Erst kürzlich habe ich einmal wieder den Troma-Streifen ATOMIC HERO gesehen, der mittlerweile eher unter dem Originaltitel THE TOXIC AVENGER bekannt ist und den ich Mitte der Neunziger als (reichlich gekürztes, wie sich herausstellte) VHS-Tape erwarb. Und doch: Wie aufregend war es, die Welt von Troma zu entdecken - diese bizarre, geschmacklose, schräge Welt von Lloyd Kaufman und seinen Leuten. In diesen Filmen schien alles möglich zu sein, und auch wenn viel Billigschund dabei war, war doch immer das Potential eines ganz neuen Filmerlebnisses gegeben. ATOMIC HERO war nicht so grenzwertig wie CLASS OF NUKE 'EM HIGH PART II: SUBHUMANOID MELTDOWN, durch den ich Troma überhaupt erst entdeckt hatte (weil er 1994, warum auch immer, auf Kabel1 ausgestrahlt wurde!) - aber dennoch war mir mit der merkwürdigen Superhelden-Geschichte zwischen Ekel, Albernheit und Herz doch klar, daß ich im Begriff war, Troma-Fan zu werden. Die neuerliche Sichtung - ungefähr 15 Jahre, nachdem ich den Film zum letzten Mal gesehen habe! - hat Erinnerungen gebracht und andere Aspekte des Films in ein wesentlich nüchterneres Licht gerückt. Im folgenden Gastbeitrag berichtet Don Arrigone, der den Film zuvor nicht kannte, mit etwas distanzierterem Blick über den Kultfilm.



Mitte der Achtziger konnte das von Lloyd Kaufman und Michael Herz gegründete Studio Troma bereits auf einige Erfolge zurückblicken: Mit dem Sexploitationfilmchen SQUEEZE PLAY beispielsweise hatten sie ordentlich Kohle gescheffelt, ebenso wie mit den ähnlich gearteten Streifen WAITRESS!, STUCK ON YOU und THE FIRST TURN-ON! 1984 wurden die bisherigen Leistungen aber allesamt von der Horrorkomödie THE TOXIC AVENGER übertroffen. Er war finanziell äußerst erfolgreich und zog etliche Produktionen nach sich, unter anderem drei Fortsetzungen, eine Cartoon-Serie und ein Musical. Derzeit ist ein Remake geplant. Und außerdem sah man zum ersten Mal die spätere Oscar-Preisträgerin Marisa Tomei auf der großen Leinwand – wenn auch nur für Sekunden. Grund genug, sich den Streifen einmal näher anzusehen.


Der Film spielt im schönen Tromaville, stolzer Hauptlagerort für Giftmüll aus den gesamten USA. Das soziale Leben spielt sich hier offensichtlich vor allem im lokalen Fitneßclub ab, wo bereits in der Eingangssequenz fast sämtliche Hauptcharaktere versammelt sind – nicht umsonst hätte der Streifen ursprünglich einmal HEALTH CLUB HORROR heißen sollen. Die Besucher sind größtenteils jung und hübsch – was die Kamera vor allem bei den Damen geschickt einfängt – und zum Teil auch recht arschig: Die Gang um Slug und Bozo mobbt nicht nur den Mob-Jungen Melvin, sondern fährt des Nachts auch unschuldige Leute über den Haufen. Wär ich doch auch nochmal jung.

Eines Tages entschließen sie sich, Melvin einen besonders perfiden Streich zu spielen: Bozos Freundin Julia verführt den armen Jungen, redet ihm ein, einen Fetisch für rosa Tütüs zu haben, und fordert ihn auf, sich mit ihr in der Fitneßhalle zu treffen. Dort erwartet ihn allerdings kein romantisches Stelldichein, sondern ein als Julia verkleidetes Schaf sowie die halbe Einwohnerschaft von Tromaville. Melvin läuft weg und springt, als er sich nicht mehr anders zu helfen weiß, auch gleich aus dem Fenster. Dummerweise ist vor dem Health Club gerade ein Laster mit Giftmüll geparkt, und natürlich landet Melvin mit dem Kopf voran in einem Faß voll grüner, blubbernder Flüssigkeit. Er verätzt spektakulär, verbrennt anschließend und verwandelt sich schließlich in den riesigen Toxic Avenger – beide Daumen hoch für die Tricktechniker, die die Metamorphose beeindruckend in Szene gesetzt haben.


