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ZWEI TROTTEL GEGEN GOLDFINGER: Agent 007 als Opfer nervenaufreibenden Klamauks

Mit dem in Italien immens populären Komikerduo Franco und Ciccio haben wir uns schon einmal auseinandergesetzt: im Zuge ihrer Feuerwehr-Klamotte DIE TOLLDREISTEN KERLE VOM LÖSCHZUG 34. Nun haben die beiden Gesellen aber über 100 (!) Filme zusammen gedreht, von denen nur einige den Weg nach Deutschland geschafft haben – man beachte das Fehlen des Modaladverbs „leider“. Die beiden Krawallhumoristen haben unzählige Filmgenres aufs Korn genommen, ob Western, Kriegsfilm, Agententhriller oder Sandalenepos, und ein paar der Unlustspiele sind in einer losen Reihe mit den Titeln „Zwei Trottel …“ zu uns gekommen. Am populärsten dabei, freilich aufgrund der Vorlage, ist wohl ZWEI TROTTEL GEGEN GOLDFINGER – eine Bond-Parodie allererster Güteklasse.

Jaja, das war natürlich gelogen, ebenso wie die Notiz auf der DVD zum „Trottel-Kult“, der Film sei ein „kongenialer Versuch einer Parodie auf Agentenfilme mit den herausragenden Mitteln der Franchi/Ingrassia-Serienkomik“. Wobei: „Versuch“ scheint mir hier das wichtigste Wort zu sein. Die „herausragenden Mittel“ bestehen jedenfalls darin, dass der kleine Franco hampelt, kasperlt und Grimmassen schneidet, bis der Arzt kommt, und der schlaksige Ciccio danebensteht und leider nie den Arzt ruft. In der GOLDFINGER-Parodie, die nur ein Jahr nach dem Original anlief, geraten die beiden minderbemittelten Kerle in eine Verschwörung, bei der hochrangige Konsuln mittels Gedankenkontrolle die Welt in einen Krieg stürzen sollen, und werden vom englischen Secret Service angeheuert, den verantwortlichen Schurken Goldfinger (im Original „Goldginger“) zur Strecke zu bringen – oder ihn mit ihrer Unbedarftheit zumindest so lange abzulenken, bis die echten Agenten irgendwas reißen.

Man darf den Machern zugestehen, dass sie recht leichtfüßig mit der Vorlage spielen. Gleich am Anfang wird Bonds (wortwörtliches) Auftauchen im Film parodiert – in der Vorlage hatte er eine falsche Ente auf der Tauchermütze, hier haben die beiden Protagonisten gleich zwei große Schwäne, zu deren Anblick dann auch ein paar Noten Tschaikowsky anklingen. Ebenso taucht ein stummer Mann fürs Grobe im Stil von Oddjob auf, nur dass Molok, wie er hier heißt, statt dem tödlichen Hut lieber den Schuh wirft. Die Laser-Szene ist drin, hier mit Säge – und Franco und Ciccio empfehlen Goldfinger hier, dass diese Todesart vier Teile ergeben würde und daher die Beerdigungskosten enorm explodieren könnten. Und Bonds Beobachtung und Manipulation von Goldfingers Kartenspiel wird auch aufgegriffen – nur dass hier Franco Schach gegen den Meister spielen soll, und Ciccio per Funk Ratschläge gibt, die er leider aus einem Buch entnimmt, das nur dem Titel nach etwas mit Schach zu tun hat. Aber die Verweise sind lose gehalten und nicht sklavisch an der Vorlage orientiert, sondern stattdessen in einen (freilich völlig hanebüchenen) eigenen Plot eingebaut, wo sie den beiden Helden Gelegenheit für ausgiebigstes Herumalbern geben. Am schönsten ist dabei die unbekümmerte Geste gegenüber dem 007-Vorbild: Der Agent taucht nämlich am Anfang des Films auch auf, mit gewohnt souveränem Auftritt – und wird dann recht unzeremoniell in einem Parkhaus umgeschossen.

Die Pseudo-Agenten Franco und Ciccio werden praktischerweise von Goldfingers Handlanger Molok (Dakar, rechts) einfach beim Autostopp mitgenommen.

Der wachsame Agent 007 (George Hilton) wird nicht das komplette Abenteuer miterleben.

