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DAS DRACHEN-TAL: Ein Märchen-Adventure für Anfängerhelden

Es ist schon erstaunlich, wieviel größer die Spiele von damals waren, als man selber noch klein war. Nehmen wir das Adventure DAS DRACHEN-TAL für den C64, das 1985 von Markt & Technik zusammen mit FLUCHT INS PARADIES als „Abenteuer-Paket 2“ verkauft wurde (auf der Hülle heißt das Programm schlicht DRACHENTAL, jenseits des Titelschirms wird es auch ohne Bindestrich, also falsch, geschrieben: DAS DRACHEN TAL). In meiner Kindheit war das ein üppiges Fantasy-Abenteuer, das mich lange beschäftigte, und das ohne Lösungshilfe für mich nicht durchspielbar gewesen wäre. Und heute? Da ist DAS DRACHEN-TAL ein nettes kleines Game für einen Nachmittag, dessen Komplexität höchst überschaubar bleibt.

Die veränderte Wahrnehmung soll allerdings nicht heißen, daß das Spiel keine Reize besäße. Das Setting wird vom Programm selber wie folgt beschrieben: „Du bist im finsteren Mittelalter. Hier gibt es noch Hexen, Drachen, edle Ritter und vor allen Dingen noch Prinzessinnen.“ Gut, immerhin die Hälfte dieser Dinge gab es tatsächlich im Mittelalter; der Rest paßt zusammen mit der Story eher ins Märchenreich: Der Drache Eusebius durchstreift das Land und hat das Dorf der friedliebenden Zwerge vernichtet. Der König schickt einen furchtlosen Recken – also uns, wen sonst? – los, um den Drachen aufzuhalten, und verspricht als Belohnung die Hand seiner Tochter. Nicht sehr originell, dieser König, aber man hat sich ja schon für geringere Gegenleistungen ins Getümmel gestürzt.

Das Spiel ist wie ein typisches Textadventure der damaligen Zeit aufgebaut: In der oberen Bildschirmhälfte sieht man in kleinen Grafiken den Raum, in dem man sich befindet, während in der unteren beschreibender Text zu lesen ist. Mit einfachen Befehlen wie „Nimm Dolch“ oder „Öffne Truhe“ bewegt man sich durch das Land und hofft darauf, daß man verstanden wird. Mehr als fünf Gegenstände gleichzeitig kann unser Held nicht schleppen, also muß er gelegentlich Objekte ablegen, um sie später wieder aufzuklauben – immerhin ist das Spiel dabei absolut fair und läßt kaum etwas unwiderbringlich verschwinden.

Überhaupt richtet sich das Spiel nicht an die Hardcore-Abenteurer, die hunderte von Sackgassen und ständige Tode gewohnt sind: Man kann schon durchaus sterben, aber das nicht dauernd und komplett unverhofft. Ausweglose Situationen gibt es kaum welche, wenn einem nicht gerade die Seife in den See fällt. Dank flotter Speicher- und Ladefunktion ist es ohne Umstände möglich, etwas auszuprobieren, ohne dabei zu riskieren, wieder ganz von vorne anfangen zu müssen.

Dafür ist das Spiel aber auch recht bald gelöst: Ein paar Stunden reichen, um sich bis zum Drachen zu knobeln. Das Areal ist nicht wahnsinnig groß, es gibt in den einzelnen Räumen immer nur ein Problem (wenn überhaupt, in manchen liegen nur Gegenstände zum Einsammeln herum), und viele Objekte gibt es auch nicht, die einen verwirren könnten. DAS DRACHEN-TAL richtet sich definitiv eher an Einsteiger.

Die kriegen aber dafür ein hübsches Märchenabenteuer, das keine wirklich abwegigen Lösungen verlangt und eher putzigen Charme als knallhartes Mittelalter bietet – selbst der durch die Dunkelheit streifende Nachtwaldtiger erschreckt den Abenteurer nur, anstatt ihn mit Haut und Haaren zu verschlingen. Die Grafiken sind simpel, aber bieten einen schönen Comic-Touch, und der Parser gewinnt keinen Literaturpreis, aber verlangt auch keine Verzweiflungstaten. Außerdem ist das Gameplay angenehm flott: Die Grafiken sind schnell nachgeladen und bleiben sogar eine Zeitlang im Speicher, die Texteingaben gehen mit gutem Tempo voran, und weil man keine Kilometer zurücklegen muß, passiert auch oft genug etwas Neues.

Kurzum: So groß, wie mir DAS DRACHEN-TAL in meiner Kindheit erschien, ist das Programm keinesfalls – aber ein schön gemachtes Adventure ist es trotzdem.

Die Screenshots stammen von der Seite c64games.de.

Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, erschien 2011. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm und produziert Bonusmaterial für Film-Neuveröffentlichungen. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, u.a. für die Salzburger Nachrichten, Film & TV Kamera, Ray, Celluloid, GMX, Neon Zombie und den All-Music Guide. Er leitet die Film-Podcasts Lichtspielplatz, Talking Pictures und Pixelkino und hält Vorträge zu verschiedenen Filmthemen.

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