Anbiederung statt Ambitionen
SAN ANDREAS: Die kalifornische Katastrophe als Familientherapie

Mehr Strandkomödien auf Wilsons Dachboden:
SONNE, SYLT UND KESSE KRABBEN - Steeger und der Strand 
HOT DOGS AUF IBIZA 
BEACH GIRLS - STRANDHASEN
BIKINI SHOP - HEISSE HASENJAGD AM VENICE BEACH
HOT SPLASH - EINE JUNGFRAU GEHT BADEN: Vom Zuckern und Zerren




Baywatch (USA 2017)
Regie: Seth Gordon
Buch: Jay Scherick, David Ronn, Thomas Lennon & Robert Ben Garant (Story), Damian Shannon & Mark Swift (Drehbuch)
Kamera: Eric Steelberg
Musik: Christopher Lennertz
Darsteller: Dwayne Johnson, Zac Efron, Priyanka Chopra, Alexandra Daddario, Kelly Rohrbach, Ilfenesh Hadera, Jon Bass, Yahya Abdul-Mateen II, Hannibal Buress, David Hasselhoff, Pamela Anderson

Alle Bilder (C) Paramount.


Als Avengers vereint: Black Widow, Thor, Captain America, Hawkeye, Iron Man und Hulk

Nach den Einzelfilmen um Iron Man, den Hulk, Thor und Captain America treten die Comichelden in THE AVENGERS im Ensemble auf. Gastautor Dr. Wily berichtet über Joss Whedons Großevent im Marvel-Universum.



Joss Whedon läßt also endlich das Superhelden-Dream-Team Iron Man, Hulk, Captain America, Thor, Hawkeye und Black Widow zuerst aufeinander und dann auf den bösen Gott Loki los, der wunderbar klassisch die Menschheit unterjochen will, einfach weil es ihm Spaß macht. Wozu viel Ballast, wenn's auch einfach geht. Die Einzelabenteuer der jeweiligen Helden haben ihnen in den vier Jahren zuvor genug Backstory gegeben und die Charaktere ausreichend eingeführt. Jetzt kann Whedon diese Figuren, allesamt starke Egos, in einen Raum zusammensperren und zusehen, was dabei passiert. Als jemand, der schon immer sehr an Figurenzeichnung und Dialog interessiert war, läßt er sie mit sichtlichem Spaß aufeinanderprallen und sich kabbeln und streiten wie kleine Kinder, bis sie erst im letzten Drittel wirklich zu einem Team zusammenfinden. Obwohl THE AVENGERS mit einer dicken Actionsequenz beginnt, in der Loki (Tom Hiddleston) den Tesseract klaut und sich Hawkeye (Jeremy Renner) und Dr. Selvig (Stellan Skarsgard) gefügig macht, liegt der Fokus der nächsten Stunde auf, vor allem für einen Actionfilm, zahlreichen Dialogszenen – als könnte sich Whedon gar nicht satthören an seinen Helden. Bei allen coolen One-Linern und Wortgefechten wird THE AVENGERS aber nie redselig. Im Gegenteil: Alles ist wortgewandt, schlagfertig und vor allem komisch. Vieles davon bekommt man erst beim zweiten oder dritten Mal mit.

Iron Man und Captain America als Gefährten
Im selben Team und doch Rivalen: Iron Man Tony Stark (Robert Downey Jr., l.) und Captain America (Chris Evans).

Whedons Welt ist seine eigene, die sich nicht bemüht, viel mit der unsrigen zu tun zu haben (sich aber auch nicht wehren würde, wenn sie es tut). Es ist nicht Whedons Interesse, unbedingt an die Realität anzudocken, wie es etwa IRON MAN oder CAPTAIN AMERICA mit ihren Bezügen zum Militär und dem Krieg irgendwie tun. Er interessiert sich für die Geschichte, die Figuren und das Genre, und wie er damit kreativ umgehen kann. Er bleibt mit THE AVENGERS tief im Marvel-Universum und hat als Fanboy mit diesem Film eine riesengroße Spielwiese bekommen, auf der er sich austobt. Kein anderer der bisherigen Marvelfilme ist so zufrieden mit sich selbst beschäftigt wie THE AVENGERS.

