April 2017
Mutter und Tochter beim Nachtgebet in DER SIEBENTE KONTINENT

Schon gleich am Anfang hat man das Gefühl, daß bereits alles vorbei ist. Ein Auto fährt durch die Waschstraße, durch die Frontscheibe sehen wir die Geräte starr ihre Arbeit verrichten. Die Credits laufen ebenso mechanisch darüber. Die Personen im Wagen schweigen sich an.

Was folgt, ist wie eine Bestandaufnahme des Lebens einer Familie, die am Ende Suizid begehen wird. Wie das kleingehackte Fleisch, das der Supermarktangestellte hier verkauft, scheinen auch die Welt und ihre Protagonisten in Einzelteile zu zerfallen. Die Tagesabläufe werden in aneinandergereihten Close-Ups der banalen Details gezeigt: Registrierkasse, Einkaufswagen, Zapfsäule. Die Menschen sind genauso auf Einzelheiten reduziert, als wären sie unvollständig. Am Frühstückstisch sieht man von Familie keine Köpfe.

Die Familie beim Frühstückstisch
Starre Rituale: Die Familie beim Frühstückstisch.

Es sind drei Jahre, die die Handlung umspannt, sorgsam in einzelne Segmente unterteilt. Wir lernen die Familienmitglieder kennen: Mutter, Vater, Tochter. Manchmal taucht der Bruder der Mutter auf, der nach dem Tod der Eltern depressiv geworden ist. Wir verfolgen ihren Alltag: Wecker, Dusche, Frühstück, Auto aus der Garage heraus, Arbeit im Büro, Auto in die Garage hinein, Nachtgebet mit der Tochter. Es wirkt wie ein von allen Redakteuren verlassenes Reality-Programm.

Die ersten beiden Segmente bzw. Jahre funktionieren dabei als Spurensuche: Was bringt diese Menschen dazu, freiwillig aus dem Leben scheiden zu wollen? Sind es die ewig gleichen Abläufe, die den Alltag so trivial machen? Ist es die stumpfe Arbeit des Manns, die nur aus dem Bearbeiten von Zahlenkolonnen zu bestehen scheint? Ist es Zivilisationsmüdigkeit? Oder sind es emotionale Brüche, die den Familienmitgliedern schon vor langer Zeit widerfahren sind? Als die Familie eines Abends auf der Autobahn an einem Unfall vorbeifährt, verstört der Anblick der Körper auf der Straße die Mutter – und ihr Mann kann sie kaum trösten. Vielleicht weint sie über ihr eigenes bevorstehendes Ende, vielleicht hat er schon lange resigniert. An einer anderen Stelle gibt die Tochter in der Schule vor, erblindet zu sein. Als die Mutter davon hört, will sie von der Tochter, die alles abstreitet, ein Geständnis. Sie verspricht ihr, sie nicht zu bestrafen – und gibt der Tochter dann, als sie alles zugibt, im Affekt eine Ohrfeige.

Im dritten Segment vollzieht die Familie mit ebensolcher mechanischen Sorgfältigkeit ihren eigenen Suizid. Der Job wird gekündigt, das Auto wird verkauft, das Geld von der Bank abgehoben. In der Wohnung wird die Einrichtung zerstört: Kleidung wird zerrissen, die Möbel werden zertrümmert, die Bücher zerrissen. Es ist ebenso trostlos arrangiert wie das Leben davor – anstatt sich von der Last der Dinge befreien zu können, wird die Familie schon so über die Gegenstände bestimmt, daß deren Destruktion nur die eigene vorwegnimmt.

Georg beginnt mit der Zerstörung seines Lebens
"Ich glaube, es geht nur, wenn wir systematisch vorgehen":
Georg Schober (Dieter Berner) beginnt mit der Zerstörung seines Lebens.

"Ich wollte keine Antworten geben", erklärt Michael Haneke im Interview zu seinem ersten Kinofilm DER SIEBENTE KONTINENT: Fragen finde er viel wichtiger. Es ist ein zunächst merkwürdig anmutender Satz eines Regisseurs, dessen Filme so gerne wirken, als wüßte er schon genau, was in der Gesellschaft schiefläuft, als wollte er gezielt den Finger auf diese Probleme legen, um den Zuseher darüber zu belehren.

Mit der Konzeptionsgeschichte des Drehbuchs findet man etwas mehr Klarheit darüber, was er mit Fragestellungen meint: Der Film war zunächst so arrangiert, daß vom Suizid ausgehend die Geschichte der Familie in Rückblenden erzählt wurde – nur mußte Haneke feststellen, daß mit dieser Konstruktion jede Sequenz erklärend funktionieren würde. Also zog er das Skript andersherum auf, um den definitiven Antworten auszuweichen – jede vorangegangene Sequenz kann alles und nichts im Hinblick auf den Selbstmord bedeuten, der tatsächliche Beweggrund soll so mysteriös bleiben, wie er es im wahren Leben war, als die Nachricht von dem tatsächlichen Fall in den Zeitungen auftauchte.

