März 2018

Das hätte ich mir als junger Mensch, der in die wundersame Welt des Films aufbricht, auch nie träumen lassen: Ich war am vergangenen Wochenende auf meinem ersten Porno-Festival. "Sweet Movies 2" nannte sich das Groß- und Stoßereignis, das von den beiden leidenschaftlichen Lustspielfreunden Harald (Deliria Italiano) und Gary (Filmkollektiv Frankfurt) organisiert wurde und im Nürnberger KommKino stattfand. Zu diesem Kino habe ich ja schon eine besondere Beziehung: Nicht nur, daß dort schon meine Filme SCHLAFLOS und DIE MUSE gezeigt wurden – mein Kurzfilm CINEMA DELL' OSCURITÀ, der 2017 bei den Shocking Shorts nominiert war, wurde dort sogar gedreht und fängt den traditionsreichen alten Vorführraum ein, bevor er abgerissen und gegen einen moderneren ersetzt wurde.

Anlaß meines Besuchs war die Vorführung von Howard Ziehms FLESH GORDON – wie jeder gezeigte Film von einer originalen 35mm-Kopie. Nachdem ich momentan an einer Dokumentation über Howard Ziehm arbeite, die mit dem Titel FINDING PLANET PORNO ganz zentral auf FLESH GORDON verweist (Trailer: HIER, Facebook-Seite: HIER), wurde ich von Harald eingeladen, eine kleine Einführung zum Film zu geben. Die Besucherzahl war leider überschaubar – was am Samstagstermin von 14 Uhr gelegen haben kann – aber dennoch war es schön, den Film einmal mit Gleichgesinnten auf der großen Leinwand erlebt zu haben. Einige Zuseher haben mich hinterher mit lobenden Worten auf meinen kleinen Vortrag angesprochen, weshalb ich nach der Aufführung ganz sicher zweieinhalb Zentimeter gewachsen bin.

Das Festival startete aber schon Freitagabend mit einem Highlight: dem Kuschelkino-Klassiker schlechthin, DEEP THROAT – als einziger Film im Programm (entgegen der Ankündigung) auf Englisch. Über die Hintergründe zum Film habe ich hier schon im Zuge der Doku INSIDE DEEP THROAT geschrieben; der dazugehörige Film macht klar, warum er so einen Hype auslöste: Mit schelmischem Witz erzählt DEEP THROAT von einer unbefriedigten Frau, die vom Doktor aufgeklärt wird, daß ihre Klitoris im Rachen sitzt – und deswegen nur über Oralsex zum Höhepunkt kommen kann. Im Gegensatz zu den meisten Begegnungsfilmen funktioniert die Balance zwischen einfacher Handlung und ausgiebigem Sex hier sehr gut: Man folgt der Odyssee der Hauptfigur tatsächlich, als wäre es ein schmuddeliger Bildungsroman, und kann gleichzeitig sein Vergnügen an den Signalen haben, die dem Zuseher immer zeigen, daß die Macher wußten, wie absurd hier alles ist. Neben der hübsch natürlichen Linda Lovelace in der Hauptrolle begeistert vor allem ihr Hauptpartner Harry Reems, dessen Charme unter anderem darin liegt, als absoluter Normalo den perfekten Stellvertreter für den Zuschauer zu bieten und so zu wirken, als könne er sein Glück selber kaum fassen, in solch einen Männertraum geraten zu sein.

Der zweite Film am Freitag führte uns in die Achtziger, als aus den unglaublichen Mengen an pornographischem Material, das die Siebziger zu bieten hatten, durch die verbilligte Videoproduktion noch viel unglaublichere Mengen wurden. NAKED SCENTS, veröffentlicht 1985, vermischt die Seifenoperstories um intrigante Familien mit ganz harmlosen Jeder-darf-mit-Jedem-Kuppeleien. Der Geschäftsmann hat etwas mit seiner Haushälterin und auch mit seiner Ex-Frau laufen, seine Verlobte dagegen gibt dem Chauffeur erweiterte Aufgabengebiete und umgarnt den Tennislehrer, der ebenfalls zur Ex-Frau und zur Tochter des Geschäftsmanns Beziehungen pflegt. Die verflossene Gemahlin will die junge Nachzüglerin absägen, aber dem Ehemann sind die offenen Beziehungsvorstellungen seiner neuen Dame wohl ohnehin nicht so wichtig. Derweil versucht noch der Sohnemann des Geschäftsmanns, an seine Schwester heranzukommen – der er dann in der Horizontalen mit dem Argument "Du bist adoptiert" die letzten Bedenken raubt. Es ist beileibe kein herausragender Streifen – der übrigens von einer Frau inszeniert wurde (Elissa Christine, offenbar ihr einziger, sofern es sich nicht um ein Pseudonym handelt) und doch wie jeder andere Kuschelfilm seiner Zeit aussieht – aber er hat durchaus seine Reize: Italo-Kultfigur Robert Kerman (CANNIBAL HOLOCAUST) steht in der Hauptrolle unter seinem Decknamen "R. Bolla" seinen Mann; das Prozedere ist recht heiterer Natur – vor allem die Sequenz um den fleißigen Tennis-Coach, der die Damen (darunter die süße Taija Rae als Tochter Melissa) in Akkord-Arbeit beglückt; und nicht zuletzt macht der Synthpop-Soundtrack Laune, der leider nie separat veröffentlicht wurde (wie wir nach der Sichtung prompt recherchiert haben).