Es hilft, daß Whedon, als Autor ohnehin immer geachtet, als Regisseur einiges seit seinem letzten Kinofilm SERENITY dazugelernt hat. Der steht in Sachen Geschichte, Figuren und Dialoge THE AVENGERS um nichts nach, aber gerade die Actionsequenzen wirken in SERENITY etwas hölzern. Man sieht dem Film Whedons Fernsehvergangenheit an. In THE AVENGERS inszeniert er jetzt entsprechend der großen Geschichte auch große Kinobilder, und die Actionszenen sitzen nicht nur, sondern sind bei allem kreativen Irrsinn, den er gerade in der Schlußsequenz abfackelt, immer klar nachvollziehbar und übersichtlich.

Scarlett Johansson als Black Widow
Da spendieren wir doch glatt ein Einzelbild: Black Widow (Scarlett Johansson).

Das Drehbuch zeigt sich von seinen Figuren zwar begeistert, aber nicht geblendet. Es war auch immer Whedons Merkmal, gerade die Schwächen seiner Charaktere herauszuarbeiten. Er tut das gerne, aber nicht ausschließlich, mit Humor, läßt sie alle Ziele von Witzen werden. So ist Iron Man (Robert Downey Jr.) zwar überheblich, selbstverliebt und souverän wie eh und je – aber zusätzlich wird Tony Stark endlich emotional berührt und berührend. Chris Evans schlägt sich als ernsthafter und altmodischer Captain America mit der ironischen Gegenwart herum und arbeitet sich vor allem am arroganten Tony ab. Er kriegt endlich den Stock in den Hintern, der seiner moralischen Überheblichkeit innewohnt. Thor (Chris Hemsworth) darf weiter schön theatralisches und deplaziertes Pathos verbreiten – mit ihm wurde ja in seinem Einzelabenteuer schon lockerer umgegangen als mit seinen Kollegen. Scarlett Johansson bekommt als Superspionin Black Widow mehr Raum als bei ihrem ersten Auftritt in IRON MAN 2 und dazu einen schönen Subplot mit Hawkeye (Jeremy Renner). Beide Figuren werden in sehr wenig Zeit sehr treffsicher und markant ausgefleischt.

Am interessantesten ist Mark Ruffalo als Bruce Banner alias Hulk – der dritte Schauspieler in neun Jahren, der das "große grüne Wutmonster" spielt, und für mich die schlüssigste Interpretation der Figur (ganz abgesehen davon, daß hier der Hulk auch am makellosesten animiert ist). Er spielt Bruce Banner als einen Mann, in dem es immer irgendwie brodelt, und der sich und andere schützt, indem er auf Abstand zu den Menschen geht. Hinter seinem sanften Auftreten ist er ein bis zur Feindseligkeit mißtrauischer, aber immer höflicher Mensch, der mit hellwachem Verstand hinter jedem einen eventuellen Verrat vermutet. Die Angst vor dem unkontrollierbaren Teil in ihm ist aber nur ein Aspekt. Banner ist weder ein schnell aufbrausender, unkontrollierbarer Choleriker noch ein verängstigtes Häufchen Unsicherheit, wie er noch in DER UNGLAUBLICHE HULK porträtiert wurde. Ihm ist von der Welt genug angetan worden, daß er den Hulk auch sehr selbstbewusst als Drohung einsetzt. Ruffalos Banner versteckt sich nicht nur, er läßt sich auch nichts gefallen. Erst als er beginnt, sich langsam mit dem "anderen Kerl" in ihm nicht nur zu arrangieren, sondern auch anzufreunden, vollzieht sich letztendlich die (für die Story auch notwendige) Wandlung hin zum Hulk, der sich unter Kontrolle hat. Hier ist zwar die Reihenfolge nicht ganz so optimal ausgearbeitet, aber zumindest sind die Motivationen der Figur klar dargelegt und emotional nachvollziehbar. Außerdem kann der Hulk beim Endkampf einfach nicht fehlen.

Thor und Captain America kämpfen Seite an Seite.
Seite an Seite: Thor (Chris Hemsworth, l.) und Captain America (Chris Evans).

Die größte Freude des Films ist für mich Tom Hiddleston als böser Loki. Wie schon erwähnt, bekommt Loki hier seinen Humor. Die süffisante Arroganz und diebische Freude am Unruhestiften machen ihn erst zur einer der eindrücklichsten und gern gesehensten Figuren in diesem Film-Universum. Loki wird hier einer dieser richtig tollen Bösewichte: charmant, unberechenbar, nie vertrauenswürdig und immer zu Unfug aufgelegt. Man sieht ihm gerne zu und freut sich immer, ihn zu sehen, weil man weiß, daß jetzt etwas passiert. Auf ihn ist Verlaß, wenn es darum geht, der Geschichte Gas und Feuer zu geben.

