Aktuelle Filmtexte


Wie mir Regisseur Howard Ziehm gestern mitgeteilt hat, ist sein ehemaliger Partner, der Exploitation-Produzent Bill Osco, an einem Herzanfall gestorben. Der Nachruf, den ich hier verfasse, ist sicherlich kein gewöhnlicher: Allem Anschein nach war Osco ein Schuft, der hauptsächlich verbrannte Erde zurückgelassen hat. Ich schreibe diesen Nachruf, weil es vielleicht sonst niemand tut.

Osco (wahrscheinlich Jahrgang 1948) gründete Ende der Sechziger zusammen mit Howard Ziehm die Produktionsfirma Graffiti, die den allerersten Porno-Spielfilm in reguläre Kinos brachte: MONA. Kennengelernt hatten sie sich, als sich der junge Osco als Manager für Ziehms Rockband anbot. Wenig später produzierten sie kurze Sexstreifen, mit denen sie höchst einträglich einschlägige Kinos bestückten. Die Arbeitsteilung war von vornherein klar: Ziehm inszenierte die Filme, Osco kümmerte sich um den Verkauf. Das machte er mit geschicktem Geklapper und unbekümmerter Hybris: Unter anderem behauptete er, aus der Familie zu stammen, der die amerikaweite Osco-Drogeriekette gehört – dabei hießen die Skaggs.

Mit MONA waren Ziehm und Osco an vorderster Front der aufkeimenden sexuellen Kinorevolution und nahmen den Sensationsfilm DEEP THROAT um ganze zwei Jahre vorweg. Weil Pornographie seinerzeit noch illegal war, hatten die Graffiti-Filme entweder gar keine Credits (wie bei MONA) oder waren unter Pseudonym gedreht (Ziehm nannte sich oft "Harry Hopper"). Tatsächlich ist HARLOT der einzige Graffiti-Film aus dieser Zeit, in dessen Vorspann die Beteiligten normal genannt werden.

Es hinderte Osco nicht, zum Star der Pornorevolution aufzusteigen. Weil er derjenige war, der durch die Lande reiste und die Filme verkaufte, wurde nur er bekannt: "Bill Osco, Boy King of L.A. Porno", titelte Addison Verrill am 30. Dezember 1970 im Variety. Wie Schauspieler Jason Williams berichtet, prangte Oscos Name teilweise über dem Filmtitel an den Kinovordächern. Noch heute wird in manchen Filmlexika und auf diversen Webseiten Osco fälschlicherweise als Regisseur oder zumindest Co-Regisseur mancher Streifen angeführt.

Dank des Erfolges von MONA und den anderen Streifen wollten Osco und Ziehm 1972 ein ambitionierteres Projekt angehen: Eine Porno-Parodie der alten FLASH-GORDON-Serials mit dem Titel FLESH GORDON. Sie ahnten nicht, wie kühn das Vorhaben war: Was als Projekt mit $25.000 Budget anfing, kostete letztlich eine halbe Million. Die Arbeiten am Film zogen sich über zwei Jahre hin, Ziehms Co-Regisseur Michael Benveniste mußte wegen Inkompetenz gefeuert werden, die Polizei konfiszierte das gefilmte Material – es war ein langer Kampf.

Bill Osco (links) zusammen mit "Flesh Gordon" Jason Williams in COP KILLERS.

Eigentlich hatte Osco aber andere Träume: Er wollte Filme wie EASY RIDER drehen und ein Star werden. So stellte er das Outlaw-Roadmovie COP KILLERS auf die Beine, dessen Geschichte er zusammen mit Ziehm und ihrem Assistenten Walter Cichy schrieb – und gab sich selbst eine der beiden Hauptrollen neben FLESH-GORDON-Star Jason Williams. Ziehm kümmerte sich um die Kamera, Cichy führte Regie. Es war ein nihilistischer Streifen, der mit Bauchgefühl die Stimmung seiner Zeit einfängt, aber er ging sang- und klanglos unter – was auch Oscos Schauspielkarriere stoppte.

Osco selbst war es, der für das nächste Drama bei den endlosen Dreharbeiten zu FLESH GORDON sorgte: Wie Ziehm in seiner Autobiographie TAKE YOUR SHAME AND SHOVE IT schreibt, wirtschaftete Osco unbekümmert in die eigene Tasche und schaffte es, sich ein Haus und einen Rolls-Royce zu leisten, während er Ziehm gegenüber beteuerte, die Graffiti-Filme würden derzeit zu wenig Geld abwerfen. Ziehm trennte sich von Osco und stellte FLESH GORDON alleine fertig. Der Film, der mittlerweile als Softsex-Parodie aufgezogen war, wurde zum Kulterfolg.

Osco blieb aber am Ball: Er tat sich stattdessen einfach mit Jason Williams zusammen und wiederholte mit ihm das Graffiti-Modell. Der Schauspieler inszenierte Pornostreifen für ihn, darunter den Hawaii-Sexfilm HONOLULU HUSTLE, die Osco dann verkaufte. Williams war es auch, der Osco auf die Idee zu einem neuen Spielfilm brachte: ALICE IN WONDERLAND, eine Sex-Musical-Version der Lewis-Carroll-Geschichte. Es war ein gigantischer Erfolg, der ebenso Kultstatus genießt – im Gegensatz zu A.G.R. – THE GREAT AMERICAN GIRL ROBBERY, einer Mischung aus Cheerleader-Phantasie und Entführungsthriller, die Williams und Osco ebenso zusammen auf die Beine stellten.

Aus dem geplanten ALICE-Nachfolger THE WIZARD OF OZ wurde dann aber nichts: Die Geschichte zwischen Osco und Ziehm wiederholte sich auch mit Jason Williams, die Geldgeber von OZ zogen sich beunruhigt zurück. Etwas später schnitt Osco noch eine Hardcore-Variante von ALICE IN WONDERLAND mit separat inszenierten Sexszenen zusammen. Eine Fellatio-Szene mit Hauptdarstellerin Kristine DeBell konnte er einfügen, weil er seinerzeit mit ihr zusammen war: Wie Williams in seinen bislang unveröffentlichten Memoiren I FOUGHT THE SEX RAY (die ich im Zuge eines Interviews lesen konnte) berichtet, überzeugte Osco seine Freundin, mit ihm privat etwas zu drehen, das er nie verwenden würde.

Bill Osco als Detective Mortimer Lutz in Jackie Kongs THE BEING.

Als echtes Stehaufmännchen war Osco aber auch in den Achtzigern im Filmgeschäft umtriebig. Er heiratete Jackie Kong, die Schwägerin des Regisseurs Donald Cammell, und stellte mit ihr eine Reihe von Projekten auf die Beine. Im ersten davon, einem 1980 gedrehten Monster-Horrorstreifen namens THE BEING, der erst 1983 veröffentlicht wurde, versuchte er sich noch einmal als Hauptdarsteller – aber wurde offenbar von einem anderen Schauspieler nachsynchronisiert und blieb unter gleich zwei Pseudonymen gelistet: "Rexx Coltrane" im Vorspann, "Johnny Commander" im Abspann.

Der nächste Film war POLICE PATROL – DIE CHAOTENSTREIFE VOM NACHTREVIER, eine Anarcho-Komödie mit "Papiertütenkomiker" Murray Langston, der auch die Story entwickelte (Osco hatte zuvor schon ein TV-Special für Langston inszeniert: THE UNKNOWN COMEDY SPECIAL.) Der Film wurde zum Videothekenhit – aber wie Langston in seiner Autobiographie JOURNEY THRU THE UNKNOWN … schreibt, sah er nicht einen einzigen Cent, obwohl er auf Anraten Oscos noch zuvor seinen Drehbuchpartner mit eigenem Geld ausbezahlt hatte, um die Rechte am Skript selbst zu haben.