Nach der samstäglichen Eröffnung mit FLESH GORDON stand ein Trip nach Schweden auf dem Programm: BEL AMI (bei uns auch SKANDINAVISCHE LUST und – etwas prosaischer – DER HURENBOCK) wurde von Mac Ahlberg inszeniert, der später in Amerika Filme wie HELL NIGHT, DEEP STAR SIX und BEVERLY HILLS COP III als Kameramann betreute. Hier führt er einen schüchternen Schreiberling durch eine Reihe von intensiven Körperkontakten, die ihn – ganz nach der Geschichte von Guy de Maupassant – gesellschaftlich immer weiter nach oben bringen. BEL AMI war ganz klar der ästhetischste Film des Programms: Ahlberg setzt ein besonderes Augenmerk auf seine Bildkompositionen, alles ist sorgfältiger inszeniert, als es in vergleichbaren Filmen der Fall ist. Pupillenfreundlich ist der Streifen vor allem aber auch durch die Frauen, die so liebreizend sind, daß man sich gar kein Ende herbeisehnt. Das geht dann allerdings leider auch in Erfüllung: Irgendwann kommt einfach noch eine, und noch eine, und noch eine, und der arme Harry Reems (schon wieder!) wirkt am Ende wie ein Schwerarbeiter, den man kaum mehr beneiden kann; außerdem kommt in den letzten 20 Minuten eine gewisse Albernheit hinzu, die der schönen Stimmung doch etwas abträglich ist. Der Film löste hinterher intensive Debatten aus, weil er zum Ende hin doch so frustrierend langatmig wird – aber ich darf hier nochmal festhalten, daß die wundervollen ersten ca. 70 Minuten dennoch so betörend sind, daß sich mein Herz gegenüber diesem Film gar nicht schließen mag.


Nach Essens- und Shoppingpause (der große Müller in Kinonähe will freilich genau inspiziert werden!) lockten die amerikanischen ROLLERBABIES wieder ins Kino. Eine ganze Zeitlang hing die Frage im Raum, ob uns nicht vielleicht der falsche Film untergejubelt wurde: Plakat wie Filmtitel locken mit einem Sex-auf-Rollschuhen-Konzept, das quasi als Parodie von ROLLERBALL funktionieren soll – aber eine geschlagene Stunde lang ist die einzige Figur, die Rollschuhe trägt, ein merkwürdiger Professor, während die Kuscheleien ganz traditionell auf dem Bett oder – für die Romantiker – über den Schreibtisch gebeugt stattfanden. Das wäre kaum so schlimm, wenn nicht jede entsprechende Szene wie eine schwere Zementmischung wirken würde: die Darsteller liegen teils regungslos herum, die Kamera verweilt endlos auf den einzelnen Einstellungen, alles wirkt freud- und schwunglos. Wie eine Zementmischung wirkt auch die graue Substanz, die eine Darstellerin unserer Hauptfigur über die empfindlichen Stellen kleckert – aber nachdem sie dann dran leckt, dürfte es sich wohl um schon am Vorabend aus dem Kühlschrank geholtes Speiseeis handeln. Die Szene ist nicht schön, aber dafür richtig lang. Abgesehen von Suzanne McBain machen auch die Darstellerinnen kaum etwas her; die allzu derbe Synchro raubt dem traurigen Spektakel dann vollends die letzte potentielle Freude an der Sache. Mit seiner Zukunftsvision, in der Geschlechtsverkehr verboten ist und sich die Menschen nur noch zum allgemeinen Entertainment in einer Fernsehshow paaren, hält sich der Film für viel cleverer, als er ist. Immerhin kommen dann doch zum Schluß noch die Rollschuhe zum Einsatz: in einer stinknormalen Sporthalle, in der sich die Darsteller unglaublich abmühen, die in der Theorie witzige Idee von der "rollenden Nummer" in die sehr wacklige Praxis umzusetzen.

Und dann war da noch der Abschlußfilm, der nur als schier unglaublich bezeichnet werden kann. BIGGI – EINE AUSREISSERIN nannte sich das gar spektakulöse Stückchen Zelluloid, von dem schon im Vorfeld gemunkelt wurde, es sei potentiell unappetitlich; passend dazu wurde vor der Aufführung gewarnt, daß es dank Schimmelbefall der Vorführkopie im dritten Akt einige Minuten lang zu heftigen Tonausfällen kommen würde. Sprich: Dreck auf allen Ebenen. Und doch war niemand vorbereitet auf diese bestürzende Dokumentation westdeutscher Befindlichkeiten: Da reißen die junge Biggi und ihre Freundin von zuhause aus, um mal etwas "richtig Geiles" zu erleben – und landen sofort bei einem dicken alten Herrn in der Limousine, der sie in den wohl spießbürgerlichsten Partykeller schleift, der in der offenkundig kurzen Produktionszeit aufgetrieben werden konnte. Der Weg führt über eine Bar, in der die einsamen Herzen der untersten Arbeiterklasse ihr Zuhause finden, direkt ins Bordell – aber die wackere Biggi, ein frohsinniger Gegenentwurf zur Generation "Null Bock", genießt jede dieser Stationen, die nach nur wenigen Sekunden unweigerlich zu geöffneten Hosen und herzhaften Natursekt-Neckereien führt. Ein Wunder eigentlich, daß seinerzeit niemand befürchtete, orientierungslose Gerade-mal-Volljährige könnten nach Sichtung des Films ebenfalls aus dem Alltag ausbrechen und etwas "richtig Geiles" erleben wollen.

Die Darsteller erlauben soziale Einblicke, die anderswo schlicht unter den Teppich gekehrt werden: der schwer übergewichtige Mann im gesetzten Alter, der schmierige Bordellkunde mit der auffälligen Goldkette um den Hals, die verbrauchte Puffmutter, der so anständig wirkende, aber dem Gruppensex zugeneigte Barbesucher – sie alle wurden offenbar direkt von der Straße aufgelesen und in diesen Film gezerrt; sie alle blicken immer wieder nervös in die Kamera, als wollten sie fragen "gut so?" oder überhaupt nach einer Anweisung suchen. Morbide faszinierend vor allem ein spindeldürrer älterer Bordellkunde, der wie ein wandelndes Skelett aussieht und beim Liebesakt mehrfach so wirkt, als würde er sich gleich von dieser Welt verabschieden – er könnte direkt in der Notschlafstelle angeheuert worden sein. Die dazugehörigen Mädchen, vor allem eins im hinteren Teil, sehen mit ihren glasigen Augen nach dezentem Drogenkonsum aus und stammen vielleicht direkt aus einem Düsseldorfer Bordell. Wahnwitzig sind dazu noch die über das Schnodderspektakel gelegten Dialoge: Die blumig-obszönen Kreationen wirken, als hätte sich da ein Beat-Dichter nach langem Bukowski-Wochenende nicht mehr unter Kontrolle. Von "pervers erfahrenen Zungen" und "versauten Lustritzen" ist da die Rede, die Sprache ist so betont derb und übertrieben lüstern, daß sie irgendwo zwischen Parodie und Poesie schwebt. Leider ist uns über das wundersame Werk, das die gesammelte Besucherschaft zwischen schallendem Gelächter und ungläubigem Kopfschütteln pendeln ließ, rein gar nichts bekannt. Sachdienliche Hinweise zum Verbleib von Regisseur Charles Köhn (der danach noch den Hardcore-Streifen LEHRJAHRE EINES TEENAGERS inszenierte) und Biggi-Darstellerin Karin Hilgers werden mit mindestens 1000 Erfahrungspunkten belohnt.

