Auch seinen vierten Kinofilm vertonte John Carpenter selber, und wie auch bei den vorangegangenen Werken dauerte es bei THE FOG einige Jahre, bis die Musik als Album erhältlich war - aber wenigstens waren es wie bei HALLOWEEN nur fünf Jahre, und nicht siebenundzwanzig wie im Falle von ASSAULT - ANSCHLAG BEI NACHT. Die atmosphärisch dichte Geistergeschichte über einen tückischen Nebel, der eine Küstenstadt heimsucht und eine weit in der Vergangenheit liegende Schuld zu rächen sucht, verlangte freilich eine etwas verhaltenere Herangehensweise als den unnachgiebigen Terror der HALLOWEEN-Musik - und so kann THE FOG zeigen, wie sich Carpenter auch als Musiker weiterentwickelte und an der Herausforderung wuchs: Der Score gehört definitiv zu Carpenters besten.

Den vermeintlich simplen, aber höchst effektiven Kompositionen blieb Carpenter aber auch hier treu: Wie schon in den Vorgängerfilmen setzt er auch hier auf nur eine kleine Handvoll von Themen und Motiven, die sich durch den Film ziehen. Schon der erste Track ("Matthew Ghost Story") produziert stimmungsvolle Gänsehaut: Eine verhaltene, einfache Pianomelodie, drei unheilvolle Akkorde, und darunter eine eisig unter die Haut kriechende Synthesizerfläche. Das "Main Title Theme" ist direkter und erinnert stärker an das HALLOWEEN-Thema: Ein immer wiederkehrendes Pianomotiv, das mit einer Synthmelodie verknüpft wird und von tickenden Rhythmen begleitet wird.

Beide Stücke - wie auch das wehmütige "Walk to the Lighthouse" - zeigen aber auch schon, daß Carpenter hier auf einer emotional viel breiteren Fläche agieren kann als noch bei HALLOWEEN: Wo dort der pure, unnachgiebige Schrecken herrschte, setzt THE FOG auf eine subtilere Furcht, die langsam hervorkriecht und sich dann heftig entlädt - und gleichzeitig bieten die Pianoparts einen melancholischeren, teils fast zerbrechlichen Gegenpart, der in seiner Evokation der Vergangenheit auch eine gewisse Sehnsucht trägt.


Gleichzeitig ist die Musik von THE FOG auch um einiges experimenteller und wagemutiger: Mehr als zuvor setzt Carpenter auf die düsteren, Ambient-artigen Synthklänge, die als Texturen bildhafte Stimmungen produzieren - so zum Beispiel das windähnliche Rauschen, das sich durch die Tracks "The Fog" und "Antonio Bay" schlängelt. Anderswo werden diese frostig kalten elektronischen Landschaften zu pulsierenden Kreaturen, gegen die so mancher Kraftwerk-Track wie ein melodieseliger Reigen anmutet - vor allem beim 11-minütigen Finale "Reel 9", das nach dröhnendem Orgel-Intro den Zuhörer mit wabernden und zischenden Synthesizern durch eine avantgardistische, aber unaufhörlich hämmernde Klanglandschaft schickt.

Wie schon bei ASSAULT und auch HALLOWEEN wurde Carpenter auch bei THE FOG von Synthesizer-Programmierer Dan Wyman unterstützt, der sich hier noch einmal durch seine Klänge als perfekter Partner für Carpenters ohnehin schon sehr effektiven Kompositionen erweist. Leider blieb dieser Score aber die letzte Zusammenarbeit der beiden, da Carpenter wenig später eine sehr produktive Partnerschaft mit Alan Howarth einging, der alle seine Soundtrack-Arbeiten in den Achtzigern betreute.

In Carpenters Diskographie bildet THE FOG somit den perfekten Brückenschlag zwischen der simplen, direkten Herangehensweise von HALLOWEEN und der faszinierenden Komplexität von ESCAPE FROM NEW YORK. Für sich genommen ist das Album ganz einfach eins: Ein grandioser Soundtrack, der selbst ohne dazugehörigen Film wohligen Grusel schafft. Manch andere Regisseure schaffen das nicht mal mit Bildern.




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Christian Genzel

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