DARK STAR war John Carpenters allererster Spielfilm - eine für kleinstes Geld inszenierte schwarze SciFi-Komödie, die 1970 als Studentenfilm begann und 1974 mit kleiner Finanzspritze von Produzent Jack H. Harris zum Spielfilm aufgepustet wurde. Die tragikomische Weltraumpersiflage um vier Hippie-Astronauten, die fernab der Menschheit schon seit Jahrzehnten durch das All fliegen, um potentiell instabile Planeten für eine spätere Besiedelung der dazugehörigen Sonnensysteme zu sprengen, mauserte sich zum Kultfilm - und die billige Machart unterstrich nur die ironischen Züge dieser Anti-Geschichte, in der die zu Tode gelangweilten Astronauten mit einem störrischen Alien in Form eines Strandballs kämpfen und mit einer nicht minder sturen Bombe philosophische Diskussionen führen müssen.

1974 hätte natürlich noch niemand daran gedacht, einen Soundtrack zu diesem Streifen herauszubringen - aber in den darauffolgenden Jahren machte Carpenter mit seinen weiteren Filmen schwer von sich reden: Erst der schnörkellose Actionthriller ASSAULT - ANSCHLAG BEI NACHT, dann der wahnwitzig erfolgreiche Horrorfilm HALLOWEEN, und gleich danach noch der stimmungsvolle Gruselfilm THE FOG. Jeder dieser Filme wurde von Carpenter höchstselbst vertont - Grund genug also, 1980 auch eine Schallplatte zu seinem Erstling DARK STAR auf den Markt zu bringen.

Nun ist DARK STAR aber kein Soundtrack im gewöhnlichen Sinn. Das fängt zunächst mal damit an, daß der Film nicht viel Musik beinhaltet: Von einem Vorspannsong, zwei in der Handlung verankerten musikalischen Einlagen und diversen Synthesizer-Backgrounds mal abgesehen gibt es in DARK STAR nicht viel Score zu hören. Weiteres Problem: Wegen der preisgünstigen Machart des Films kann der Soundtrack nur Elemente der finalen Film-Tonspur verwenden - inklusive Soundeffekte und Sprache. Und so funktioniert das DARK-STAR-Album im Prinzip wie ein Hörspiel zum Film: In zwei 25 Minuten langen Stücken verfolgen wir die etwas geraffte Filmhandlung mit und kriegen somit die Musik nebenher serviert.

Das ist teilweise auch vergnüglich anzuhören - ob es der erkenntnistheoretische Lehrgang für die Bombe #20 ist oder das Gespräch zwischen den Astronauten Talby, der zurückgezogen in der Aussichtskuppel in die Sterne eintauchen will, und Dolittle, der gerne sein Surfboard wiederhätte: Einiges vom Filmwitz funktioniert auch, wenn man nur zuhört und nichts sieht. Aber dennoch wird schnell klar, wieso richtige Hörspiele einen Erzähler brauchen: Wer den Film kennt, kann die einzelnen Segmente zuordnen, aber jeder andere wird bei Pinbacks Jagd auf das außerirdische Schiffsmaskottchen - minutenlanges Geschurre, Geschrei, ominöse Synthakkorde und gluckerndes Aliengefiepe - oder bei dem Hin- und Herspringen zwischen Kommandozentrale und Maschinenraum im Finale des Films hoffnungslos die Orientierung verlieren.

Die Soundeffekte sind sehr kreativ gestaltet, aber gerade beim reinen Zuhören merkt man, wie nervenaufreibend früher futuristische Technik klanglich vermittelt wurde: Wie auch auf dem seligen Raumschiff Enterprise fiepst und piepst und tuckert und rattert und funkt es in einer Tour, so daß man jeden Moment den Nervenzusammenbruch der Astronauten erwartet. Daß die Tonspur in rauschender und knisternder LoFi-Ästhetik bleibt, gehört gewissermaßen zum Charme des Films - aber oft genug würde man sich dennoch etwas mehr auditive Klarheit wünschen.


Bleibt also die Musik, die quer durch den Film zu hören ist. Brillant ist natürlich das Titellied "Benson, Arizona", das als Countryballade von der Einsamkeit des Weltraumfluges erzählt: "Benson, Arizona / Blew warm wind through your hair / My body flies the galaxy / My heart longs to be there / Benson, Arizona / The same stars in the sky / But they seemed so much kinder when we watched them, you and I". Gesungen wird das von John Yager, einem College-Freund Carpenters, der für kurze Zeit auch Mitglied der legendären Psychedelik-Band The Final Solution war; zu den Musikern gehört Tommy Lee Wallace, der bei Carpenters Filmen alle möglichen Aufgaben erfüllte und mit ihm und Nick Castle unter dem Namen The Coupe de Villes auch den Titelsong zu BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA einspielte.

Außerdem: Ein Easy-Listening-Jazzstück mit dem schönen Titel "When Twilight Falls on NGC 891", das nach mondäner Hotellounge klingt und gerne länger laufen dürfte, sowie ein Synthstück namens "Ode to a Bell Jar", zu dem im Film einer der Astronauten auf unterschiedlich gefüllten Gläsern spielt. Ansonsten sind diverse Synth-Riffs zu hören - hauptsächlich düstere Akkorde und andere Stimmungselemente. Sehr schön ist die kosmische Weite des Stückes, die das obengenannte Gespräch zwischen Talby und Dolittle untermalt - hier würde man sich durchaus wünschen, daß es auch eine klanglich bessere Aufnahme ohne den Dialog im Vordergrund gäbe.

Übrigens waren auf der LP die beiden Stücke ohne Unterteilung einfach jeweils auf einer Plattenseite untergebracht; auf der CD finden sich dementsprechend leider auch nur zwei lange Tracks. Das ist insofern mühsam, wenn man nur eine bestimmte Sequenz hören will - zum Beispiel "Benson, Arizona", das aber erst bei Minute 4:41 des ersten Parts einsetzt. Eine Unterteilung in mehr Untertracks wäre bei der CD-Variante durchaus sinnvoll gewesen.

So ist der DARK-STAR-Soundtrack natürlich nur für Fans des Films bzw. Fans des Regisseurs wirklich eine Anschaffung wert. Aber dennoch ist es wundervoll, daß das Album überhaupt existiert: Eine Welt, in der man philosophierende Bomben und kosmischen Country auf Tonträger erwerben kann, kann so schlecht nicht sein.




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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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