Nach dem finanziellen und kritischen Desaster HEAVEN'S GATE - ein fast vierstündiger, melancholischer Spätwestern, der von den Kritikern verrissen wurde und durch seine explodierenden Kosten das Studio United Artists in den Ruin trieb - bekam das einstige Regiewunder Michael Cimino keinen rechten Fuß mehr auf den Boden. Vergessen war der unglaubliche Erfolg seines kontroversen Vietnamdramas DIE DURCH DIE HÖLLE GEHEN, der ihm die komplette künstlerische Freiheit für HEAVEN'S GATE gab - nach diversen gescheiterten Projekten, die entweder gar nicht oder dann doch unter Leitung anderer Regisseure realisiert wurden (darunter DER PATE VON GREENWICH VILLAGE und FOOTLOOSE), schaffte es Cimino mit dem harten Thriller IM JAHR DES DRACHEN und dem Mafiaepos DER SIZILIANER nicht, sich zu rehabilitieren. Natürlich half es nicht, daß seine Filmwelt mit so starker persönlicher Handschrift gezeichnet war, daß er in den Achtzigern zwangsläufig mit der uniformen Blockbustermentalität der Produzenten aneinandergeraten mußte - und dazu kommt erschwerend hinzu, daß seine Filme interessant und eigen waren, aber gerne auch sperrig und keinesfalls makellos: Für jeden brillanten Einfall in der Inszenierung kam gerne auch eine Fehlentscheidung hinzu, weshalb seine Filme stets viel zu bieten haben und gleichzeitig viel Reibungsfläche geben.

Nachdem ihm DER SIZILIANER vom Studio zurechtgeschnitten wurde und erneut viel Häme seitens der Kritiker bescherte, widmete sich Cimino seinem wohl kommerziellsten Projekt: Einem Remake des William-Wyler-Thrillers AN EINEM TAG WIE JEDER ANDERE von 1955, in dem der entflohene Sträfling Humphrey Bogart in einem Wohnhaus Unterschlupf sucht und dafür die dort wohnende Familie als Geiseln nimmt. Alleine das Konzept steht schon im komplett rechten Winkel zu Ciminos üblicher Blickrichtung: Daß da einer, der sonst weite Räume und offene Landschaften mit künstlerischer Ambition und epischer Erzählweise zeigt, ein klaustrophobisches Kammerspiel anpackt, läßt einen schon im Vorfeld stutzen.


In der Tat merkt man dem Film an, wie Cimino die Geschichte öffnen will, wie er sie ans Tageslicht zerren und zur überlebensgroßen, ikonischen Konfrontation stilisieren mag. Dabei ist der Kern der Story ebenso wie im Vorbild im Haus der Familie angesiedelt, wo der entkommene Ganove Michael Bosworth (Mickey Rourke) zusammen mit seinem Bruder (Elias Koteas) und einem weiteren Helfer (David Morse) das Ex-Ehepaar Tim und Nora Chandler (Anthony Hopkins, Mimi Rogers) mitsamt ihren zwei Kindern May und Zack (Shawnee Smith, Danny Gerard) festhält. Das macht er, weil er auf die Ankunft seiner Freundin Nancy (Kelly Lynch) wartet, die ihm als Anwältin bei der Flucht geholfen hat und mit der er sich nun über die Grenze absetzen will. Weil aber Cimino diesen Plot auf größerer Leinwand zeichnen will, begibt er sich immer wieder in die Welt außerhalb des Hauses: Wir sehen der Arbeit der Polizei unter Leitung der FBI-Agentin Brenda Chandler (Lindsay Crouse) zu, die uns zu Verfolgungsjagden und Schießereien in der imposanten Bergwelt Utahs führt.

Schon die ersten Bilder sind bezeichnend für Ciminos Ansatz: Da braust ein Fahrzeug durch die wunderschöne Landschaft, Staub wirbelt auf, und jede Einstellung dazu wirkt noch größer und noch beeindruckender. Nachdem das Auto dann gehalten hat, steigt eine Blondine aus dem Fahrzeug aus, und die Kamera fährt von ihren Absatzschuhen die langen Beine entlang, bis wir die Femme Fatale in ganzer Pracht bewundern können. Keine Frage: Als Stilist spielt Cimino hier von der ersten Sekunde an virtuos mit seinem Medium. Selbst in den Sequenzen, die im Haus angesiedelt sind, greift sein Bedürfnis nach Größe: Wo solche Szenen üblicherweise mit engen Einstellungen und harten Schatten sehr dicht gestaltet sind, bevorzugt Cimino weite Räume, in denen der Blick möglichst auch in die Ferne wandern kann, und stellt seine Schauspieler lieber als Ensemble ins Bild, anstatt ständig an den Nahaufnahmen der einzelnen Protagonisten zu kleben.


