Nachdem ich in letzter Zeit wieder verstärkt nachtaktiv bin, ist es eigentlich kein Wunder, daß die Anzahl von Vampirfilmen in meinem Filmkonsum ebenso steigt. Oder könnte vielleicht eine umgekehrte Kausalität vorliegen? Praktisch jedenfalls, daß da noch die DVD von DIE KÖNIGIN DER VERDAMMTEN im Regal lauert und nun mit blutunterlaufenen Augen daraufhin begutachtet werden kann, ob diese mild affektierte Blutsaugerstory mit dem lautstarken Rocksoundtrack über die Jahre vielleicht besser geworden ist.

QUEEN OF THE DAMNED, wie der Streifen im Original heißt, ist quasi eine Fortsetzung von INTERVIEW MIT EINEM VAMPIR, wobei Stuart Townsend diesen couchhüpfenden Scientologen aus dem Vorfilm ablöst. Der Film komprimiert zwei Anne-Rice-Bücher zu einer Geschichte, und wie die Filmemacher auf dem Audiokommentar ausführlich diskutieren, gibt es zahllose Abwandlungen von der mir unbekannten Originalvorlage (für die die Verantwortlichen aber immerhin stets einleuchtende Gründe vorzuweisen haben). Aber eigentlich ist es ja egal, ob Anne Rice beim Ansehen selber lange Zähne wachsen, die sie gerne in Produzentenhälsen plazieren möchte – der Film sollte so oder so als eigenständiges Werk standhalten können.



Der Vampir Lestat wacht nach langem Schlaf in der Jetztzeit auf und beschließt, zum welterfolgreichsten Gothrocker zu werden. Weil er somit in der Öffentlichkeit lebt und das Geheimnis der Vampire (das vermutlich nur daraus besteht, daß es sie gibt – aber so genau vermag das der Film nicht erläutern) preisgibt, rotten sich also eine ganze Reihe von finsteren Gestalten zusammen, um ihn bei seinem allerersten Konzert auszulöschen. Ich stelle mir dazu ja eine sehr heitere Geschichte vor, in der Lestat gerne Rockstar werden will, aber dann auf irgendeinem Indie-Winzlabel landet, durchwachsene Kritiken erntet und dank Internetpiraterie mit einem großen Schuldenberg aussteigt. Sein erster Gig würde dann in irgendeiner Garage stattfinden, und die bösen Vampire verfahren sich in den Vororten von Los Angeles. Oder ein bißchen weniger albern gefragt: Wie wird Lestat eigentlich zum Megastar, wenn er bislang nur ein Album veröffentlicht hat (vermutlich mit nachtaktiver Plattenfirma und ebensolchem Manager) und noch nie irgendwo aufgetreten ist? Glauben die Autoren da nicht schon ein bißchen zu sehr an die gute Fee?

Aber egal. In längeren Rückblenden sehen wir, wie Lestat zum Vampir wurde, und wie er die Statue von Akasha entdeckt, der Königin der Verdammten. Akasha ist quasi ein schlechtgelaunter Urvampir und hat der Legende nach seinerzeit "halb Ägypten leergetrunken", vermutlich, weil man dort ja sonst recht wenig Flüssiges kriegt. Mit dem Rockkonzert wird auch die böse Schnalle wieder zum Leben erweckt - leider gibt es im Film keine Eltern, die zu ihrem Nachwuchs sagen: "Mit dem Krach kann man ja Tote aufwecken!" - und Lestat gerät ein wenig unter ihren Bann, weil Akashas Blut sehr lecker ist und die gute Frau mit ihm zusammen die Welt erobern möchte. Zum Glück gibt es noch ein paar mittelgute Vampire, die sich dann alle zusammenraufen und Akasha bekämpfen.


Also, wo fangen wir an? Vielleicht bei den guten Seiten: Visuell und atmosphärisch ist QUEEN OF THE DAMNED eine durchaus schöne und ästhetisch eigene Vampirgeschichte. Das leichte Augenzwinkern, mit dem Lestat in einer Gothwelt und in der Popkultur verankert wird (seine Musikvideos zum Beispiel sind wie deutsche expressionistische Klassiker inszeniert; auf seinem Konzert halten die Besucher den Kampf mit den gegnerischen Vampiren für pyrotechnische Showeinlagen), kann durchaus reizvoll sein. Und die Musik, die Richard Gibbs (in den Achtzigern Mitglied von Oingo Boingo, ebenso wie Danny Elfman) zusammen mit Korn-Frontmann Jonathan Davis schrieb, ist stimmungsvoll und hörenswert - insbesondere die Goth-Metal-Songs, die wie auch der Score mit interessanten Klangfärbungen (z.B. der Violine des indischen Musikers Shankar) aufwarten können. (Im Film singt Davis selbst die Songs; auf dem Soundtrack wird er aus vertraglichen Gründen von prominenten Kollegen wie Wayne Static, Marilyn Manson, Chester Bennington und Jay Gordon vertreten).


Schade nur, daß Film mehr sein muß als Klang und Bild: Die Geschichte stolpert sehr wirr durch die Gegend und bietet alle seine Absurditäten mit viel Pathos und Melodrama dar, als würde Unfug durch theatralische Ernsthaftigkeit irgendwann sinnvoller werden. Die Darsteller posieren alle wie für den nächsten Vampirkalender und hauchen gestelzte Dialoge, die größtenteils expositorisch sind. Man hat auch viel Zeit, sich ein wenig zu wundern: Warum wollen die bösen Vampire Lestat gleich wieder umbringen? Weil er ihre Geheimnisse verrät? Aber die hat er doch nun schon auf CD gepackt, und es nimmt sie doch eh keiner ernst ("another rockstar with a gimmick", heißt es an einer Stelle). Gleichsam mag uns noch so oft verklickert werden, daß Akasha sehr böse ist, aber wenn ihre schändlichste Tat das beiläufige Abfackeln von einigen düstermienigen Vampirpunks in einer kleinen Bar ist, dann sehen wir nicht gerade die Apokalypse über uns hereinbrechen.

Erwähnt werden darf noch, daß dies der zweite und auch letzte Film der R&B-Sängerin Aaliyah ist, die hier in der Titelrolle erst weit hinten im Film auftaucht und dann wenig mehr zu tun hat als die Zähne zu fletschen und sinister ihre Schauspielkollegen anzufauchen. Aaliyah kam kurz nach den Dreharbeiten bei einem tragischen Flugzeugabsturz ums Leben, weswegen ihrem Auftritt hier ein wenig morbides und trauriges Flair anhaftet (wie es eben so wirkt, wenn ein Film die Hinterlassenschaft eines Schauspielers darstellt) - aber ob sie eine gute Schauspielerin war, läßt sich anhand dieses Films leider nicht im Geringsten feststellen.

"Ich würde zustimmen, daß der Film keine perfekte Adaption der Anne-Rice-Bücher ist", sagt einer der Filmemacher auf dem Audiokommentar. Vielleicht können wir uns auch gleich darauf einigen, daß der Streifen auch ohne Anne Rice nicht so hundertprozentig gelungen ist?





Die Königin der Verdammten (USA 2002)
Originaltitel: Queen of the Damned
Regie: Michael Rymer
Drehbuch: Scott Abbott, Michael Petroni
Kamera: Ian Baker
Musik: Richard Gibbs, Jonathan Davis
Produktion: Village Roadshow Pictures / NPV Entertainment / Material
Darsteller: Stuart Townsend, Aaliyah, Marguerite Moreau, Vincent Perez, Lena Olin
Länge: 98 Minuten
FSK: 16


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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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