Lieber Harald, lieber Gary: Ich danke euch, daß ich dieses Programm erleben durfte - es war etwas "richtig Geiles". Bis zum nächsten Festival!
Chris Hemsworth als Thor

Der nächste Superheld darf vor das kritische Auge von Dr. Wily treten: Nach zwei IRON-MAN-Filmen und einem HULK knöpft sich unser Gastautor diesmal Kenneth Branaghs THOR vor.



Ist Thor ein Gott, ein Held oder ein Superheld? Thor ist zumindest die erste Figur des Marvel Cinematic Universe, die nicht aus eigener Feder stammt, sondern sich auf eine Vorlage bezieht. In der nordischen Mythologie ist Thor der Gott des Donners, ein Ase und Sohn des Allvaters Odin. Er lebt in Asgard, dem Sitz der Götter. Thor ist mutig, besitzt mehr Kraft als andere Götter und kämpft mit seinem Hammer Mjölnir in vielen Schlachten. Sein Bruder ist der hinterlistige Trickser und Formwandler Loki, der ihn immer wieder in Schwierigkeiten bringt und die Götter stürzen will. Das sind im Großen und Ganzen die Elemente der nordischen Göttersagen, die Marvel übernommen und für THOR verwendet hat. Dieser Thor ist die Marvel-Superhelden-Variante des Donnergottes, und es zeigt schön, wie sich Götterfiguren von Heldenfiguren unterscheiden.

Vater und Sohn: Odin (Anthony Hopkins) und Thor (Chris Hemsworth).
Thor (Chris Hemsworth, l.) und sein Vater Odin (Anthony Hopkins).

In THOR macht unser Titelheld, gespielt von Chris Hemsworth, ein klassische Heldenreise durch. Er beginnt als Thronfolger Odins und junger, arroganter Hitzkopf, der sich den Zorn und die Enttäuschung seines Vaters zuzieht. Odin (Anthony Hopkins) verstößt ihn ins Exil nach Midgard, also auf die Erde, entzieht ihm alle Rechte und Thronfolgerwürden und sogar die Macht über sein wichtiges Werkzeug Mjölnir. Nur jemand, der sich als würdig erweist, soll den Hammer des Thor heben können. Thor wird nach New Mexico verbannt, wo er nun Demut und Opferbereitschaft lernen muß, um ein würdiger König zu werden. Zufällig wird auch der Hammer Mjölnir in die neumexikanische Wüste geschleudert, damit nach der Erleuchtung der Weg nicht so weit ist. In New Mexico trifft Thor auf eine Gruppe Astrophysiker um Jane Foster (Natalie Portman) und Dr. Erik Selvig (Stellan Skarsgård), die im Rahmen ihrer Forschungen dort Anomalien entdeckt haben, die Thor durch seine Reise zur Erde hervorgerufen hat. Sie helfen Thor und geraten so ins Visier von S.H.I.E.L.D., der von Nick Fury geführten, ultra-geheimen Behörde zum Schutz der Menschen und der Erde vor Bedrohungen der außergewöhnlichen und auch außerirdischen Art. Diese Men in Black der Marvelwelt sind natürlich bemüht, alles möglichst geheim und unter Kontrolle zu halten, obwohl oder vielleicht gerade weil sie selbst nicht wissen, ob Thor Freund oder Feind ist. Sie gehen da gerne mal (wie man später auch in CAPTAIN AMERICA - THE WINTER SOLDIER sehen wird) vom Schlimmsten aus; man könnte auch sagen: Ihr Handeln ist sehr von Angst bestimmt, und da machen sich Leute wie Jane, die mit diesen Aliens fraternisieren und innerhalb kürzester Zeit mehr Information gesammelt haben als die Behörde selbst, natürlich verdächtig. Jane und Thor dürfen sich verlieben, eine zwar herzig gespielte, aber emotional wenig nachvollziehbare Liebesgeschichte (was auch den Machern aufgefallen sein dürfte, wenn man betrachtet, wie sie in die nachfolgenden Filme eingebaut wurde), während Dr. Selvig hier zwar noch als Randfigur agiert, aber in zukünftigen Filmen eine sehr bedeutende Rolle bekommen wird.

Thor ist also der klassische Held, der Prüfungen durchlaufen, Niederlagen erleiden und Opfer bringen muß, um am Ende als veränderter und besserer Mensch daraus hervorzugehen. Er steht damit im Gegensatz zu seinem mythologischen Vorbild, das in seinen Geschichten keine Charakterveränderung durchmacht, weil das auch gar nicht so gedacht war. Götter dienten zur Erklärung der Welt, die wahrgenommen werden konnte, und zur Vorstellung, wie diese entstanden sein könnte. Sie standen für die Auseinandersetzung zwischen Natur und Kultur. Der Natur, der die Menschen ausgesetzt waren, schrieben die Menschen Leben zu, indem sie Geschichten erfanden. Genau deshalb konnten diese alten Götterfiguren zwar schon menschliche Eigenschaften haben (gerade Hinterlist und Unehrlichkeit waren bei den nordischen Göttern sehr beliebt), aber eine Charakterveränderung war nicht im Sinne der Erfinder. Die Götter waren für etwas anderes da. Als Vorbilder für die persönliche Entwicklung der Menschen, dem Streben nach Idealen im Angesicht der realen Unvollkommenheit, dienten eher die Heldengeschichten. So würde ich die Superhelden weniger als neue Götter oder moderne Göttersagen sehen, sondern als aktuelle Varianten der Heldenreisen. Charakterlich sind sie alle wie wir, sie haben nur die eine oder andere sehr besondere Fähigkeit (meist sehr große Körperkraft).

