Bale an der Maschine

Uncategorized / 25. Dezember 2005

Es ist hochoffiziell: Christian Bale ist der verdammt noch mal brillanteste junge Schauspieler, den wir haben. Und wahrscheinlich auch der extremste. Daß Bale unglaublich gut ist, haben wir ja schon in AMERICAN PSYCHO gesehen – dieses leere Gesicht, die gleichförmige Stimme, die perfekte Abwesenheit einer menschlichen Regung und die Verkörperung des kalten Wahnsinnigen, unter dessen kalkulierter Oberfläche grausame Gewaltphantasien brodeln. Auch in BATMAN BEGINS war Bale magnetisierend, ein von Rachegefühlen zerfressener düsterer Einzelgänger, und wieder passiert bei ihm das Spannende unter der Oberfläche. Wir sehen einen Menschen, in dessen Inneren Tragisches und Schreckliches weggesperrt wurde.

Heute abend habe ich THE MACHINIST gesehen, und ich bin völlig ausgelaugt. Für diesen düsteren, alptraumhaften Psychotrip hat Bale 30 Kilo abgenommen, und man kann ihn fast nicht ansehen. Er ist ein wandelndes Skelett. Aus dem Rücken ragt die Wirbelsäule hervor, der Brustkorb besteht nur noch aus Knochen. Das Gesicht ist völlig eingefallen. Und wieder schleppt Bale Dämonen mit sich herum, die sich quälend langsam zeigen. Es mag nach außen hin aussehen wie ein Horrorthriller, wie eine Mischung aus FIGHT CLUB und I AM, aber eigentlich ist es nur eine tragische Geschichte über Schuld. „Ich habe seit einem Jahr nicht mehr geschlafen,“ erzählt Bale Jennifer Jason Leigh, und so wirkt er auch: halb tot. Und doch so präsent und fesselnd auf der Leinwand wie kein anderer. Ein Wahnsinnsfilm, ein wahnsinnig guter (und wahnsinniger) Schauspieler.

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Christian Genzel
Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für Film & TV Kamera, Celluloid, GMX, den All-Music Guide, 35 Millimeter, Neon Zombie und Salzburger Nachrichten. Er hält Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".





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