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BLACK PANTHER: Eine repräsentative Utopie

BLACK PANTHER: Nicht der erste schwarze Superheld, aber einer, der derzeit wirklich Aufsehen erregt. Gastautor Dr. Wily, unser Spezialist im Marvel Cinematic Universe, berichtet:

Keine Infinity Stones. Keine Gastauftritte anderer Superhelden. Kaum Verbindungen zu den vorangegangenen Geschichten des Marvel Cinematic Universe. Dafür präsentiert uns BLACK PANTHER eine schöne Phantasie.

T’Challa (Chadwick Boseman) ist König von Wakanda und auch der Black Panther, der Beschützer dieses afrikanischen Staates. Die Einwohner Wakandas sitzen auf einem mächtigen Schatz, einem Bodenschatz, nämlich dem außerirdischen Metall Vibranium, das vor langer Zeit mit einem Meteoriten auf die Erde kam. Vibranium ist das härteste Metall der Welt, aber nicht nur das: Es versorgt Wakanda mit Energie, verschafft ihnen extrem hochentwickelte Technologie, unsichtbare Flugschiffe, bessere Waffen, und hat Auswirkungen auf Heilpflanzen. Aus diesen Pflanzen wird auch das Gebräu gemacht, das T’Challa trinken muß, um die Superkräfte des Black Panther zu erlangen (es gibt auch ein Getränk, das ihm die Kräfte nimmt – eine Variation des Miraculix’schen Zaubertrankes quasi), während sein Anzug ebenfalls aus Vibranium gefertigt ist (genauso wie der Schild von Captain America).

In Bezug auf das politische System hält Wakanda zwar weiterhin an der Monarchie fest, in der die Königswürde über die Blutlinie weitergegeben wird, aber immerhin kann der König herausgefordert werden. Sollte er im Schwert- und Faustwatschenkampf unterliegen, würde der Sieger statt ihm König werden. Theoretisch kann jeder den König fordern, in BLACK PANTHER kloppen sich aber nur die Jungs um den Thron. Es darf also regieren, wer körperlich am stärksten ist. Dafür sind die besten und tapfersten Kämpfer und klügsten Techniker Wakandas Frauen. Allesamt – Agentin und Freundin Nakia (Lupita Nyong’o), Prinzessin und Technikgenie Shuri (Letitia Wright) und Soldatin Okoye (Danai Gurira) – sind sie eindrücklichere und griffigere Charaktere als der humorbefreite und aus Drehbuchanforderungen stets noble König selbst. Shuri führt Wakandas Techniklabor und ist T’Challas Q, wenn er auf Bond-ähnliche Missionen geht. Okoye ist Chefin der königlichen, rein weiblichen, Leibgarde, der sich am Ende die Armee der Männer unterwerfen muß.

Wakanda ist also ein reiches und sehr fortschrittliches Land – doch davon weiß niemand. Es verbirgt sich und schützt seinen Schatz hinter einem unsichtbaren Hologrammschild. Nach außen wirkt Wakanda wie alle Länder Afrikas: ein armes Dritte-Welt-Land. Die Bewohner befürchten, daß die Kolonisatoren auch Wakanda überfallen und ausbeuten, wenn sie von dem Vibranium erfahren würden. Sie haben im Rest Afrikas gesehen, was passiert, wenn die Eroberer kommen, um sich die (Boden-)Schätze des Landes einzuverleiben. Also war es immer Wakandas Politik, sich zurückzuhalten und zu verstecken. Eine Haltung, die Nakia in Frage stellt, nachdem sie das Elend in der Welt um Wakanda herum gesehen hat. Sie ist damit nicht die erste und auch nicht die einzige.

Nakia und Shuri, die Frauen von Wakanda
Die Frauen von Wakanda: Agentin Nakia (Lupita Nyong’o, links) und Technik-Profi Shuri (Letitia Wright).

Im Gegensatz zu anderen Marvelgeschichten wie IRON MAN oder CAPTAIN AMERICA bleibt hier der politische Kontext aber nicht einfach Textur oder wird in dem Moment beiseite gelegt, wo sich Superhelden effektvoll auf die Nase hauen können. Die Held- und Königswerdung T’Challas und sämtliche Konflikte im Film hängen mit dieser Ausgangsposition und den daraus resultierenden Fragen zusammen.

