Vergeßt Nolan, Burton und auch den heiteren Herrn Schumacher: Das hier ist der wahre Batman. Weder Keaton, Kilmer, Clooney, noch Bale haben den maskierten Rächer so nachhaltig geprägt wie Adam West, der stocksteif im lilafarbenen Strampelanzug durch diesen Film und die dazugehörige Fernsehserie rannte, stets in treuer Begleitung des pfadfinderähnlichen Teenagers Robin, der in knackig kurzen Shorts neben der Verbrechensbekämpfung wichtige Lebenslektionen lernen durfte.

Gewissermaßen ist diese quietschbunte Parade das exakte Gegenstück zu Nolans Film: Wo letzterer Batman so ernst erzählt, wie man eine Geschichte über einen Mann, der sich ein Fledermauskostüm anzieht, nur erzählen kann und ihn dabei grandios als von Rachegefühlen zerfressenen Einzelkämpfer inszeniert, zeichnet BATMAN HÄLT DIE WELT IN ATEM die Geschichte exakt so albern, wie die Prämisse tatsächlich ist. Die beiden Filme sind quasi zwei Seiten ein und derselben Münze, und man kann Nolans epische Neukonfiguration nicht vollständig verstehen, wenn man nicht zuvor dieses grell-infantile Theater des Absurden gesehen hat, das am anderen Ende des Spektrums mit ebensolcher Kreativität operiert.


Batmans Welt ist ein durchexerzierter Fetisch, dabei angefangen, daß sich da zwei eigentlich erwachsene Menschen in hautenge Kostüme quetschen und mit diesen in der Öffentlichkeit spazieren gehen. Nur Schumacher hat den sexuell aufgeladenen Charakter dieses Universums erkannt und wieder aufgegriffen – in seinen Filmen hat das Fledermauskostüm sogar extra angebrachte Leder-Nippel. Aber nur in BATMAN HÄLT DIE WELT IN ATEM steht Batman ein junger Knabe mit Gesichtsmaske und nackten Beinen zur Seite, nur hier räkelt sich die frühere Miss America Lee Meriwether vor lauter Bosheit in ihrem latexähnlichen Katzenkostüm mit dünner Taille und spitzen Brüsten unter permanentem Kreisen ihrer Hüften, und nur hier tauschen Batman und Catwoman verhüllte sexuelle Anspielungen aus ("Marry me, Batman!" – "But what about Robin?").


Natürlich ist die Geschichte ebenso hanebüchen wie sinnfrei. Vier von Batmans stärksten Gegnern – der Pinguin, der Riddler, der Joker und eben Catwoman – tun sich zusammen, um mittels einer Dehydriermaschine (die einen Menschen so sehr dehydriert, daß nur ein paar Brösel übrig bleiben) eine Reihe von Delegierten einer den Vereinten Nationen nicht unähnlichen Organisation zu kidnappen. Batman – tagsüber der reiche Millionär Bruce Wayne, zur restlichen Zeit maskierter Verbrechensbekämpfer – und sein treuer Gehilfe Robin stolpern eigentlich rein zufällig in die Geschichte, weil die Superbösewichter so davon überzeugt sind, Batman beseitigen zu müssen, damit ihr Plan aufgehen kann, daß sie ihn mit ihrer Beharrlichkeit direkt auf ihr sinistres Vorhaben stoßen. Freilich funktioniert Batmans Universum auch unter der stetigen Annahme, daß man einen Menschen unmöglich erkennen kann, auch nicht an der Stimme, sobald auch nur ein Teil seines Gesichts bedeckt ist (eine Tradition, die sich beispielsweise in ROBOCOP fortgesetzt sieht).

Der Film funktioniert dabei exakt so wie die Fernsehserie: Als bunter Pop-Comic mit überdreht chargierenden Verbrechern, dessen Optik von tatsächlichen Comicstrips, farbenfroher Sechziger-Ästhetik und den berühmten, eingeblendeten Geräusch-Wörtern (Pow! Kapoff! Splash!) bestimmt wird. Der Film nimmt sich an keiner Stelle ernst – Batman und Robin stehen regungslos in der Gegend herum und erklären sich gegenseitig im Nachhinein, wie sie gefährliche Situationen bestehen konnten; saudumme Wortwitze führen zu keinesfalls nachvollziehbaren logischen Schlussfolgerungen; es gibt für jede auch noch so haarsträubende Gelegenheit ein eigenes Gerät, das die Bezeichnung auch auf einem Schild daran trägt (das berühmte Anti-Bat-Haifisch-Spray, eine passend im Bat-Labor herumstehende Rehydrierungsmaschine); und es bleibt auch in der dringendsten Verbrecherjagd stets Zeit, eine Lektion anzubringen (auch wenn hier nie die Brillanz einer der Fernsehfolgen erreicht wird, wo Batman inmitten der Verfolgung eines Schurken Geld in die Parkuhr wirft). Die größte schauspielerische Leistung von Adam West und Burt Ward ist dabei, daß sie ihr Gesicht bei all dem Unfug nie bewegen.

Mitunter erreicht der kindische Klamauk ungeahnte Höhen – zum Beispiel in einer Szene, in der Batman eine Bombe (ein kugelrunder grauer Ball, der oben wie eine Sylvesterrakete brennt) gefahrlos entsorgen will und überall auf Hindernisse stößt: Nonnen, Kinderwägen, eine Drei-Mann-Blaskapelle, küssende Pärchen in Booten und sogar eine kleine Entenfamilie. Wer einmal gesehen hat, wie ein Mann im veilchenfarbenen Pyjama – mit der Unterhose über dem Anzug getragen! – verzweifelt durch ein Dock rennt, während er mit beiden Armen eine Bombe wie aus einem Bugs-Bunny-Cartoon vor sich herträgt, sieht alle nachfolgenden Batman-Interpretationen – vor allem die von Schumacher! – gewiß mit anderen Augen.





Batman hält die Welt in Atem (USA 1966)
Originaltitel: Batman
Regie: Leslie H. Martinson
Drehbuch: Lorenzo Semple Jr.
Produktion: 20th Century Fox / William Dozier Productions / Greenlawn Productions
Musik: Nelson Riddle
Darsteller: Adam West, Burt Ward, Burgess Meredith, Lee Meriwether, Cesar Romero, Frank Gorshin
Länge: 103 Minuten
FSK: 6


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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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