Als Toxic Avenger ist Melvin nicht nur deutlich stärker als zuvor, sondern hat, wie ein Wissenschaftler mit starkem deutschen Akzent erklärt, einen Instinkt dafür entwickelt, böse Menschen ausfindig zu machen. Dementsprechend taucht er nun regelmäßig bei Überfällen auf, wo er Verbrechern schon mal den Arm abreißt, um ihnen damit eins vor die Schnauze zu hauen. Begleitet werden solche Gewaltakte von männlichem Grunzen seitens des Avengers, das so gar nicht zu seiner sonst zu zarten Stimme passen will – ein Gegensatz, der viel Spielraum für Lacher schafft.

Als der Avenger einen Überfall auf ein mexikanisches Restaurant vereitelt, an dessen Wänden stilecht japanische Klingen hängen, lernt er die blinde Sarah kennen. Diese verliebt sich auf Anhieb in ihren Retter, und so entspinnt sich eine Romanze voll billigem Slapstick. Sei es, daß Toxie, wie der Avenger später liebevoll genannt werden wird, über ihre Sammlung an Gehstöcken stolpert, sie ihm versehentlich mit einem solchen zwischen die Beine schlägt, oder Dampf aus seinem Genitalbereich aufsteigt, als sie ihn dort zufällig berührt – kein Scherz ist zu infantil. Ergänzt wird der herrlich kindliche Humor weiterhin von Ausbrüchen comichafter Gewalt: So rächt sich der Avenger beispielsweise an einem Mädchen aus Slugs Gang, indem er sie in der Sauna auf glühende Kohlen setzt. "Let this be a lesson to your hot ass ..."


Da er sich, wie ja zuvor der sympathische Nazi-Wissenschaftler erklärt hat, nur an bösen Menschen vergreift, wird der Toxic Avenger immer beliebter. Schon bald rennen Kinder mit "I Love the Monster"-T-Shirts herum (die im Troma-Webshop tatsächlich erhältlich sind). Das macht den führenden Gangstern in der Stadt, deren Anführer praktischerweise Bürgermeister ist, zunehmend Angst, und sie beschließen, das Monster auszuschalten. Glücklicherweise hat Toxie gerade eine alte, scheinbar unschuldige Frau ermordet: Kurzerhand hat er die Kleinwüchsige in der Wäscherei in eine Waschmaschine gesteckt. Ist er doch eine Gefahr? Zumindest seine Gegner verbreiten diese Version der Geschichte und rufen zur großen Jagd auf den Avenger ...

Mit einer abschließenden Wertung tut man sich bei Troma schwer – noch stärker als sonst kommt es darauf an, was man sich eigentlich von dem Film erwartet. Am ehesten wird man aus THE TOXIC AVENGER schlau, wenn man ihn, wie von Lloyd Kaufman vorgeschlagen, als Comedy im Horrorformat mit starken Cartoon-Anleihen begreift. In diesem Sinne ergänzen sich die übertriebene Gewalt, die seichte Superhelden-Handlung, der infantile Klamauk und die herrlich doofen One-Liner perfekt. Die eigenen Ansprüche erfüllt der Film damit, und das mit, wie bereits erwähnt, hoher technischer Raffinesse – ob man ein großes, grünes Monster in Tütü-Resten sehen will, das seinen Feinden die Gedärme rausreißt, muß trotzdem jeder für sich entscheiden.




Atomic Hero (USA 1984)
Originaltitel: The Toxic Avenger
Regie: Michael Herz, "Samuel Weil" (= Lloyd Kaufman)
Drehbuch: Lloyd Kaufman, Joe Ritter
Darsteller: Andree Maranda, Mitch Cohen, Jennifer Prichard, Cindy Manion, Robert Prichard, Gary Schneider, Pat Ryan, Mark Torgl, Patrick Kilpatrick

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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