Black Panther wird mit zwei Antagonisten konfrontiert. Zum einen Ulysses Klaue (Andy Serkis), ein Waffenhändler, den wir schon aus AVENGERS: AGE OF ULTRON kennen. Er ist der klassische Kolonisator: Er will das Vibranium Wakandas für seine Zwecke ausbeuten. Der andere ist Erik Stevens (Michael B. Jordan), der sich auch „Killmonger“ nennt. Er ist T’Challas Cousin, das weggelegte Kind der königlichen Familie, vergessen in einem armen Viertel in Oakland, Kalifornien. Niemand durfte von ihm wissen, um die Sünden von T’Challas Vater zu verdecken. (Das Element, daß die Vergangenheit der Väter die Söhne einholt, hatten wir in IRON MAN 2 schon.) Erik hat also erbtechnisch Anspruch auf den Thron, und er fordert nicht nur T’Challa zur Rauferei, sondern auch die bisherige Politik Wakandas heraus. Er ist der Meinung, daß die Überlegenheit Wakandas dazu genutzt werden soll, Unterdrückung in der Welt zu beenden. Dabei denkt er wie ein wahrer Revolutionär: Er will sich nicht nur gegen die Unterdrücker erheben, um Ungerechtigkeit zu beenden, sondern vor allem, um am Ende selber an die Macht zu gelangen und Rache üben zu können. „Better dead than in bondage“ ist einer seiner Leitsätze. Er ist getrieben von Haß und Zorn und trägt seinen Spitznamen nicht zufällig.

Dieser Konflikt entzweit im Laufe des Films nicht nur Wakandas Bürger, sondern auch den Black Panther. Seine Charakterentwicklung ist es, einen eigenen Weg zu finden, zwischen dem Erbe seiner Vorfahren, der Enttäuschung über die Fehler seines Vaters, die das Monster Killmonger hervorgebracht haben (auch hier ein Echo aus AVENGERS: AGE OF ULTRON: die Helden, die die Bösewichte selbst erschaffen) und der Frage nach der Verantwortung, die er in seiner einflussreichen Position für die Welt um sich herum hat. Der Kampf zwischen T’Challa und Erik ist also ein Kampf der Weltanschauungen. Im Marveluniversum, aber nicht im Marvel Cinematic Universe, gibt es mit Professor X und Magneto ein sehr ähnliches Gegensatzpaar. In unserer Wirklichkeit erinnern wir uns dabei schnell an Martin Luther King und Malcolm X.

Wie viele Science-Fiction Filme hat also auch BLACK PANTHER viel mit unserer Welt im Hier und Jetzt zu tun. Nebst der Erinnerung an die Ausbeutung Afrikas, der Versklavung seiner Einwohner und den Auswirkungen, daß Afroamerikaner dadurch bis heute als Unterdrückte leben, ist es eine Auseinandersetzung mit Führungsverhalten, den Aufgaben eines Anführers, Königs, Präsidenten. „The enemy sits on the throne“, sagt T’Challa in einer Szene, während zeitgleich Okoye und Nakia darüber diskutieren, ob man dem Thron, dem Amt dient, egal, wer es innehat, oder den Menschen eines Landes. Am Ende darf Okoye dem kurzfristigen König Erik ins Gesicht sagen, daß er nicht zum Regieren geeignet ist und ihn vom Thron stoßen. Die Parallelen zum Amerika dieser Tage sind unübersehbar.

T'Challa und Erik Stevens: Kampf der Weltanschauungen
Ein Kampf unterschiedlicher Weltanschauungen:
T’Challa (Chadwick Boseman, links) und Erik Stevens (Michael B. Jordan).

BLACK PANTHER ist eine schöne Phantasie und Wakanda eine Utopie. Eine Vorstellung, wie sich Afrika vielleicht hätte entwickeln können, wenn die Europäer nicht dort eingefallen wären und diesen an Bodenschätzen so reichen Kontinent und seine Bewohner ausgebeutet hätten. Regisseur Ryan Coogler und den Marvel Studios ist ihre Botschaft hier ein ehrlich wirkendes Anliegen. Passend zu seinem Land Wakanda kann man auch den Film BLACK PANTHER als kleine Utopie sehen: Ein Film wie eine verkehrte Welt, in der weiße Schauspieler nur Nebenrollen spielen und Stichwortgeber sind, während die Geschichte auf den Schultern von schwarzen Schauspielern ruht. Meist ist es – vor allem, aber nicht nur – in Blockbustern ja umgekehrt. Unter diesem Gesichtspunkt macht es auch Sinn, BLACK PANTHER mehr oder weniger als Standalone-Geschichte zu erzählen, die die anderen Helden und Marvel-Versatzstücke nicht braucht.

Ein großer Teil der Marketing-Kampagne von BLACK PANTHER fokussiert sich auf den Repräsentationsaspekt, die Sichtbarmachung von sonst marginalisierten Gruppen im Kino. Damit verbunden ist die Identifikation mit Figuren einer Geschichte und ihrem Beitrag zur Identitätsbildung. Ein schwarzer Superheld, eine fast ausschließlich schwarze Cast, der erste schwarze Regisseur bei Marvel. Ich fand es beim Ansehen des Films gar nicht ungewöhnlich, hier schwarze Schauspieler zu sehen. Ich habe diese Tatsache zu keiner Sekunde als etwas Besonderes empfunden. Andererseits erinnere ich mich an meine Reaktion auf WONDER WOMAN und speziell an die Szene, als eine Frau im Kugelhagel zwischen den Fronten steht. Ich fand dieses Bild sehr ausdrucksstark – vor allem für Fragen, die mit dem Film wenig, aber dem Erleben vieler Menschen sehr viel zu tun haben. Wann immer es um Repräsentation im Kino geht, hat das mehr mit der Welt und den Menschen außerhalb des Films zu tun als mit dem Film selbst. Ich erinnere mich auch, bei WONDER WOMAN gedacht zu haben, daß ich so etwas noch nicht oft gesehen habe.

