Seine Welt ist die der Zahlen, nicht die der Menschen: Christian Wolff fühlt sich wohl, wenn er komplexe Systeme und mathematische Aufgaben entwirren kann, und kämpft dafür mit jedem Blickkontakt. Wolff ist hochfunktionaler Autist – und das bedeutet in der Welt von THE ACCOUNTANT, daß der unscheinbare Steuerberater nebenbei als treffsicherer Scharfschütze durch die Unterwelt geistert.

Wolff wird gerne von milliardenschweren Geschäftsleuten angeheuert, weil er zuverlässig jede Lücke in der Buchhaltung finden kann. Unter seinen Kunden befinden sich auch Mafiosi, Drogenkartelle und andere kriminelle Organisationen, weswegen unter anderem die Steuerfahndungsbehörde hinter ihm her ist. Deren Leiter Ray King heuert eine junge Analytikerin an, um diesem Phantom auf die Schliche zu kommen, der nur als "The Accountant" bekannt ist – ein gesichtsloser Buchhalter.

Christian Wolff (Ben Affleck) als Meister über die Finanzbücher ...

Es ist kein Zufall, daß der von Ben Affleck gespielte Wolff einen Superman-Comic in der Schublade hat: THE ACCOUNTANT ist ein Thriller, der mit den Motiven der Superheldenstory erzählt ist. Wolff ist wie ein X-MEN-Mutant, ein Mann mit besonderen Fähigkeiten und Einschränkungen, die ihn von der restlichen Welt abgrenzen – und wie im anderen Affleck-Superheldenfilm dieses Jahres, BATMAN V SUPERMAN, lassen sich seine größten Wunden in der Familiengeschichte finden. Passend dazu erzählt seine "Origin Story" von der Formung seines Könnens in vom normalen Leben abgesetzten Szenarien: ein Heim für autistische Kinder, eine Kampfsportausbildung in Jakarta, der militärische Abhärtungsdrill des Soldatenvaters.

Spannend sind dabei nicht nur die Katz-und-Maus-Spiele, die Wolff mit seinen verschiedenen Verfolgern austrägt – darunter nicht nur King und seine Leute, sondern auch ominöse Killer einer Robotik-Firma, bei denen er finanzielle Unstimmigkeiten in Höhe von $61 Millionen feststellen konnte. Packend ist vor allem die Tatsache, daß keine der Figuren klaren Schwarz-Weiß-Schemen folgt, sondern die gesamte Welt in verschiedenen Schattierungen von Grau existiert.

Das fängt bei Wolff selber an, der für die Unterwelt arbeitet und sich als effizienter und gnadenloser Rächer erweist – aber gleichzeitig das erwirtschaftete Geld nicht für sich behält. Sein Jäger Ray King mag auf der richtigen Seite des Gesetzes stehen – aber er ist durchaus bereit, seine Analytikerin zur Mitarbeit zu erpressen, und gleichzeitig für den richtigen Zweck die Gesetzestreue auch mal pausieren zu lassen. Seine Helferin saß mal im Gefängnis, hat aber eine eigene Sicht auf ihre damalige Straftat. Der strenge Vater, der von Autismus nichts wissen will und seinen Sohn lieber trimmt, dem Leben kämpferisch entgegenzutreten, ist dennoch ein Mann, der das nach seinem Weltbild Beste für seine Kinder will. Selbst der Schurke, der hinter dem $61-Mio.-Loch steckt, hat eine Motivation, die nicht zwangsläufig nur Selbstbereicherung beinhaltet.

... und über das Präzisionsgewehr.

Getragen wird der Film aber von der Figur Wolff: Er bleibt meist förmlich und korrekt, ein Lächeln und ein Blickaustausch scheinen stets Überwindung zu erfordern. Affleck ist großartig in der Rolle und zeigt eine dreidimensionale Figur, einen Mensch mit Innenleben und Vergangenheit. Er bringt dabei auch einen leisen Humor in die Geschichte: Seine ehrlichen und direkten Antworten, die er mit so geradem Gesicht vorträgt, sind immer wieder vergnüglich, und wenn er zwei Bekannte erst mit eiskalter Genauigkeit vor Auftragskillern rettet und den beiden danach nur ein ungelenkes "Hallo"-Winken anbieten kann, gibt das dem kühl wirkenden Protagonisten eine willkommene Menschlichkeit.

Nicht zuletzt findet Regisseur Gavin O'Connor auch immer wieder interessante Bilder, die zu seinem Helden passen - ob es die Prothesen in der Robotik-Firma sind, die Menschen ein alltägliches Leben ermöglichen, oder die verworrenen Striche eines Jackson-Pollock-Gemäldes, in dem Wolff seinen Ruhepol findet. Am schönsten ist dabei ein Moment vom Beginn, als Wolff noch als Kind ein Puzzle zusammensetzt, das ein Bild von Boxchampion Muhammad Ali zeigt. Sein Puzzle ist umgedreht, es liegt also mit der Motivseite auf dem Tisch, während Wolff nur die Formen zusammenbaut. Es wirkt, als wolle uns der Film sagen: Auch ein Autist kann wie Ali über die Widrigkeiten der Welt siegen - er sieht sie eben nur anders als wir.



The Accountant (USA 2016)
Regie: Gavin O'Connor
Buch: Bill Dubuque
Musik: Mark Isham
Kamera: Seamus McGarvey
Darsteller: Ben Affleck, Anna Kendrick, J.K. Simmons, Jon Bernthal, Jeffrey Tambor, Cynthia Addai-Robinson, John Lithgow, Jean Smart

Die Screenshots stammen aus dem offiziellen YouTube-Trailer.

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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