Zeit für einen neuen Gastbeitrag: Der aufgebrachte Don Arrigone knöpft sich im folgenden Text zähnefletschend das Remake des berüchtigten Rape-and-Revenge-Streifens I SPIT ON YOUR GRAVE vor. Und wer den Don kennt, der weiß, daß er Worte wie "Machwerk" keinesfalls leichtsinnig verwendet! Ich übergebe das Wort:



I SPIT ON YOUR GRAVE – das könnte ein Zitat eines im Tempus verwirrten Herrn Genzel sein, getätigt, nachdem ich ihn mit wunderbaren Filmen wie EVIL BREED oder MASTERS OF MAGIC konfrontiert habe. Tatsächlich handelt es sich aber um den Titel eines kontroversen Exploitation-"Klassikers" aus dem Jahre 1978 (ursprünglich als DAY OF THE WOMAN veröffentlicht), bzw. um den des kaum minder umstrittenen Remakes von 2010. Und während man sich über die harte Gewalt an der Protagonistin tatsächlich aufregen kann, die die Grenze zur Geschmacklosigkeit weit hinter sich läßt, ist der Film an sich doch viel zu mies, als daß es sich lohnen würde, ihm groß Aufmerksamkeit zu schenken.


Hauptfigur ist die junge Schriftstellerin Jennifer Hills (Sarah Butler), die sich in ein einsames Häuschen in den Südstaaten zurückzieht, um einen Roman zu schreiben. Auf dem Weg zu der im Wald gelegenen Hütte trifft sie – wie sollte es in den Südstaaten auch anders sein – ein paar sexuell frustrierte Rednecks, die auch gleich Pläne schmieden, wie man das Mädchen aus der Stadt am besten flachlegt.

Da die drei Jungs große Romantiker sind, schließen sie Möglichkeiten wie "nett sein und erstmal ein bisschen flirten" kategorisch aus und gehen gleich zu Plan B über: Sie brechen bei Jennifer ein und versuchen, sie zu vergewaltigen. Begleitet werden sie dabei von einem geistig behinderten jungen Mann namens Matthew (Chad Lindberg), der sich in die Schriftstellerin verliebt hat und daher unbedingt an der Vergewaltigung teilhaben will. Respektvolle Repräsentation behinderter Menschen zählt nicht zu den Stärken des Films.


Jennifer kann in letzter Sekunde entkommen, und als sie den örtlichen Sheriff trifft, scheint auch tatsächlich alles wieder ins Lot zu kommen. Mit dem Genre vertraute Zuschauer können sich allerdings denken, daß ihr Martyrium (sowohl jenes von Jennifer als auch das des Publikums) nach knapp einer halben Stunde Film kaum beendet sein dürfte. Und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich Jennifer wieder in den Fängen ihrer Folterknechte befindet, um sich dann in der zweiten Hälfte des Filmes zur eiskalten Rächerin zu wandeln.

Wir haben also 7 Sätze Inhaltsangabe für einen Film von 108 Minuten – und selbst diese könnte man noch auf "Frau wird vergewaltigt und rächt sich grausam" reduzieren. An Handlung hat der Film nicht viel zu bieten, und die Charaktere sind auf ihre grundlegendsten Funktionen beschränkt: Die Männer haben einen Penis, und die Frau ist eine Frau. Von psychologischer Komplexität der Charaktere kann man also nicht sprechen – im direkten Vergleich könnte Alf als Hauptcharakter bei Dostojewski durchgehen.


Nun kann aber auch ein Film mit wenig Handlung und ohne große Charaktertiefe unterhaltsam sein – man denke nur an CRANK. I SPIT ON YOUR GRAVE versagt aber ebenso in beinahe allen anderen Belangen. Die erste Hälfte ist eher als Horrorfilm inszeniert, kommt aber über billige Schockeffekte, die auf einem plötzlichen Schnitt und einem lauten Geräusch basieren, nicht hinaus. Die Bedrohung ist keine Sekunde lang geheimnisvoll – sofort weiß man, daß es sich um die Hinterwäldler handeln muß; außerdem ist der Horrorpart zu kurz, um wirklich Atmosphäre aufkommen zu lassen.

Der folgende Revenge-Teil ist kaum besser: Jennifer wandelt sich vom Opfer zur perfekten Killerin, und so steht es nie zur Debatte, ob sie über ihre Vergewaltiger triumphieren wird. Hinzu kommt, daß ihre Rache keinerlei Spannungsbogen besitzt, sondern lediglich eine chronologische Abfolge der einzelnen Racheakte darstellt. Diese sind kreativ inszeniert, aber selbst ich weigere mich, das bei diesem Schund als aussöhnenden Moment zu betrachten. Positiv zu vermerken sind lediglich die immerhin soliden schauspielerischen Leistungen sowie die technische Ausführung, die handwerklich durchaus in Ordnung geht. Das allein rechtfertigt ein derartiges Machwerk aber selbstverständlich nicht. Wer junge Frauen sehen will, die blutig Rache nehmen, ist mit anderen Filmen besser beraten – und sei es nur, daß man sich zum fünfzigsten Mal KILL BILL ansieht: Man wird immer noch besser unterhalten werden als mit I SPIT ON YOUR GRAVE.




I Spit on Your Grave (USA 2010)
Regie: Steven R. Monroe
Drehbuch: Stuart Morse
Darsteller: Sarah Butler, Jeff Branson, Andrew Howard, Daniel Franzese, Rodney Eastman, Chad Lindberg, Tracey Walter, Mollie Milligan, Saxon Sharbino, Amber Dawn Landrum

Die deutschen DVD- und BluRay-Veröffentlichungen sind geschnitten. Die österreichische Version von Illusions dagegen ist ungeschnitten und kann von Zeit zu Zeit im OFDB-Marktplatz erstanden werden.

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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