THE AVENGERS ist ein bunter Strauß voll Schabernack, ein Fanvehikel eines Fans. Er ist der bisher leichteste der ohnehin nie schweren Marvel-Filme. Das wird wohl zum Erfolg des Films beigetragen haben. Hier einige Superlative, die sich der Film anheften darf (Stand März 2018): die bisher erfolgreichste Comicverfilmung, einer von zwölf Filmen mit über einer Milliarde Dollar Einspielergebnis weltweit und fünfterfolgreichster Film aller Zeiten. Mit Ende ihrer Phase Eins hatten die Marvel Studios 3,8 Milliarden Doller eingespielt und keinen Flop gelandet. Spätestens jetzt hatten sie den Jackpot geknackt.

Hawkeye und der Hulk
Hawkeye (Jeremy Renner, in grau) und der Hulk (Mark Ruffalo, in grün).

Post-Credit: Interessanterweise hätte hier alles enden können. Die Erzählung läßt nichts zwingend offen. Die Welt ist gerettet, der Bösewicht Loki in Gewahrsam, der Tesseract in sicherer Verwahrung und die Avengers sind zu einem Team geworden, das im Guten auseinander geht, um bei Bedarf wieder zusammenkommen zu können und die Welt zu retten. Es wirkt, als hätten die Marvel Studios erstmal nur bis zu diesem Film geplant. Auch im schon früher zitierten Vanity-Fair-Artikel wird berichtet, Kevin Feige hätte erst auf der Promotour zu THE AVENGERS offenbart, daß er 15 weitere Filme in Planung habe und das komplette Marvel-Universum der Comics auf die Leinwand bringen wolle.

Post-Credit II: Der seit IRON MAN aufgebaute Agent Coulson (Clark Gregg) bekommt nun endlich seinen moment in the sun im emotional packendsten Moment des Films. Er ist seither auch Hauptfigur seiner eigenen Fernsehserie AGENTS OF S.H.I.E.L.D., die mittlerweile in der fünften Staffel läuft. Eine Erkenntnis der Phase Eins könnte auch sein: Kühe, die Milch geben, muß man melken. Sonst platzen sie.


Dr. Wilys weitere Betrachtungen zum Marvel Cinematic Universe auf Wilsons Dachboden:
IRON MAN: Der gemachte Superheld
DER UNGLAUBLICHE HULK: Lustfeindlichkeit und schiefgegangene Experimente
IRON MAN 2: Größer, höher, weiter und mit Nachdruck 
THOR: Gott, Held oder Superheld?
CAPTAIN AMERICA – THE FIRST AVENGER: Der altmodische Rächer
BLACK PANTHER: Eine repräsentative Utopie




The Avengers (USA 2012)
Regie: Joss Whedon
Buch: Joss Whedon & Zak Penn (Story), Joss Whedon (Drehbuch)
Kamera:  Seamus McGarvey
Musik: Alan Silvestri
Darsteller: Robert Downey Jr., Chris Evans, Mark Ruffalo, Chris Hemsworth, Scarlett Johansson, Jeremy Renner, Tom Hiddleston, Clark Gregg, Cobie Smulders, Stellan Skarsgard, Samuel L. Jackson, Gwyneth Paltrow

Alle Bilder (C) Marvel.
Hollywood Homicide (dt. Hollywood Cops)

In einem Club in Hollywood erschießen zwei Attentäter die vier Mitglieder der Rap-Formation H2OKlick während eines Auftritts. Möglicherweise könnte der Musikmogul Antoine Sartain (Isaiah Washington) etwas damit zu tun haben. Die ermittelnden Polizisten der Mordkommission haben aber eigentlich ganz andere Sorgen: Der Veteran Joe Gavilan (Harrison Ford) arbeitet nebenher als Immobilienmakler und sitzt seit geraumer Zeit auf einem teuren Objekt fest. Sein Partner, der junge K.C. Calden (Josh Hartnett), hat einen Zweitberuf als Yogalehrer – und ist sich gar nicht sicher, ob er überhaupt Polizist sein will: Er will Schauspieler werden und übt für die Hauptrolle in Tennessee Williams' ENDSTATION SEHNSUCHT.