Kong und Osco drehten eine weitere Chaoskomödie namens NACHTAKADEMIE, aber die erschien erst kurz nach ihrer vierten und letzten Zusammenarbeit: BLOOD DINER, eine von Herschell Gordon Lewis inspirierte wahnwitzige Splatterkomödie, die mit ihrer Bad-Taste-Kreativität zum nächsten Kulterfolg für Osco wurde. Er selber war hier allerdings nur als "Creative Consultant" genannt.

Der schlechte Geschmack schien Osco auf denselben gebracht zu haben: Zusammen mit Carl Crew, einem der BLOOD-DINER-Hauptdarsteller, drehte er eine Schnodderkomödie mit dem Titel GROSS OUT – eine Art John-Waters-Underground-Trash-Provokation, die mit billigster Machart und ausuferndem Fäkalhumor nur für ein wirklich einschlägiges Publikum gemacht war. Osco führte hier unter Namen "Janis Alacard Stelloff" sogar selber Regie. Im selben Stil legte er mit Crew auch noch die Trash-Anthologie URBAN LEGENDS und einen Film mit dem Titel LUNCH WITH LARRY nach – letzterer blieb allerdings unveröffentlicht. Ein später eigenständig veröffentlichter Gonzo-Kurzfilm namens "The Art of Nude Bowling" war ursprünglich ein Segment von URBAN LEGENDS.

In den Neunzigern wurde Osco endgültig von seinen Geschäftsmethoden eingeholt: Wie The Spokesman-Review am 1.4.1992 berichtete, wurde er wegen massiver Steuerhinterziehung, Bankbetrug und Insolvenzbetrug zu über vier Jahren Haft verurteilt. Wie eine Gerichtsakte von 1993 zeigt, schuldete er dem Staat über $240.000 an Steuern – und hatte unter anderem seine Mutter Betty Osco eingespannt, ihm bei der Verschleierung seiner Einkünfte zu helfen.

Bill Osco 2016 in einem kurzen Interview zur BLOOD-DINER-BluRay-Veröffentlichung.

Selbst hier endet die Osco-Geschichte noch nicht: In den 2000er Jahren zog Osco ein Projekt namens Pink TV auf, das Blicke hinter die Kulissen der Pornoindustrie erlauben sollte – eher als Marktgeklapper aufgezogen denn als journalistische Dokumentation, versteht sich. Über eine Website konnte man Clips beziehen, außerdem erschien eine DVD mit dem Zusammenschnitt PINK TELEVISION UNCENSORED. Nebenher gab es auch etwas Frauencatchen: CAT FIGHT WRESTLING.

Er stellte sogar Bühnenproduktionen auf die Beine. 2003 produzierte er die Ray-Cooney-Farce RUN FOR YOUR WIFE mit Linda Blair, die schon in POLICE PATROL mit ihm gearbeitet hatte. 2004 schrieb und inszenierte er höchstselbst eine Bühnenfassung seiner sexuellen Erweckungsversion von ALICE IN WONDERLAND.

Tatsächliche Filme konnte er allerdings nicht mehr verwirklichen. Im April 2001 meldete Variety noch, daß er eine schwarze Komödie mit dem Titel CASH MONEY SEX produzieren würde, die von seiner Tochter Roxanne Osco geschrieben wurde, aber das Projekt verschwand. Zuletzt war noch ein Remake von ALICE IN WONDERLAND im Gespräch, das von Skandalregisseur Ken Russell (DER HÖLLENTRIP) inszeniert worden wäre, aber auch das blieb nach Russells Tod im Jahr 2011 ein zerronnenes Projekt.

Ich habe, nachdem ich letztes Jahr Howard Ziehm interviewen konnte, auch versucht, Osco zu einem Gespräch einzuladen. Nachdem ich ihn ausfindig gemacht hatte, schrieb er ein paar sehr kurze Nachrichten zurück, aber ein Interview kam nie zustande. Vielleicht hatte er kein Interesse, vielleicht wußte er mit dem Podcast-Format nichts anzufangen oder war von der Tatsache abgeschreckt, daß ich Ziehm schon interviewt hatte. Vielleicht war es ja aber auch gesundheitlich nicht allzu gut um ihn bestellt. In einem kurzen Interview, das er für eine BLOOD-DINER-BluRay-Veröffentlichung gab, sah er ziemlich schwach aus.

Wenn man verschiedene Quellen liest oder die Personen befragt, die mit ihm gearbeitet haben, zeigt sich kaum Gutes. Er dürfte mehr als nur ein Schlitzohr gewesen sein. Es ist merkwürdig, das in einem Nachruf zu erwähnen, aber es scheint in diesem Fall auch unangebracht, es plötzlich unter den Teppich zu kehren. Immerhin bedankt sich Leon Isaac Kennedy in einem Interview zu A.G.R. – THE GREAT AMERICAN GIRL ROBBERY dafür, daß Osco an ihn geglaubt und ihm die Chance gegeben hat, Schauspieler zu werden.

Als Freund des alternativen Kinos bin ich dennoch traurig über die Nachricht von Oscos Tod. Seine Filme waren die Kehrseite des Hollywood-Glamours: Wie ein schurkischer P.T. Barnum zeigte er ein wahres Kuriositätenkabinett, dessen einziger gemeinsamer Nenner der Reiz des schlechten Geschmacks ist, der sich über alles hinwegsetzt, was als akzeptabel und anständig gilt. Und was immer er sonst gemacht hat: Er gehört mit Ziehm zu den XXX-Pionieren der ersten Stunde und trug mit seinem marktschreierischen Verkaufstalent dazu bei, den Sex in die amerikanische Öffentlichkeit zu holen. Selbst Ziehm gesteht ihm seinen Beitrag zu: "FLESH GORDON wouldn't have happened without him."


Bill-Osco-Reviews auf Wilsons Dachboden:
COP KILLERS: Ein leerer Amoklauf durch Amerika
FLESH GORDON: Zoten und Zeitgeist
THE UNKNOWN COMEDY SHOW: Der Witz aus der Papiertüte
THE BEING: Ein radioaktives Monster bedroht die Kartoffelernte
POLICE PATROL - DIE CHAOTENSTREIFE VOM NACHTREVIER: Welcher Furzfilm könnte besser sein?
NACHTAKADEMIE: Schnodderkino mit humanistischer Gesinnung
URBAN LEGENDS: Antikino als Frankenstein-Flickwerk
CAT FIGHT WRESTLING: Furiose Frauenzimmer in leeren Lagerhallen 

Milla Jovovich kickt einen Zombiehund beiseite

In einer Szene von RESIDENT EVIL steht die Heldin einer Horde von Zombie-Hunden gegenüber. Sie kann fast alle dieser angreifenden Monster wegschießen, nur für den letzten fehlt die Munition. Auf der Flucht vor dem Untier federt sie sich im Laufen von einer Wand ab, dreht sich um 180 Grad und schaltet die Bestie in poetischer Zeitlupe mit einem fliegenden Fußtritt aus. Das Publikum im Münchner Cinema, wo ich den Film 2002 gesehen habe, brach in spontanen Beifall aus. Für eine Wertschätzung der Reize dieses B-Movie-Spektakels muß man gar nicht tiefer graben.

Ursprünglich war für die Verfilmung der Computerspielreihe RESIDENT EVIL, in denen sich der Spieler durch Horden von Untoten kämpfen muß, Zombie-Großvater George Romero vorgesehen. Dessen Skript fand aber wenig Gegenliebe, woraufhin der britische Regisseur Paul W.S. Anderson angeheuert wurde – immerhin hatte der es ja 1995 schon geschafft, aus dem Prügelspiel MORTAL KOMBAT eine ganze Spielfilmhandlung herauszuquetschen. Es ist wohl passend, daß Romeros Einfluß dennoch maßgeblich in RESIDENT EVIL zu spüren ist: Anderson zitiert dessen Zombie-Klassiker immer wieder und lässt die Monsterhorden hungrig an den Glaswänden kratzen wie seinerzeit in Romeros ZOMBIE.