Aber, ach, natürlich ist die Komik der beiden Italiener so unglaublich grenzdebil, dass man nur die Waffen strecken kann. In Italien waren Franco und Ciccio so populär, dass, wie eine ominöse Wikipedia-Quelle angibt, ihre Filme in den Sechzigern für 10% des Umsatzes im heimischen Kino verantwortlich waren. Und vermutlich geht etwas in der Übersetzung verloren, wenn Gerd Duwner und Horst Gentzen – der eine die Stimme vom Sesamstraßen-Ernie und von Barney Geröllheimer, der andere der Stammsprecher von Jerry Lewis und Kermit dem Frosch – hektisch über die zwei Herren quäken und dabei keine Chance haben, das Geplapper halbwegs dem Gehampel anzupassen. Aber selbst mit Abstrichen kann man sich nur wundern, wie die beiden Kasperl das italienische Publikum zu Begeisterungsstürmen hingerissen haben mögen. Es ist schmerzhaft, nervenaufreibend und frei von jeglicher Nuance, wie die zwei hier auftreten.

Etwas Vergnügen macht dann dafür noch die Besetzung. Bösewicht Goldfinger wird vom gestandenen Mimen Fernando Rey gespielt, der später in den Filmen von Luis Buñuel (DER DISKRETE CHARME DER BOURGEOISIE) oder in William Friedkins THE FRENCH CONNECTION – BRENNPUNKT BROOKLYN Weltruhm erlangte (und auch damals schon ein gefragter Schauspieler war, der u.a. in Juan Antonio Bardems CÓMICOS und in Roger Vadims IN IHREN AUGEN IST IMMER NACHT aufgefallen war). Liebhaber des italienischen Genrekinos freuen sich sicherlich auch über die Anwesenheit des Wrestlers Dakar als Oddjob-Kopie (ihn kennt man u.a. aus Fulcis WOODOO – DIE SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES und D’Amatos Fantasy-Spektakel ATOR – HERR DES FEUERS) und über die Tatsache, dass der glücklose 007 vom geschmeidigen George Hilton gespielt wird (der kurz darauf zum Italowestern-Helden wurde und dann in diversen Gialli auftauchte, u.a. Sergio Martinos DIE FARBEN DER NACHT). Die Damenriege soll ebenso nicht unerwähnt bleiben: Die glamouröse Gloria Paul, die Gehilfin von Goldfinger, war immerhin als Bond-Girl für FEUERBALL im Gespräch und spielte dann auch im Franco-und-Ciccio-Film ZWEI TROTTEL GEGEN DJANGO. Und als Agentin, die wie im Vorbildfilm mit Ganzkörpergoldbemalung endet, ist die liebreizende Rosalba Neri zu sehen, die dann auch mit Streifen wie LADY FRANKENSTEIN oder Jess Francos MARQUIS DE SADE: JUSTINE das eine oder andere Kinogängerherz entzückte. Apropos Frauen: Die „Gingergirls“, also die Frauen im Dienste von Goldfinger bzw. Goldginger, werden von der Tanztruppe Les Bluebell Girls aus dem Pariser Folies-Bergère gespielt – ohne zu tanzen.

Frevling Goldfinger (Fernando Rey) weiß, dass eine Top-Assistentin (Gloria Paul) nicht nur gut in Schwarz aussehen muss …

… sondern auch in Weiß.

Und im Nachthemd.

 

Wenn man über die beiden Protagonisten hinwegsehen bzw. an ihnen vorbeisehen kann, kriegt man immerhin etwas Eurobond-Flair geboten. Ach ja, und dazu schmeichelt sich ein schwungvoller Score von Piero Umiliani in die Gehörgänge. Um den mitzukriegen, muss man halt leider den Ton anlassen und dann doch wieder Franco und Ciccio zuhören. Das Leben als Kinoforscher ist eben keins für Feiglinge.

Rosalba Neri ereilt ein vertrautes Schicksal. Nicht im Bild: Molok mit dem Goldpinsel.

 

Zwei Trottel gegen Goldfinger (Italien/Spanien 1965)
Originaltitel: Due mafiosi contro Goldginger
Regie: Giorgio Simonelli
Buch: Sandro Continenza, Dino Verde & Amedeo Sollazzo
Kamera: Isidoro Goldberger
Musik: Piero Umiliani
Produktion: Edmondo Amati
Darsteller: Franco Franchi, Ciccio Ingrassia, Gloria Paul, Fernando Rey, Andrea Bosic, Luis Peña, Alfredo Mayo, Dakar, George Hilton, Rosalba Neri

Die Screenshots stammen von der DVD (C) MIG Film GmbH.
Das DVD-Set kann über Amazon bezogen werden – wer über unseren Link einkauft (egal, was), unterstützt den Dachboden!

Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, erschien 2011. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm und produziert Bonusmaterial für Film-Neuveröffentlichungen. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, u.a. für die Salzburger Nachrichten, Film & TV Kamera, Ray, Celluloid, GMX, Neon Zombie und den All-Music Guide. Er leitet die Film-Podcasts Lichtspielplatz, Talking Pictures und Pixelkino und hält Vorträge zu verschiedenen Filmthemen.

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