Dennoch wirkt DER SIEBENTE KONTINENT nicht wie ein Film, der sich seine Geschehnisse nicht erklären kann – zu streng und komponiert sind alle seine Einstellungen, Abläufe und Symbole. Es ist eine Geschichte darüber, wie unser Leben durch Banalitäten bestimmt wird, wie der Mensch vor lauter Gegenständen, Routinen und Transaktionen zerfällt. Die wichtige Frage, die in diesem schrecklichen Porträt bürgerlicher Existenz steckt, muß man sich dagegen selber stellen: Was ist die Alternative?




Der siebente Kontinent (Österreich 1989)
Regie: Michael Haneke
Buch: Michael Haneke
Kamera: Anton Peschke
Darsteller: Birgit Doll, Dieter Berner, Leni Tanzer, Udo Samel

Alle Screenshots stammen von der französischen BluRay (C) TF1 Vidéo.
Jeremy Miliker und Verena Altenberger in DIE BESTE ALLER WELTEN

Auf der diesjährigen Berlinale hat ein Film eines jungen Salzburger Regisseurs seine Premiere im Bereich "Perspektive deutsches Kino" gefeiert und auch den Kompass-Perspektive-Preis gewonnen: DIE BESTE ALLER WELTEN von Adrian Goiginger. Unser Gastautor Dr. Wily berichtet über dieses Drama, das von Goigingers eigener Kindheit mit einer alleinerziehenden, drogenabhängigen Mutter erzählt.



In einer dunklen Höhle tief im Berg ist ein gesichtsloser Dämon angekettet, und alles, was er tun kann, ist schreien. Der Held Ronan hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Dämon zu bekämpfen. Dafür hat er sich eine besondere Waffe gebaut, einen Feuerpfeil, denn nur diese Waffe kann den Dämon besiegen.

Diese Geschichte träumt, zeichnet und schreibt der siebenjährige Adrian (Jeremy Miliker). Es ist seine eigene Geschichte. Die eines kleinen Jungen, der ein Abenteurer werden will und der spürt, daß es einen Dämon in der Welt gibt, in der er lebt, aber daß dieser Dämon gut versteckt ist. Adrians Welt ist, wie bei den meisten Siebenjährigen, die Welt, die seine Mutter Helga (Verena Altenberger) für ihn gestaltet. Helga ist drogenabhängig. Genauso wie ihr Lebensgefährte, Adrians Stiefvater Günther (Lukas Miko), und alle ihre Freunde, die regelmäßig in Helgas Wohnzimmer sitzen, sich dort bisweilen vor der Polizei verstecken und alles nehmen, was der unberechenbare Dealer, den alle nur "Grieche" nennen, vorbeibringt. Eine Junkiecommunity, die in einer selbstgemachten Höhle lebt – ein chronisch verrauchtes Wohnzimmer mit zugehängten Fenstern und zugeklebten Glastüren. Die Gruppe hat sich eine Idee von Freiheit zurechtgezimmert, in der sie ohne Job, Ziel und Sinn außerhalb der gesellschaftlichen Zwänge lebt. Im Außen zeigt sich das in regelmäßigen Ausflügen zum Fluß, wo es offenes Feuer und Musik gibt, und wo das echte, wahre, unverfälschte Leben, das Eins- und Verbunden-Sein mit allem beschworen und gefeiert wird. Bevor dann spät abends der Grieche vorbeikommt und sich die Erwachsenen doch in ihre eigene innere Höhle zurückziehen.

Adrian ist mittendrin, für ihn ist es die beste aller Welten. Ein Leben voller aufregender Abenteuer und Entdeckungen, Freiheit, Lagerfeuern, Zaubertränken und Feuerwerkskörpern. Es ist die romantisch-magische Welt, die sich seine Mutter Helga als Stütze zurechtdenkt und die sie nutzt, um ihren Sohn von dem ganzen Drogenwahnsinn fernzuhalten. Für den jungen Adrian ist sie perfekt. Helga, die sich sonst vom Leben und der Welt in den Rausch zurückziehen muß, schafft es so, ihrem Sohn eine aufregende und schöne Kindheit zu bieten. Wenn es um Adrian geht, ist kein Rausch zu tief. Er dringt immer durch ihren Schild.

Das Mutter-Sohn-Gespann in DIE BESTE ALLER WELTEN
Ein liebevolles Mutter-Sohn-Gespann: Helga (Verena Altenberger) und Adrian (Jeremy Miliker).

