Hugh Jackman und Dafne Keen: Zwei X-Men-Generationen

Der LOGAN-Trailer verspricht eine Geschichte, die mehr auf Charakterdrama als auf Superhelden-Action setzt. Unser geschätzter Gastautor Bastian G. hat sich dieses neueste X-MEN-Spin-off angesehen und kann berichten, ob der Film das auch erfüllen kann.



In LOGAN, dem inzwischen dritten Spin-off des populären X-MEN-Mutanten, machen die Verantwortlichen nachdrücklich ernst: Hauptdarsteller Hugh Jackman hat bekanntlich auf einen Teil seiner üppigen Gage verzichtet, um seinem angeblich letzten Wolverine-Abenteuer das unter Marvel-Adaptionen eher ungewöhnliche R-Rating zu garantieren. Das bedeutet, dass in den USA Jugendliche unter 17 Jahren den Film nur mit erwachsener Begleitung schauen dürfen. In Deutschland hat die FSK die "ab 16 Jahren"-Plakette gezückt – und die ist in Anbetracht des wirklich grimmigen und teils ultrabrutalen Resultates noch recht gnädig ausgefallen.

Gleich zu Beginn zerlegt unser inzwischen merklich gealterter Held eine Gruppe Gangster buchstäblich in seine Einzelteile. Die F-Wort-Quote liegt im hohen Bereich und Regisseur James Mangold (WALK THE LINE), der bereits den Vorgänger WOLVERINE – WEG DES KRIEGERS inszenieren durfte, macht es sichtlich Freude, die Freiheiten der höheren Freigabe auszuloten. Doch LOGAN ist nicht bloß ein actionreiches Schlachtfest, sondern das bislang emotional involvierendste Werk aus der Welt des Comic-Riesen.

Dafne Keen: Die neue X-Men-Generation.
Eine neue Generation wetzt die Krallen.

Die Geschichte ist in einer nahen Zukunft angesiedelt, in der die X-Men bis auf den nun physisch verwundbaren Logan und den schwerkranken Charles Xavier (Patrick Stewart) ausgelöscht sind. Ihre Abenteuer kann die Nachwelt noch in bunten Heftchen nachlesen. So etwa die junge Laura (Dafne Keen), die von dem sinistren Pierce (Boyd Holbrook) und seiner grausamen Truppe gejagt wird. Das Mädchen gehört zu einer neuen Generation von Mutanten, die als fehlerhaftes Laborexperiment zur Erschaffung einer ultimativen Waffe eleminiert werden soll. Xavier drängt Logan dazu, den angedachten Ruhestand noch etwas hintanzustellen und das Kind zu einem sicheren Zufluchtort zu geleiten. Auf dem nicht wirklich ruhigen Road Trip begreift der zuerst widerwillige Mann mit den Metallklauen, dass er mit Laura mehr als nur einen genetischen Defekt gemein hat …

Okay, gleich vorweg: Auch LOGAN fährt im Kern keine bahnbrechend neue Story auf. Den Plot mit dem miesepetrigen Beschützer auf einer halsbrecherischen Mission kennt man zum Beispiel aus den MAD-MAX-Sequels oder Alfonso Cuaróns intelligentem Sci-Fi-Drama CHILDREN OF MEN. Und wer es gern noch älter hätte, bekommt im Film ganz klare MEIN-GROSSER-FREUND-SHANE-Referenzen direkt unter die Nase gerieben. Warum diese außergewöhnliche Comic-Adaption (als Vorlage diente Mark Millars Graphic Novel OLD MAN LOGAN) dennoch interessant und mitreißend geraten ist, liegt schon allein an der Tatsache, dass man als Zuschauer über die Jahre einfach mit der Figur gewachsen ist, sie aber nie von einem solch verletzlichen Standpunkt aus betrachten durfte.

Hugh Jackman und Patrick Stewart als altes X-Men-Gespann.
Eigentlich zu alt für den Scheiß: Professor Charles Xavier (Patrick Stewart, links) und Wolverine (Hugh Jackman).

Der verstorbene Filmkritiker Roger Ebert fragte in seiner Rezension zum ersten Wolvie-Solo-Auftritt X-MEN ORIGINS: WOLVERINE: "Why should I care about this guy? He feels no pain and nothing can kill him, so therefore he's essentially a story device for action sequences." Ich vermute, LOGAN wäre ziemlich genau der Film gewesen, auf den Ebert gehofft hätte. Auch wenn Mangold dem Charakter keine derartige Frischzellenkur verpassen mag wie Christopher Nolan seinerzeit Batman in seiner DARK-KNIGHT-Trilogie, kann sein absolut kompromissloser Beitrag eine Ausnahmestellung im wohl derzeit angesagtesten Genre verbuchen.

Mit 135 Minuten Spieldauer nimmt LOGAN auch mal angenehm den Fuß vom Pedal und macht einen Abstecher in den Mittleren Westen der USA. Dort finden die Flüchtenden Unterschlupf bei einer ganz normalen Familie. Das sei das wahre Leben, das er so lange vermisst hat, gibt der frühere Professor X in einem stillen und intimen Moment von sich, bevor wieder die Hölle losbricht. Wer so will, kann in dem Film eine Reflektion über das Altwerden und die damit verbundene Frage des individuellen Vermächtnisses lesen.

Reichlich schwarz, nihilistisch und rau ist dieser apokalyptische Neo-Western ausgefallen, der sich auch vor der expliziten Darstellung von Gewalt an Kindern nicht scheut. Zum Ende ist da Licht – wenn auch nicht im Jetzt, sondern in der Zukunft. Im Abspann singt Johnny Cash "The Man Comes Around". Sein aus dem Trailer bekanntes Nine-Inch-Nails-Cover "Hurt" wäre die passendere Abschlußuntermalung gewesen. Warum, das wäre ein Spoiler ...




Logan - The Wolverine (USA 2017)
Originaltitel: Logan
Regie: James Mangold
Drehbuch: James Mangold, Michael Green, Scott Frank
Kamera: John Mathieson
Musik: Marco Beltrami
Darsteller: Hugh Jackman, Dafne Keen, Patrick Stewart, Boyd Holbrook, Richard E. Grant, Stephen Merchant

Alle Screenshots wurden von der offiziellen Website des Films genommen, (C) Twentieth Century Fox Film Corporation.
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Bastian G.

Bastian, Jahrgang 1981, ist mit dem Kino der 70er und 80er aufgewachsen, wobei vor allem große Actionreißer und fiese Horrorperlen zu seiner cineastischen Sozialisation beigetragen haben. Namen wie Stanley Kubrick, Martin Scorsese, Ridley Scott, Dario Argento oder John Carpenter (und natürlich viele mehr) gehören zu seinen absoluten Lieblingen unter den Filmschaffenden. Mit dem Blick gleichsam nach vorn und nach hinten gerichtet, kämpft er sich weiterhin durch den undurchsichtigen Filmdschungel und macht (absichtlich?) auch um groben Unfug keinen Umweg.

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