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MIAMI COPS: Cops, Dealer und Doppelgänger

„San Francisco ist die Hölle!“, steht auf dem Cover der deutschen VHS-Veröffentlichung – was nicht weiter bemerkenswert wäre, würde der Film nicht MIAMI COPS heißen und offenbar in Detroit spielen. Die heute so gern beklagte Homogenisierung des urbanen Lebens begann offenbar schon 1989.

Beim vorliegenden Film handelt es sich nicht um die beinahe gleichnamige Terence-Hill-und-Bud-Spencer-Komödie DIE MIAMI COPS, die unoriginellerweise in der richtigen Stadt spielte. Stattdessen betrachten wir ein italienisches Action-Sparschwein, das sich dezent an MIAMI VICE (aha!) ankuschelt: Ein weißer und ein schwarzer Polizist, ein Drogenschmuggler, ein rotes Sakko, ein cremiges Saxophon. Oder zwei.

Die Story dreht sich um den eifrigen jungen Polizisten Delaware, dessen Vater vor ein paar Jahren bei einem Einsatz ermordet wurde. Um ihn zu rächen, fängt er fünf Jahre später in derselben Abteilung an, wo ihm der erfahrene Cop Gamble zur Seite gestellt wird. In der großen Tradition sämtlicher Polizeifilme wettert Gamble, daß er lieber alleine arbeitet, und begrüßt seinen neuen Partner mit Verachtung.

Nur wenig später sind die beiden aber dem großen Drogen-Zampano auf den Fersen. Ihre Welt ist zum Glück eine, in der ständig finstere Schurken auf den Plan treten, die selbst im Falle des Ablebens einen Hinweis auf die nächste Station ihrer Heroinschnitzeljagd hinterlassen. Im Zweifelsfall darf der erfahrene Gamble sein detektivisches Können unter Beweis stellen: Nach einer Schießerei am Hafen prangt ein riesiges Loch im Metallfaß neben ihm. „Öl“, vermutet Delaware und will sich schon gelangweilt abwenden. Aber Gamble kommen die vielen Jahre Polizeidienst sichtlich zu Gute: Aus dem Loch fließt nämlich gar kein Öl, grübelt er. Er greift hinein und findet ein Päckchen Heroin. Man kann die Anzahl der Orden, die er in seiner Schreibtischschublade horten dürfte, kaum erahnen.

Vor allem zwei Szenen verdienen besondere Erwähnung. In der ersten fahren Gamble und Delaware zu einem Nachtclub, wo sie sich Undercover einschleusen wollen, um zum Chef zu gelangen, der offenbar in den Drogenhandel verwickelt ist. Sie fahren also zu besagtem Etablissement, steigen aus und debattieren vor dem Club, wer denn nun Undercover hineingehen soll. Der eifrige Delaware will unbedingt aktiv werden, aber Gamble kann ihn zurückhalten. Dank des gelben Sakkos, das er sich flugs überzieht, und einer Zigarette im Halter dürfte ihn sicherlich niemand als Polizist erkennen.

Leider passiert innen genau das – was die Ganoven Gamble erst zu verstehen geben, nachdem sie ihn in die Chefetage gebracht haben. Der nervöse Chef im schicken Karo-Sakko kündet mit Waffe in der Hand an, dass Gamble jetzt verspielt habe. Dann beschimpft er Gamble: „Du kleiner mieser Wixer, fahr zur Hölle“. Zur Veranschaulichung fügt er noch an: „Die Fahrkarte halte ich hier in der Hand“. Zum Glück kommt in dem Moment Delaware reingeschneit und erschießt die bösen Buben, bevor die irgendwann dazu übergehen könnten, kurzen Prozeß zu machen. Es darf übrigens festgehalten werden, daß Delaware gar nicht Undercover herumläuft und trotzdem in den Club gekommen ist.

Der erfahrene Cop Gamble (Richard Roundtree) …

Die andere Sequenz zeigt unsere Helden im privaten Alltag und könnte vielleicht dem einen oder anderen Single unter meinen Lesern wertvolle Hinweise geben. Delaware bemerkt im Park eine schöne blonde Frau, als er gerade mit Gamble zusammen dessen Hund ausführt. „Guck dir das an, ist die nicht süß? Was meinst du dazu?“, flüstert Delaware seinem Partner zu. „Was soll ich tun? Sag mal!“, will er wissen. Offenbar ist er weit jünger, als er aussieht.