DIE BESTE ALLER WELTEN ist im Kern kein Film über Drogen, sondern eine Geschichte über die Kindheit. Autor und Regisseur Adrian Goiginger folgt nicht zufällig die meiste Zeit seinem jungen Protagonisten. Wenn der Film Adrian verläßt und die Welt der Erwachsenen zeigt, zeigt uns der Film dadurch auch, daß hier nicht jemand einfach die Naivität eines Kindes nutzt, um schlimme Umstände auszuhalten, sondern daß ein erwachsener Geschichtenerzähler aus der zeitlichen Distanz reflektiert über die Dinge nachdenkt und erzählt.

In Adrian und der Beziehung zu seiner Mutter liegt das Herz und Hoffnung des Films und für den Zuschauer die Kraft, diese Geschichte durchzustehen. Es ist trotz seiner auf den ersten Blick düsteren Thematik ein sehr hoffnungsvoller Film. Adrians Kindheit ist keine Kindheit der Drogen, Junkies und des Todes, obwohl all das Teil seiner Geschichte ist. Es ist eine Kindheit voller Abenteuer, Ritter und Magie. Geborgen in der Liebe und dem Schutz seiner Mutter, die ihm beibringt, alle Möglichkeiten zu haben und diese auch zu nutzen. Helga ist eine Mutter, die ihrem Sohn die Freiheit lehrt, obwohl oder vielleicht auch weil sie selbst alles andere als frei ist. In einer Szene, in der ein alter Freund von seinem erfolgreichen Entzug erzählt, sagt Helga: "Ich weiß nicht, wovon er spricht. Aber ich möchte das auch alles haben." Während seine Mutter den ganzen Film lang diese Möglichkeit der Freiheit sucht, war sie für Adrian, dank Helga, immer präsent.

Doch natürlich ist nicht alles eitel Wonne in Adrians Welt. Da gehen zuhause schnell die Aggressionen hoch, alle werden hysterisch und ängstlich, wenn es an der Tür läutet. Aus irgendeinem Grund muß man immer alles putzen, wenn des Jugendamt kommt, und der Grieche hat sich nicht immer unter Kontrolle und geht sogar auf Adrian los. Das sei, passend zur magischen Welt, ein Dämon, der im Griechen wohne, erklärt ihm Helga. Und Adrian spürt, daß dieser Dämon auch irgendwo in seiner Mutter wohnt. In seinen Träumen und Geschichten bekommt er eine Gestalt. Am Ende ist es Adrians Feuerpfeil, eine Leuchtrakete, der dem Dämon den Garaus macht und ihn ans Licht zerrt, indem Adrian mit der Rakete die Wohnung abfackelt. Helga wird aus ihrer Höhle gezwungen, muß die Wahrheit sagen, um ihren Sohn zu retten und geht auf Entzug.

Der Dämon in seiner Höhle
Der Dämon erwacht in seiner Höhle ...

Wenn man dann im Abspann die Namen liest, bestätigt sich das Gefühl, daß Adrian Goiginger hier eine sehr, sehr persönliche Geschichte erzählt. Er kann deshalb den Film mit emotionalen Nuancen und zwischenmenschlichen Details anfüttern, die man nur durch eigene Erfahrung kennenlernt und die seinem Film und seinen Figuren sehr viel Plastizität geben.

Ich bin nicht umhin gekommen, im Film, den der erwachsene Adrian erzählt, ein Spiegelbild zu der Geschichte zu sehen, die der junge Adrian in seinem Buch gestaltet. Ich habe mich gefragt, ob es vielleicht immer noch etwas gibt, das ans Licht geholt oder befreit werden muss. Ich weiß es nicht. Aber der Film wirkt auf mich neben allem anderen auch so, als würde er gegen das Vorurteil aufstehen wollen, das besagt, eine drogensüchtige Mutter sei automatisch eine schlechte Mutter, und eine Kindheit wie die von Adrian automatisch eine furchtbare. DIE BESTE ALLER WELTEN erzählt uns, daß Helga ein gute Mutter ist und Adrians Kindheit ein schöne. Der Film ist beeindruckend, berührend, mitreißend, witzig und sehr ehrlich – im Guten wie im Schlechten. Wir müssen als Zuschauer nämlich nicht nur aushalten, die Abgründe einer Drogenabhängigkeit zu sehen, sondern auch, daß dies alles keine schlechten Menschen und unfähigen Eltern sind. Am Ende ist es ein sehr heller Film, voll Licht.



Die beste aller Welten (Österreich/Deutschland 2017)
Regie: Adrian Goiginger
Buch: Adrian Goiginger
Kamera: Yoshi Heimrath, Paul Sprinz
Musik: Dominik Wallner, Manuel Schönegger
Darsteller: Verena Altenberger, Jeremy Miliker, Lukas Miko, Michael Pink, Michael Fuith, Philipp Stix

Alle Screenshots (C) Ritzl Film.