So weit, so gut - aber leider kann die inhaltliche Seite von 24 STUNDEN IN SEINER GEWALT mit Ciminos prachtvoller Bebilderung kaum mithalten. Sehen wir mal davon ab, daß die gesamte Prämisse auf recht wackligen Füßen steht - warum genau braucht Bosworth Unterschlupf, wo er doch gleich über die Grenze flüchten und sich dann dort mit seiner Freundin treffen könnte? Und warum muß es unbedingt ein bewohntes Haus in einer reichen Gegend sein, in dem er sich verstecken will - wo doch jeder Schuppen auf dem Land ein unauffälligeres Versteck wäre? Geschenkt: Wir hätten ja sonst keinen Film. Viel mysteriöser aber ist der Polizeieinsatz, dessen genauer Plan ein wenig schwammig bleibt und ständig zwischen gewünschter Unauffälligkeit und Aufwands-Overkill pendelt: Da will man der Anwältin heimlich folgen, damit sie die Behörden direkt zu Bosworth führen kann - und dafür setzt man ein Auto und ein tieffliegendes Flugzeug ein, die beide soviel Staub aufwirbeln, daß daraus eine heiße Verfolgungsjagd entbrennt! Später stellt das Einsatzkommando einen der Gangster in einer Schlucht und pumpt den Mann mit so viel Blei voll, daß jede Hinrichtung verhältnismäßig beiläufig wirkt.

Noch problematischer ist die Figur der FBI-Agentin Chandler, die in merkwürdig deklarativen Sätzen eher Monologe zu führen als einen Einsatz zu leiten scheint. Die Frau wirkt, als hätte sie ständig alles schon so vorhergesehen, was es umso bizarrer macht, daß andauernd etwas schiefgeht und sie weiter so spricht, als würde sie den Herumstehenden die falsche Hälfte des Plots erläutern. Und nicht zuletzt treibt die Diskrepanz zwischen Ciminos Ambitionen und der Geradlinigkeit des Materials Brüche in den Film: Für Cimino ist der Kampf zwischen Hopkins und Rourke ein archaischer Männerkonflikt wie im Western (Hopkins darf an einer Stelle auch sagen, daß er früher zuviele Western gesehen hat und immer der Sherriff sein wollte), in denen die außergewöhnlichen Umstände der Ehefrau beibringen, ihrem Mann wieder als Beschützer zu vertrauen - aber die toughe Räuberpistole von Story gibt so viel Ikonographie nie her und läßt den Zuseher angesichts der Zufälligkeit von Hopkins' Plan und der eher unmotivierten Aufgabe von Rourke (quasi als Unterwerfung gegenüber dem Stärkeren) eher schmunzeln als mitfiebern.

Es bleibt ein Film, der wohl als Ciminos schwächster eingestuft werden kann. 24 STUNDEN IN SEINER GEWALT ist oberflächlich betrachtet zu weiten Teilen nicht unspannend und bietet mit seiner Inszenierung auf jeden Fall stilistische Reize - aber es ergibt sich nie ein schlüssiges Ganzes, und man wird den Eindruck nicht los, daß Cimino eigentlich lieber etwas ganz anderes erzählen wollen würde. Sowas kommt eben dabei heraus, wenn man einen Mann, der sonst vom Niedergang des Wilden Westens und vom Kriegstrauma einer Generation erzählt, in ein Haus einsperrt und Genrefutter inszenieren läßt.




24 Stunden in seiner Gewalt (USA 1990)
Originaltitel: Desperate Hours
Regie: Michael Cimino
Buch: Lawrence Konner, Mark Rosenthal, Joseph Hayes
Musik: David Mansfield
Kamera: Doug Milsome
Produktion: Dino De Laurentiis, Michael Cimino
Darsteller: Mickey Rourke, Anthony Hopkins, Mimi Rogers, Lindsay Crouse, Kelly Lynch, Elias Koteas, David Morse, Shawnee Smith, Danny Gerard, James Rebhorn

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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