Zombies stürzen sich auf ein Teammitglied: Wie bei George Romero
Die Romero-Zombies fressen sich durch RESIDENT EVIL.

An die Horror-Egoshooter, die dem Film als Vorbild dienten, lehnt sich Anderson nur lose an. Dennoch ist sein Film eine präzise Videospieladaption – nicht die eines bestimmten Spiels, sondern die des Spielgefühls. Statt einer Handlung gibt es eine Prämisse, eine perfekt dystopische Albtraummär von der weltumspannenden Organisation, die in alle Bereiche des Lebens eingreift: die Umbrella Corporation, deren Logo hier sogar auf Munitionshülsen und Eheringen zu sehen ist. Diese Firma züchtet heimlich einen Virus als Waffe, und als der entkommt und die Menschen in Untote verwandelt, muß eine Spezialeinheit in die Untergrundlaboratorien eindringen und nach dem Rechten sehen. Also kämpft die Truppe gegen Monster und noch mehr Monster, rückt Level um Level tiefer ins Herz der Umbrella-Zentrale vor und muß sich letztlich sogar einem Endboss stellen.

Auch die Heldin der Geschichte ist die perfekte Spielfigur: Es ist eine Frau namens Alice, die ohne Gedächtnis in einem mondänen Herrenhaus erwacht, wo sie wenig später vom Spezialteam aufgesammelt und in die Umbrella-Labore mitgenommen wird. Wie der Avatar eines Games funktioniert sie als Platzhalter: Wir lernen die Welt über sie kennen, weil wir ebenso wie sie in den jeweiligen Moment geworfen werden. Erst, wenn es für die Zusammenhänge erforderlich ist, erfahren wir in kurzen Flashbacks, die wie die Cut-Scenes in Spielen eingeworfen werden, etwas über ihre Vergangenheit – was Alice in ihrem Amnesiezustand freilich wie der Zuseher auch in diesem Moment als neue Information erfährt.

Heldin ohne Vergangenheit: Alice (Milla Jovovich) erwacht ohne Gedächtnis.

Kein Wunder, daß alles, was passiert, einer gewissen Spielelogik zu folgen scheint. In einem Korridor sehen sich die Kämpfer mit einem tödlichen Laser konfrontiert, der mehrfach durch den Gang geschickt wird – und sich beim dritten Durchgang zu einem Gitternetz verdichtet, das kein Entkommen ermöglicht. In Wirklichkeit wäre es absolut ineffizient, wenn ein Computerprogramm zur Abwehr von Feinden erst im dritten Anlauf seine Feinde ganz sicher erwischt – aber RESIDENT EVIL funktioniert eben nach Spielprinzip, wo stetige Steigerung des Schwierigkeitsgrades völlig plausibel erscheinen. Sogar ein Zeitlimit bedroht unsere Helden: 60 Minuten, nachdem der Umbrella-Hauptcomputer die Laboratorien nach dem Ausbruch des Virus abgeschottet hat, wird er sie nochmal abschotten – oder doppelt, oder konsequenter. Es macht keinen Sinn im richtigen Leben, aber fühlt sich für jeden Spieler wie eine vertraute Gegebenheit an – und wenn er bislang nur SUPER MARIO BROS. gespielt hat.

Daß das nicht nur funktioniert, sondern sogar mitreißen kann, liegt daran, daß sich Regisseur Paul W.S. Anderson als geschickter Actionstilist entpuppt. Der Tiefgang ist nicht seins: Die Figuren sind bestenfalls bloße Typen, Subtext ist nur Ballast, die Oberfläche ist der Inhalt. Dafür inszeniert er packende Action- und Spannungssequenzen, die er mit Kreativität zu perfekt getimten, absurden Miniaturen formt. Speed Ramps, Industrial-Soundtrack, gestylte Lässigkeit: Bei Anderson hebt sich jeder Moment über die schnöde Wirklichkeit hinweg. Alleine schon, wie er Milla Jovovich als Alice mit entrückt elegantem Kleid in Szene setzt, als würde sie sich als Modelprinzessin durch ein Horrormärchen kämpfen, ist berauschend – und diente dem Kollegen Len Wiseman als definitive Inspiration für den Fetisch-Look seiner UNDERWORLD-Filme.

Milla Jovovich als Prinzessin im Horrormärchen
Die Prinzessin im Horror-Wunderland: Alice (Milla Jovovich).

Gleichzeitig zitiert sich Anderson eifrig durch die Filmgeschichte – wie er selber auch freimütig im Audiokommentar zugibt: Für den Laser-Korridor war er von CUBE inspiriert, während anderswo ein Bild aus dem spanischen Arthouse-Film GOYA IN BORDEAUX als Vorlage diente. Auch der seinerzeit so populäre "Bullet Time"-Effekt aus der MATRIX wird verwendet. Als größtes Vorbild diente neben den Romero-Filmen wohl ein Actionklassiker, der ebenfalls ein bewaffnetes Spezialteam in die Monsterhöhle entsandte: James Camerons ALIENS, der hier nicht nur im generellen Aufbau, den Giger-haften Schläuchen im geheimen "Zombiezentrum" und der wehrhaften Heldin seine Entsprechung findet, sondern sogar mit Fingern aus einem Gitter am Boden à la DER DRITTE MANN zitiert wird. (Cameron nannte RESIDENT EVIL in einer Reddit-Session übrigens sein "favorite guilty pleasure".)

"Umherschwankende Zombies (u.a. Heike Makatsch!) mögen in den 70ern Angst verbreitet haben, heute höchstens Amüsement", schrieb Daniel Ramm über RESIDENT EVIL in der Cinema 3/02. Er konnte nicht ahnen, daß sich dieses kleine B-Movie (zusammen mit Danny Boyles 28 DAYS LATER) zu so einem Renner entwickeln sollte, daß nicht nur diverse Fortsetzungen entstanden, sondern auch eine neue Zombiewelle losgetreten wurde, die selbst 15 Jahre später noch jedes Jahr Dutzende an neuen Filmen heranschwappt. So gesehen kann Anderson im Stammbaum der Zombie-Pioniere also doch noch einen Platz in der Nähe von Romero einnehmen.



Resident Evil (England/Deutschland 2002)
Regie: Paul W.S. Anderson
Buch: Paul W.S. Anderson
Kamera: David Johnson
Musik: Marco Beltrami & Marilyn Manson
Darsteller: Milla Jovovich, Michelle Rodriguez, Eric Mabius, James Purefoy, Colin Salmon, Heike Makatsch

Die Screenshots stammen von der DVD (C) 2003 Universum Film GmbH & Co. KG.

In der ersten Lichtspielplatz-Folge des Jahres 2017 geht es auf eine ambitionierte Reise: Wir sehen uns an, was sich die Menschen über den Roten Planeten erzählt haben und welche Wünsche, Phantasien und Hoffnungen er repräsentierte. Wir spannen den Bogen von alten Stummfilmtagen mit dem Thomas-Edison-Film A TRIP TO MARS und dem ersten russischen Science-Fiction-Film, AELITA - DER FLUG ZUM MARS, hin zu modernen Geschichte wie Brian De Palmas MISSION TO MARS oder Ridley Scotts DER MARSIANER. Wir ziehen literarische Auseinandersetzungen von Ray Bradbury und Carl Ignaz Geiger heran - letztere aus dem Jahr 1790! - und werfen über Stephan Petraneks Buch HOW WE'LL LIVE ON MARS auch einen Blick auf die tatsächlichen Besiedelungs- und Terraforming-Pläne. Sogar ein Computerspiel ist dabei: MARTIAN DREAMS, ein Ableger der ULTIMA-Reihe.

Viel Spaß!



Das mp3 kann HIER heruntergeladen werden.

HIER kann der Lichtspielplatz-Podcast auf iTunes abonniert werden.

