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[Film] Shakka – Bestie der Tiefe (1989)

Es gibt wohl kein Genre, bei dem das Verhältnis zwischen starken Filmen auf der einen Seite und überflüssigen auf der anderen so schief liegt wie beim Haifischhorror. Schuld daran ist quasi Steven Spielberg mit seinem fantastischen JAWS (DER WEISSE HAI) von 1975, dem bis zum heutigen Tag ein Nachahmer nach dem anderen folgt – und allesamt sind sie eigentlich völlig redundant, weil einfach immer nur das filmische Vorbild einmal wieder abgefrühstückt wird, mal besser, meistens schlechter. (Ein paar einsame Ausnahme schwimmen freilich durch die cineastischen Gewässer – wobei es noch zur Diskussion steht, ob Renny Harlins DEEP BLUE SEA wirklich als „gut“ bezeichnet werden darf.)

Auch in Italien, wo man seit jeher schon amerikanische Erfolgsmuster befolgte, widmete man sich immer wieder dem Killerhai, und es scheint fast so, als hätte sich jeder zweite Genreregisseur einmal ins Wasser begeben müssen: Enzo G. Castellari mit THE LAST JAWS – DER WEISSE KILLER (1981), Lamberto Bava mit DER MONSTER-HAI (1984) und Bruno Mattei mit THE BEAST – UNHEIMLICHE TIEFE (1995). Antonio Margheriti, Ovidio G. Assonitis, Fabrizio De Angelis und Sergio Martino hatten sozusagen Glück: Die durften sich wenigstens mit anderen im Wasser herumschwimmenden Killertieren beschäftigen (PIRANHAS II – DIE RACHE DER KILLERFISCHE, 1979; DER POLYP – DIE BESTIE MIT DEN TODESARMEN, 1977; DER MÖRDER-ALLIGATOR, 1989; DER FLUSS DER MÖRDERKROKODILE, 1979). Auch Aristide Massaccesi bzw. Joe D’Amato knöpfte sich Ende der Achtziger einen Haifisch vor: SHAKKA – BESTIE DER TIEFE hieß der von seiner Firma Filmirage produzierte Streifen bei uns, mitunter auch GEFAHR AUS DER TIEFE. Der Originaltitel lautet SANGUE NEGLI ABISSI, womit man sich ein bißchen an den Unterwassertrend angesichts Camerons angekündigtem THE ABYSS anhängt (siehe z.B. SIRENE I); auf Englisch hieß der Film aber ganz einfach DEEP BLOOD.

Bevor wir uns der Geschichte widmen (die theoretisch auch in der Inhaltsbeschreibung jedes anderen JAWS-Ripoffs nachgelesen werden könnte), klären wir doch erst einmal die Frage, wer denn diesen Film inszeniert hat. Als Regisseur ist ein gewisser „Raf Donato“ gelistet, der in vielen Filmlexika mit D’Amato gleichgesetzt wird, aber tatsächlich eine existierende Person namens Raffaele Donato ist. Der arbeitete schon 1974 als Dialogcoach an D’Amatos Schneewestern DIE ROTRÖCKE und trat für DEEP BLOOD an D’Amato heran, der dieses Regiedebüt produzieren sollte. Kurz nach Drehstart stellte Donato aber wohl fest, daß er nicht zum Regisseur geboren war – weswegen er die Inszenierung an D’Amato selbst abtrat, der als Produzent und Kameramann (unter dem Namen „Federico Slonisco“) sowieso schon am Set war.

Hier also mal die Handlung in der Kurzversion: Ein Hai macht die Küste unsicher. Und hier noch die Handlung in längerer Version: Ein Hai macht die Küste unsicher, und eine Gruppe alter Jugendfreunde tut sich zusammen, um dem Biest den Garaus zu machen. Einen Hauch Übernatürliches erhält die Geschichte durch einen alten Indianer, der im Prolog vier Kindern (die jungen Versionen unserer späteren Protagonisten) von dem bösen Geist erzählt, der einst ein Küstendorf heimsuchte. Die vier verbuddeln ein indianisches Artefakt, das sie dann im Erwachsenenalter zum Zwecke der Haifischjagd auch wieder ausbuddeln. Ansonsten passiert nichts Gruseliges: Der Haifisch zerbeißt ein paar Leute und wird dann von unserem Team gejagt.

In der ersten Hälfte darf man noch über ein paar großartige Low-Budget-Momente lachen – zum Beispiel über den kleinen Jungen, der im Meer paddelt, und von dem man dann eine Unterwasseraufnahme präsentiert bekommt, bei der im Hintergrund die Fliesen des Schwimmbads mitsamt einem Rohr recht auffällig im Bild zu sehen sind. Schwer dramatisch auch der Moment, in dem der Freund unseres Hauptdarstellers vor dessen Augen vom Hai gefuttert wird, und er mit herunterhängenden Armen und suchendem Blick aufs Meer schaut – ein bißchen enttäuscht, als wollte er sagen: Och nö, wir wollten doch noch ins Kino. (Dafür ist der gute Junge dann in jeder darauffolgenden Sequenz durchgeschwitzt und aufgebracht, bis zum Filmende.)

Der ganz große Trash ist DEEP BLOOD aber dann auch nicht: Gerade in der Jagd nach dem Untier und den verschiedenen Tauchszenen greift D’Amatos Handwerk zumindest soweit, daß ein leidlich unterhaltsames Haifischfilmchen dabei herauskommt. Da werden keine Bäume ausgerissen, aber dafür auch keine groben Fehltritte geleistet. Man merkt dem Skript ein wenig an, daß da eine Story über verschiedene Vater-Sohn-Beziehungen gesponnen werden sollte – die meisten der Figuren müssen sich auf die eine oder andere Weise mit ihren Vätern arrangieren oder versöhnen – aber zum handfesten Drama hat’s dann auch wieder nicht gereicht.

Wer also auf einen richtig miesen Italofischfilm gehofft hat, wendet sich besser vertrauensvoll an Bruno Mattei und seinen THE BEAST – UNHEIMLICHE TIEFE (der übrigens auch als JAWS 5: CRUEL JAWS verkauft wurde). Und wer jetzt nicht generell Haifischstreifen mag und einfach nur einmal einen richtig guten sehen will – nunja, ich könnte da diesen einen Thriller von Steven Spielberg empfehlen …

Shakka – Bestie der Tiefe (Italien 1989)
Originaltitel: Sangue negli abissi
Alternativtitel: Gefahr aus der Tiefe / Deep Blood
Regie: „Raf Donato“ (= Raffaele Donato), Aristide Massaccesi (uncredited)
Drehbuch: George Nelson Ott
Kamera: „Federico Slonisco“ (= Aristide Massaccesi)
Musik: Carlo Maria Cordio
Darsteller: Frank Baroni, Allen Cort, Keith Kelsch, James Camp, Tody Bernard, John K. Brune, Margareth Hanks, Van Jensens, Charlie Brill, Mitzi McCall

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Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, erschien 2011. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm und produziert Bonusmaterial für Film-Neuveröffentlichungen. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, u.a. für die Salzburger Nachrichten, Film & TV Kamera, Ray, Celluloid, GMX, Neon Zombie und den All-Music Guide. Er leitet die Film-Podcasts Lichtspielplatz, Talking Pictures und Pixelkino und hält Vorträge zu verschiedenen Filmthemen.

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