Regisseur Tony Scott.

Eine schockierende Nachricht war das, die wir da gestern lesen mußten: Der Regisseur Tony Scott hat im Alter von 68 Jahren Selbstmord begangen. Er hinterließ einen Abschiedsbrief und sprang von einer Brücke in den Tod.

Tony Scott, der jüngere Bruder des Regisseurs Ridley Scott, hat in seinen vielen Jahren als Regisseur eine Menge bekannter und erfolgreicher Filme gedreht - allen voran TOP GUN mit Tom Cruise, zu dem jetzt eine Fortsetzung geplant war. Das kassenträchtige Fliegerabenteuer katapultierte Scott 1986 in die Riege der versiertesten Blockbuster-Kapitäne, wo er immer wieder - und sehr gerne in Zusammenarbeit mit Überproduzent Jerry Bruckheimer - die Kinoleinwand mit adrenalinreichen, visuell berauschend inszenierten Achterbahnfahrten füllte.

Denzel Washington und Gene Hackman in CRIMSON TIDE (1995).

Mein persönlicher Scott-Favorit ist CRIMSON TIDE, ein nervenzerreißend spannender U-Boot-Thriller, dessen Story vom drohenden nuklearen Krieg über ein intensives Duell des Willens zwischen den beiden Hauptdarstellern Gene Hackman und Denzel Washington erzählt wird. Gleich danach folgt der packende Paranoiathriller DER STAATSFEIND NR. 1, wieder mit Gene Hackman, der in einer Nebenrolle so etwas wie eine ältere Version seines Abhörspezialisten Harry Caul aus Coppolas DER DIALOG spielt. Nicht minder spannend - aber gerne übersehen - ist Scotts THE FAN, ein Kampf zwischen Wesley Snipes als Baseballspieler und Robert De Niro als irrem Fan. Es ist eine der letzten wirklich einschneidenden Rollen von De Niro, bevor der sich den Komödien und dem anstrengungslosen Mittelmaß verschrieb.

Aber auch andere Filme von Tony Scott waren bemerkenswert. THE LAST BOY SCOUT mag finanziell nicht erfolgreich gewesen sein, trieb das Genre der Buddy-Actionkomödie mit dem Drehbuch von LETHAL-WEAPON-Autor Shane Black aber in meisterlich absurde Höhen. TRUE ROMANCE ist schon durch sein Skript von Quentin Tarantino ein sehenswerter Film, und es ist spannend, welch andere inszenatorische Handschrift Scott so einer Tarantino-Story gibt, ohne dessen Stil als Autor plattzuwälzen. Selbst der notorische Flop TAGE DES DONNERS - dieses als TOP GUN auf Rädern konzipierte Rennfahrerdrama mit Tom Cruise und Nicole Kidman - und das eigentlich viel zu straighte Remake DIE ENTFÜHRUNG DER U-BAHN PELHAM 123 zeugten davon, wieviel visuelles Flair Scott seinen Geschichten geben konnte.

Will Smith in DER STAATSFEIND NR. 1 (1998).

Von der Kritik wurde Tony Scott gerne belächelt - oder gleich für seinen Musikclip-artigen Stil angegriffen. "Style over substance", hieß es da immer - viel Stil, keine Substanz. Und natürlich stimmt es, daß in Scotts Filmographie kaum dramatische Schwergewichter zu finden sind, daß er schnelles und lautes Popcorn-Kino drehte, und daß der Look gerne einen nachhaltigeren Eindruck machte als die Stories. Aber in Scotts Stil liegt genau die Stärke seiner Filme: Scott war ein so lebendiger, mitreißender Erzähler, daß es in seinen Filmen viel mehr um Adrenalin, Stimmung, Wirkung und Sinneseindrücke ging als um Komplexitäten - und das Kino bietet ja wohl Platz für alle Arten von Filmerlebnissen, die für den Kopf und die für die Sinne. TOP GUN mag keine tiefschürfende Geschichte erzählen - aber er fängt dafür wie kaum ein zweiter Film die aufregende Intensität des Fliegens ein. Kein Wunder, daß hinterher jeder selber eine F-14 fliegen wollte und die Figuren und Sprüche des Films in die allgemeine Popkultur überwanderten.

Und der Vorwärtstrieb mag in Scotts Werken viel stärker gewesen sein als der Impuls zum Nachdenken - aber dumm waren seine Filme deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil: CRIMSON TIDE rührt anfangs die Militärtrommel, daß man sich fast selber bei der Army melden möchte - und baut dann eine Geschichte auf, in der das richtige Verhalten im Ernstfall gar nicht so klar beantwortet werden kann. Die Gangsterstory DOMINO zog ein höchst ironisches Vergnügen daraus, mit Over-the-Top-Inszenierung und verschachtelter Erzählweise die scheinbar so simple Geschichte bis in die komplette Unübersichtlichkeit immer weiter zu verkomplizieren. Und DER STAATSFEIND NR. 1 zeichnet ein aus heutiger Sicht gar nicht so übertriebenes Überwachungsszenario, in der die Regierung aus "Sicherheitsgründen" immer weiter in die Privatsphäre eindringt.

Keira Knightley in DOMINO (2005).


Tony Scott hatte zig Projekte in Vorbereitung, als Produzent - zusammen mit seinem Bruder Ridley betreute er Filme wie Joe Carnahans THE GREY oder Ridleys PROMETHEUS - wie auch als Regisseur, darunter das erwähnte TOP-GUN-Sequel und ein Remake von Michael Crichtons Thriller COMA. Einige Zeit ging das Gerücht um, daß er als Regisseur für den 24-Kinofilm im Gespräch sei - alleine diese Nachricht rief schon große Vorfreude hervor auf ein Leinwanderlebnis, das die adrenalinreichste Fernsehserie aller Zeiten mit Scotts ebenso adrenalinreichen Inszenierung vereinen würde.

Laut einem Bericht von ABC News litt Scott an einem inoperablen Gehirntumor. Mehr Infos haben wir noch nicht - in jedem Fall ist sein Selbstmord aber eine tragische Geschichte. Und er nimmt uns einen Filmemacher, der zu den lebendigsten Erzählern im Kinosaal gehörte. Ich werde ihn vermissen.

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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