Der Screenshot stammt von der BluRay von John Carpenters GHOSTS OF MARS, (C) 2009 Sony Pictures Home Entertainment.

Ein leises Funken ertönt noch, dann sinkt die MS Scholle in einer herzallerliebsten Animation auf den Meeresboden, während ein Schwarm Fische sich über den kaputten Kahn wundert. Vielleicht hätte man mit einem Schiff, dessen Zustand schon auf 52% gefallen ist, nicht mehr probieren sollen, durch einen schweren Sturm zu schippern. Jetzt werden unsere Handelspartner in Karachi wohl sehr lange auf die versprochenen Textilien warten – während wir erstmal für teures Geld ein neues Schiff anschaffen müssen.

Die Amiga-Handelssimulation PORTS OF CALL versetzt den Spieler in die Rolle eines Reedereibesitzers, der seine Schiffe auf verschiedenen Handelsrouten rund um die Welt schickt. Man transportiert Waren wie Elektronik, Chemikalien, Agrarprodukte oder sogar Waffen und bringt diese für eine vorab angebotene Summe in andere Häfen – manchmal mit Termindruck, der bei Überschreiten einer Deadline zu empfindlichen Konventionalstrafen führen kann.

In Rio soll mein Schiff noch etwas Schmuggelware aufnehmen.

Damit man als Reeder keine allzu ruhige Kugel schieben kann, gibt es vor allem anfangs einige Probleme zu bewältigen. Für das Startkapital kann man nur vergleichsweise kleine Gebrauchtschiffe kaufen, die weniger Ladung transportieren können und schon reparaturbedürftig sind. Nicht jeder Auftrag spült immenses Geld in die Kassen: Wenn man die Kosten für Wartung, Sprit und etwaige Gebühren für die Passage durch einen Kanal abzieht, bleibt bei so mancher Nichteisenmetalltransport eine wenig ertragreiche Angelegenheit. Und während Waffenlieferungen in Krisengebiete einträglicher sind, läuft man dort stärkere Gefahr, von Piraten ausgeraubt oder gar im Kriegsgeschehen beschossen zu werden. Andererseits besteht in solchen Gegenden eine größere Chance, daß man für ein kleines Extra-Taschengeld Schmuggelware mitnehmen kann – die dann hoffentlich nicht vom Zoll entdeckt wird.

Selbst, wenn die Handelsrouten gut laufen und das Firmenvermögen anwächst, ist man als Reeder aber doch mehr in das tägliche Geschehen involviert, als der Laie meinen könnte. Immer wieder scheinen die angeheuerten Kapitäne mit ihren Aufgaben überfordert zu sein, weshalb der Chef persönlich eingreifen muß: Manchmal soll man sein Schiff zwischen plötzlich auftauchenden Eisbergen hindurchlenken, an anderen Tagen streiken die Hafenarbeiter, weshalb man seinen unhandlichen Frachter von Hand ein- oder ausparken darf. In diesen Fällen steuert man aus der Vogelperspektive das Ruder, gibt Schub voraus bzw. nach hinten und hofft, daß das sich träge drehende Schiff irgendwie um die wahnwitzigen Ecken herumkommt, die die Hafenkonstrukteure wohl als purem Sadismus gebaut haben.

I'm king of the world!

Zu den größten Herausforderungen zählt es, wenn man unterwegs einem Schiffbrüchigen begegnet. Hier gilt es, Kurs und Geschwindigkeit seines Kahns an jene des Rettungsbootes anzupassen – ansonsten treibt der Überlebende hinfort oder wird beim Zusammenstoß der Schiffe versenkt. Die Störrigkeit, mit der manche Schiffbrüchige sich geradezu weigern, aufgelesen zu werden, ist enervierend: Bis der eigene Frachter mal in Position gebracht ist, ist der Überlebende schon fast weg – und weil offensichtlich der Ozean am Bildschirmrand aufhört und es völlig außer Frage steht, dem Boot länger zu folgen, wird man vom Programm einmal mehr ausgelacht ("Seamanship does not seem to be one of your qualities") und erhält Punktabzug beim Statuslevel.

PORTS OF CALL bleibt eine ganze Zeitlang spannend: Wenn ein Schiff auf Terminfahrt im Zielhafen erstmal für einige Tage in Quarantäne geschickt wird, kann man bei finanzschwacher Lage ganz schön mitfiebern. Das Jonglieren mit den auf- und niederschnellenden Kosten für Schiffsreparaturen und Treibstoff erfordert etwas taktisches Geschick – vor allem, wenn man auf hoher See Stürmen ausweichen will, um größere Schäden zu vermeiden, und aber vor dem Aufbruch aufgrund der hohen Preise nicht vollgetankt hat, passiert es gerne, daß man seine Firma schneller in den Ruin treibt, als einem lieb ist. Umgekehrt ist man relativ abgesichert, sobald man den Dreh einmal heraus hat – und ab einem bestimmten Vermögen kann man auf die mühsamen Transporte ganz verzichten und lieber mit dem An- und Verkauf von Schiffen den Kontostand aufpolieren.

Meine Firma (grün) hat ein paar Schiffe mehr als die schlaffe Konkurrenz (rot).

Irgendwann fangen die Abläufe aber dann doch an, sich zu sehr zu ähneln und keine neuen Herausforderungen zu bieten. Das passiert vor allem, wenn man alleine spielt, weil es keine wirklichen Ziele gibt. Mit mehreren Personen (es können bis zu vier Spieler antreten) bleibt die Angelegenheit über einen längeren Zeitraum aufregend, aber auch hier tritt nach einiger Zeit das Gefühl ein, daß man nur noch alles wiederholt, um halt noch mehr Millionen zu scheffeln oder der Reederei noch eine weitere Frachtgondel zu spendieren. Wenn man im Spiel gegeneinander kein festes Ende angibt, zum Beispiel nach Ablauf von drei Spieljahren, läuft das Geschäft tatsächlich bis in alle Unendlichkeit weiter. Zugegebenermaßen ist das aber ein Abstrich, der bei so ziemlich jeder Handelssimulation gemacht werden muß.

Bis der "Abnutzungseffekt" eintritt, verbringt man aber doch eine vergnügliche Zeit mit dem liebevoll gestalteten Spiel. Freunde des Genres können daher bedenkenlos den Anker lichten. Übrigens: Rolf-Dieter Klein, einer der Programmierer des originalen Amiga-Spiels, hat PORTS OF CALL mittlerweile auch eine "XXL"-Version für moderne PCs (inklusive 3D-Einparken) und eine Variante für Handys und Tablets spendiert. Mehr darüber auf seiner Website.


Noch eine Amiga-Handelssimulation auf Wilsons Dachboden:
WINZER: Eiswein oder Ausguß?




Besten Dank an Erhard Furtner für die Screenshots.
 
Lana Clarkson als Prinzessin Amalthea

Nachdem er sich schon den ersten Teil vorgeknöpft hat, ist Gastautor Don Arrigone der geeignetste Mann, auch über das Pseudo-Sequel WIZARDS OF THE LOST KINGDOM II ein paar kritische Worte zu verlieren. Ich übergebe das Wort an den sparfilmgestählten Don:


Als mich Herr Genzel vor kurzem fragte, ob ich nicht WIZARDS OF THE LOST KINGDOM II (in Deutschland sinnigerweise sowohl bekannt als EIN KÖNIGREICH VOR UNSERER ZEIT als auch als EIN KÖNIGREICH VOR UNSERER ZEIT II und damit das erste uns bekannte Ipsumquel) rezensieren könnte, dachte ich anfangs, ich hätte das bereits getan. Als ich merkte, daß dem nicht so war, fürchtete ich kurz, ich würde wohl langsam alt werden. Dann sah ich mir aber wieder einmal durch, was wir bereits an 80er-Jahre-Fantasy-Trash rezensiert haben, und bin mir nun sicher, eigentlich schon alles über WIZARDS OF THE LOST KINGDOM II gesagt zu haben, was es zu sagen gibt – wenn auch über andere Filme. Immerhin hat Produzent Roger Corman ja auch nicht immer wieder bei Null angefangen. Aber gut, es hat ja jeder Film sein Recht auf eine eigene Rezension.

