Da steht er wieder, der gute Friedrich von Thun, vor einem gigantisch aufgepusteten Plakat von SCHULMÄDCHEN-REPORT, 2. TEIL, und schaut unglaublich seriös in die Kamera. "Meine Damen und Herren, Sie werden mich vielleicht kennen, wenn Sie zu den 10 Millionen Zuschauern gehören, die die ersten beiden Teile des Schulmädchen-Reports gesehen haben." Report without a cause, I'm going platinum! Und weil im zweiten Teil ja auch so schön gerechtfertigt wurde, warum es eine Fortsetzung geben mußte, wird auch diesmal erläutert, warum die Leute für denselben Schmonses schon wieder Geld ausgeben mußten: "Sie werden sich zu Recht fragen: Was können die uns in einem dritten Teil noch bieten? Nun, Sie werden sehen, daß die gezeigten Tatsachen neu und noch schockierender sind. Bitte urteilen Sie selbst." Na hallo, die fahren ja das ganz große Programm auf.

Auch im dritten Teil des Dauerreports - keine 6 Monate nach Teil 2 mit dem Untertitel WAS ELTERN NICHT MAL AHNEN veröffentlicht - gibt es wieder eine erzählerische Klammer, die die einzelnen Episoden zusammenhält. Hier ist es ein Ausflug einer Schulklasse in ein CVJM, wo die Jungs und Mädchen zunächst mal allesamt forsch nackt im See baden, bevor sie dann nachts bei gemischtgeschlechtlicher Betteilung erwischt werden. In der Früh sitzen dann also die Mädchen beisammen und sprechen über Sex. Und weil die Geschichten ja wie versprochen "neu und noch schockierender" sein sollen, legt der dritte Teil des Reports auch prompt ein paar Gänge zu, was Härtegrad und Fragwürdigkeit des Erzählten angeht.


Gleich in der ersten Vignette wird also ein 14jähriges Mädchen auf der Schultoilette von drei älteren Schülern vergewaltigt. Der Hausmeister droht ihr, daß ihr Leben für immer verpfuscht sei, wenn das auffliegen würde, und läßt sich sein Schweigen damit erkaufen, daß sie sich von ihm mit diversen älteren Herren gegen Geld verkuppeln läßt. Es stellt sich heraus, daß besagter Hausmeister die drei Jungs angeheuert hatte, um sie in die Prostitution treiben zu können. Während sich da also ein beamtischer Freier über das halbnackte Mädchen hermacht, ermahnt uns die Erzählstimme, daß das Gezeigte wahr sei und hier "ein Schulmädchen, ein halbes Kind noch" zum begehrten Sexualobjekt wird. Der Sprecher klagt an: "So abscheulich der Fall ist, er ist auch durch die Zeit verschuldet. Eine Zeit, in der selbst seriöse Lokalzeitungen als Aktphotomodelle vorwiegend minderjährige Schulmädchen benutzen". Und natürlich eine Zeit, in der weniger seriöse Aufklärungsproduzenten voyeuristische Filmchen rund um minderjährige Schulmädchen stricken (bzw. um volljährige Frauen, die minderjährige Schulmädchen darstellen). "Das Schulmädchen ist längst das Sexsymbol unserer Zeit", tönt der Sprecher noch aufgeregt hinterher, während man zusehen darf, wie immer neue ältere Herren das junge Ding begrapschen. Das Statement könnten wir noch eingehender kommentieren, aber das würde freilich bedeuten, daß man den reißerischen Unfug ernster nimmt, als er es verdient.