Thor und Jane
Jane (Natalie Portman) und ihr Tarzan, äh, Thor (Chris Hemsworth).


THOR ist das gestiegene Selbstbewußtsein der Marvel Studios anzusehen. Mit Anthony Hopkins und Natalie Portman stehen gleich zwei Oscarpreisträger in der Cast und mit dem mehrfach ausgezeichneten und oscarnominierten Kenneth Branagh erstmals ein Star-Regisseur hinter der Kamera (ein Modell, das bei Marvel keine rechte Zukunft hatte). Es ist der bis dahin cineastischste Film der Reihe. Wenn Branagh etwas kann, dann Pathos, Gravitas und Epos. All das steht THOR sehr gut. Große, farbenprächige Bilder der goldenen Phantasiestadt Asgard und der Regenbogenbrücke Bifröst stehen im Gegensatz zu der weiten Leere New Mexicos. Den Vater-Sohn-Konflikt rund um Odin, Thor und Loki, der Thors Verbannung hinterrücks eingefädelt hat, um selbst auf den Thron zu kommen, inszeniert der Shakespeare-Experte Branagh, als wäre es ein Stück des großen Dichters. Tom Hiddleston ist als Loki die große Entdeckung des Films: Die Rolle hat ihn berühmt gemacht, und es ist spannend zu sehen, wie er hier noch vollkommen ernst gezeichnet wird. Der Humor wird ihm erst von Joss Whedon in THE AVENGERS eingeimpft. In THOR ist er ein verletztes und rachsüchtiges Kind, das über den Schmerz nicht hinwegkommt, daß man ihn in Bezug auf seine Herkunft belogen hat. Der Haß bringt ihn dazu, den König töten zu wollen.

In Asgard spielt sich also das große Drama ab, auf der Erde darf es auch witzig zugehen. Alles, was später in THOR - TAG DER ENTSCHEIDUNG beinahe Selbstparodie ist, ist hier im Humor schon angelegt. So sehr sich Thor und Tony Stark charakterlich ähneln und so vergleichbar auch ihre Entwicklung laufen muß, so unterschiedlich blicken ihre jeweiligen Filme auf sie. Wo die IRON-MAN-Filme Tony Stark nie ein Schwäche zugestehen, wird Thor hier immer wieder die Luft herausgelassen und lächerlich gemacht. Oft entsteht der Humor durch die Diskrepanz zwischen Thors altmodischem, ritterlichem und pathetischem Auftreten und der sehr trockenen, pragmatischen Reaktion der Menschen. Etwa wenn Thor im Krankenhaus tobt, weil das Personal es wagt, ihn, den unbesiegbaren Sohn Odins, anzufassen, und die Pfleger ihm kurzerhand eine Spritze mit Schlafmittel in den Hintern jagen, woraufhin er sofort umkippt. THOR ist so auch involvierender als Geschichte. Er muß tatsächlich akzeptieren, vielleicht nie wieder nach Hause zurückkehren zu können, er lebt in dem Glauben, den Tod seines Vaters auf dem Gewissen und seine Heimat Feinden ausgesetzt zu haben. Am Ende opfert er auch seine Beziehung zu Jane, um Asgard vor dem Untergang zu bewahren. Sein Fall ist weit tiefer als der von Tony Stark.

Nicht mehr nur ein Gastauftritt: Agent Phil Coulson (Clark Gregg).

Filmübergreifend zieht mittlerweile alles in Richtung THE AVENGERS. Wir lernen kurz Hawkeye (Jeremy Renner) kennen, einen sehr menschlichen Superhelden im Dienste von S.H.I.E.L.D. mit sehr beeindruckenden Pfeil-und-Bogen-Fertigkeiten. S.H.I.E.L.D. sind erstmals für die Handlung relevante Antagonisten von Jane Foster und ihrer Entourage, und Agent Phil Coulson (Clark Gregg), dem in THE AVENGERS eine elementare Rolle zukommt, wird nach seinen Auftritten bei IRON MAN zur vollwertigen Nebenfigur. In der Post-Credits-Sequenz bekommen wir den ersten Hinweis darauf, wohin diese erste Phase des Marvel Cinematic Universe gehen könnte. Das ganz große Faß machen Marvel aber dann erst in CAPTAIN AMERICA – THE FIRST AVENGER auf.

Post-Credits: Es gibt eine sehr schöne Sequenz, in der der Film eine Verbindung zu den alten Mythen herstellt, auf die unser Marvel-Thor zurückgeht. Der große Schlußkampf spielt sich auf dem Bifröst in Asgard ab. Während der Action- und Kampfszenen schneidet Branagh immer wieder auf die Erde und zeigt uns, wie dieser Kampf für Jane und ihre Freunde aussieht. Die stehen in der Wüste und beobachten ein stürmisches Gewitter in den Wolken. Hier kommen für kurze Zeit der Gott Thor und der Superheld Thor zusammen.


