A PRAIRIE HOME COMPANION ist der letzte Film des im November 2006 im Alter von 81 Jahren verstorbenen Robert Altman, und natürlich gibt diese Tatsache dem Werk eine besondere Bedeutung und eine eigene Lesart, die seine Geschichte über Abschied und Tod wesentlich wehmütiger und endgültiger wirken läßt. Der Film dreht sich um den letzten Auftritt der titelgebenden Radioshow, eine Abschiedssendung, und ganz unbeabsichtigt wurde er gleichsam zu Robert Altmans eigenem Abschied. Es ist nicht verwunderlich, daß der deutsche Verleih den Film mit den Worten ROBERT ALTMAN'S LAST RADIO SHOW betitelte.

A PRAIRIE HOME COMPANION heißt auch die wirklich existierende Radiosendung, die 1974 in St. Paul, Minnesota, startete und sich mit ihrer bunten Mischung aus Countrymusik, Sketchen und Witzen immer noch größter Beliebtheit erfreut (und in Realitas weit davon entfernt ist, die Pforten dichtzumachen). Der Moderator der Show, Garrison Keillor, schrieb den Film, in dem er freilich selber auch auftritt, als heiteres Ensemblestück, in dem die verschiedenen Mitarbeiter der Sendung vor und hinter den Kulissen ihrem - in der Form nicht zurückkehrenden - Alltag nachgehen. Gerade die Mischung aus Melancholie und alltäglichen Vorgängen, Leichtigkeit und Schwermut läßt A PRAIRIE HOME COMPANION zu einem leisen, aber unabwendbaren Abschied werden, nach dem die Welt sich einfach weiterdreht.

Plot und Drama werden dabei von Keillor und Altman fast durchweg ignoriert: Die Truppe sendet ihre Radioshow in einem alten Theater, vor Publikum, und der Film sieht ihnen dabei zu. Die beiden Cowboys Dusty und Lefty ärgern den Produzenten mit fröhlich-obszönen Liedern und schlechten Witzen, die beiden Johnson-Schwestern erinnern sich an ihre Mutter und versuchen, Tochter bzw. Nichte Lola zu ihrem ersten Auftritt zu überreden. Erinnerungen an den Beginn der Show werden ausgetauscht. Empörung herrscht über die Tatsache, daß Moderator Keillor keine Abschiedsrede halten will: "Willst du nicht, daß sich die Leute an dich erinnern?", wird er gefragt, worauf er nur mit einem lakonischen "Das will ich, aber ich will nicht, daß ihnen gesagt wird, daß sie sich an mich erinnern sollen". Auf der Bühne wird gesungen und gewitzelt, und zwischendurch spricht Keillor höchstselbst die Werbungen der Sponsoren.


In all diesem Trubel fällt es zunächst gar nicht auf, daß der alte Chuck Akers in seiner Garderobe friedlich gestorben ist. Dann macht die traurige Nachricht die Runde, aber die Show geht weiter. Der Sicherheitschef stolpert unbeholfen durch die Kulissen und ist auf der Suche nach einer mysteriösen blonden Frau, die sich immer wieder blicken läßt - und von der sich zeigen wird, daß sie als Engel geschickt wurde, um nicht nur Chuck Akers, sondern die ganze Sendung bei ihrem Ableben zu begleiten.

Die Vermischung von Wirklichkeit und Phantasie hat ihren ganz eigenen Charme. Es wird wenig Aufhebens darum gemacht, daß ein Engel hinter der Bühne herumgeistert. "Was machst du?", fragt Keillor sie in einem ruhigen Moment und fügt nach kurzem Moment an: "Entschuldige, was für eine blöde Frage". Der Sicherheitsbeauftragte ist eigentlich eine Figur aus dem tatsächlichen PRAIRIE HOME COMPANION - ein tolpatschiger Privatdetektiv namens Guy Noir, dessen Monologe wie aus Kriminalromanen weit vergangener Zeiten herbeigeholt scheinen. Einige Mitarbeiter der Show spielen sich selbst - darunter Geräuschemacher Tom Keith, der in einer verzweifelten Sequenz mit den aberwitzigsten Tönen die improvisierten Worte des Moderators untermalt.


Altmans Regie führt seine Darsteller ein letztes Mal mit der ihm eigenen leichtfüßigen Virtuosität durch die Geschichte: Überall läßt er den Schauspielern Raum und Platz, ihre Figuren von sich erzählen zu lassen - oft reden sie durcheinander, gleichzeitig, und die fragmentarischen Sequenzen ergeben ein impressionistisches Abbild der Abläufe. Hier und da zitiert sich Altman selbst: Guy Noir erinnert an Altmans Marlowe-Interpretation DER TOD KENNT KEINE WIEDERKEHR, während der Tod wie in BREWSTER MCCLOUD als blonde Frau im weißen Trenchcoat Einzug findet. Unter den Schauspielern sind Meryl Streep und Lily Tomlin, Woody Harrelson und John C. Reilly, Kevin Kline, Virgina Madsen, Lindsay Lohan und sogar Tommy Lee Jones - und alle fügen sich in das Ensemble ein, in exzellenten Darstellungen, die gerade deshalb so gut sind, weil sie überhaupt nicht herausstechen.

Natürlich besteht ein Großteil des Films aus Musik: Der Countrymusik, die Herz und Seele der Radioshow ausmachen. Die einzelnen Songs dürften jenen Hörern, deren Countryverständnis schon beim Rick-Rubin-produzierten Johnny Cash auf ihre Grenze stößt, Schwierigkeiten bereiten - aber wer diese Berührungsängste nicht pflegt, wird mit den beherzt sentimentalen, uramerikanischen Liedern bestens unterhalten.


Als Robert Altman 2006 den Oscar für sein Lebenswerk erhielt, erklärte er, daß das der schönste Preis sei, den er sich vorstellen könne: Ein Preis für alles, was er gemacht hat, und nicht nur für ein paar wenige Filme. Mit A PRAIRIE HOME COMPANION - tatsächlich seiner LAST RADIO SHOW - zeigt er uns ein letztes Mal, warum er zu den Großen zählt. Sein Abschied war ganz leise, und niemandem muß gesagt werden, daß man sich an ihn erinnern soll.





Last Radio Show (USA 2006)
Originaltitel: A Prairie Home Companion
Regie: Robert Altman
Buch: Garrison Keillor
Produktion: GreeneStreet Films
Darsteller: Garrison Keillor, Meryl Streep, Lily Tomlin, Lindsay Lohan, Woody Harrelson, John C. Reilly, Kevin Kline, Virginia Madsen, L.Q. Jones, Tommy Lee Jones
Länge: 105 Minuten


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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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