Auch die nächste Geschichte ist sozusagen ein Knüller: Da wird von dem netten 30jährigen Lehrer erzählt, der im Unterricht und in Privatsitzungen ausgiebigen Körperkontakt mit seinen Schülerinnen pflegt. Weil er gleich in der gezeigten Unterrichtsstunde einer Schülerin die Hand auf die Brust legt, einer anderen übers Bein streicht und eine dritte dazu bringt, ihm das Höschen zu zeigen (das sie dann auch noch anhebt, um das darin befindliche Schild mit der Waschinfo zu lesen!), hält auch diese Episode nicht wirklich lange die Glaubwürdigkeit eines dokumentarischen Reports aufrecht - auch wenn sich der Sprecher schwer bemüht, wenn er uns mit Erkenntnissen eindeckt, für die man anderswo wahrscheinlich die Berechtigung auf ein Psychologiestudium verlieren würde: "Sie sollten sich dennoch eine eigene Meinung bilden, denn längst erklären Psychologen, daß junge Mädchen ihre ersten Liebeserlebnisse mit einem Mann haben möchten, der sie an ihren Vater erinnert - ist das bei einem Lehrer nicht der Fall?" So werden dann also Schülerinnen befragt und müssen ihre sexuellen Begegnungen mit dem Lehrkörper wiedergeben. Von einer Schülerin beispielsweise holt sich besagter Lehrer sexuelle Gefälligkeiten, damit sie nicht durchfällt. Eine andere zieht er in der Sprechstunde aus und lobt sie: "Du bist ja eine richtige kleine Frau". Es sollte nicht verschwiegen werden, daß sämtliche Mädchen in der Klasse sehr gerne von diesem Lehrer begrapscht und benutzt wurden und ihn unglaublich charmant und attraktiv finden - und deswegen gegen seine Bestrafung sind! Eines der Mädchen findet dann noch schlaue Worte: "Wenn ein Mädchen anständig ist, kann es vieles vermeiden".


Damit der Käse, der den lechzenden männlichen Zusehern ja immer irgendwie verklickert, daß die jungen Mädchen nicht nur dauernd Sex wollen, sondern auch sehr gerne belästigt werden und im Zweifelsfall dann auch noch selber schuld sind, auch gebührend journalistisch aufbereitet werden kann, führt hier neben der mahnenden Erzählstimme - zum letzten Mal - auch wieder Friedrich von Thun Befragungen auf der Straße durch. Er muß geahnt haben, daß sich seine Zeit in der Serie dem Ende naht, weil er diesmal im peinlichen Anquatschen von Frauen weniger Enthusiasmus an den Tag legt als noch in den beiden ersten Teilen. Dafür sorgt er mit dieser knobeligen Frage für hochgradige Verwirrung: "Sind Sie als Schulmädchen schon einmal mit sexuellen Dingen in Berührung gekommen, die Sie uns verschweigen wollen?" Ob er sich da ausführliche Antworten erhofft hat?

Derweil geht der Sleaze-Reigen munter weiter: Bei einer 14jährigen blüht die Sexualität auf, also veranstaltet sie mit ihrem 10jährigen Cousin Doktorspiele. "Mensch", zeigt sich der Junge beim Anblick ihres Busens verblüfft, "das sind ja die gleichen Dinger wie bei meiner Mami. Da kommt Milch raus, oder?" Sie ist derweil etwas enttäuscht ob der mangelhaften Größe seines Penis, und noch viel mehr darüber, daß er offenbar nicht größer wird. Als die beiden dann nackt auf dem Bett rangeln, kommt der Vater herein, der dann seiner nackten Tochter den Hintern versohlt (bei gleichzeitigem Laufen durchs Zimmer). "Schläge sind noch keine Erziehung: Dieser Vater handelt falsch", verkündet die Stimme aus dem Off. Und weil's so schön ist und uns ja "neu und noch schockierender" versprochen wurde, sehen wir auch gleich noch eine Tochter, die über das Fremdgehen ihres Vaters schockiert ist und sich dann selbst dem Vater an den Hals wirft, damit sich die Eltern nicht scheiden lassen müssen (wogegen Vati zwei- bis dreimal protestiert und dann eine mehrwöchige Beziehung mit dem Töchterlein eingeht). Aber nunja, daß die Mädels gerne den Papi heiraten möchten, haben wir ja vorhin schon gelernt.


