Nehmen wir mal an, wir wollten eine Doku über eine Band machen - was brauchen wir dazu? Die Musik der Band, sehr gut. Die Band selber, auch nicht schlecht. Leute, die etwas mit der Band zu tun haben, fantastisch. Und möglichst viel Bildmaterial von der Band, alles klar. Und wenn uns das alles nicht zur Verfügung steht? Dann filmen wir einfach trotzdem drauf los und machen eine Doku wie STAIND: TAINTED, die uns lehrt, daß wir eigentlich unnötig kompliziert an die Sache herangegangen wären - man kann nämlich auch anderweitig 50 Minuten füllen.

Weil also die Macher der 2001 entstandenen Doku offenbar nicht bis zur Band selbst vordringen konnten und auch keine relevanten Produzenten, Manager oder sonstige Menschen aus der Staind-Entourage vor die Kamera zerren konnten, werden fast wahllos Leute abgefilmt, die sich halt irgendwie zu der Gruppe äußern können. Wenn man Glück hat, haben sie einen marginalen Bezug zu Staind - zum Beispiel der nachnamenlose Radio-DJ Quinn, der schon mal Lieder der Gruppe gespielt hat und den Burschen auch schon mal begegnet zu sein scheint. Aber weil soviel Expertentum ja auf Dauer anstrengt, kommen beispielsweise auch diverse Musiker aus Springfield zu Wort, der Heimatstadt von Staind, und einer von ihnen darf zu Protokoll geben, daß er das erste Mal von der Band gehört hat, als er dieses Video mit Aaron Lewis und Fred Durst auf MTV gesehen hat. Ein bißchen fühlt sich die Sache an wie eine Everest-Bergsteiger-Doku, die ohne Berge auskommen muß und nur Surfer im Interview hat. (Moment, das muß ich mir als Filmidee notieren.)

Quinn hat schon mal Songs von Staind im Radio gespielt und
scheint daher fast überqualifiziert für diese Doku zu sein.
Weil die Rechte an der Musik von Staind Geld kosten, haben die Filmemacher komplett darauf verzichtet, die in den Interviews erwähnten Songs anzuspielen - oder sonstwie klanglich ein Bild der Band zu vermitteln. Stattdessen läuft in Dauerrotation eine schwerst anonyme Gitarrenmucke im Hintergrund, die immer aus demselben Riff besteht, und wenn dieser Loop gerade mal Pause hat, hören wir stattdessen steifes Getucker aus dem Drumcomputer. Es beschleicht einen gelegentlich das Gefühl, die Doku sei das Werk eines verbitterten Avantgardisten, der so zum Ausdruck bringen möchte, daß diese ganzen neumodischen Bands ohnehin alle gleich klingen.

Aber sieht man denn gar nichts von Staind in der Doku? Von wegen! Irgendwo muß ein Umschlag mit Photos herumgelegen haben, von denen ausgiebigst Gebrauch gemacht wird: Ständig sind dieselben Bilder der einzelnen Bandmitglieder zu sehen, entweder als Porträt (im Falle von Aaron Lewis) oder als Proberaumschnappschüsse (im Falle der restlichen Band). Um auf knapp eine Stunde Laufzeit zu kommen, werden übrigens nicht nur diese mageren paar Bildchen immer wieder hervorgekramt - auch so mancher Interviewclip ist zweimal zu hören, zum Beispiel die Aussage eines Menschen, der Sean Astin recht ähnlich sieht, daß Staind zunächst eine Coverband waren und dann nach und nach eigenes Material in ihre Sets eingebaut haben.

"Ich habe unter einem Künstlernamen auch schon mal
in einer großen Tolkien-Verfilmung mitgespielt."

Es ist beinahe schon faszinierend, wie hier um ein völliges Vakuum herumgeredet wird: Weil weder Band noch Musik zugegen sind, kommt man sich vor, als würden die Menschen vom legendären Yeti sprechen - nur daß die Interviewpartner kaum etwas zum Sujet zu sagen haben. Da hockt eine Studiomanagerin im Bild und erklärt uns, daß Bands typischerweise 6-8 Wochen brauchen, um bei ihnen ein Album einzuspielen - warum das nun etwas mit unserer Phantomband zu tun hat, bleibt ungeklärt. Einen kurzen Moment lang glaubt man, im falschen Film gelandet zu sein, als plötzlich die Mama von Staind-Bassist Johnny April (!) zu Wort kommt, aber zum Glück hat sie in ihren 10 Sekunden Auftritt nichts Wichtiges zu sagen und fügt sich so nahtlos in das sonstige Geschehen ein. TAINTED ist wahrlich eine Doku über gar nichts.

Und natürlich hat mich dieses Filmchen nun angeregt, selber einmal ohne jeglichen Bezug zum Thema in irgendeiner Reportage sitzen zu wollen. Mag mich jemand zu den Themen Eisenbahngeschichte, Netzwerktechnik, Päpste im Wandel der Zeit, Bonbonfabrikation, chilenische Poesie, Quantenphysik oder dem Backkatalog von Karel Gott interviewen? Ich verspreche auch, mich vorher nicht heimlich zu informieren.



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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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