Everyone's happy when the wizard walks by.

Wie schon WIZARDS OF THE LOST KINGDOM, mit dem der Film hinsichtlich Handlung, Schauspielern und Charakteren rein gar nichts zu tun hat, beginnt die Angelegenheit mit einem Zusammenschnitt diverser Streifen, an denen Corman noch die Rechte in einer Schublade liegen hatte, und einer epischen Hintergrundgeschichte über drei Reiche, drei Artefakte und drei böse Magier, allesamt versehen mit unaussprechlichen Namen, um zumindest den Anschein von Komplexität zu erwecken (Spoiler: Der Schein trügt).

Nach dieser kurzen Exposition wird uns der Magier Caedmon vorgestellt: ein dicklicher, einfältiger, unfähiger alter Mann. Damit würde er sich zumindest als geistiger Nachfolger zu Gulfax aus dem ersten Teil eignen, auch vom Körpermaß her, doch meine Hoffnung, daß er sich ein Schafskostüm überwirft, wird enttäuscht. Schade, es hätte den Film zweifellos besser gemacht. Nun, ihm erscheint sein alter Meister Vanir in einem Kessel und befiehlt, einen Jungen namens Tyor zu finden, da dieser die Artefakte bergen, die Reiche einen und das Böse bezwingen könne (undsoweiterundsofort). Er endet seine Ausführungen mit einem guten Ratschlag, den wir uns jeden Morgen zu Herzen nehmen könnten: "Jetzt trink deinen Kaffee und dann geh".

Ein Wächter als traurige Alternative zu Schafsmann Gulfax.
Statt Gulfax bekommen wir das?!

Caedmon zieht durch die Reiche und findet den Knaben tatsächlich (wäre auch sonst wohl ein noch langweiligerer Film geworden). Zu zweit trauen sie sich allerdings noch nicht zu, das Böse tatsächlich zu bezwingen, also sucht man sich noch Hilfe von einem großen Krieger: dem Finsteren. Dieser wird von David Carrandine verkörpert – eigentlich hätte man ihn alleine aufgrund der Auswahl seiner Rollen vielleicht einmal auf seine masochistische, selbstzerstörerische Ader ansprechen sollen, aber vielleicht soll man die Dinge nicht überinterpretieren und der Scheck war einfach gut. Nun, damit hätte der Film einen Star, aber überraschenderweise weigert sich der Finstere vorerst, das vom ihm betriebene Wirtshaus aufzugeben und mit den Helden zu ziehen. Wahrscheinlich war der Scheck doch nicht so gut. Unter Umständen ist es aber auch der Tatsache geschuldet, daß Tyor es nicht lassen kann, die Frau des Finsteren lüstern anzustarren. Das ist übrigens ein Element, das sich wiederholen wird: Tyor, der junge, unschuldige Knabe, die Verkörperung der guten Mächte und der nächste große Weißmagier, läßt seiner verfrühten Pubertät vollkommen freien Lauf und ist auf jeden weiblichen Charakter spitz wie Nachbars Lumpi – und ich kann "jeden" nur betonen. Während ein notgeiler Held durchaus lustig sein kann, ist ein notgeiler Knabe als Protagonist am Ende des Tages schlicht und ergreifend verstörend.

Nun, man reist also in braver Videospielmanier in das erste vom Bösen besetzte Reich. Dort soll man Prinz Erman befreien, um die Revolte gegen den Herrscher anzuführen, und, weil man schon dabei ist, auch noch gleich drei junge hübsche Damen. Praktischerweise werden aber ohnehin alle im selben Stall festgehalten. Bewacht werden sie von einem Mann im Wolfskostüm und einem im Schweineköstum – beide leider nicht so unterhaltsam wie die Wuschelviecher aus dem ersten Teil. Einige magische Sprüche später zerfleischen sich die beiden Ungetümer gegenseitig (bzw. wrestlen zwei kostümierte Männer, die unter der Maske wohl nicht sonderlich gut sehen konnten, dafür aber zumindest auch nicht vom Publikum gesehen werden können) und Erman beansprucht die Rettung der Damen für sich, sehr zum Mißfallen von Tyor Dauergeil. Erman hat kurz Probleme damit, möglichst unauffällig drei nebeneinander stehende Frauen gleichzeitig zu becircen, führt dann aber brav wie gefordert die Revolte an. Tyor und Caedmon plätten derweil den ersten fiesen Magier und erhalten ein Amulett.

Lana Clarkson als Amazone Amalthea
Die Amazonen-Episode spricht ob ihrer komplexen Handlung ein männliches Publikum besonders an.

Wenig überraschend geht es weiter in das zweite Reich. Auf dem Weg dorthin hat Tyor einen Traum, da noch Szenen aus BARBARIAN QUEEN verwurstet werden mussten, dann treffen sie auch schon auf die Amazone Amalthea, gespielt von der ansehnlichen Lana Clarkson. Die bietet wiederum an, den Aufstand des Volkes zu organisieren (bzw. hat sie das in BARBARIAN QUEEN bereits getan und jetzt könnte man es ja noch einmal zeigen) und dabei möglichst oft Hintern und Brüste in die Kamera zu halten, Tyor soll sich derweil um den Magier Donar kümmern. In dessen Schloß trifft er dann allerdings auf die Zauberin Freyja, der es überraschenderweise fast gelingt, den hormongesteuerten jungen Mann zu verführen. Nur die Erscheinung seines Meisters Vanir "erlöst" ihn von ihrem, ähm ... grausamen Bann. Der chronisch rattige Tyor zwingt Freyja anschließend, ihm das magische Schwert auszuhändigen, das zweite Artefakt. "Er konnte meinem Sex widerstehen", resümiert die Dame dann betroffen. Wäre nicht gleich zu Beginn der Befehl mit dem Kaffee, ich hätte gesagt, daß das Synchro-Team spätestens an dieser Stelle aufgegeben hat (in Wahrheit haben sie es wohl nie probiert). Nun, auf jeden Fall ist ihr Chef, der Magier Donar (Sid Haig), nicht begeistert. Sie versucht es mit der Ausrede "ich hatte Migräne", Donar läßt dies aber nicht gelten: Kurzerhand schlägt er ihr ins Gesicht und meint unbeeindruckt: "Jetzt hast du Migräne." Zumindest einer schien an den Dreharbeiten Spaß gehabt zu haben. Gegen Ende der Episode sieht Freyja übrigens noch ein, daß Tyor ja ohnehin minderjährig war. No shit, Sherlock.

Auf geht es ins dritte ... von einem bösen Herrscher besetzte Land. Auf dem Weg dorthin schließt sich glücklicherweise nun doch noch der Finstere an, da er inzwischen sein Wirtshaus schließen mußte, weil er die Steuern nicht mehr bezahlen konnte und von Idunas Vater nicht für einen Versager gehalten werden will. Endlich einmal ein Held, dessen Motive auch für Arbeiter, Angestellte und Kleinunternehmer der neoliberalen Wirtschaftswelt einmal nachvollziehbar sind. Außerdem waren noch Szenen aus DER KRIEGER UND DIE HEXE übrig. Dementsprechend gibt es in der Stadt einen für den restlichen Film ungewöhnlich blutigen Kampf an einem Brunnen und ein Duell gegen ein aus Schläuchen und einem Maul bestehenden Monster, das auch in diesem Film konsequenterweise als "Beschützer" tituliert wird (wie schon im Originalmaterial), und das nach diesem Film wohl nach Japan verkauft wurde, um eine zweifelhafte Karriere anzutreten. Die Auseinandersetzung mit dem bösen Magier Zarz (und damit die neuen Szenen) übernehmen in erster Linie wieder Tyor und Caedmon, da die beiden wohl am billigsten waren.