Es folgt eine, räusper, schöne Episode um eine Lolita, die den Vater eines Schulkameraden verführt (gibt es eigentlich auch noch gleichaltrige Menschen, die miteinander schlafen?) und mit dem dann Dauersex im Wald auf der Motorhaube des Autos, im Pool und in der Hollywoodschaukel hat. Besagter Vater wird übrigens von Dietrich Kerky gespielt, der im zweiten Teil auch schon den armen Dr. Mallinger verkörperte, der nach der Affäre mit einer Schülerin Selbstmord beging. Hier wird der gute Mann dann der Vergewaltigung bezichtigt, nachdem die Eltern des Mädchens erbost hinter das Verhältnis kommen und die nette Lolita also erzählt, daß er sie mit Gewalt genommen hat. Herr Doktor kommt vor Gericht, und der Sprecher listet eifrig Statistiken auf, wieviele junge Mädchen in sexuellen Verhältnissen mit älteren Herren aktiv provoziert haben. Und was haben wir gelernt bei dieser Vignette? "Über tausend Männer müssen Jahr für Jahr in Deutschland ins Gefängnis. Das Gericht wirft ihnen Verführung Minderjähriger vor. Wieviele Männer verurteilt werden, die in Wirklichkeit unschuldig sind, zeigt keine Statistik." Es ist die pure Anbiederung an das reifere Publikum, das vermutlich recht gerne hört, daß es ja nun wirklich gar nichts dafür kann, wenn es sich mit den Minderjährigen einläßt.

Es folgt noch eine Geschichte über sexuelle Hörigkeit - ein Mädchen erklärt emanzipatorisch, daß sie bestimmt, wann sie Sex haben will, und dann an einen Kerl gerät, der sie fortlaufend benutzt und von dem sie aber nicht loskommt - bei der wir durch den Sprecher folgendes lernen: "Nicht selten enden Mädchen nach der Schulentlassung auf dem Strich". Ah ja. Einen lustigen Beitrag gibt es auch - schon wieder mit Michael Schreiner, dem Kerl mit der zuckenden Unterlippe - bevor der unnachgiebige Report noch eine echte Räuberpistole anzubieten hat: Eine 14jährige vergnügt sich mit ihrem Freund in einem dunklen Eck auf dem Oktoberfest, aber dann kommt ein Triebtäter vorbei, erschießt den Burschen (!), und zerrt das Mädchen zu sich nach Hause in den Keller, wo er sich über sie hermacht. Nun mag die Aussage des Sprechers, Eltern sollten 14jährige nicht nachts alleine auf das Oktoberfest gehen lassen, eine durchaus sinnvolle Warnung sein - aber freilich ist es vornehmlich nur Anzeichen der starken Doppelmoral der Serie, die die "Warnung" in (angeblich) aufreizende Szenen packt, die das Publikum mit "schockierenden" Sensationen locken wollen, und die darüberhinaus der vermeintlichen aufgeklärten "Freiheit" zum Trotz immer wieder sexuelle Aktivität mit Verbotenem und Unglückbringendem gleichsetzt.


Aber zum Schluß wird alles gut. Das letzte Mädchen berichtet davon, wie sie mit ihrem Freund zusammengekommen ist, obwohl die beiden Väter verkracht waren, und wie sie dann einen Selbstmordplan über Bord geworfen haben, weil sie das Leben so sehr lieben. "Wir suchen doch alle nur nach einem netten Jungen, den wir liebhaben können", erklärt das Mädchen. Ich zücke ein Taschentuch und sehe mir gleich im Anschluß an den Report noch einen beliebigen Heimatfilm an, der dieselben Moralvorstellungen sozusagen ehrlicher darbietet: Mädels, sucht euch einen netten Kerl und bleibt mit dem zusammen, alles andere führt nur ins Verderben.





Schulmädchen-Report, 3. Teil - Was Eltern nicht mal ahnen (Deutschland 1971)
Regie: Ernst Hofbauer und Walter Boos
Buch: Günther Heller
Kamera: Klaus Werner
Musik: Siegfried Franz
Produktion: Wolf C. Hartwig
Darsteller: Friedrich von Thun
Länge: 93 Minuten
FSK: 18

Das Photo des Kinoplakats wurde mit freundlicher Genehmigung von Uwe Möller von http://www.das-kinoplakat.de/ zur Verfügung gestellt.

Hinweis: Die FSK18-Fassung, die bei Amazon verfügbar ist, ist um ca. 18 Minuten (!) geschnitten. Die ungeprüfte Fassung dagegen (die in der ungeprüften Box erhältlich ist, siehe OFDB-Shop) ist ungeschnitten.


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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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