Schon in seinem vorigen Film DARK BLUE – DIE FARBE DER KORRUPTION hat Regisseur und Autor Ron Shelton eine Cop-Story mit aktuellen Bezügen erzählt. Aber wo der düstere Thriller konkret den Rodney-King-Vorfall einbezog und sich um das kaputte, korrupte System des L.A.P.D. drehte, ist HOLLYWOOD COPS (im Original: HOLLYWOOD HOMICIDE) eine leichtfüßige Komödie im Hochglanzlook. Natürlich ist der Mordfall von den Hip-Hop-Konflikten der späten Neunziger inspiriert, die prominente Opfer wie Tupac Shakur und The Notorious B.I.G. forderten und in die (glaubt man der Theorie des Ermittlers Russell Poole) Plattenboß Suge Knight und ein Ex-L.A.P.D.-Cop verwickelt waren – aber der Film interessiert sich eigentlich gar nicht für seinen Polizeiplot, sondern zeichnet lieber ein amüsantes Bild einer Stadt, in der jeder Kellner eigentlich Schauspieler oder Drehbuchautor ist. "Everybody's got another life", erklärt Shelton in seinem Audiokommentar über Hollywood. "Nobody is quite who they seem to be, and nobody wants to be who they seem to be."

Harrison Ford und Josh Hartnett in HOLLYWOOD COPS
Cops mit Zweitkarrieren: Joe Gavilan (Harrison Ford, l.) und K.C. Calden (Josh Hartnett).

So liegt der Charme des Films dann auch darin, wie beiläufig hier ein eigentlich sensationeller Fall abgehandelt wird, während die Protagonisten ganz andere Anliegen haben. Gavilan kommt beim Gespräch mit dem Clubbesitzer darauf, daß der ein Haus kaufen will, und verwandelt das Verhör flugs in eine Verkaufsverhandlung. Als Calden im Zuge der Ermittlungen bei einem einst legendären, aber mittlerweile nicht mehr gefragten Produzenten landet, legt er ihm schnell ein Skript und eine Einladung zu seiner Theateraufführung auf den Tisch. Während einer Verfolgungsjagd hängt Gavilan auch schon mal am Telefon, um Preisverhandlungen zu einem Immobiliendeal zu führen.

Das klingt nach bissiger, kantiger Satire, aber HOLLYWOOD COPS funktioniert nicht wie SCHNAPPT SHORTY, wo die Absurdität von Hollywood mit geschliffenem Tonfall aufs Korn genommen wurde. Sheltons Film ist quasi der recht entspannte Cousin dazu: Es ist ein liebevoller Blick, den er hier auf die Stadt wirft, und er will um sein Augenzwinkern kein großes Aufhebens machen. Beim Inspizieren des Tatorts ist das erste, das Gavilan notieren lässt, welchen Cheeseburger ihm gebracht werden soll; Yogalehrer Calden kann sich die Namen der vielen schönen jungen Frauen, mit denen er anbandelt, nie merken, aber sie nehmen es ihm auch nie übel. Daß HOLLYWOOD COPS gar nicht auf Satire abzielt, merkt man unter anderem daran, daß da zwar in einer Szene ein Prominenter (Cameo von Eric Idle!), der mit einer Prostituierten erwischt wurde, verhaftet wurde und protestiert, er habe nur Recherchen für ein Projekt betrieben – aber es werden keine Bezüge zu tatsächlichen Klatschblatt-Geschichten rund um Hugh Grant oder Eddie Murphy gezogen. Oder auch der abgehalfterte Produzent (Martin Landau!): Für den stand Robert Evans Pate, aber das merkt man nur, weil Evans ganz generell als Stellvertreter für alle einst hoch fliegenden Produzenten steht (siehe auch ENTOURAGE, wo die ähnlich geartete Figur Bob Ryan auftaucht – ebenfalls von Landau gespielt).

Hip-Hop-Mogul Antoine Sartain (Isaiah Washington).

Wahrscheinlich ist genau diese Beiläufigkeit Schuld daran, daß HOLLYWOOD COPS weit unter den Erwartungen lief: Als Buddy-Cop-Komödie kümmert er zu wenig um das Polizistendasein seiner Protagonisten, als Parodie des Genres setzt er zu wenig Spitzen, als Krimi interessieren ihn die Verwicklungen der Mordverschwörungen viel zu wenig. Der Film blickt eben mit richtig kalifornisch-sonnigem Gemüt auf seine Story und seine Figuren. Angesichts des aufmerksamkeitsheischenden Auftritts ähnlich gelagerter Filme ist das eine hochsympathische Abwechslung.