Verführung Minderjähriger für Anfängerinnen: die Zauberin Freyja (Diana Barton).

Es kommt zum zentralen Konflikt des Filmes, der bisher nur angekündigt, nicht aber wirklich vorbereitet wurde: Tyor Immerscharf muß sich der Wahl zwischen Gut und Böse stellen und entscheiden, ob er den wiedergekehrten Donar nun umbringt oder nicht. Einem vorhersehbareren Konflikt mußte sich höchstens der junge Anakin Skywalker stellen. Im Gegensatz zu ihm entscheidet sich Tyor aber nachvollziehbar für das Gute (immerhin waren keine Busen im Spiel). Nachdem Tyor im Endkampf klassisch kurz zu unterliegen scheint, hext er sich einen beeindruckenden Bizeps und schleudert sein Schwert gen Zarz. Der schurkische Zauberer wird durchbohrt und stirbt, die Helden triumphieren.

Kurz kommt es noch zur Diskussion, was denn nun aus den drei Reichen werden soll, aber die Erscheinung des Magiers Vanir, der aussieht, als wolle er demnächst in eine Doom-Metal-Band wechseln (wer könnte es ihm verdenken?), löst das Problem: Der Finstere soll entscheiden. David Carradine hat dann auch eine atemberaubend einfache Idee: Erman wird König und heiratet Amalthea, und er und Iduna machen wieder ein Wirtshaus auf. Für Tyor geht die Reise weiter, sollte noch irgendwann Geld für ein Sequel übrig sein (über 25 Jahre später kann man davon ausgehen, daß dem nicht so war). Der Film endet mit einem Witz über Franzosen. Ja, ernsthaft.

David Carradine als Kämpfer
David Carradine quält sich durch den Film.

Wie bereits beim Vorgänger haben wir es also mit einer sehr episodenhaften Handlung zu tun, ein größerer Bogen wird nicht gespannt. Tyor entwickelt sich als Charakter nicht weiter und überwindet keine inneren Konflikte. Er wird lediglich von Auseinandersetzung zu Auseinandersetzung ein wenig stärker. Zudem ist die Handlung der drei Episoden fast ident: Ein Krieger organisiert einen Aufstand, für den das Material aus bereits gedrehten Filmen verwendet wird, und die Helden stellen sich dem bösen Magier. Die Kämpfe aus den anderen Streifen stellen bezeichnenderweise jeweils den Höhepunkt dar, glänzen sie doch sowohl durch mehr Schauspieler als auch durch größeren Einsatz. Insbesondere Herr Carradine wirkt im Vergleich zu den Originalszenen aus DER KRIEGER UND DIE HEXE ein wenig außer Atem, zumindest Lana Clarkson gibt sich ein bißchen Mühe. Insgesamt hatte ich beim Sehen jedoch den Eindruck, daß keiner der Beteiligten sich große Illusionen über den Film machte: Der Anschein, daß man nur schnell eine Handvoll Dollar verdienen wollte, ist bei diesem Film besonders stark.

Hinzu kommt die Problematik, daß der Film keine klar erkennbare Zielgruppe hat. Der Vorgänger ging weitgehend noch als Fantasy-Abenteuer für Jungen durch, der zweite Teil ist dafür nicht niedlich genug und zu sexuell aufgeladen. Hinzu kommen die Szenen aus BARBARIAN QUEEN und DER KRIEGER UND DIE HEXE, in denen schon einmal Blut fließt. Einem erwachsenen Publikum hingegen ist das Teil wohl zu harmlos und zu handlungsbefreit. So war der Film wohl nur für Leute, die gerade unbedingt Fantasy aus der Videothek wollten – und selbst das könnte sich gerechnet haben bei so wenig Mühe, wie hier investiert wurde. Wenn tausend Affen tausend Jahre lang tausend Corman-Fantasy-Filme schneiden, kommt dann ein HERR DER RINGE heraus? Ich weiß es nicht, vermutlich aber etwas Besseres als WIZARDS OF THE LOST KINGDOM II.


Mehr Achtziger-Billig-Fantasy auf Wilsons Dachboden:
CONQUEST
KRULL
DER KRIEGER UND DIE HEXE
WIZARDS OF THE LOST KINGDOM
IM REICH DER AMAZONEN
TROLL - TEIL 3



Ein Königreich vor unserer Zeit (USA 1989)
Alternativtitel: Ein Königreich vor unserer Zeit II
Originaltitel: Wizards of the Lost Kingdom II
Regie: Charles B. Griffith
Buch: Charles B. Griffith, Lance Smith
Musik: David M. Rubin
Kamera: Geza Sinkovics
Darsteller: Mel Welles, Bobby Jacoby, David Carradine, Susan Lee Hoffman, Blake Bahner, Lana Clarkson, Sid Haig, Diana Barton

Björn-Hergen Schimpf im Studio von SCHIMPF 0221-19717

Es war ein liebgewonnenes Ritual meiner Schulzeit: Dank ausufernder Bustouren durch das oberbayrische Hinterland, bei dem einsame Schüler an noch einsameren Haltestellen abgesetzt wurden, deren Namen auf -eck und -ham endeten, dauerte es oft bis kurz vor 2, bis ich mittags endlich zuhause war. Meine Eltern arbeiteten tagsüber, also glitt ich freudig in den Fernsehsessel, um den Geist von den Prüfungen meiner bewegten Schulkarriere – dadaistische Lateinübersetzungen, antiolympische Leistungen im Sportunterricht, konzentrationshemmende Anwesenheit liebreizender und ganz und gar heimlich angebeteter Mitschülerinnen – befreien zu können. Pünktlich um 14.03 Uhr begann jeden Werktag im ARD die 25-minütige Talkshow SCHIMPF 0221-19717 (kurz auch SCHIMPF 19717), in der Moderator Björn-Hergen Schimpf gemütlich über Gott und die Welt plauderte.

Bis auf das Team war er alleine im Studio: Seine Gesprächspartner waren Zuseher, die von zu Hause aus bei ihm anriefen, und er schaltete sie über eine kleine Konsole hinzu. Solche Call-In-Shows waren Mitte der Neunziger recht beliebt – zumindest bei den Sendern: Es kostet ja beinahe nichts, das zu produzieren, und das Mitteilungsbedürfnis der Menschen hatte noch kein Ventil durch Internet und soziale Medien gefunden. Auf Premiere – das hatten wir natürlich damals nicht – gab es den 0137 NIGHT TALK mit Bettina Rust, bei VOX plauderte Thomas Aigner in TALKLINE, und RTL schickte Joachim Steinhöfel ins Streitgespräch mit den Anrufern von ACHTZEHN 30 – DAS TELEFON-THEMA.

Gestritten wurde bei Schimpf nicht. Im Gegenteil: Es war die pure Entspannung, ihm beim Plausch zuzusehen. Zu Beginn goß er sich eine Tasse Kaffee ein, an der er während der Gespräche nippte. Er setzte sich in seinen Sessel, dann ging er ein wenig vor dem Schreibtisch auf und ab. Die Themen waren vielfältig und völlig alltäglich: Mal ging es um die Ladenschlußzeiten, ein anderes Mal um Liebeskummer, und Schimpf nahm alles entgegen seines Namens ganz locker. An der Studiowand suggerierten vier Uhren die große weite Welt, aber sie waren mit "Oberammergau", "Eisenhüttenstadt" und "Winsen/Luhe" beschriftet – letzteres übrigens Schimpfs Geburtsort. Daneben hatte man Fensterblick auf Köln – aber das Fenster war nur ein Bildschirm.

Björn-Hergen Schimpf vor den Wanduhren
Von Oberammergau bis Eisenhüttenstadt: Björn-Hergen Schimpf spricht mit Deutschland.