Ich habe mich gefragt, was diese unterschiedlichen Reaktionen zu bedeuten haben, zumal ja auch WONDER WOMAN stark mit dem Repräsentationsaspekt geworben und funktioniert hat. Dann ist mir etwas eingefallen: Ich habe als Kind viel Basketball gespielt und wollte immer Magic Johnson und Michael Jordan, Tim Hardaway und Kenny Anderson sein. Das waren Vorbilder und Identifikationsfiguren für mich, ich wollte sein wie sie. Ich habe nie darüber nachgedacht, daß diese Männer eine andere Hautfarbe haben als ich. Vielleicht funktioniert ja Identifikation innerhalb des gleichen Geschlechts leichter, egal, welche Hautfarbe oder Herkunft die Personen haben, und fällt über den Geschlechterunterschied schwerer. Ich weiß es nicht genau. Ich bin zu dem Entschluß gekommen, daß ich wohl nicht der Richtige bin, um diesen Aspekt zu behandeln. Ich denke, dass man die Kraft von (Kino-)Bildern nicht unterschätzen darf. Die große Bühne des Blockbusters bringt diese Bilder an ein großes, breit gestreutes Publikum. Ich bin ein weißer Mann, in Europa mit Privilegien aufgewachsen. Allein diese Eigenschaften haben es mir nie schwer gemacht, Identifikationsfiguren im Kino zu finden. Ich bin vielleicht nicht der Richtige, um darüber zu schreiben, aber ich kann zuhören, was andere dazu zu sagen haben. Was ihnen diese Sichtbarmachung bedeutet. Unter dem Hashtag #WhatBlackPantherMeansToMe berichten auf Twitter Menschen darüber. Eine davon schreibt: „I am seen. We are seen.“

Zuri, Vaterfigur für den Black Panther
Der Obi-Wan Kenobi des Black Panther: Vaterfigur Zuri (Forest Whitaker).

Am Ende von BLACK PANTHER öffnet sich Wakanda der Welt, um seine Schätze zu teilen. Zuerst geht T’Challa dorthin, wo Erik aufgewachsen ist, das verarmte Viertel in Oakland, um dort ein Gemeindezentrum zu errichten und Wakandas Wissen zur Verfügung zu stellen. Er macht also Sozialarbeit, kümmert sich um die Community, will konkrete Projekte umsetzen, tut, was in seinem Einflußbereich liegt. Erst dann stellt er sich vor die UNO, um die Öffnung Wakandas zu verkünden. Gerade noch rechtzeitg vor dem Angriff der Außerirdischen um Thanos in AVENGERS: INFINITY WAR im April erinnert er die Menschen daran, daß die Weisen Brücken und nur die Narren Mauern bauen.

Post-Credits: Der Einfluß von Computerspielen macht natürlich auch vor Wakanda nicht halt. Shiri hat eine Technologie entwickelt, bei der man in ihrem Labor in einem Hologramm eines Autos oder Flugschiffs sitzt und dabei ein echtes Gerät fernsteuert. Eine coole visuelle Idee, die den Actionsequenzen einen gewissen Reiz gibt und mir Spaß gemacht hat. Alle Freunde der Virtual-Reality-Games werden sich wohl auch darüber freuen.

Dr. Wilys weitere Betrachtungen zum Marvel Cinematic Universe auf Wilsons Dachboden:
IRON MAN: Der gemachte Superheld
DER UNGLAUBLICHE HULK: Lustfeindlichkeit und schiefgegangene Experimente
IRON MAN 2: Größer, höher, weiter und mit Nachdruck



Black Panther (USA 2018)
Regie: Ryan Coogler
Buch: Ryan Coogler, Joe Robert Cole
Musik: Ludwig Göransson
Kamera: Rachel Morrison
Darsteller: Chadwick Boseman, Michael B. Jordan, Lupita Nyong’o, Danai Gurira, Martin Freeman, Letitia Wright, Angela Bassett, Forest Whitaker, Andy Serkis

Dr. Wily
Dr. Wily mag das Alte. Selbst aktuellen Entwicklungen in Musik, Film, Literatur und Computerspiel gibt er oft Monate bis Jahre Zeit, um sich von ihnen einnehmen zu lassen. Mit zunehmendem Lebensalter zieht es ihn vermehrt zu Horror- und Mysterygeschichten hin, nur um sich dann seine Seele doch wieder von Richard Linklater, Jim Jarmusch, Jack Kerouac, Jackson Browne, Paul Simon oder J.D. Salinger streicheln zu lassen. Außerdem kann er nach 15 Jahren Spielpause MEGA MAN 2 aus dem Stand bis ins vorletzte Level durchspielen.

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