Große Skepsis machte sich im Vorfeld breit: Schon der Gedanke, Tolkiens Büchlein DER KLEINE HOBBIT - eher ein Kinderbuch als ein Fantasy-Epos - als überlangen Zweiteiler zu verfilmen, wirkte eher wie ein Versuch, die Kuh ein bißchen länger als nötig zu melken. Dann kam die Nachricht: Regisseur Peter Jackson weitet seinen HOBBIT auf drei Filme aus und macht ihn damit zur kompletten Prequel-Trilogie zu seinem LORD OF THE RINGS - aber wenn die Kinoversion eines 300 Seiten dünnen Romans ebenso viel Zeit in Anspruch nimmt wie die des viermal so umfangreichen Hauptwerks, dann kann man doch gar nicht anders, als einen bis ins Unendliche gedehnten Anlauf zu erwarten, aus Mittelerde noch einmal richtig viel Geld herauszuholen. Aber während der ersten drei Stunden dieser Ring-Vorgeschichte darf man sich hinsichtlich dieser Sorgen angenehm enttäuschen lassen: DER HOBBIT: EINE UNERWARTETE REISE ist ein wunderschönes Fantasy-Abenteuer, das die Welt von Mittelerde auf das Charmanteste zum Leben erweckt. (Ich habe den Film übrigens nicht in der angepriesenen 3D-Version mit 48 Frames per second gesehen, sondern ganz traditionell in 2D mit 24 Frames - also so anachronistisch, daß nurmehr der Klavierspieler neben der Leinwand gefehlt hat.)

Erzählerisch besteht hier eigentlich gar kein Grund für ein neunstündiges Epos: DER HOBBIT spielt 60 Jahre vor LORD OF THE RINGS und erzählt die Geschichte von Bilbo Baggins (dem Adoptivvater von Frodo, dem Helden der Original-Trilogie), der zusammen mit einer Gruppe von dreizehn Zwergen und dem Zauberer Gandalf ins Abenteuer aufbricht, um gegen den Drachen Smaug zu kämpfen. Unterwegs warten große Gefahren, furchterregende Monster und andere Begegnungen auf die Truppe - allem voran eine Konfrontation mit dem Ork Azog, der dem Zwergenanführer Thorin Eichenschild einst im Kampf unterlag und seitdem auf Rache sinnt ...


Eigentlich gäbe diese Geschichte nicht mal für einen dreistündigen Film wirklich ausreichend Stoff her - und doch ist es von den ersten Minuten an glasklar, daß Peter Jackson alle Zeit braucht, die er kriegen kann: Selten hat ein Filmemacher so deutlich und hingebungsvoll seine Liebe zu der von ihm erschaffenen Welt und seinen Figuren gezeigt. Jackson ist nicht nur fasziniert von Mittelerde - er ist völlig vernarrt. Er reichert seinen Film mit hunderten von Details und Ausschmückungen und Tangenten an, und man merkt, wie sehr es ihm das Herz brechen würde, etwas davon auszulassen.

Der erzählerische Impetus liegt also nicht in der Geschichte, sondern im Gefühl - in der großäugigen Begeisterung für die gezeigte Welt, die dank dieser Detailbesessenheit und der Liebe zum Detail auch wahrlich lebendig wird. Weil sich Jackson gar nicht so sehr um die Story kümmern muß - die führt gemächlich geradeaus und läuft quasi wie von selber - ist es umso charmanter, wie er sich alle Zeit der Welt nimmt, um entgegen straffer Erzählkonventionen sein Mittelerde einfach zu beobachten, der Welt Luft zum Atmen zu geben und jeder Figur, jedem Ort und jedem Moment entspannt Raum zur Entfaltung zu geben.


Umso deutlicher zeugt DER HOBBIT somit auch vom narrativen Geschick des Regisseurs: Auch wenn die Geschichte dünn ist, kann uns Jackson voll und ganz in die Welt hineinziehen. Die Dramaturgie funktioniert eigentlich eher wie eine Anreihung von Vignetten: Die Truppe marschiert nach Ort A, wo Gefahr durch Monster oder Abgründe droht; dann zieht sie weiter nach Ort B, wo Gefahr durch Monster und Abgründe droht; hernach geht es weiter zu Ort C, wo Freundschaften geschlossen werden können und unsere Helden vor den bei Ort D anwesenden Monstern und Abgründen gewarnt werden. Diese Art von Plotkonstruktion könnte man ad infinitum fortsetzen - aber Jackson schafft es, daß man als Zuseher trotzdem komplett involviert ist: DER HOBBIT ist spannend, witzig, aufregend, faszinierend und lädt immer wieder zum Staunen ein. Die erzählerische Hand führt einen so geschickt, daß nicht einmal die beständigen Deus-ex-Machina-Auflösungen Augenrollen verursachen.

Natürlich könnte man sich über diverse Aspekte des Films kritisch äußern. Zum Beispiel über diverse Sequenzen, in denen die Gesetze der Physik auf ähnlich wackligem Boden stehen wie bei ABRAHAM LINCOLN VAMPIRJÄGER: Da fallen unsere Helden fast kilometerweit in irgendwelche Schluchten und hangeln sich wie die Springbälle an herabstürzenden Plattformen entlang, ohne daß auch nur einer von ihnen je einen Kratzer abbekommt. Aussehen tun diese Szenen dann auch wie in einem Animationsfilm: Wenn unsere Truppe mit vorgehaltener Leiter über einen Steg rennend diverse Goblins in den Abgrund schickt, diese Leiter dann ohne eine Sekunde Pause als Brücke über ein Loch im Steg wirft und die einzelnen Sprossen zum Weiterlaufen verwendet, mag das technisch ganz proper gemacht sein - aber es sieht dennoch aus wie in einem Cartoon.

Aber das sind nur Nebensächlichkeiten, die den Filmgenuß kaum trüben. Jacksons Liebe zur Materie überstrahlt alles und wirkt fast ansteckend - und wenn man sich so wie er zurücklehnen und Freude an den Details haben kann, funktioniert DER HOBBIT als involvierendes, hochsympathisches und keinesfalls überlanges Fantasy-Abenteuer. Der zweite Teil kann kommen.




Der Hobbit - Eine unerwartete Reise (USA 2012)
Originaltitel: The Hobbit - An Unexpected Journey
Regie: Peter Jackson
Buch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson & Guillermo del Toro
Kamera: Andrew Lesnie
Musik: Howard Shore
Darsteller: Ian McKellen, Martin Freeman, Richard Armitage, Ken Stott, Graham McTavish, William Kircher, James Nesbitt, Stephen Hunter, Ian Holm, Elijah Wood, Hugo Weaving, Cate Blanchett, Christopher Lee, Andy Serkis

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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