Was für ein brillanter Titel: ABRAHAM LINCOLN: VAMPIRE HUNTER. Darin steckt natürlich schon die komplette Story dieser höchst vergnüglichen Historienverfälschung, die mit der Geschichte spielt wie ein kleines Kind mit Bauklötzen - ganz unbekümmert wird hier der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten mitsamt seiner Biographie zu einem Bekämpfer der Untoten, der die Sklaverei hauptsächlich deswegen abgeschafft hat, weil die Südstaaten-Vampire die Schwarzen als Futterreservoir gefangenhielten. Der charmant spielerische Umgang mit tatsächlichen Ereignissen, die durch den Popkulturwolf gedreht werden, als wären unsere historischen Aufzeichnungen nur Anregungen für spannendere Geschichten, stellt sich augenzwinkernd unverschämt in eine Reihe mit  revisionistischen Werken wie TRANSFORMERS 3 (wo Kennedy die Mondlandung organisierte, um in Besitz außerirdischer Technologie zu kommen), BUCKAROO BANZAI (wo Orson Welles' Hörspiel zum KRIEG DER WELTEN sich als tatsächlicher Nachrichtenreport entpuppte) oder I.Q. (wo ein schelmischer Albert Einstein mit seinen Philosophenkumpels seine Nichte verkuppeln will).

Mit dem Russen Timur Bekmambetov wurde für den untotenjagenden Politiker denn auch ein Regisseur angeheuert, dessen Wirklichkeitsdehnung im Kino ebensolche spitzbübischen Ausmaße annimmt: Wie der Mann in seinen bisherigen Filmen (WÄCHTER DER NACHT, WÄCHTER DES TAGES, WANTED) physikalisch komplett unmögliche Geschehnisse mit bierernster Miene und hemmungsloser Freude am Krawall zelebrierte und das Übernatürliche als fast selbstverständliche Kraft in unserer Welt verankerte, das schafft quasi einen modernen magischen Realismus - durch das kalte Brennglas eines Actionfans betrachtet natürlich, für den die Figuren bestenfalls als Avatare dienen, denen diese ganzen Sensationen überhaupt passieren können. Und so wird natürlich auch in Bekmambetovs LINCOLN nicht nur den Vampiren der Krieg erklärt, sondern den Gesetzen der Physik und der Schwerkraft mindestens ebenso vehement - aber egal, wir sehen uns hier ja auch nicht ISAAC NEWTON: VAMPIRE HUNTER an.


Der bemerkenswerte Spagat, den Bekmambetov hier schafft, sieht folgendermaßen aus: Die Geschichte ist exakt so comichaft, wie man es erwarten würde - aber der Regisseur erzählt sie mit düsterem Ernst, der uns nur im gelegentlichen Schalk versichert, daß sich jeder Beteiligte der Absurdität des Unterfangens vollauf bewußt ist. Und das ist eine kluge Mischung, weil sie erlaubt, in der Popcornaction mitzufiebern, und gleichzeitig verhindert, daß der Witz des Konzepts nach wenigen Minuten verpufft - wie es leicht hätte passieren können, wenn die Story so parodistisch wie der Titel angelegt gewesen wäre. Die besten Komödien erzählt man mit ernstem Gesicht - und so darf Lincolns Mannwerdung durch sein Vampirjägertraining ebenso hart und actionfilmtauglich aufgezogen werden wie der spätere Kampf gegen die biestigen Untoten, in dem unser nebenberuflicher Politiker die Axt schwingen darf wie ein Tambourmajor und die Blutfontänen in Zeitlupe das Bilderbuch-Zeitkolorit besudeln. Wenn sich Bekmambetov einen offensichtlicheren Gag erlaubt, dann sieht der so aus: Obervampir Adam trinkt Blut aus einem Kelch, während er auf die Landkarte sieht - dann verschluckt er sich und spuckt hustend die rote Flüssigkeit auf die Gegend um Gettysburg, woraufhin der Film langsam zum Schlachtfeld überblendet.

Das Herzblut des Filmemachers liegt dann aber hauptsächlich in den groß angelegten Actionsequenzen, die einmal mehr die Computer zum Glühen bringen und jeglichen Wirklichkeitsbezug freudestrahlend hinter sich lassen. Eine beeindruckende Szene läßt den jungen Lincoln gegen den Vampir antreten, der seine Mutter auf dem Gewissen hat - und zwar in einer in Panik geratenen Herde aus Pferden, die beide niederzutrampeln droht. Das schnell geschnittene Gewitter aus Lichtstrahlen, Staub, donnernden Hufschlägen, großteils wohl computeranimierten Tieren und den dazwischen kämpfenden und über die Pferderücken fliegenden Todfeinden mag von jeglicher Realität abgehoben sein - aber gleichzeitig ist es eine kreativ gestaltete Filmsequenz, die nur vom noch überzogeneren Finale übertroffen wird, bei dem eine Dampflokomotive über eine brennende Brücke rauscht und trotz herabbrechender Gleisteile den Kämpfern in und auf dem Zug erlaubt, sich halbwegs koordiniert zu wehren. In diesen Momenten ist Bekmambetov wie ein weniger stilisierter John Woo, der sich ja in vielen seiner Filme ebenso realitätsentfesselter Actionchoreographie verschrieben hat.


Drumherum fährt ABRAHAM LINCOLN: VAMPIRE HUNTER die nötige Ausstattung auf, um als Kostümfilm durchzugehen - auch wenn die durch die bank soliden und sympathischen Darsteller (allen voran Benjamin Walker, der in der ersten Filmhälfte wie ein junger Liam Neeson wirkt) sehr viel in den Kulissen herumstehen, die eher nach demonstrativer Geschichte als nach funktionierender, gebrauchter Welt aussehen. Dennoch haben die Bilder von Kameramann Caleb Deschanel (der schon bei Emmerichs PATRIOT Erfahrung mit der Epoche sammeln konnte) mit ihren goldbraunen Sepiatönen und den blaugrauen Nachtsequenzen ein attraktives Flair. Hier und da nimmt die Geschichtsverdrehung sogar Steampunk-Anleihen - zum Beispiel, wenn Lincolns Mentor ihm mit Hilfe einer magischen Laterne und einer Art Projektor quasi Schwarz-Weiß-Dias zur Illustration zeigt.

Natürlich ist der Film reines Oberflächenkino - viel Lärm um letztlich rein gar nichts. Und doch schafft er es, aus der Prämisse, die eigentlich am Ende des Titels schon zu verpuffen beginnt, einen reizvollen Film in einem überraschend subtil-ironischen Tonfall zu basteln. Wer tiefschürfendere Erkenntnisse erwartet, hat Bekmambetov wohl mit Spielberg verwechselt.




Abraham Lincoln Vampirjäger (USA 2012)
Originaltitel: Abraham Lincoln: Vampire Hunter
Regie: Timur Bekmambetov
Drehbuch: Seth Grahame-Smith
Kamera: Caleb Deschanel
Musik: Henry Jackman
Produktion: Tim Burton, Timur Bekmambetov, Jim Lemley
Darsteller: Benjamin Walker, Dominic Cooper, Anthony Mackie, Mary Elizabeth Winstead, Rufus Sewell, Marton Csokas, Jimmi Simpson, Joseph Mawle, Robin McLeavy

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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