Dr. Wilys weitere Betrachtungen zum Marvel Cinematic Universe auf Wilsons Dachboden:
IRON MAN: Der gemachte Superheld
DER UNGLAUBLICHE HULK: Lustfeindlichkeit und schiefgegangene Experimente
IRON MAN 2: Größer, höher, weiter und mit Nachdruck 
BLACK PANTHER: Eine repräsentative Utopie




Thor (USA 2011)
Regie: Kenneth Branagh
Buch: J. Michael Straczynski, Mark Protosevich, Ashley Edward Miller, Zack Stentz, Don Payne
Kamera: Haris Zambarloukos
Musik: Patrick Doyle
Darsteller: Chris Hemsworth, Natalie Portman, Tom Hiddleston, Anthony Hopkins, Stellan Skarsgård, Kat Dennings, Clark Gregg, Colm Feore, Idris Elba

Alle Bilder (C) Paramount.
O.J. Simpson in "The Lost Confession"

In Aaron Sorkins Regiedebüt MOLLY'S GAME wird die Protagonistin Molly Bloom, die jahrelang teure Pokerspiele für Stars und Schwerreiche organisiert hat, von ihrem Anwalt gefragt, warum sie sich nicht auf einen Deal mit der Staatsanwaltschaft einlassen und Informationen über ihre Klienten preisgeben will. Molly, der schon alles andere genommen wurde, stellt klar, warum sie an ihrer persönlichen Integrität festhält: "Because it's my name... and I'll never have another." Es ist, und das wird auch hervorgehoben, ein Beinahe-Zitat aus Arthur Millers HEXENJAGD: "Because it is my name! Because I cannot have another in my life! Because I lie and sign myself to lies!", erklärt der Bauer John Proctor da am Ende, obwohl er mit einem falschen Geständnis sein Leben retten könnte.

O.J. Simpson hat weniger Probleme damit, seinen Namen zu veräußern – auch nicht für ein vielleicht erfundenes und vielleicht echtes Pseudo-Geständnis des Mordes an seiner Ex-Frau Nicole Brown und ihrem Bekannten Ron Goldman. 2006 ließ sich der gefallene Star, der 1995 freigesprochen wurde und dennoch in den Augen vieler als schuldig gilt, zu einem Buch mit dem Titel IF I DID IT überreden, in dem er (beziehungsweise sein Ghostwriter) von seiner Beziehung zu Brown erzählt und dann in einem hypothetischen Teil beschreibt, wie er die Morde begangen hätte – wenn er sie denn begangen hätte.

O.J. Simpson im Gespräch mit Verlegerin Judith Regan.
O.J. Simpson im Gespräch mit Verlegerin Judith Regan.

Zur Promotion des Buchs ließ sich Simpson auch auf ein ausführliches TV-Interview ein, in dem er die Mordnacht ebenso hypothetisch beschreibt. Weil der Aufruhr um das geschmacklose Werk noch vor der Veröffentlichung so groß war, daß sogar Verlegerin Judith Regan ihren Job verlor (sie verklagte deswegen später ihren Arbeitgeber), wurde das Interview in den Giftschrank gepackt. Das Buch erschien mit etwas Verzögerung unter Aufsicht der Familie von Ron Goldman – auf die bizarre Geschichte hinter der Veröffentlichung gehe ich im Text zu IF I DID IT näher ein.

Aber natürlich muß die Geschichte weitergehen: Der Fernsehsender Fox kramte das Gespräch 2018 wieder hervor, strickte daraus das TV-Special O.J. SIMPSON: THE LOST CONFESSION? und strahlte es am 11. März zur Prime Time aus – als Konkurrenzprogramm zu ihrem einstigen eigenen Zugpferd AMERICAN IDOL, das mittlerweile auf ABC beheimatet war. (Mit nur 4,4 Millionen Zusehern gegenüber den 10,3 von AMERICAN IDOL ging das Konzept nicht auf.) Das O.J.-Interview wurde dabei allerdings nicht unkommentiert gelassen: Neben der alten Aufzeichnung trat eine, nunja, Expertenrunde zusammen, die O.J.s Worte einordnen sollten – darunter Judith Regan und einer der damaligen Ankläger, Christopher Darden.

Der ehemalige Staatsanwalt Christopher Darden
Christopher Darden, 1994 einer der Ankläger von O.J. Simpson.

Wer das Buch gelesen hat, für den erscheinen Simpsons Erzählungen nicht gar so bizarr wie für den Rest der Öffentlichkeit – weil sie schlichtweg schon bekannt sind. Auch hier erklärt er zu seiner Beziehung zu Nicole, daß er sie sehr geliebt habe, und hat einfache Erklärungen für die Fälle häuslicher Gewalt, die durch die Medien gingen und in seinen Augen ganz banale Mißverständnisse waren, die aufgebauscht wurden. Und auch hier taucht in der Mordnacht dieser ominöse Freund "Charlie" auf, der ihn gewissermaßen anregt, für Ordnung im Hause seiner Ex-Frau (und damit seiner Kinder) zu sorgen. (Wenn man es so formuliert, mag man vielleicht an den Hausmeister Grady in SHINING denken, der über die Ermordung seiner Frau sagt: "I corrected her".)

Fast spannender als der Inhalt der Erzählung ist wohl, wie sie erzählt wird. Wo im Buch nur einziges Mal eingeschoben wird, daß der folgende Teil hypothetisch sei (und nie eine Stelle kommt, wo die Geschichte klar von der Hypothese zurück in die Wirklichkeit schwenkt), weist Simpson im Interview immer wieder darauf hin. Gleichzeitig ist das Erzählte aber nie im Konjunktiv: Er tat dies, er tat jenes, und immer wieder kommen Konstruktionen wie "I remember", die schlichtweg nicht in der Hypothese funktionieren. Kann man sich erinnern, was man sich bei einer hypothetischen Tat gedacht hat?

Judith Regan im Interview von 2006
Verlegerin Judith Regan im Interview von 2006.

Abgesehen vom bizarren Inhalt aber gibt sich O.J. in dem Gespräch ganz so, wie man ihn früher immer gesehen hat: Er plaudert auf charmante Art, lächelt freundlich, lässt seine angenehme Stimme ihre Wirkung entfalten. Über weite Strecken klingt er, als würde er Erinnerungen aus seiner Zeit bei der NFL aufwärmen. Einmal lacht er nervös und wirft mit Grimasse ein, daß er ja nicht will, daß ihn die Leute angesichts der hypothetischen Mordgeschichte für einen "you know" halten: einen Mörder. Aber sonst gibt er den Zuschauern den O.J., den sie vor dem Prozeß so sehr geliebt haben.

