Es ist wieder einmal Zeit, zusammen mit Gastautor Don Arrigone in die wunderbare Welt der Achtziger-Jahre-Fantasy abzutauchen. Heute auf dem Programm: DER KRIEGER UND DIE HEXE von 1984, der im Original THE WARRIOR AND THE SORCERESS heißt und im Fernsehen auch schon als THE WARRIOR lief. Und wie kann man angesichts eines solch schmucken Plakates dieser Filmverlockung widerstehen? Zumal der Film von den Leuten co-produziert wurde, die uns schon Fantasy-Epen wie IM REICH DER AMAZONEN oder WIZARDS OF THE LOST KINGDOM beschert haben. Nun denn, erzähl uns etwas darüber, werter Don!



Ein befreundeter Literaturwissenschaftler hat mir einmal erklärt, daß Western-Groschenromane, als diese in einer Krise steckten, recht einfach in Science-Fiction-Erzählungen umgewandelt werden konnten. Aufbau und Charaktere blieben weitgehend erhalten, man wechselte nur das Setting und einige genre-typische Elemente. Die beiden genannten Genres sind dabei nur exemplarisch zu verstehen – tatsächlich funktionieren die wahnwitzigsten Adaptionen. THE WARRIOR AND THE SORCERESS ist damit nur ein Beispiel von vielen, aber – das muß gesagt werden – ein besonders dreistes, das keinen Hehl aus seinen Wurzeln macht.

Die ersten Szenen sind in gewisser Weise schon exemplarisch: Ein einsamer Wanderer in seltsamer, dunkler Kleidung streift durch die Wüste und wird dabei von nicht minder obskuren Gestalten beobachtet. Eine Nahaufnahme zeigt uns das Gesicht unseres namenlosen Helden (David Carradine): trockene, aufgerissene Lippen, leicht glasiger Blick, Schweißperlen auf der Stirn. Wäre nicht in einer der nächsten Einstellungen das Schwert auf seinem Rücken zu sehen, hätte ich schwören können, gerade einen Western zu sehen


Die Anspielungen bleiben natürlich nicht rein visueller Natur: Als der "Dark One", so der einfallsreiche "Name" unseres Helden, in ein kleines, heruntergekommenes Dorf mitten in der Wüste kommt, findet er schon bald heraus, daß sich dort zwei gleich starke Banden um den einzigen Brunnen streiten. Kurzerhand beschließt er, zugunsten der DorfbewohnerInnen die Fieslinge gegeneinander auszuspielen. Eine Idee, die mir vage bekannt vorkommt – kennt man sie doch aus FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR, der sich wiederum von Kurosawas Meisterwerk YOJIMBO inspirieren hat lassen (und zwar dermaßen, daß Kurosawa Leone verklagte). John C. Broderick, Regisseur von THE WARRIOR AND THE SORCERESS, hat sich aber eher an ersterem bedient, wie wir der obigen Beschreibung der anfänglichen Szenen entnehmen können; auch die Musik paßt eher zu einem klassischen Revolver-Duell denn zu einem Schwertkampf.

Eine gewisse Eigenständigkeit muß man THE WARRIOR AND THE SORCERESS dann aber doch zugestehen, finden sich hier doch auch phantastische Elemente. So wird der Anführer einer der Banden, der ein wenig an Jabba the Hutt bzw. den späten Marlon Brando gemahnende Bal Zac, von einem scheinbar telepathisch begabten Krokodilwesen beraten, das wohl dem Kasperltheater entlaufen ist. Sein Gegenspieler, Zeg, hält wiederum eine junge Frau gefangen, die nicht nur den ganzen Film über oben ohne herumläuft, sondern wohl auch die Zaubererin aus dem Titel sein soll – will er sie doch zwingen, das magische Schwert von Ura zu schmieden. Darüber hinaus haben wir noch ein selten billiges Monster namens "Beschützer", welches größtenteils aus "Tentakel"-Schläuchen besteht und von unserem Helden im Vorbeigehen gemetzelt wird, und eine Frau mit vier Brüsten – ob Herr Verhoeven diesen Film wohl gesehen hat?


Und damit ist eigentlich das Meiste über THE WARRIOR AND THE SORCERESS gesagt – besonders starke oder schwache Elemente sucht man vergebens. David Carradine kann in seiner Rolle selbstverständlich überzeugen, und auch die anderen SchauspielerInnen sind zumindest "passend" – glücklicherweise nimmt sich der Film nicht immer ganz ernst, das macht ihnen die Sache leichter. Der Plot ist weitgehend verständlich, die vorhandenen Logikfehler stören nicht sonderlich und gehören bei einer solchen Produktion ja schon fast zum guten Ton. Mein einziger größerer Kritikpunkt ist, daß ein Großteil der Kämpfe, vom Ende einmal abgesehen, recht unspektakulär und blutarm verläuft – hier hätte man wohl ohne große Mühe noch etwas punkten und sich ein wenig von den Idolen abheben können: Wenn schon trashig, dann bitte richtig. Denn, seien wir uns ehrlich, mehr als eine seichte Kopie ist nicht herausgekommen – in puncto Spannung und Ästhetik sind diesem Streifen YOJIMBO und FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR Lichtjahre voraus.

Ein weiterer Film, den man sich nur mit ein paar Freunden und einer Menge Bier ansehen sollte.




Der Krieger und die Hexe (Argentinien/USA 1984)
Originaltitel: The Warrior and The Sorceress
Alternativtitel: The Warrior
Regie: John Broderick
Buch: William Stout, John Broderick
Co-Produktion: Héctor Olivera, Alex Sessa
Darsteller: David Carradine, Luke Askew, Maria Socas, Anthony DeLongis

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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