Hollywood Cops (USA 2003)
Originaltitel: Hollywood Homicide
Regie: Ron Shelton
Buch: Robert Souza & Ron Shelton
Kamera: Barry Peterson
Musik: Alex Wurman
Darsteller: Harrison Ford, Josh Hartnett, Lena Olin, Bruce Greenwood, Isaiah Washington, Lolita Davidovich, Keith David, Master P, Dwight Yoakam, Martin Landau, Eric Idle, Robert Wagner

Die Screenshots stammen von der DVD (C) 2003 Columbia TriStar Home Entertainment.

In der aktuellen Lichtspielplatz-Folge geht es um drei Männer, die in den Dschungel gingen und wahnsinnig wurden: Francis Ford Coppola wurde für APOCALYPSE NOW selber zu Colonel Kurtz, William Friedkin inszenierte sich für SORCERER als unzurechenbarer Diktator, während Werner Herzog nach Monaten der Arbeit an FITZCARRALDO darauf kommt, daß seine eigene Geschichte der des Films nicht unähnlich ist. Wir sprechen darüber, was die Filme abgesehen von ihrer Dschungel-Thematik verbindet - und warum Filmkunst oft ein unberechenbares Element braucht.

Viel Spaß!



Das mp3 kann HIER heruntergeladen werden.

HIER kann der Lichtspielplatz-Podcast auf iTunes abonniert werden.

Musik: Clark Kent

Christian als Gast bei den Abspannguckern über SORCERER und den Originalfilm LE SALAIRE DE LA PEUR: HIER.
Chris Evans als Captain America

Nach THOR knöpft sich unser Gastautor Dr. Wily den nächsten Superhelden vor, der die Bühne des Marvel Cinematic Universe betritt: CAPTAIN AMERICA – THE FIRST AVENGER.



Auf den ersten Blick ist CAPTAIN AMERICA – THE FIRST AVENGER ein geradliniger, vergnüglicher und kurzweiliger Actionfilm mit altmodischem Touch, der sehr schön der Zeit entspricht, in der die Geschichte spielt. Es sind die 1940er Jahre des Zweiten Weltkriegs. Allein die geschmackvolle und nie aufdringliche Ausstattung und die Kostüme sind das Ansehen wert.

Darüber hinaus spielt CAPTAIN AMERICA natürlich im Marvel-Universum, in dem zwar historische Geschehnisse wirklichkeitsnahe porträtiert werden, es eben aber auch schwebende Autos, einen Super-Soldaten und einen Bösewicht namens Red Skull gibt, der eine NSDAP-Unterdivision befehligt, die sich "Hydra" nennt und die es auszuschalten gilt. Das erlaubt den Filmemachern auch – im Gegensatz vor allem zu Christopher Nolans BATMAN-Filmen, die völlig in der Realität verankert sein wollen – die spaßmachenden Comicaspekte hervorzukehren. Wenn Captain America dann seine Superkräfte einsetzt – die ganz simpel darin bestehen, daß er viel mehr Kraft hat als alle anderen und deshalb schneller laufen, weiter springen, Dinge höher werfen und vor allem fester boxen kann – dann ist sichtlich kindlicher Spaß am Werk.

Chris Evans als Captain America
Schneller, weiter, höher: Steve Rogers wird zu Captain America.

Der Film funktioniert jedoch hauptsächlich wegen seiner schlüssigen Geschichte und glaubwürdig gezeichneten Figuren. Die USA sind im Krieg mit Nazi-Deutschland, und Steve Rogers (Chris Evans) muß zusehen, wie alle Freunde um ihn herum in den Krieg ziehen, während er bei mehrmaligen Musterungen abgelehnt wird. Rogers ist nämlich leider ein kränklicher, kleiner Mann mit wenig Körperkraft. Noch dazu kommt er aus einer Familie, die sich im Ersten Weltkrieg sehr verdient gemacht hat. Er selbst behauptet, nur seinen Beitrag leisten zu wollen, doch sein bester Freund Bucky (Sebastian Stan) durchschaut ihn: "Right, like you have nothing to prove". Auf die Frage, ob er denn heiß darauf wäre, Nazis zu töten, antwortet Rogers: "I don't want to kill anyone. I just don't like bullies."