Verlegerin Judith Regan, die das Interview höchstselbst leitet, sitzt ihm gegenüber wie ein Reh im Scheinwerferkegel. Mit weit aufgerissenen Augen und starrer Miene blickt sie ihn an, sichtlich um einen Hauch von Seriosität bemüht. Sie fragt kaum nach, nur bei der Hypothese will sie einige Details wissen – oder Simpson mit ihren Einwürfen einfach am Reden halten. Die interessanten Fragen stellt sie leider nie: Warum dieses Buch, Mr. Simpson? Woher kommt die irrwitzige Idee, sich als hypothetischer Mörder zu inszenieren? Was halten Ihre Kinder davon, daß Sie hier im Fernsehen darüber reden, vielleicht ihre Mutter umgebracht zu haben, Mr. Simpson? Aber statt David Frost gibt Regan nur den Wayne Gale.

Die Expertenrunde in "O.J. Simpson - The Lost Confession"
Die Expertenrunde seziert O.J.s altes Interview.

Um sich ausreichend von dem Interview zu distanzieren, wird die Aufzeichnung des Gesprächs immer wieder angehalten, damit die Studiorunde das Gesagte sezieren kann. Es wird dadurch freilich kein bißchen weniger reißerisch: Eine Freundin von Nicole Brown scheint einzig aus dem Grund eingeladen worden zu sein, damit die Kamera in Nahaufnahme zeigen kann, wie ihr immer wieder die Tränen kommen.

Wie schon im O.J.-Prozeß seinerzeit verfolgt natürlich auch heute noch jeder in dieser Geschichte ganz eigene Absichten. Daß Christopher Darden die hypothetische Erzählung für ein echtes Geständnis hält, ist wohl keine Erleuchtung: Als damaliger Ankläger wird er nun kaum äußern, daß er sich die Angelegenheit nochmal überlegt hat, sondern sucht natürlich Bestätigung, die seine damalige Niederlage auffangen kann (vor allem wohl den Teil des Prozesses, in dem er Simpson anregte, die gefundenen Handschuhe anzuziehen – die dem Angeklagten dann nicht paßten). Und daß eine Dame von einer Einrichtung zur Hilfe von Opfern häuslicher Gewalt O.J.s Erklärungen für die Vorfälle gar nicht annehmen kann, ist auch klar: Sie ist hier, um Bewußtsein zu schaffen.

Darden, Chan und Regan im Studio
V.l.n.r.: Der ehemalige Staatsanwalt Christopher Darden, Nicole Browns Freundin Eve Shakti Chan
und Verlegerin Judith Regan.

Judith Regan muß sich natürlich am stärksten und demonstrativsten von allen von der Interviewaufzeichnung distanzieren: Damals war das O.J.-Buch noch ein lukratives Geschäft, bei dem der berüchtigte womögliche Täter bereitwillig mitmachte, obwohl er sonst seine Unschuld beteuerte. Nach dem Aufruhr der Empörung, die Mordfälle derart geschmacklos ausgeschlachtet zu haben, kann sie natürlich heute nur darauf pochen, die Wahrheitsfindung im Sinne gehabt zu haben: Natürlich wollte sie O.J. reden lassen, weil er sich in ihren Augen mit jedem Wort selber einen Strick drehte, und natürlich hält sie das Gesagte für ein ganz klares Geständnis. Ganz dramatisch erzählt sie, wie O.J. sie während einer Drehpause anlächelte und sagte: "You thought you wouldn't like me, but I changed your mind" – ganz so, als hätte sie ihn bei einem grandios orchestrierten Manipulationsversuch erwischt.

Aber dann erwähnt sie auch, wie O.J. zwischendurch immer wieder gehen wollte, mehrfach während der Mordgeschichte das Studio zu verlassen drohte – wovon in der Aufzeichnung aber nichts zu sehen ist. Ganz offenbar ist das Interview also aus einer längeren Sitzung zusammengeschnitten, was wiederum die Authentizität des Gezeigten ungefähr auf die Ebene des dazugehörigen Buches bringt, in dem der Ghostwriter schon im Vorwort zugibt, O.J. für schuldig zu halten und ihm das düstere Kapitel, das O.J. gar nicht im Buch haben wollte, Stück für Stück aus der Nase gezogen zu haben. Nach Ausstrahlung des Interviews gab Simpsons Anwalt Malcolm LaVergne folgendes Statement ab: "This was scripted by Judith Regan, the publisher of the book. Mr. Simpson went along because quite frankly he got a lot of money up front to go along with this." Regan bezeichnet das als Diffamierung und droht derweil mit einer entsprechenden Klage.

Moderatorin Soledad O'Brien im Gespräch mit dem ehemaligen FBI-Profiler Jim Clemente.

Sprich: Wie bei jedem Kapitel der O.J.-Simpson-Saga ist hinterher auch niemand klüger als vorher. Offenbar hat Simpson für Buch und TV-Interview ganz einfach etwas verkauft, was sowieso keinen Wert mehr hat: seinen Namen. Alles andere macht wenig Sinn: Wenn er als Unschuldiger die Menschen davon überzeugen wollte, der gute alte O.J. zu sein, würde er wohl von der Mordgeschichte weiten Abstand nehmen. Und wenn er als Schuldiger seine Taten gestehen wollte, könnte er das gefahrlos tun – aufgrund des amerikanischen "Double Jeopardy"-Rechts könnte er trotzdem nicht noch einmal des Mordes angeklagt werden. (Regan behauptet, er habe auch gestehen wollen, aber hätte es aus Rücksicht auf seine Kinder in eine Hypothese gepackt.)

Kurz nach der Ausstrahlung hat Simpson der Buffalo News ein Interview gegeben – und darin hauptsächlich über seine Zeit als Footballspieler geredet. "Anybody that saw me play will remember me as a football player", sagt er da. Vielleicht ist ihm sein Name ja doch plötzlich wieder etwas wert.


