MYSTERY PROJECT. Gestern auf der Leinwand im Das Kino. Sah natürlich ein bißchen verwaschen aus, weil sich Mini-DV eben nicht so fantastisch gut auf den big screen aufblasen läßt, aber ich glaube, der Film ist ganz gut angekommen. Ich habe diverse Lacher gehört und hatte selber auch meinen Spaß. Natürlich kam hinterher ein Mensch von der Jury, der mich aufgeklärt hat, was an dem Streifen anders hätte sein müssen - die Perspektive! die Struktur! - aber dieses kleine, unschuldige Filmchen ist eben, was es ist. Manche nehmen es zu ernst, andere verstehen gar nicht, worum es geht. Aber hey, zumindest wurde bei mir nicht bemängelt, daß der Film "keine Philosophie" habe, wie besagtes Jurymitglied dann einem anderen (putzifeinen) Film vorwarf.

Interessant immer wieder, wie ich den Film sehen kann, ohne mich über Georg zu ärgern. Das ist, als wäre er ein ganz anderer Mensch da oben - nein, eigentlich ist es einfach nur so abstrakt, daß ich eben im MYSTERY PROJECT eine Filmfigur sehe, den grenzgenialen Oberchaoten, und nicht den realen Menschen, der mir soviel Kopfschmerzen bereitet. Tröbi ist immer noch wunderbar. Und Jean-Luc auch. Ich mag den Film, und wenn's sonst nur ein paar Leute tun, dann sei's drum. Aber wie gesagt: Viele haben gestern gelacht. Da können wir doch gar nicht so weit am Ziel vorbeigeschossen sein, oder?

FAUSTRECHT. Hasis neuestes Opus, dessen Entstehung ich auch beiwohnen durfte. Fantastischer Look. Brutal, roh, ungeschliffen. Sehr gewalttätig. Nur hinterläßt der Film dann hinterher einfach nur Fragezeichen, und vielleicht könnte man hier das Philosophie-Kriterium von oben zu rate ziehen. Was will uns der Film sagen? Wenn es um Rechte geht, warum geht es dann in einer Situation darum, in der gar nicht anders reagiert werden kann? Wenn es um den Gefangenenalltag geht, warum werden die Wärter dann als solch autoritäre Sadisten dargestellt? Egal. Es geht um den Moment, das Aussehen, und wie es sich anfühlt. Ich mag das Resultat.

CREEP. Franka P. in einem britischen Horrorschocker, der sich eben nicht gewaschen hat, aber dies bei all dem Blut, Schleim und Siff dringend tun sollte. Da ist ein Regisseur mit den bizarrsten Horrorfilmen aufgewachsen und wirft uns als Zuseher in eine Geschichte, bei der wir gar nicht wissen, was uns der Film zumuten wird, wie weit er gehen wird. Das Monster und seine Existenz sind so dermaßen bizarr, die Welt, die sich dort zeigt, und seine Maschinismen so kaputt, daß wir dem Geschehen hilflos ausgeliefert sind. Der Vergleich mit THE HILLS HAVE EYES drängt sich auf, oder an die anderen verrückten Horrorfilme, die nicht den geordneten Weltbildern der Slasher folgen, eben weil hier nicht das Böse in die normale Welt einbricht, sondern uns der Film suggeriert, daß die Welt eigentlich immer so ist. Creepy. Regisseur Christopher Smith sollte man im Auge behalten, und Method Actor Sean Harris, der sich als - ja, als was? Als Kreatur? - die Kante gibt, ebenso. Nur Franka, die hören wir lieber deutsch sprechen.

WILLARD. Im Moment scheint sich bei mir wieder der Sinn fürs Makabre, für das Schwarze und Bizarre abzuzeichnen. Willard, ein Remake eines Films von 1971, ist die liebliche Geschichte eines sehr in sich gefangenen Menschen, dessen einziger Freund eine Ratte ist, und der sich bald als Herr - oder doch Spielzeug? - einer Tausendschar Ratten sieht. Crispin Glover (George McFly!) spielt einmal mehr verrückt, schräg, geradezu neu-gothisch, aber hinter seiner Exzentrik steckt viel Können und auch Emotion. Es mag kein guter Horrorfilm sein, weil er nicht unheimlich ist, und es mag keine Charakterstudie sein, weil er dazu viel zu wenig von dieser Welt ist, aber es ist ein fantastisch gespielter, gut gemachter Trip in eine Welt, in der das id und die Neurose in einer Horde Nager manifestiert immer wieder den Weg zu dir finden, auch wenn du die Mauselöcher mit Klebeband verschließt.

FILMSTUBE KÖLN, NOVEMBER 2005. Döner für 2 Euro! Das Interview mit Jörg ist so aufschlußreich und doch so nichtssagend. Gehemmt und schüchtern wie gehabt spricht der Kölner über das, was er gerne macht, und wenn er mit Ehrfurcht in der Stimme "Regie führen!" sagt, ist er das kleine Kind, das gerne Astronaut sein will. Irgendwie wußten wir es doch schon, aber hier sehen wir es nochmal genau: Jörg ist einfach ein ganz simpler Kerl, der den großen Traum vom kleinen Film lebt. Und mittlerweile bin ich am überlegen, ob er wirklich so arm ist, weil er irgendwie in seiner eigenen kleinen Welt lebt, in der Lagerchef-Selbstfilme eine tolle Errungenschaft sind und in der leuchtende Augen sich der Magie der bewegten Bilder gegenüber noch nicht müde zeigen.

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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  1. Hasis Film- und Fernsehphilosophie in Bezug auf Charaktere scheint ja zu sein, dass man für einen richtig guten Film nicht mit der Rute sparen darf. Nur wer seine Figuren ordentlich vermöbelt, holt das beste aus ihnen raus. You have to be cruel to be kind, oder so ähnlich.

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  2. Nun, eines der größten Probleme beim Selberschreiben ist oft das, daß man seine Figuren viel zu sanft anpackt - weil sie einem zu sehr ans Herz gewachsen sind. Man will nicht, daß ihnen etwas Schlimmes passiert, und man will schon gar nicht, daß sie sterben. Ich hätte es wohl nicht fertiggebracht, Mason oder Ryan Chapelle über die Klinge springen zu lassen. Ralf Westhoff (der Mann mit dem BANANENKAKTUS) hat mal an einem Krimidrehbuch geschrieben, aber weil er es nicht übers Herz gebracht hat, jemanden umzubringen, gab's nur einen Verletzten und dann keinen Krimi.

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