Was Rogers allerdings auszeichnet, sind Mut, Aufrichtigkeit, Entschlossenheit, Bescheidenheit, Höflichkeit und Selbstlosigkeit. Darüber hinaus ist er ein klassisch-trotziges amerikanisches Stehaufmännchen. "I can do this all day" sagt er mehrfach im Film, wenn er von Gegnern verprügelt wird, sowohl als unterlegener Schwächling zu Beginn als auch als überlegener Superheld später. Es sind genau diese altmodischen Werte, die der deutsche, übergelaufene Wissenschaftler Dr. Abraham Erskine (Stanley Tucci) für sein Super-Soldaten-Projekt sucht. Captain America ist geboren. Er geht also den umgekehrten Weg von Thor und Iron Man. Die Charakterstärke bringt Steve Rogers schon mit, die Körperkraft muß er sich aneignen und damit umzugehen lernen. Es paßt daher zu keinem seiner Heldenkollegen so gut wie zu ihm, daß er am Ende das größte Opfer von allen zu bringen bereit ist.

Red Skull (Hugo Weaving).
Hugo Weaving als Bösewicht Red Skull.

So umschifft der Film auch sehr elegant den der Figur innewohnenden Patriotismus (der in den weiteren Abenteuern der Reihe viel mehr zum Problem wird). Er läßt Captain America aus diesem Menschen mit seiner individuellen Geschichte entstehen, und auch sonst ist sich CAPTAIN AMERICA nicht zu schade, die Dinge etwas differenzierter zu betrachten. So erklärt Dr. Erskine, daß oft übersehen werde, daß das erste Land, das die Nazis besetzt hatten, ihr eigenes war. Deutschland wäre nach dem letzten Krieg verzweifelt und kaputt gewesen. Dann kam Hitler mit Pomp, Fahnen und Versprechen und habe mit der Phantasie der Menschen gespielt. Es sind keine langen oder großen Szenen, doch sie funktionieren und machen diese Geschichte komplexer, als zu erwarten wäre. Sie geben ihr das Herz, das auch zentral für die Figur des Captain America ist. Das politische und militärische System kann interessanterweise mit diesem Symbol für Amerika nichts anfangen. Die erste Idee, die sie für ihren Supersoldaten haben, ist, ihn als Werbefigur für Kriegsanleihen zu verwenden. Wie wenig dieser Inbegriff der amerikanischen Werte in ein System zu passen scheint, wird in den weiteren Abenteuern zum einem Kernaspekt werden und dabei auch den Humor verlieren.

CAPTAIN AMERICA hält ständig die Balance zwischen spaßiger, aufregender Action und Momenten für seine Figuren, die der Film nie aus den Augen verliert und immer ernst nimmt. Die altmodischen Elemente – die zurückhaltende Liebesgeschichte, das immer zügige Tempo, ohne dabei stressig und unübersichtlich zu werden – geben dem Film ein Element, das den Marvelfilmen bisher eher gefehlt hat: Charme (wobei man ihn in THOR bisweilen schon findet). Der entsteht vor allem durch Steve Rogers mit seinen oben erwähnten, etwas steif und uncool wirkenden Werten. Ich habe gerade das sehr symphatisch und erfrischend gefunden: jemand, der die Dinge gebührend ernst nimmt und nicht ständig ironische Kommentare zu Besten gibt. Zumal diese Eigenschaften dem Zuschauer nicht ständig mit erhobenem Zeigefinger vorgehalten werden.

Stanley Tucci als Dr. Abraham Erskine.
Macht Steve Rogers zum Übersoldaten Captain America: Dr. Erskine (Stanley Tucci).

Chris Evans passt diese Rolle hervorragend. Man hat fast das Gefühl, dieser All-American Boy läuft auch privat so herum (wie man in SCOTT PILGRIM VS. THE WORLD sieht, kann er auch anders). Außerdem ist er der größte Spezialeffekt dieses an Effekten natürlich nicht armen Films. Wie sie aus dem Muskelviech Evans den kleinen, schmächtigen Steve Rogers der ersten halben Stunde gemacht haben, ohne daß der Zuschauer merkt, daß da getrickst wurde, ist beeindruckend. Roger Ebert mutmaßt in seiner Kritik zum Film sogar, daß man zu keinem Zeitpunkt den echten Chris Evans sieht: Zuerst sei er digital geschrumpft, dann digital verstärkt.