Mehr über O.J. Simpson auf Wilsons Dachboden:
I WANT TO TELL YOU: Wie O.J. Simpson während seines Prozesses an die Öffentlichkeit ging
IF I DID IT: Das Pseudo-Geständnis von O.J. Simpson


Die Screenshots stammen von einer Aufzeichnung der Fox-Sendung.

Das vor kurzem hier vorgestellte Buch IF I DID IT aus dem Jahr 2007, in dem O.J. Simpson mit Hilfe eines Ghostwriters ausführte, wie er den Mond an seiner Ex-Frau Nicole Brown und ihrem Bekannten Ron Goldman theoretisch begangen hätte, wenn er es denn gewesen wäre, ist nicht das erste Buch, das der Ex-Footballstar zu dem Thema veröffentlichte. Tatsächlich erschien schon 1995 ein Büchlein mit dem Titel I WANT TO TELL YOU und dem Untertitel "My Response to Your Letters, Your Messages, Your Questions". Die Antwort auf die wohl dringlichste Frage dieses Falles kommt schon sehr früh und klärt doch nichts: "I want to state unequivocally that I did not commit these horrible crimes."

Das Buch erschien, während Simpson als Mordverdächtiger im Gefängnis saß und der Fall in einem monatelangen Prozess höchst medienwirksam aufgerollt wurde. Geschrieben hat er I WANT TO TELL YOU aber nicht selber: Lawrence Schiller, der schon Bücher über die Sharon-Tate-Morde und Lee Harvey Oswald schrieb, traf sich zu mehreren Interviews mit Simpson und formte 22 Stunden an Gesprächsmaterial dann zu diesem Statement aus Sicht von O.J. Verschwiegen wird diese Tatsache übrigens nicht: Schiller legt den Ablauf gleich in seinem Vorwort dar.

Der Aufhänger des Buches ist, wie gleich unmißverständlich erklärt wird, das Interesse der Öffentlichkeit: "This book began with 300.000 letters from men, women, and children of all ages, occupations, national and ethic backgrounds, from all fifty states and many countries of the world, who chose to write to a man they had never met." Quer durch das Buch sind zahlreiche Briefe von Menschen abgedruckt, die O.J. ein paar Zeilen geschrieben haben, und die Nachrichten dienen als Aufhänger für Simpsons Gedanken zu verschiedenen Themen.

Es muß vielleicht gar nicht extra erwähnt werden, daß ein Großteil der Briefschreiber O.J. für unschuldig hält. Sie schicken ihm ihre besten Wünsche, trostreiche Worte und Gebete. Durchhalten soll er, beten und auf Gerechtigkeit hoffen. Selbst die Kleinen schlagen sich auf seine Seite: "I know you didn't kill your wife, because you loved her very much", schreibt da ein 8-Jähriger. "You are the most handsomest black man I have ever seen", heißt es in einem anderen Brief.

Immerhin sind ein paar Briefe zu finden, die die Möglichkeit der Schuld einräumen. Nicht, daß dieses Szenario diese 12-jährige Schreiberin wirklich stören würde: "I don't think you killed Nicole or Ronald. Even if you did, I would still be your fan and so would my mom because everyone makes mistakes."

Es ist schon sehr durchschaubar, wie naiv hier Image-Management betrieben wird. Immerhin stand der Ausgang des Prozesses noch aus, die öffentliche Meinung und Berichterstattung tendierte dazu, Simpson für schuldig zu halten. Immer wieder beteuert er, es nicht getan zu haben, und packt obendrein ein paar schöne Bilder aus den glücklichen Jahren seiner Ehe ins Buch. Er erklärt, Nicole trotz der Trennung geliebt zu haben – daß er nach einem zweiten Anlauf des Zusammenlebens von ihr nichts mehr wissen wollte, wie später in IF I DID IT erklärt wird, wird hier aus verständlichen Gründen nicht einmal angedeutet.

Dabei ist Simpson sogar ehrlich, was den anderen Zweck des Buches angeht: Die Erlöse von I WANT TO TELL YOU sollten helfen, die Kosten für seine Verteidigung zu tragen. "Many people think that I am very rich and have access to unlimited funds. This is not the case", erklärt er noch im ersten Kapitel. "I am using all my financial resources, and I am now in need of additional funds for my defense. I have asked the writers of the letters included here to contribute their letters, with an explanation that the income derived from this book will go to my defense fund."

Zwischen PR und Sicherung des Finanzpolsters wird die Luft dann aber doch sehr dünn. Wie Simpson erläutert, darf er über die im Verfahren diskutierten Geschehnisse nicht sprechen – weswegen er eigentlich nichts Spezifisches sagen kann, was den Mordfall oder seine eventuelle Verstrickung darin betreffen würde. So rettet er sich ins Vage: Er redet über seinen Glauben, über seine Freunde, über das Leben im Gefängnis, über das Thema Rassismus und über seine Football-Karriere. Alles wird nur kurz angeschnitten und immer wieder von Briefen unterbrochen, als würde die schiere Menge an Nachrichten etwas beweisen.

Es ist ein frustrierendes Buch, das umso bizarrer wird, je länger man darüber nachdenkt. Wenn Simpson tatsächlich unschuldig ist, wie er behauptet, wäre es wohl trotz monetärer Anliegen sinnvoller gewesen, das Ende des Prozesses abzuwarten, um dann spezifisch auf die Geschichte und die Vorwürfe eingehen zu können - oder eben den Freispruch einfach für sich sprechen zu lassen. Stattdessen wird eine öffentliche Unschuldsbeteuerung produziert, die ihre Bestätigung quasi aus einem Vertrauen heraus beziehen will, das vor allem mit den Briefen aufgebaut werden soll. Sollte er dagegen schuldig sein, wäre das Buch ein zynisches Machwerk, das in seiner Beschwörung von Werten fast soziopathisch wirkt. So oder so bleibt eine Schwarte, die immens manipulative Absichten hegt.

"When the jury finds me innocent, when the evidence shows I am innocent and I am set free, I wonder whether the public will ever accept my innocence. I don't think some people will", heißt es an einer Stelle. Am 3. Oktober 1995 wurde Simpson nach einem elfmonatigen Prozeß freigesprochen: Nicht schuldig, befand die Jury. Nach einer Studie der Washington Post aus dem Jahr 2015 halten 83% aller Weißen und 57% aller Schwarzen O.J. trotzdem für den Täter.


