Archäologie mit Waffengewalt

Der wöchentliche 3D-Shooter: Will Rock kämpft sich wenig originell, aber unterhaltsam durch die griechische Mythologie.

Der heißeste Anwärter auf den "Wo-haben-wir-das-denn-schon-mal-gesehen"-Award 2003 ist zur Zeit wahrscheinlich WILL ROCK, ein Ego-Shooter aus dem Hause Saber. Der titelgebende Held ist ein Archäologe-cum-Abenteurer, der, ähnlich wie seinerzeit der Mann mit dem Hut, bei der Feldforschung nicht gerade zimperlich mit seiner Umwelt umgeht. Nachdem er gerade den Eingang zur verlorengeglaubten Stadt Lost Olympus gefunden hat, wird sein jungfräuliches Töchterlein von salivierenden Sektenanhängern gemopst. "Bei Zeus," stellt Will überrascht fest, "selbigem soll mein Nachwuchs geopfert werden", und noch bevor er in eine theologisch-ethische Problematik versinken kann, wird er vom guten alten Prometheus mit Titankräften ausgestattet und erhält den ehrenhaften Auftrag, der griechischen Sagenwelt ordentlich auf die Zwölf zu geben.

"Klar doch," murmelt Rock und stürzt sich dynamisch-motiviert in zehn verschiedene Levels, die zwar recht simpel aufgebaut sind, aber allesamt mit soviel Kanonenfutter ausgestattet sind, daß man meinen könnte, Zeus bekäme seine Henchmen im Dutzend billiger. Sagenhafte Figuren krauchen durch die Arenen, vom Minotaurus über Sphinxen bis hin zu herrenlosen Zentauren, und alle vertreten ausnahmslos die These, daß Gewalt die direkteste Form der Kommunikation sei. Will kann sich mittels seines mühsam zusammengesuchten Waffenarsenals verteidigen, welches neben den Standardkrachern – Pistole, Maschinengewehr, Handgranaten sowie Unsterblichkeitscheat – auch eine Säurespritze und ein Medusagewehr bietet: der etwas andere Griechenlandurlaub.

Enttäuscht ist Will etwas ob der Dummheit seiner Gegner, schließlich wächst man ja mit der Herausforderung. Aber so armeenhaft und zahlreich seine Widersacher auch auftauchen, manche Exemplare scheinen zu beschränkt zu sein, um die Ecke marschieren zu können, und knallen sich beharrlich die Köpfe an die Wände. Wills Forschergeist dagegen freut sich, am Ende einzelner Levels über übelgelaunte und unfreundliche Unwesen zu stolpern, die bislang nur aus den Erzählungen von Bart und Homer bekannt waren. Aber auch hier muß die Natur dem Fortschritt weichen, und Zyklop und Medusa sehen sich beim Gevatter wieder, um über alte Zeiten zu plaudern. Da Will auch ein Mann der Wissenschaft ist, darf er hin und wieder Rätsel lösen, die ihm in ihrem "Wir-legen-Schalter-um-damit-die-Türen-aufgehen"-Aufbau eigenwillig vertraut erscheinen.

Originell ist das weiß Zeus nicht, Spaß macht das Ganze aber, sieht gut aus und dient obendrein per Stereoanlage zur Radauoptimierung der eigenen Wohnung. Man muß kein 3D-Shooter-Aficionado wie unser aller Freund Elvin Atombender sein, der schon im Schein der Schreibtischlampe von WOLFENSTEIN 3-D über QUAKE bis hin zu grottigem Placebo wie CORRIDOR 7 jede Veröffentlichung gespielt hat, bei der man aus eigener Perspektive alles niedermäht, was nicht bis "drei" auf den Bäumen sitzt. Wer die Art von Spiel und insbesondere das offensichtlichste Vorbild SERIOUS SAM mag, findet auch an WILL ROCK seine griechisch-orthodoxe Freude.





Hinweis: Dieser Text erschien (in kürzerer Form) zuerst am 20. August 2003 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele, und dreht eine Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX, den All-Music Guide, das 35-Millimeter-Filmmagazin und Film & TV Kameramann. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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