Wie all die anderen Marvelgeschichten ist auch diese durchgängig hochkarätig besetzt. Wer sich nicht erinnern kann, Stanley Tucci einmal in einer sympathischen Rolle gesehen zu haben, wird hier überrascht sein (und kann dann gleich EASY A schauen). Auf Tommy Lee Jones (der nächste Oscarpreisträger) als General mit trockenem Humor und Hugo Weaving, der Bösewichte immer noch mit sichtbarer Freude spielt, als Red Skull ist auch und im besten Sinne Verlaß. Am eindrücklichsten ist Hayley Atwell als Agent Peggy Carter, des Captains Love Interest: eine weitere Figur, die über ihre Schablone hinausgeht. Eine starke, stolze und selbstbewußte Frau, die auch im Kugelhagel vorne dabei ist (vorzugsweise ohne Helm, möglicherweise, um die Frisur nicht zu beschädigen) und verdeckte innere Kämpfe austrägt. Den ganzen Film über mit starker Präsenz spielt Atwell aber die auf Distanz gehaltene Anziehung zu Steve Rogers am besten. Man wird sie sich nach diesem Film merken.

Hayley Atwell als Peggy Carter.
An vorderster Front dabei: Peggy Carter (Hayley Atwell).
 
Wie schon im Text zu THOR erwähnt, macht Marvel hier nun endgültig das richtig große Faß auf. Der Tesseract, dieser blau glühende, außerirdische Energiewürfel, wird prominent eingeführt, die Verknüpfung damit sowohl nach hinten zu THOR als auch nach vorne zu THE AVENGERS gemacht. Mit dem Tesseract haben wir allerdings nicht nur die Auflage zum Zusammenführen unserer Superhelden im großen Ensemblefilm, sondern wir lernen so auch den ersten Infinity Stone kennen. Weitere werden folgen, und die Geschichte um diese magischen Steine beschäfigt das Marvel Cinematic Universe bis heute, wo die ganz große Erzählung mittlerweile schnurstracks auf den INFINITY WAR zusteuert.

CAPTAIN AMERICA ist mein liebster Film aus Phase Eins und auch ingesamt einer meiner liebsten aus dem Marvel-Universum.

Post-Credit: Keiner der bisherigen Filme spielt so viel mit den internen Marvelsymbolen wie CAPTAIN AMERICA. So hält Steve Rogers kurz nach seiner Verwandlung gleich zweimal einen Gegenstand als Schutzschild hoch, die sein späteres Trademark-Tool vorwegnehmen. Noch weiter in die Zukunft blickt der Film, wenn Steve und sein alter Freund Bucky gemeinsam Bösewichte jagen und beide Sterne am Anzug haben. Bucky wird bald einen roten Stern tragen. Kurz nimmt Bucky in dieser Sequenz sogar des Captains Schild auf. Wer die Comics um Captain Americas Tod kennt, darf vorfreudig rätseln, wohin Buckys Reise denn noch gehen könnte.

Post-Credit II: Hayley Atwells Peggy Carter wurde durch ihren Auftritt hier so beliebt, daß sie in weiteren Marvelgeschichten wie ANT-MAN oder der Fernsehserie AGENTS OF S.H.I.E.L.D. erst Kurzauftritte bekam und dann sogar eine eigene AGENT-CARTER-Fernsehserie.


Dr. Wilys weitere Betrachtungen zum Marvel Cinematic Universe auf Wilsons Dachboden:
IRON MAN: Der gemachte Superheld
DER UNGLAUBLICHE HULK: Lustfeindlichkeit und schiefgegangene Experimente
IRON MAN 2: Größer, höher, weiter und mit Nachdruck 
THOR: Gott, Held oder Superheld?
BLACK PANTHER: Eine repräsentative Utopie 




Captain America - The First Avenger (USA 2011)
Regie: Joe Johnston
Buch: Christopher Markus & Stephen McFeely
Kamera: Shelly Johnson
Musik: Alan Silvestri
Darsteller: Chris Evans, Hayley Atwell, Sebastian Stan, Tommy Lee Jones, Hugo Weaving, Dominic Cooper, Richard Armitage, Stanley Tucci, Samuel L. Jackson, Toby Jones

Alle Bilder (C) Paramount Pictures.