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Dan und Lorie (Kevin Bacon und Elizabeth Perkins)

Manche Paare vermeiden jeden Streit, Dan (Kevin Bacon) und Lorie (Elizabeth Perkins) machen mit ihren Uneinigkeiten sogar Karriere: Die beiden diskutieren in einer Zeitungskolumne mit dem Titel "He Said, She Said" (so auch der Originaltitel des Films, der auf Deutsch recht nichtssagend NA TYPISCH! heißt) über aktuelle Anlässe bezüglich Politik oder Stadtplanung. Der Erfolg der Kolumne führt irgendwann sogar zu einer eigenen Fernsehshow, in der Dan und Lorie ihre Standpunkte vertreten – er konservativ, sie liberal, beide nie einer Meinung. Als Lorie während einer Show Dan allerdings frustriert eine Kaffeetasse an den Kopf wirft, zeigt sich, daß ihre Beziehung mit der Zeit tiefe Risse bekommen hat. In Rückblenden sehen wir die Stationen ihres gemeinsamen Lebens, vom Kenenlernen hin zur gemeinsamen Wohnung – erst aus seinem Blickwinkel erzählt (He Said), dann aus ihrem (She Said).

Es ist ein interessantes Konzept, das die Regisseure Ken Kwapis und Marisa Silver hier anpacken (obwohl schon 1973 in dem TV-Zweiteiler SEINE SCHEIDUNG – IHRE SCHEIDUNG mit Elizabeth Taylor und Richard Burton zwei unterschiedliche Beziehungsperspektiven erzählt wurden). Die Idee zum Film kam ihnen, als sie gemeinsamen Freunden während eines Frankreichurlaubs erzählten, wie sie zu einem Paar wurden – und sich über die Details nicht einigen konnten. Den Dreh strukturierten sie so, daß zuerst Kwapis die "He Said"-Version einer Szene drehte, bevor sich Silver dann an die "She Said"-Variante machte – und der jeweils andere sollte zusehen, durfte aber nicht mit den Schauspielern interagieren.

Dan (Kevin Bacon) und Lorie (Elizabeth Perkins) diskutieren auch hinter der Bühne
Streit hinter den Kulissen der Streit-Show: Dan (Kevin Bacon) und Lorie (Elizabeth Perkins).

Dadurch gewinnt NA TYPISCH! eine interessante Erzählstruktur: Die erste Hälfte des Films folgen wir Dan und sehen seine Version der Geschichte, die von der Gegenwart (in der die Beziehung vor dem Aus steht) immer wieder in die Vergangenheit springt, danach springt der Film wieder zum Anfang zurück und erzählt alles nochmal aus ihrer Sicht. Vor allem an den Details merkt man, daß sich Kwapis und Silver viele Gedanken über die unterschiedlichen Perspektiven gemacht haben: Ein Besuch einer modernen Tanzperformance in seiner Version in weit amouröseres Licht getaucht als bei ihr, und Nebenfiguren tauchen in einer Version kaum auf, weil sie zwar in der Szene anwesend sind, aber zur jeweils anderen Figur eine viel stärkere Beziehung haben.

Dennoch bleibt das Konzept ergiebiger als das Resultat – statt einem Beziehungs-RASHOMON gibt es nur Banalitäten, die wenig über die Figuren aussagen. Bei einem gemeinsamen Date taucht eine frühere Flamme von Dan auf – in seiner Version ist sie eine vorzeigbare Lady, während die Dame in ihrer Erzählung mit tiefem Ausschnitt auftritt und Dan viel zutraulicher angurrt. Bei einem späteren Clubbesuch erspäht sie einen alten Bekannten und bittet Dan, sie auf die Tanzfläche zu nehmen, damit der andere sie nicht anquatschen kann – und in ihrer Version erfahren wir dann, daß sie den "Bekannten" zuvor angeheuert hat, damit sie einen Grund hat, Dan zur Tanzaufforderung zu motivieren.

Dans alte Flamme Linda (Sharon Stone)
Laut Dan ist Linda (Sharon Stone) nur eine gute Freundin.

So plätschert NA TYPISCH! recht amüsant vor sich hin, ohne seine Möglichkeiten auszuschöpfen. Die Schauspieler schaffen es, den Figuren eine gewisse Erdung zu geben, und die Inszenierung leitet sie sicher durch die Geschichte, an der man durchaus Anteil nehmen kann (Roger Ebert kam in seinem Review zu folgendem Resümee: "If a movie can create people I'm interested in, doing things I sometimes care about, it's halfway home. But that's as far as this one gets."). Aber er ist zu langatmig oder bietet umgekehrt zu wenig Fleisch für seine zwei Stunden Laufzeit – und streut immer wieder Phantasiesequenzen ein, die vielleicht clever gemeint sind, aber nur überdreht wirken.

In Woody Allens DER STADTNEUROTIKER gibt es eine Szene, wo in einem Splitscreen gezeigt wird, wie die beiden Hauptfiguren, die in einer Beziehung sind, bei ihrem jeweiligen Therapeuten sitzen. Beide werden gefragt, wie oft sie miteinander Sex haben. "Kaum. Vielleicht dreimal die Woche", seufzt der Mann. "Dauernd. Sicher dreimal die Woche", seufzt die Frau. NA TYPISCH! erreicht leider nie solch pointierte Beobachtungen der Geschlechterrollen – und ist auch nie so witzig.




Na typisch! (USA 1991)
Originaltitel: He Said, She Said
Regie: Ken Kwapis, Marisa Silver
Buch: Brian Hohlfeld
Kamera: Stephen H. Burum
Musik: Miles Goodman
Darsteller: Kevin Bacon, Elizabeth Perkins, Sharon Stone, Anthony LaPaglia, Nathan Lane

Die Screenshots stammen von der DVD (C) 2002 Paramount Pictures.