„Mit der richtigen Anmache und dem richtigen Deo wird sie dir gehören“, prophezeit Gamble. Sein Tipp, daß Delaware einfach hingehen und „Hallo“ sagen sollte, stößt aber auf Ablehnung, weshalb er plötzlich laut von Aktienpapieren redet, damit die Lady zuhören und von Delaware beeindruckt sein kann. Gamble trollt sich, und Delaware kann nun mit gestärktem Selbstbewusstsein zu der Dame hingehen, die gerade einen großen Plan studiert, und sie ansprechen. Der Dialog sei hier zum Zwecke des Studiums vollständig festgehalten:

DELAWARE: Hallo! Sie müssen neu in der Stadt sein!
FRAU: Wie kommen Sie denn darauf?
DELAWARE: Ist das nicht ein Touristenführer?
FRAU: Nein. Dies hier ist eine Karte der alten etruskischen Thermalbäder.
DELAWARE: Wissen Sie, was ein Archäologe zum anderen sagt?
FRAU: Nein, was?
DELAWARE: „Na, du alter Knochen?“
FRAU: Oh Mann …
DELAWARE: Wieso sind Archäologen schlechte Geschäftsleute?
FRAU: Ich weiß es nicht. Wieso?
DELAWARE: Sie bringen dich in den Ruin.
FRAU: Haben alle Bullen so einen einfältigen Sinn für Humor?
DELAWARE: Woher weißt du, daß ich einer bin?
FRAU: Ich habe Augen.
DELAWARE: Und sehr schöne. (hält ihr die Hand hin) Hi, ich bin Robert.
FRAU: (schüttelt seine Hand) Nett, dich kennenzulernen, Robert. Ich bin Helen.
DELAWARE: Willst du was trinken?
FRAU: Gerne. Gute Idee.

Nachdem die beiden im Café ein wenig über etruskische Thermalbäder parliert haben, geht Delaware zum nächsten Schritt seines geschickten Flirts über:

DELAWARE: Kann ich dich für heute Abend einladen? Meine Absichten sind harmlos. Ich möchte nur sehen, ob du im Dunkeln leuchtest.
HELEN: Was ist, wenn ich „nein“ sage?
DELAWARE: Dann werd‘ ich nach Hause gehen, mach den Fernseher an, mach ’ne Dose Bier auf, und dann bring ich mich um.
HELEN: Du gehst ganz schön ran.
DELAWARE: Man muß Heu machen, wenn die Sonne scheint.

Zu weiteren Säuseleien kommt es allerdings nicht, weil Delaware von Gamble auch prompt wieder zum Einsatz geholt wird. Dennoch wird er Helen im Laufe des Films noch ein paar Mal sehen: Ganz zufällig läuft sie ihm immer wieder über den Weg, unter anderem auf dem Weg nach Ischia, wo der Drogendealer sitzt, der einst Delawares Vater erschoß.

Obwohl auf Ischia einst Jack Lemmon das schöne Leben zu genießen lernte und sich mit Juliet Mills nackt ins Meer warf, ist Delaware und Helen kein ähnliches Glück beschieden: Wie sich völlig überraschenderweise herausstellt, arbeitet Helen für den Schurken und verrät Delaware im entscheidenden Moment. Welch ausgetüftelter Plan: Während die niederen Knallchargen vergebens versuchen, Gamble und Delaware schon in Miami/Detroit aus dem Weg zu räumen, stellt Helen sicher, daß die beiden unbescholten nach Ischia kommen, damit sie dort beseitigt werden können. Funktioniert hat der Plan wohl hauptsächlich, weil sie zur richtigen Zeit im richtigen Park saß und Delaware rechtzeitig zwei Archäologenwitze eingefallen sind.

… und sein junger, ungestümer Partner Delaware (Harrison Muller).

Ich gestehe: Filme wie MIAMI COPS üben eine eigentümliche Faszination auf mich aus. Sie sind wie Echos unserer Popkultur, anonyme Fragmente aus einem Pool filmischer Bausteine, so kunstlos und kühl aneinandergebaut, daß sie wie gesichtslose Doppelgänger durch unsere Erinnerungen geistern: Hier ist alles und nichts vertraut. Die Tatsache, daß ein bekannter Darsteller wie SHAFT-Star Richard Roundtree die Hauptrolle spielt, vergrößert nur das Gefühl, den Schatten so vieler besserer, ausgeformterer Filme zu sehen.

Letztlich ist auch die im Film gezeigte Welt wie ein merkwürdiges Spiegelbild: Sie sieht aus wie unsere, aber da vermischen sich Miami und Detroit zu einem grauen Un-Ort, da funktionieren Figuren nur über das, was wir aus anderen Filmen mitgebracht haben, jedes Verhalten ist unnatürlich. Und darüber schwebt der Synth-Score, tuckert und hämmert, so künstlich falsch wie diese ganze Filmwelt, in der die Polizeiarbeit nur daraus besteht, jeden Tag aufs Neue übles Gesocks zu stellen und aus dem Verkehr zu ziehen.

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Miami Cops (Italien 1989)
Regie: „Al Bradley“ (= Alfonso Brescia)
Buch: Roberto Leoni
Kamera: Luigi Ciccarese
Musik: Carlo Maria Cordio
Darsteller: Richard Roundtree, Michael J. Aronin, Harrison Muller, Dawn Baker

Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, erschien 2011. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm und produziert Bonusmaterial für Film-Neuveröffentlichungen. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, u.a. für die Salzburger Nachrichten, Film & TV Kamera, Ray, Celluloid, GMX, Neon Zombie und den All-Music Guide. Er leitet die Film-Podcasts Lichtspielplatz, Talking Pictures und Pixelkino und hält Vorträge zu verschiedenen Filmthemen.

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