In einer Sendung vom August 1994, die ich noch auf Band habe, geht es um das Thema "Fitneßwahn". Die Kaffeetasse muß ruhen, weil Schimpf während der Gespräche einen orangefarbenen Handmuskeltrainer quetscht. Viel Debatte kann um das Thema herum nicht entstehen, zumal eine Anruferin namens Ursula schon recht früh Worte findet, denen man beinahe nichts mehr hinzufügen möchte: "Alles, was übertrieben ist, das ist doch extrem."

Die meisten Anrufer haben mehr Redebedürfnis als Schimpf Sendezeit. Außerdem gehen manche recht assoziativ an das Thema heran: Es wird schon irgendwie passen, was sie sagen. Der Gemütlichkeit tut dies keinen Abbruch: Schimpf steuert seine Gesprächspartner souverän zum Thema zurück und hakt fleißig ein, um den anrufenden älteren Damen das Monologisierungsmonopol zu entziehen. "Ich bin 54, ja …", setzt eine an, aber da ist er großzügig: "Kein Problem."

Ein Offenbacher erzählt im breitesten Dialekt, wie sich die Mädels im Fitneßstudio so anziehen, "daß man jede Rundung sieht", und sich dann an der Theke beschweren, daß ihnen die Männer hinterherschauen. Da hält er es lieber mit dem guten alten Winston und verzichtet auf den Sport. Ein 12-jähriger Junge namens Aaron dagegen berichtet stolz, daß er täglich 500 Meter mit dem Fahrrad fährt. Worum ging es doch gleich?

Mehr Diskussionsbedarf besteht in einer anderen Sendung aus demselben Zeitraum, die ebenfalls in den schier unendlichen VHS-Archiven von Wilsons Dachboden schlummert: Da will Schimpf über eine Steuer reden, die die Stadt Kassel auf die Wegwerfutensilien der Würstchenbuden erhoben hat. Dürfen die das? Und wollen wir das? Bei dem Thema ist Schimpf so in Fahrt, daß er beinahe die Einleitung zur Sendung vergißt: "Hab' ich schon 'Guten Tag' gesagt?"

Moderator Björn-Hergen Schimpf
"Schmeckt wie Oblaten": Björn-Hergen Schimpf ist von den Qualitäten des eßbaren Geschirrs nicht überzeugt.

In der Debatte tauchen tatsächlich Ideen auf. Christine aus Mettmann ist für eßbares Geschirr: "Wir sind zwar mündige Bürger, aber irgendwie müssen wir doch erzogen werden", meint sie. Erika aus Wiesbaden mag offenbar keine Pappteller essen und setzt stattdessen lieber auf Pfandgeschirr oder solches, das sie selber mitgebracht hat.

Ein kleiner Junge namens Stefan hat die perfekte Lösung: "Wenn die Steuer erhoben wird, dann aber nur auf die Unternehmen, die die Verpackung erst überhaupt herstellen". Den Einwand, daß die Budenbesitzer die Steuer dann nur durch teurere Würstchen an den Verbraucher weitergeben würden, läßt Stefan im Glauben an die Macht des Konsumenten nicht gelten: "Dann kauf ich halt keine mehr, und wenn er das macht, dann geht das Geschäft zugrunde und dann kann er seinen Mercedes erst recht nicht kaufen."

Willi aus Schöningen findet, das eßbare Geschirr muß erstmal geschmacklich verbessert werden. "Ich krieg' langsam Hunger bei dem Thema", grinst Schimpf. Manchmal verschenkt er an Anrufer, die ihm besonders sympathisch sind, eine Kaffeetasse mit Käpt'n-Blaubär-Motiv – aber heute mag er wohl nicht. Ein Zuseher namens Hansjörg hat ganz visionäre Lösungsvorschläge: Die Menschheit muß eben "wirklich mal Dinge erfinden und bauen, die wirklich langfristig einsetzbar sind". Schimpf bleibt lieber in seinem 25-minütigen Tagesprogramm: "Gut, das war ein Ausflug in die Zukunft."

Ralf aus Dortmund ekelt sich vor dem Einsatz von Porzellangeschirr, das womöglich in der Bude nur halb abgespült wird. Schimpf meint, daß Ralfs Mutter sicher früher auch noch mit der Hand abgewaschen hat. "Meine Mutter hat das ja noch halbwegs korrekt gemacht", stellt Ralf klar. Aber in so einer Currywurstbude? "Da springt dir sofort der Herpesvirus vom Nachbarn entgegen." Man ahnt, warum Premiere-Sprecher André Schirmer 1994 dem Focus erklärte: "Irgendwie sind Call-In-Sendungen auch ein Stück Reality-TV."

Ein paar Mal probierte ich auch, anzurufen und am Gespräch teilzunehmen. Ich weiß leider nicht mehr, zu welchen Themen. Irgendwann 1995 setzte der ARD die 1993 gestartete Sendung ab, und meine Nachmittage mußten ohne Plausch auskommen (und begannen dafür gleich mit einem Video). Über 20 Jahre später fällt mir SCHIMPF immer noch ein, wenn es darum geht, wie sympathisch unaufgeregt Fernsehen sein kann. "So würde man heute nie im Leben mehr eine Talk-Sendung aufziehen", sage ich dann und nippe dazu weltmännisch an meiner Tasse Kaffee.




Die Screenshots stammen von einer Videoaufzeichnung der Sendung vom 5. Juli 1994, (C) ARD.


Der Protagonist von Wonderland: Val Kilmer als tief gefallener Pornodarsteller John C. Holmes

Am 1. Juli 1981 kamen in einem Apartment in Laurel Canyon vier Menschen auf grausame Weise ums Leben, eine fünfte Person überlebte mit schwersten Verletzungen. Die Opfer gehörten zur sogenannten "Wonderland Gang", einer Drogenschieberbande, die zuvor den lokalen Gangsterboss Eddie Nash ausgeraubt hatte. Wer genau für die Morde verantwortlich ist, bleibt ungeklärt – aber es kann davon ausgegangen werden, daß es sich um einen Racheakt für den vorangegangenen Diebstahl handelte. Und: Auf irgendeine Weise war Pornodarsteller John C. Holmes in die Sache verwickelt, der in den Siebzigern mit seinem 33-Zentimeter-Penis berühmt wurde und zur Zeit der Morde in einem tiefen Drogensumpf steckte.

2003 stellte Regisseur James Cox die Geschichte in dem Thriller WONDERLAND nach. Der begeht gleich mehrere Fehler – und es ist beinahe faszinierend, daß die überhaupt zusammenpassen. Einerseits hält uns der Film mit mehreren möglichen Tathergängen auf Trab, nur um dann am Schluß tatsächlich eine Erklärung für die in Wirklichkeit nie aufgelösten Geschehnisse anzubieten. Zur gleichen Zeit schafft es der verschachtelt erzählte Film, daß man hinterher auch nicht mehr über die Wonderland-Morde weiß als vorher.

Gangster David Lind (Dylan McDermott, links) erzählt der Polizei seine Version der Wonderland-Geschichte.

Der Ansatz des schick inszenierten Films ist der, die Chronologie aufzubrechen und erst ein überlebendes Mitglied der Gang im Polizeiverhör von den Geschehnissen berichten zu lassen, bevor dann John Holmes in einem separaten Verhör eine andere Version der Ereignisse berichtet. Zum Schluß erhalten wir aber noch Informationen, aus der sich eine plausible Variante ableitet. Das Rätsel steht hier also weit mehr im Vordergrund als etwaige Einblicke in die handelnden Personen.

Überhaupt wirken viele Figuren nur wie Chiffren, sogar John Holmes bleibt ein Spielball der Erzählweise. Die erste Hälfte registrieren wir ihn nur als zugekoksten Gauner, der irgendwie auch zu der Geschichte gehört – und wenn seine Figur dann später größeren Raum einnimmt, liegt der Fokus ja schon längst auf widersprüchlichen Berichten und nicht auf dem, was tatsächlich in Holmes vorgehen könnte.

John Holmes (Val Kilmer) und seine hörige Freundin Dawn (Kate Bosworth).

Die interessantesten Szenen sind die mit den beiden Frauen in Holmes' Leben: seine Ehefrau Sharon, die von ihm getrennt lebt und seinen ständigen Eskapaden satt hat, aber sich manchmal doch überreden lassen kann, ihm zu helfen, und seine junge Freundin Dawn, die ihm so hörig ist, daß sie sich von ihm sogar prostituieren läßt. Tatsächlich will Holmes mit beiden Frauen zusammen ins Zeugenschutzprogramm – und in den Szenen, in denen spürbar wird, warum Sharon und Dawn sich immer wieder in Holmes' Wahnsinn hineinziehen lassen, zeigt der Film seine besten Momente. Die Frauen sind hier die komplexesten und spannendsten Figuren, und an ihnen merkt man, welch dramatisches Potential WONDERLAND gehabt hätte.

Leider wird auch davon einiges durch die Erzählweise verschenkt: Wenn sich Dawn von Holmes für eine Nacht an Eddie Nash verkaufen läßt, weil Holmes Geld für Drogen braucht, dann verpufft die Wirkung dieser Abgründe, weil die Szenen als Rückblenden einer Erzählung eingebaut sind und der eigentliche Inhalt der Sequenz gerade ein anderer ist.

Gangster Eddie Nash (Eric Bogosian, rechts) trifft John Holmes (Val Kilmer) und eins seiner Groupies (Paris Hilton).

Letztlich kriegt man das Gefühl, daß Cox und sein Co-Autor Captain Mauzner schlichtweg die Faszination der Ausgangsgeschichte überschätzt haben. Das Rätsel um den Tathergang der Wonderland-Morde ist nicht sehr spannend: Was immer passiert ist, es dreht sich um zwei Gangsterbanden, von denen die eine sich an der anderen gerächt hat. Wie sie Zugang zum Apartment hatten oder welche Bandenmitglieder genau beim Angriff dabei waren, stellt kein interessantes Mysterium dar – vor allem nicht in einem Film, der an den einzelnen Personen gar nicht interessiert ist.

Man kriegt den Verdacht nicht los, daß sich die Öffentlichkeit wenig um die Wonderland-Morde scheren würde, wenn nicht ausgerechnet ein legendärer Pornohengst auf irgendeine Weise involviert gewesen wäre. Auch in Bezug auf ihn kümmert sich der Film mehr um die Frage "War er dabei?" als um die viel spannenderen Themen – zum Beispiel, wie Holmes so tief nach unten fallen konnte.

Fast alles an Holmes' Geschichte ist erschütternder als das, was hier als verzahntes Gangster-RASHOMON aufgezogen wird. Man würde sich wünschen, ein Drama über ihn und seine Frauen zu sehen, einen Horrortrip der Abhängigkeiten, in dem Wonderland dann nur am Ende eines langen Absturzes auftaucht.



Mehr über John C. Holmes auf Wilsons Dachboden:
WADD: THE LIFE AND TIMES OF JOHN C. HOLMES: Der tiefe Fall eines verlorenen Pornostars




Wonderland (USA 2003)
Regie: James Cox
Buch: James Cox, Captain Mauzner, Todd Samovitz, D. Loriston Scott
Musik: Cliff Martinez
Kamera: Michael Grady
Darsteller: Val Kilmer, Kate Bosworth, Lisa Kudrow, Josh Lucas, Tim Blake Nelson, Dylan McDermotte, Christina Applegate, Eric Bogosian, Carrie Fisher, Janeane Garofalo, Faizon Love, Natasha Gregson Wagner, M.C. Gainey, Paris Hilton

Die Screenshots stammen von der DVD (C) 2005 Paramount.

Über den Vorspann wälzen sich unansehnliche nackte Körper – dicke, faltige, alternde Frauen, inszeniert wie groteske Models. Es ist eine perfekt gestylte Show des Häßlichen – und damit das passende Bild für das Leben der Kunstgaleristin Susan (Amy Adams). Alles in ihrem hochklassigen Leben ist minutiös durchgestylt, vom Outfit über die Wohnung hin zum Ehemann. Dabei ist alles nur Fassade: Der Mann ist treulos, das Leben ganz leer.

Dann kriegt Susan ein Geschenk ihres Ex-Manns Edward (Jake Gyllenhaal), den sie einst für ihren jetzigen Mann verlassen hat und mit dem seit Jahren kein Kontakt mehr besteht. Edward schickt ihr das Manuskript seines neuen Romans "Nocturnal Animals", und der ist eine brutale Rachegeschichte über einen Mann, dessen Frau und Tochter entführt werden. Die Geschichte ist Susan gewidmet – und während sie das Buch liest, kommen die Erinnerungen an ihr früheres Leben mit Edward wieder hoch. Aber warum schickt der ihr überhaupt das Manuskript?

Galeristin Susan (Amy Adams) lebt in der perfekt durchgestylten Künstlichkeit.

Mit seiner zweiten Regiearbeit NOCTURNAL ANIMALS entspinnt Modedesigner Tom Ford eine faszinierende Geschichte, in der mehrere Erzähl- und Zeitebenen ineinander übergreifen: die perfekte Kunstwelt steht dem rauen Setting des Romans gegenüber, und während des Lesens wird Susans Vergangenheit immer wieder in Flashbacks lebendig. Es ist, als würde hier Woody Allens EINE ANDERE FRAU mit Motiven aus Michael Winners EIN MANN SIEHT ROT erzählt werden – das Psychogramm eines ins Wanken geratenden Lebensentwurfs trifft auf einen intensiven, zornigen Thriller.

Daß Jake Gyllenhaal sowohl in der tatsächlichen Welt wie auch der fiktiven Handlung den Ehemann spielt, ist nur konsequent: Ganz offensichtlich hat sein Buch etwas mit der gemeinsamen Vergangenheit mit Susan zu tun. Nur was? "Niemand schreibt je über etwas anderes als sich selbst", sagt er in einer Rückblende – und damit rückt die Frage immer stärker in den Vordergrund, was es mit dem Edward der tatsächlichen Gegenwart auf sich hat. Ist er wütend? Verbittert? Versöhnlich?

In der Romanhandlung: Cop Bobby Andes (Michael Shannon, links) und Tony Hastings (Jake Gyllenhaal, rechts)
knöpfen sich den Kriminellen Ray Marcus (Aaron Taylor-Johnson) vor.

Ebenso faszinierend wie die kühlen Bilder und die rätselhaften Doppelungen verschiedener Motive in den beiden Ebenen sind die schauspielerischen Darbietungen. Daran, dass Jake Gyllenhaal und Amy Adams mit nur wenigen Blicken so viel über das Innenleben ihrer Figuren erzählen können, hat man sich ja beinahe schon gewohnt. Aber auch Michael Shannon als knochentrockener Cop und Aaron Taylor-Johnson als abstoßender Widerling sind absolut faszinierend: Man achte darauf, wie beiläufig Shannon in einer wichtigen Szene eine persönliche Angelegenheit erwähnt und abtut, und wie furchteinflößend Taylor-Johnson zwischen gespielter Lässigkeit und vielsagendem Augenausdruck wechselt.

NOCTURNAL ANIMALS ist ein bemerkenswerter Film, der psychologische Schärfe mit eigener Optik und souveräner Erzählweise kombiniert. Als Regisseur muß man Tom Ford wortwörtlich im Auge behalten.



Nocturnal Animals (USA 2016)
Regie: Tom Ford
Buch: Tom Ford, nach einem Roman von Austin Wright
Kamera: Seamus McGarvey
Musik: Abel Korzeniowski
Darsteller: Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Michael Shannon, Aaron Taylor-Johnson, Isla Fisher, Ellie Bamber, Armie Hammer, Laura Linney, Michael Sheen, Jena Malone

Die Screenshots stammen aus dem offiziellen Teaser-Trailer.